Pioniere der Paralympics

Die Winter-Paralympics feiern ihren 40. Geburtstag. Annemie Schneider und Anna Schaffelhuber, die Stars der ersten (1976) und der jüngsten Spiele (2014), schauen zurück – und nach vorne.

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Anna Schaffelhuber liebt es, mit Höchstgeschwindigkeit die ­Abfahrtspiste hinunterzuschießen.
© Benjamin Schieler, Privat, Imago, Getty Images

Text: Benjamin Schieler

Ohne Stock geht es nicht mehr. „Die neue Prothese“, sagt Annemie Schneider und schaut verächtlich an sich hinab, „ist furchtbar.“ Ein Moment des Schweigens verstreicht. Früher ging es noch ohne Stock und ohne Humpeln. Da merkte man ihr im zivilen Leben kaum an, dass sie mit 17 durch ein Zugunglück in Bad Reichenhall ihr linkes Bein verloren hatte. Auf der Piste war das immer unübersehbar, weil sich die Oberschenkelamputierte auf einem Ski die Berge hinunterstürzte. Je steiler und eisiger, desto bester und erfolgreicher war sie. Fünf Rennen gewann Annemie­ Schneider bei Paralympischen Spielen, drei davon bei der Premiere – vor genau 40 Jahren.

In Örnsköldsvik an der Küste ­Mittelschwedens begann im Februar 1976 Schneiders Erfolgsgeschichte. Die ersten Sommerspiele der Gelähmten hatten 16 Jahre zuvor in Rom stattgefunden. Die alpinen Skifahrer, die Langläufer und Biathleten mit Behinderung hatten sich dagegen ­gedulden müssen, bis sie bei dem global bedeutendsten Sportereignis Beachtung fanden. „Unsere ersten Weltmeisterschaften 1974 waren schon sehr intensiv“, erinnert sich ­Annemie Schneider, „aber was in Schweden folgte, war ganz besonders.“

Die überlegendste Gewinnerin

In einer alten Mappe hat sie ihre Erinnerungen aufbewahrt. Sie hat sie über die Jahre zusammengeklaubt und fein säuberlich geordnet. Vom Tisch ihres Wintergartens in Bischofswiesen am südöstlichen Zipfel Bayerns blickt sie direkt auf den Watzmann – und auf den in herrlicher Sonne glitzernden Schnee. „Traumhaft“ nennt sie das. Doch sobald sie die verblichenen Fotos und Zeitungsartikel zur Hand nimmt, ist sie nicht mehr dort, sondern zurück in der Vergangenheit, zurück in Örnsköldsvik, bei diesen grandiosen Spielen. Gold im Slalom, Gold im Riesenslalom und Gold in der Kombination gewann sie, stets mit riesigem Vorsprung vor der Konkurrenz. Schwedens Presse kürte die Deutsche zur „überlegensten Gewinnerin der Wettkämpfe“, König Carl Gustaf überreichte die Medaillen. Zur Zeremonie war er extra übers Meer gekommen, mit einer gewissen Silvia Renate Sommerlath, die er ein paar Monate später heiraten sollte.

Es sind Erlebnisse wie diese, die Annemie Schneider bis an ihr Lebensende voller Stolz und Freude in sich tragen wird. Erlebnisse, die sie ein Stück weit mit diesem schicksalhaften Tag versöhnen, an dem sie ihr Bein verlor und an dem sie ungewollt in die Rolle einer jungen Frau schlüpfte, der andere wahlweise mitleidige oder neugierige Blicke schenkten. Bis heute spricht sie ungern über das Unglück, „aus Selbstschutz“, wie sie sagt. Doch sie ist sich bewusst: „Ohne den Unfall hätte ich wahrscheinlich nie so viele große Erfolge gefeiert.“ Das Talent und der Biss waren schon vorher vorhanden, zum hautnahen Kontakt mit dem Mythos Olympische Spiele wäre es aber ein weiter Weg gewesen. Vielleicht zu weit.

