NOlympia-Bewegung: Nie wieder Olympische Winterspiele in Europa?

Immer mehr Traditionsregionen ziehen ihre Olympia­bewerbungen zurück oder verzichten direkt komplett darauf. Steckt das IOC in einer tiefen Krise? Wird ­Olympia eine rein ­asiatische Angelegenheit? SkiMAGAZIN zeigt ganz ­unterschiedliche Positionen auf.

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Anhänger von „Nolympia“ ­protestieren im Jahr 2010 gegen Olympia in ­München vor dem ­Rathaus der Stadt.

Text: Nicola Förg

2022 werden zum dritten Mal in Folge Olympische Spiele in Asien stattfinden, nachdem Pyeongchang und Tokio den Zuschlag für 2018 beziehungsweise 2020 erhalten hatten. Zur Wahl standen für 2022 am Ende nur noch Chinas Hauptstadt Peking und das kasachische Almaty, gewonnen hat Peking, wo die Schneewettbewerbe im 200 Kilometer entfernten ­Zhangjiakou stattfinden werden. Dort gibt es momentan nur Felswüste, in Almaty hätte immerhin die Infrastruktur der Asien-Winterspiele 201 existiert. „Peking galt als der politisch verlässlichere Kandidat“, sagt Axel Doering, Frontmann der „Nolympia“-Bewegung München.

Alle anderen Kandidaten außer ­Peking und Almaty waren ohnehin schon abgesprungen – Graubünden, München, Stockholm, Lemberg, Krakau … Letzteres hatte seine Bewerbung um die Winterspiele 2022 beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zurückgezogen. In einem Referendum sagten mehr als 200.000 Einwohner „Nein“ zu Olympia. „Zu groß, zu laut, zu teuer, denn Touristen haben wir doch schon genug“, war die Meinung in der heimlichen Hauptstadt Polens. Auch Oslo lehnte ab. Oslo galt als Favorit, aber die Regierung um Ministerpräsidentin Erna Solberg hatte die für eine Bewerbung nötige Summe an Staatsgarantien von mindestens 3,04 Milliarden Euro verweigert. Zu hoch die Kosten, zu gering der Rückhalt in der Bevölkerung. Und in norwegischen Medien ließ man durchblicken, dass die Norweger wenig Lust hätten, sich den korrupten und prunksüchtigen IOC-Funktionärsapparat ins Land zu holen. Keine Spiele mehr in Europa?

Christian Klaue, Pressesprecher des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), mag diese Pauschalierungen gar nicht: „Wie reden nur von 2022, wir reden von ganz unterschiedlichen Gründen in den jeweiligen Ländern. Und wir reden auch von einem generellen Problem von Volksentscheiden. Man muss doch fragen, inwieweit ­diese tragfähig sind, wenn doch nur 30 Prozent der Bevölkerung abgestimmt haben. Im Falle von München ist es uns in der Tat nicht gelungen, das Vertrauen der Menschen in ­Olympia zu stärken.“

Axel Doering, Garmisch-Partenkirchner, pensionierter Förster und Mitglied des Bund Naturschutz, hat keinerlei Nachsicht mit dem IOC:„Es ist ein korruptes und abgewirtschaftetes System, das nicht reform­fähig ist. Es war noch bei jeder ­Olympiabewerbung so: Den Delegierten ging es nur darum, wo es die besten 5-Sterne-Hotels gab.“

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Pro Olympia: Christian Klaue vom DOSB ist sicher, dass Olympia in Europa eine Zukunft hat.

Knackpunkt Host-City-Vertrag

Aber mit dem Korruptions-Vorwurf allein – es sitzen ja durchaus hoch anerkannte Leute im IOC – wehrt man keine Olympiabewerbung ab, mit klaren juristischen Aussagen schon eher. Bereits bei der Ablehnung von Salzburg ging es immer wieder um den sogenannten Host-City-Vertrag: Er ist 57 Seiten dick und wurde auch von Münchens damaligem Oberbürgermeister Christian Ude „als Zumutung“ bezeichnet. Der Host-City-Vertrag ist ein juristisches Schwergewicht mit Zusatzverträgen und Handbüchern, die haarklein Planung, Ablauf und Finanzierung Olympischer Spiele regeln. „Das ist ein Knebelvertrag. Es ist sittenwidrig, was er an Garantien verlangt“, sagt Doering, der damals sieben Stunden mit zwei Juristen über dem Werk brütete. Alles stand und fiel damit, genau diesen Vertrag ad absurdum zu führen. Willi Rehberg aus Salzburg half der bayerischen „Nolympia“-Bewegung. Rehberg war bis zu seiner Pensionierung Geschäftsführer der Firma Aqua Engineering in Salzburg. Die Thyssen-Tochter errichtet weltweit Wasserwerke. Er führte die Salzburger Olympia-Gegner für die Spiele 2010 und 2014 an, und er lieferte den Gegnern in Bayern und in Graubünden Argumente. Es war wie in einem Krimi, alles auch hochtaktisch. „Wir haben wirklich überlegt, ob wir Graubünden bei der Ablehnung helfen sollten. Es stand ja die Angst im Raum, dass München beim Rückzug von Graubünden noch mehr in den Fokus rückt“, erinnert sich Doering.

