Nordik-Ski-Spekakel: Haltlose Pisten-Party im Kaiserwinkl

Die einen nennen es das ­verrückteste Skirennen der Alpen – für andere ist es ein ­halsbrecherisches Himmelfahrtskommando. Beim Nordik-Ski-­Spektakel im Kaiserwinkl rasen die Teilnehmer mit Langlauflatten die Skipiste hinunter

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© Lorenz Pietsch, Georg Weindl

Text: Georg Weindl

Der Unterberg bei Kössen in ­Tirol ist mit seinen ­breiten ­Pisten und dem fantastischen Ausblick auf den Wilden Kaiser ein echtes Familien­skigebiet für ­Genießer. Nur an einem Tag im März ist alles anders. Da stehen die Skifahrer am Rand der Skipiste und reiben sich verwundert die Augen. Riesengroße Osterhasen rasen an ihnen vorbei, springen über Schanzen, rutschen ziemlich unelegant um Torstangen, und manchmal fliegen sie mit einem lauten Schrei kopfüber in den Schnee. Kurz darauf kurven junge Burschen in Lederhosen ­breitbeinig und unbeholfen über die Piste. Ihre Körpersprache zeigt eindeutig, dass hier eine Menge Angst mitfährt. Und die spektaku­lären Abgänge lassen sich bei genauerem Hinschauen schnell erklären. Denn die Skihasen und Lederhosen­piloten sind alle mit schmalen Langlaufski unterwegs, die bekanntlich für schnelle ­Abfahrten auf steilen Ski-hängen eher ungeeignet sind.

Profis und mutige Hasen

Einmal im Winter treffen sich die besten Abfahrer auf Langlaufski zum Nordik-Ski-Spektakel in Kössen am Fuß des Zahmen Kaisers. Spektakel ist vielleicht noch eine Untertreibung für das laut Veranstalter „verrückteste Skirennen der Alpen“. Seit 1986 gibt es das Event mit einer Unterbrechung zwischen 2001 und 2012. Die Nordik-Alpinisten, die sich alljährlich in Kössen in dem unkonventionellen Wettrennen messen, sind ein bunt gemischter Haufen. Die einen gehen ganz professionell in engen Rennanzügen an den Start, die Muskeln angespannt und den Blick voll konzentriert auf ihre Ski. Andere nehmen das Spektakel eher locker und treten mit Lederhose und Lodenjacke an. Hinten im Feld lungern noch zwei Teilnehmer im Osterhasenkostüm herum, und ihre Bewegungen lassen vermuten, dass sie sich vorher in der Hütte noch etwas Mut angetrunken haben.

Spektakuläre Ski-Action

Mut ist für jeden Teilnehmer beim Nordik-Ski-Spektakel auch unbedingt notwendig, wobei man mit dem ­Alkohol eher sparsam sein sollte, wenn man keinen schweren Sturz riskieren will. Denn ohne Kanten sind die Langlauflatten auf einer Skipiste eine enorm rutschige Angelegenheit. Spätestens wenn es zum Schlusssprung geht, sollte man alle Bedenken um die eigene Sicherheit über Bord geworfen haben, wenn man nicht regelmäßig mit Langlaufski die Pisten hinunterfährt. Hat man sich dagegen zu viel Mut angetrunken, verliert man leichter die Kontrolle über die schwammigen Latten. Ein Sturz ist dann nicht mehr zu vermeiden.

Los geht es mit einem sogenannten Le-Mans-Start. Nach einem kurzen Sprint werden die Bretter angeschnallt. Je nach Streckenplanung wartet entweder der erste Steilhang oder kernige Buckel, die Wagemu­tige (und Könner) direkt ­nehmen, die meisten aber mit wackligen Knien großzügig umkurven. Schon beim ersten Hang wird dem Zuschauer klar, dass hier zwei Klassen unterwegs sind. Vorne die routinierten Lang­läufer wie die Nordischen Kombinierer Tobias und Laurens Kammerlander, die auch ohne Kanten sehr souverän auf ihren dürren Latten stehen und sogar problemlos die Sprünge nehmen, ohne vorher auch nur ein wenig abzubremsen. Weit dahinter dann die Abenteurer und Osterhasen, für die das ganze Spektakel eine reine Gaudi und das Stockerl Lichtjahre entfernt ist.