Die Beste der Welt

Von diesem Mythos kann auch Anna Schaffelhuber bereits ein Lied singen. Mit ihren gerade einmal 23 Jahren ist sie schon ein paralympischer Superstar und das Gesicht der alpinen Skiläufer mit Handicap schlechthin. Fünf Mal holte sie Gold bei den Spielen 2014 in Sotschi. Mehr ging nicht. Im November 2015 erhielt sie in Mexiko-Stadt die Auszeichnung als „Beste Behindertensportlerin der Welt“, die alle zwei Jahre verliehen wird.

Drei Monate später sitzt die gebürtige Regensburgerin in einem Münchner Café und hält sich an einer Tasse fest. Das Bild täuscht allerdings. Denn Anna Schaffelhuber ist niemand, der akuten Halt braucht. Wenn sie es nicht schon immer war, so ist sie spätestens durch den öffentlich so frenetisch aufgenommenen Sotschi-Triumph selbstbewusst und ausdrucksstark geworden. Sie versteckt sich nicht, sie kostet das Rampenlicht aus. „Es ist super, dass das Interesse nicht sofort wieder abgeebbt ist“, sagt sie – vor allem, weil sie etwas zu sagen hat. Darüber zum Beispiel, dass sich in den vergangenen Jahren in Sachen Sportförderung für Kaderathleten mit Handicap einiges getan hätte, aber eben noch nicht genug. „Die Unterschiede zu den Nichtbehinderten sind immer noch gravierend.“ Das sei einer der Gründe, warum es immer schwieriger werde, Nachwuchs zu finden, der am Ball bleibt.

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Bei ihrer zweiten Paralympics-Teilnahme holte Anna ­Schaffelhuber (M.) in Sotschi 2014 fünf Mal Gold.
© Benjamin Schieler, Privat, Imago, Getty Images

Eine Nation, zwei Teams

Oder sie spricht darüber, dass trotz aller Diskussionen über Inklusion Deutschland bei der Barrierefreiheit im internationalen Vergleich „im unteren Mittelfeld“ liege. Theoretisch steht Schaffelhuber Münchens Olympiastützpunkt zum Training offen. „Es bringt mir aber wenig, wenn ich sieben Krafträume habe und vor jedem sind zehn Stufen.“ Berührungspunkte mit nicht behinderten Spitzensportlern sind im Alltag rar. „Mit dem Deutschen Skiverband habe ich noch nie etwas zu tun gehabt“, berichtet sie und wirbt dafür, potenzielle Synergieeffekte verbands­übergreifend besser zu nutzen. Die alpinen Skifahrer mit Handicap sind im Deutschen ­Behindertensportverband organisiert, der gleichzeitig das Nationale ­Paralympische Komitee bildet. „Zwei komplette Systeme nebeneinander laufen zu lassen ergibt meiner ­Meinung nach keinen Sinn.“

Annemie Schneider hatte da früher eine komfortablere Situation. Mit dem DSV-Nachwuchs hatte sie täglich zu tun, in ihrer Funktion als Chefsekretärin am Skiinternat Christophorus auf dem Jenner in Berchtesgaden und als Trainingspartnerin der Schüler.

Auch mit 50 noch extrem schnell

„Die Trainer haben uns immer angerufen, wenn die Talente einen Durchhänger hatten.“ Das Ziel war, dass die Monoskifahrer ihren nicht behinderten Kollegen Beine machten. „Für uns war das ein Traum, weil wir nie einen Lauf stecken mussten.“ Und als Trainingspiste sei der Krautkaser ohnehin optimal gewesen. „Wenn du da fahren kannst, kannst du überall fahren.“

Schneider selbst ist in ihrer Karriere nicht überall, aber an vielen Orten gefahren. Bis 1994 war sie aktiv und gewann bei ihren letzten Paralympischen Spielen in Lillehammer noch einmal Bronze im Riesenslalom – mit mehr als 50 Jahren. „Ich war die Oma der Nation“, scherzt sie. Antreten konnte sie jedoch nur, weil sie in ihrem Umfeld erfolgreich nach Unterstützern gefahndet hatte, die ihr die Reise finanzierten. Kostspielig ist ihr reise- und sportfreudiges Leben immer gewesen. Fördermittel für die Ausrüstung, die Reisen und die ­Unterkunft gab es kaum. „Das Geld, das ich im Sommer verdiente, habe ich im Winter verpulvert. Aber ich möchte nicht eine Stunde davon missen.“