Am Ende aber traten die Europäer vereint gegen den Host-City-Vertrag an. „Gemessen am deutschen Rechtssystem ist es gar nicht möglich, die Verpflichtungen, die das IOC fordert, einzuhalten“, sagt Doering. Die Salzburger Juristen hatten den Weg bereitet. Sie sahen „ein maximales Ausmaß an Verpflichtungen und Verbindlichkeit für die Ausrichter und ein minimales Ausmaß an Verpflichtungen und Verbindlichkeit seitens des IOC“. Im Host-City-Vertrag gewähren Städte gewaltige Garantien, unter anderem eine gesamtschuldnerische Haftung für sämtliche Verpflichtungen. Die Haftung gilt auch, wenn Schäden durch Dritte entstehen. Die gesamte olympische Familie und deren Auftragnehmer müssen frei gehalten werden. Sollten die Spiele nicht stattfinden, liegen beim Gastgeber sämtliche Verpflichtungen in unbegrenzter Höhe. Auch jegliche Steuern übernimmt der Gastgeber, das IOC hat dabei lediglich die Aufgabe eines Ratgebers, und es hilft – so steht es auch geschrieben – „unter vollständiger Ausschöpfung des gesetzlich zulässigen Rahmens, Steuern zu vermeiden“. Klaue ist da anderer Meinung: „Da gibt es Juristen, die sagen, das sei ein ganz normaler Franchise-Vertrag, wie man ihn sogar für einen Bioland-­Laden abschließen müsse, damit für alle und überall die gleichen ­Standards gelten.“

Die Europäer winkten Olympia 2022 dennoch per Bürgerentscheiden ab. „Die Bevölkerung wird in Geiselhaft genommen, Menschen werden obdachlos, so wie in Sotschi, wo man für mehr als 30 Milliarden Euro rücksichtslos einen Wintersportort geschaffen hat“, sagt Doering. „Sport ist nicht unpolitisch. Das sieht man allein schon daran, dass der Sportausschuss nicht öffentlich tagt. Es dürfen nur Sportverbände teilnehmen.“

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Winterspiele in ­schneearmen ­Regionen wie Peking erfordern eine ­intensive künst­liche Beschneiung

Geldmaschine oder Treffen der Jugend der Welt?

Es sieht so aus, dass es schon Juan ­Antonio Samaranch, IOC-Präsident von 1980 bis 2001, mehr um den rollenden Rubel als um den Sport ging. Siehe Paralympics: Die ersten Paralympischen Winterspiele fanden 1976 in Schweden statt, damals und bis 1987 führte das Internationale ­Paralympische Komitee (IPC) das Logo der Olympischen Spiele. Aber dann wollte das IOC den Missbrauch seines Logos einstellen und zwang den IPC, auf ein alternatives Logo auszuweichen: fünf Tränen in gleicher Farbe und Anordnung wie die olympischen Ringe. Aber auch dagegen legte das IOC Einspruch ein, weil dieses den olympischen Ringen zu sehr ähnelte. Darauf wurde die Zahl der Tränen auf drei verringert. Ein Armutszeugnis! Auch wenn das heutige Logo mit den drei farbigen Bögen 2004 ganz frei-willig eingeführt worden ist. „Olympia in der heutigen Form hat sich überlebt!“, sagt Doering dazu.

Aber wie erklärt man das den jungen Leuten, die auf den Moment hin trainieren, der nur alle vier Jahre stattfindet? Den sie in einem Sportlerleben vielleicht zwei oder drei Mal erreichen können? Ralph Eder vom DSV sagt: „Auch wenn es abgeschmackt klingt, dieses Dabeisein ist alles. Wer noch nie in der Kantine im olympischen Dorf bei einer Olympiade saß, wo wirklich die Jugend der Welt zusammenkommt, der hat das Wesen des Sports und dessen Anteil an der Völkerverständigung nicht begriffen.“

„Nun sind gerade zwei Mal keine Winterspiele in Europa, wer sieht eigentlich all die anderen Spiele, die hier stattgefunden haben? Und es wird wieder Interessenten in Europa geben. Für die Jugendspiele haben sich mit Lausanne und Brasow nur Europäer beworben“, relativiert auch DOSB-Pressesprecher Klaue, „denn Olympia birgt große Chancen für die Regions- und die Sportentwicklung.“

Doering kontert: „Es war doch schon 1936 ein unredliches, propagandistisches Argument, dass eine Olympiade einen berühmt macht, dass einen ohne Olympiade keiner kennt. Garmisch hatte damals schon 1,3 Millionen Gäste bei einer Einwohnerzahl von 8.000 Menschen. Das ist unwesentlich anders als jetzt. Natürlich kommen zwei bis drei Jahre nach einem Großereignis in der Tat mehr Besucher, aber zu welchem Preis?“ Für den Fall Garmisch und die Ski-WM 2011 argumentiert Doering klar: „Garmisch hat nur etwa 40 Prozent seiner Gäste im Winter, und wir investieren 25 Millionen in ein ­Skigebiet? Geld, das der Gemeinde jetzt fehlt, hier werden nicht mal mehr die Schlaglöcher gestopft.“