Im Rennen staubt es immer wieder ordentlich, wenn wieder einer die Kurve nicht geschafft oder den Halt der Kanten überschätzt hat. Aber das ist hier normal, und bis auf wenige Ausnahmen gehen die Stürze auch glimpflich aus. Ein wenig Entspannung gibt es erst weiter unten, wenn es auf die flachere Piste geht. Aber selbst da gibt es noch keinen Grund zur Entwarnung. Die Ski laufen lassen ist bei den Langlaufbrettern keine Erleichterung, sondern erfordert höchste Konzentration. Ohne Kanten und ohne Loipe verlassen die Ski schnell die Richtung, scheren aus, und der Pilot macht einen unfreiwilligen, für die Zuschauer amüsanten Spagat.

Wenn dann langsam das Ziel in Sicht kommt und bei den meisten die letzten Körner verbraucht sind, wartet noch die finale Herausforderung: eine Schanze im Zielschuss.

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Bei den Sprüngen zeigt sich wahre Klasse – die „Profis“ nehmen die Schanzen wie auf Alpinski.
© Lorenz Pietsch, Georg Weindl

Blaue Flecken und Prellungen

Wer einmal mit Langlaufski schnell bergab gefahren ist, kann sich vorstellen, wie waghalsig es ist, einen Sprung von fünf bis sechs Metern mit diesen Latten sicher zu landen. Für Amateure ist das eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Kein Wunder, dass am Zielsprung die meisten Zuschauer postiert sind, die gierig auf die Sturzpiloten warten. Und die werden den schadenfrohen Erwartungen mehr als gerecht. Die einen fallen geradeaus nach vorne über die Skispitzen, die anderen setzen sich vorsichtshalber schon vor dem Sprung aufs Gesäß und rutschen in leichter Schräglage über den Kicker. Einige verlieren einen Ski und rutschen einbeinig ins Tal. Andere bleiben liegen und ­kriechen dann auf allen vieren weiter. Nur darf man sich nicht zu lange ausruhen. Denn bis zum Ziel gilt es noch einen kurzen Anstieg zu bewältigen, ehe man nach einer größeren Schlaufe auf die Zielgerade einbiegt.

Hinter der Ziellinie stehen ­keuchend die rosa Osterhasen, der Schweißdampf quillt aus dem Kostüm, und sie sind ganz offensichtlich glücklich, das Spektakel unverletzt überstanden zu haben. „Alles war schlimm, und vor allem bist du unten einfach fertig“, stöhnt der eine Skihase sichtlich abgekämpft. „Aber früher war’s ja noch schlimmer“, erzählt der andere. „Mit der Skatingausrüstung hast du heute mehr Stabilität und kannst wenigstens geradeaus fahren.“ Gröbere Verletzungen sind gottlob selten, blaue ­Flecken und Prellungen aber ziemlich normal für das Spektakel. Ein Trost: Für die vier Besten gibt es Preisgelder zwischen 50 und 200 Euro. Doch vom Podest sind die Skihasen weit entfernt.

Die Sieger bei den Damen wie bei den Herren kommen fast immer aus Kössen, Walchsee oder Kitzbühel. Ein gewisser Heimvorteil ist unübersehbar. Für die Zuschauer zählt aber ohnehin eher die Gaudi. Denn so viel gelacht wird wohl bei kaum einem anderen Skirennen. Und vermutlich auch geweint – ob vor Schmerz oder Lachen –, wenn der Zielsprung in die Hose geht …

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 02 / 2016

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