Die Erinnerungen, die sie in ihrem Wintergarten aus der Mappe zieht und aus ihrem Inneren hervorkehrt, sind süß und bitter. Süß, weil die Zeit so schön war. Bitter, weil sie vorüber ist. Unwiederbringlich. Man spürt Freude und Wehmut, wenn sich ­Annemie Schneider am Tisch im Geiste wieder aus dem Starthäuschen katapultiert, den Oberkörper mitschwingend. Oder wenn sie in ihren Skikeller hinuntersteigt und im schummrigen Licht alte Krückenski hervorkramt. Dort unten hängt ein Foto von ihr und Ingemar Stenmark, der lebenden schwedischen Slalom-Legende aus Tärnaby. Die beiden schauen sich darauf schelmisch lächelnd an, als teilten sie ein Geheimnis. Unterschriebene Poster unter anderem von Marc Girardelli, Markus Wasmeier oder Hilde Gerg hängen im oberen Treppenhaus ihres Hauses an der Wand. Schneider kannte sie alle. „Aber der Stenmark“, sagt sie, „war mir der Liebste. Der ist so gut Slalom gefahren und war so bescheiden.“

In der Ruhmeshalle des Skisports

Der Sport und die Paralympics haben ihr die Begegnungen ermöglicht. 2006 zählte sie zu den ersten drei Athleten, die das Internationale Paralympische Komitee wegen herausragender Erfolge und für ihren Sportsgeist in seine neue Hall of Fame aufnahm. Auch Anna Schaffelhuber stünde ohne die Paralympischen Spiele nicht dort, wo sie heute steht. Bei der WM 2013 in La Molina hatte sie zwar ebenfalls fünf Medaillen geholt, aber nur zwei goldene – eine gefühlte Niederlage. „Ich habe zwei Mal im Kopf völlig versagt. Das hat mich unheimlich geärgert.“ In Sotschi, unter den Augen der Welt-öffentlichkeit, sollte, ja durfte ihr das nicht wieder passieren. „Ich habe noch mehr trainiert und bin ganz anders an die Rennen herangegangen.“

So kam es, dass die damals 21-Jährige bei der Blumenzeremonie des abschließenden Riesenslaloms auf die oberste Stufe des Podestes rollte, strahlend weiße Zähne offenbarte und ihre fünf Goldmedaillen nacheinander mit den Fingern einer Hand abzählte.

Bald auch gemeinsame WMs?

Aber ist die Bedeutung einiger ­weniger Rennen, die alle vier ­Jahre stattfinden, gegenüber all den anderen eigentlich gerechtfertigt? Ist der ­Gewinn des Gesamtweltcups, den Schaffelhuber zwischen 2011 und 2015 fünf Mal in Folge geholt hat, nicht eine viel bemerkenswertere, weil konstantere Leistung? Ja, das sei schon richtig, gibt sie zu und will doch nicht zustimmen. „Die Paralympics sind eben das einzige Event, bei dem wir an die Nichtbehinderten ange­glichen sind.“ Noch. Denn warum sollte es dabei bleiben? 40 Jahre nach den ersten Paralympischen Winterspielen und 24 Jahre, nachdem Paralympics und Olympia erstmals kurz nacheinander am gleichen Ort stattfanden (in Albertville), wäre es aus ihrer Sicht an der Zeit für den nächsten logischen Schritt. „Jetzt müsste man auch mal die Weltmeisterschaften zusammenbringen.“

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© Benjamin Schieler, Privat, Imago, Getty Images

Anna Schaffelhuber

Geboren: 26.1.1993 in Regensburg

Verein: TSV Bayerbach

Größte Erfolge: 5 x Gold bei Paralympics, 6 x Weltmeisterin, 5 x Gesamtweltcup­siegerin

Ausrüster: Atomic

Facebook: www.facebook.com/Anna.Schaffelhuber

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Annemie Schneider

Geboren: 1.8.1943 in ­Berchtesgaden

Verein: BSV Stuttgart

Größte Erfolge: 5 x Gold bei Paralympics, 8 x Weltmeisterin

Ausrüster: Völkl

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2016

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