DSV-Mann Eder sieht das erneut anders. „Gerne wird ja Fußball und Ski verglichen. Die Allianz-Arena in München hat 346 Millionen Euro gekostet, der Bau war umstritten – mittlerweile ist die Arena ein Wahrzeichen von München geworden, obwohl sie für den Breitensportler nicht zu nutzen ist. In Garmisch-Partenkirchen wurde weniger als ein Zehntel investiert, in ein Skigebiet, das jedem zu jeder Zeit offen steht. Mehr als sechs Millionen Deutsche sind aktive Skifahrer – sie alle können von den modernen An­lagen, den neuen Pisten profitieren.“

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Für Olympia 2022 in Peking müssen viele Milliarden in Anlagen und Infrastruktur investiert werden (siehe Plan). DOSB-­Präsident Hörmann hätte eine Kandidatur Oslos begrüßt.

Quo vadis, Wintersport?

Ein solcher Schlagabtausch führt schnell zu grundsätzlichen Fragen. Naturschützer Doering sieht im Skilauf unter 1.500 Metern generell keine Zukunft mehr. Und auch wenn niemand den Klimawandel mehr leugnen will, entscheiden sich viele eben doch pro Skilauf, wie zum Beispiel das Hörnerskigebiet im Allgäu. 24,5 Millionen wurden investiert, und die Gesellschafter – Bahnen, Hoteliers und Gemeinden – argumentieren wie folgt: „Wir investieren nicht mit dem Blick auf 50 Jahre, der Blick auf die nächsten zehn Jahre ist realistisch. Gerade hier im Tal sind die Inversionswetterlagen häufig, der Talschnee hält lange. Die neue Beschneiungsanlage ist eine schlagkräftige, das komplette Gunzesried-Ofterschwang-Gebiet ist in fünf Tagen beschneibar. Natürlich hat der Berg Naturschützer gebraucht, sie haben die letzten 20, 30 Jahre viel erreicht, was wichtig war und ist. Hier war der Geograf Thomas Dietmann für die ökologische Baubegleitung zuständig, genaue Zufahrtskorridore wurden festgelegt, Humus wurde abgetragen und noch während der Bauzeit in situ wieder ausgebracht und begrünt.“ Auch aus klassischen Skiregionen wie den Dolomiten, in denen manche Dörfer zu 100 Prozent vom Wintersport leben, kommen Stimmen wie von Diego Clara von Dolomiti Superski: „Das Investitionsvolumen ist hoch, aber ohne funktionierende Skigebiete würden ganze Dörfer sterben.“

Neben der Grundsatzdiskussion stellt sich die Frage: Kann man die angekratzte Olympia-Idee mit Spielen in Peking oder Almaty retten? Sicher nicht. „Ich glaube, es bestünde in Europa Handlungsbedarf. Wir sollten ein nachhaltiges Interesse haben, dass unsere Wintersporttradition auch bei uns weiterlebt. Es geht um ein europäisches Kulturgut“, sagt Eder. „Natürlich kann man Leute zwingen, an Pisten zu stehen und in Stadien zu sitzen und auf Zuruf zu applaudieren, aber das ist doch auch für die Athleten unbefriedigend. In Europa ist die Begeisterung für das ‚Live-Erleben‘ des Wintersports traditionell sehr groß und nach wie vor doch ungebrochen. Die olympische Idee zieht Aktive und Fans gleichermaßen in ihren Bann.“

Mit Enttäuschung reagierte der DOSB deshalb auf den Rückzug der norwegischen Hauptstadt. „Wir bedauern, dass Oslo aus dem Bewerberkreis für die Olympischen Winterspiele 2022 ausscheidet. Die Stadt mit ihrer großen Wintersporttradition hatte ein – wie wir finden – über-zeugendes und nachhaltiges ­Konzept“, sagte DOSB-Präsident Alfons ­Hörmann. Klaue ergänzt: ­„Dennoch wollen wir darin keinen Trend sehen, ich persönlich bin überzeugt, dass wir gute, engagierte, europäische ­Bewerber haben werden.“

Am Ende sind sich Gegner wie ­Doering und Befürworter wie Eder doch recht nah. Doering würde Olympia ohne IOC gelten lassen. Eder ein reformiertes Konzept, das aber erst 2024 im Sommer beziehungsweise 2026 im Winter greifen kann. Wenn das „alte Europa“ und ein reformiertes IOC Vertrauen ineinander fänden und Wege, 2026 menschliche, nachhaltige und weniger bombastische Spiele abzuhalten! Das wäre eine Zukunftsperspektive.

Weitere Infos: www.dosb.de und www.nolympia.de

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 01 / 2016

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