Pisten vom Reißbrett

Die Planung neuer Pisten oder Skigebiete hat sich zu einer Wissenschaft entwickelt – und zu einem lukrativen Markt.

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TEXT Tim Tolsdorff BILD Plan Team, Kronplatz

So mancher Ski-Unternehmer träumt sich mit seligem Lächeln zurück in die goldenen Zeiten. Damals, in den sechziger und siebziger Jahren, konnte man die Zutaten für ein erfolgreiches Skigebiet an einer Hand abzählen: Ein Berg, sanfte Almwiesen, drei oder vier Lifte, zu guter Letzt eine Hütte – fertig war das Pistenrevier. Von Klimawandel konnte keine Rede sein, die meisten Umweltschutzbewegungen steckten noch im Strampelanzug. Ausbaupläne waren nicht selten dem Bauchgefühl des Chefs geschuldet, der sie ohne viel Federlesens in die Tat umsetzen ließ.

Die Zeiten haben sich geändert: Riefen zunächst die Carver nach breiteren Pisten, verzeihen die anspruchsvollen Gäste heute weder Schneemangel noch klapprige Lifte. Zusätzlich setzen Richtlinien, etwa zum Schutz der Natur, dem Wachstum Grenzen. Daher rufen Skigebietsbetreiber heute die Kavallerie, wenn Investitionen am Berg anstehen. Technisch hochgerüstete Planungsbüros bereiten akribisch den Bau neuer Lifte vor, Ingenieure glätten am Rechner das Antlitz ruppiger Waldschneisen, bevor sie den Bautrupp losschicken. Am Berg ist ein neuer Millionenmarkt entstanden, den größten Gewinn wirft die Königsdisziplin der Branche ab – die Masterplanung ganzer Skigebiete.

Ein millionenschwerer Markt

Aus der Perspektive eines Skifahrers liegt Werner Hunglingers Arbeitsplatz im Paradies – oder zumindest nicht weit davon entfernt. Rund 15 Kilometer sind es aus dem Büro des Ingenieurs in der Bozener Schlachthofstraße bis zu den perfekt präparierten Pisten der Skigebiete Karersee und Obereggen. Nur wenig länger brummt der Motor beim Transfer zum pulvrigen Plateau der Seiser Alm. Dort oben glitzert der Schnee in der Sonne, und mit drei, vier Liftfahrten ist das Liftkarussell der Sella Ronda erreicht. Doch für derartige Tiefschneeträume hat Werner Hunglinger keine Zeit. Sein Blick auf die Berge ist rational geprägt. Denkt er an die Skigebiete der Umgebung, sieht er vor allem Kunden.

Hunglinger beackert eine ungewöhnliche Nische: Beim Ingenieur- und Architekturbüro Plan Team beschäftigt sich der Südtiroler mit der Konzipierung und dem Ausbau von Skigebieten. Mittlerweile hat die Firma Büros in Russland und der Ukraine eröffnet. „Das Unternehmen existiert seit dem Ende der siebziger Jahre, die Nische Wintersport läuft gut“, sagt Hunglinger. „Rund 15 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir mit Tiefbau-Projekten im Ski-Bereich, Nebenleistungen wie Planung von Hotels, Restaurants und Park-häuser nicht inbegriffen. Tendenz steigend.“ So realisiere man regelmäßig Großprojekte in Osteuropa und konzipierte die Biathlon-Anlagen für die Winterspiele von Turin 2006.

Mehr als 4.500 Skigebiete gibt es weltweit, millionenschwer ist der Markt, in dem sich neben Plan Team oder dem österreichischen Konkurrenten Klenkhart & Partner auch US-Firmen wie Ecosign tummeln. Längst ist der Bau und Betrieb eines Skigebietes keine Entscheidung mehr, die lokal verwurzelte Baulöwen aus dem Bauch heraus treffen. Ein Dschungel an Vorschriften und Auf-lagen muss vor fast jedem Eingriff am Berg durchforstet werden. Zusätzlich kämpfen die Destinationen mit immer härteren Bandagen um zahlungskräftige Urlauber. Und die, so ist von Seilbahnern überall im Alpenraum zu vernehmen, verlangen mehr. Mehr Pistenkilometer, modernere Lifte, größeren Komfort.

Das weiße Gold

Vor allem aber wünschen sich die Gäste Schneesicherheit. „Wenn der Skifahrer ankommt, will er auch Schnee vorfinden“, sagt Werner Hunglinger. Das weiße Gold liefern zunehmend Beschneiungsanlagen, und die brauchen Wasser. Viel Wasser. Das ist in den Bergen ausgerechnet im Winter rar. Deshalb hat man sich bei Plan Team auf den Bau von Speicherteichen konzentriert. Die künstlichen Becken sind mittlerweile in fast allen Skigebieten zu finden. Beim Bau und Betrieb müssen strenge Richtlinien für den Wasserhaushalt beachtet werden. Ein Projekt vollendete die Bozener Firma 2009 am Karerpass, 96.000 Kubikmeter fasst das Becken. Zum Vergleich: Das Dreifache dieser Menge schwappt in der Binnenalster. Der neue Speicher versorgt die rund 160 Schneekanonen des Skigebiets, die vor allem in der Frühsaison eine ausreichende Unterlage auf die Hänge blasen.

Für Aufwind in der Planungsbranche sorgte vor Jahren der Carving-Boom. Um die Stärken der taillierten Spaßmaschinen auszuspielen, braucht es Platz. Dazu erwiesen sich die Waldschneisen und holprigen Karstwiesen aus den Gründerjahren der Skigebiete als ungeeignet. Mit Säge, Bagger und Kies rückte man in der Folge vielen Pisten zu Leibe, verbreiterte, begradigte, glättete. Die Schönheits-OP für die Piste, im Fachjargon „Modellierung“ genannt, gehört heute zum Standard der Ingenieure und wird an Reißbrett und Rechner vorbereitet. Neue Pisten, wie etwa die 7 Kilometer lange Ried-Abfahrt am Kronplatz, plant man gleich als Rundum-Sorglos-Paket: Enthalten sind Wasserleitungen, leistungsstarke Schneekanonen auf Türmen, Drainagegräben zum Auffangen des Schmelzwassers und eine geglättete Fahrbahn. „25 Millionen Euro haben wir für dieses Projekt investiert“, sagt der verantwortliche Ingenieur Andreas Dorfmann von der Kronplatz Seilbahn AG. Dank seiner Expertise kam das Projekt, dem 20 Hektar Wald weichen mussten, heil durch die Umweltverträglichkeitsprüfung – dabei half auch die Tatsache, dass die Wintersportler an der Talstation nicht ihre Autos, sondern die Waggons der Pustertal-Eisenbahn besteigen werden.

Kampf gegen das Nadelöhr

Mit dem Bau von Speicherteichen und der Modellierung von Abfahrten ist die Angebotspalette der Pistenplaner längst nicht ausgeschöpft. Gefragt ist ihre Expertise auch beim Neubau von Liften. Doch sorgen kapazitätsstarke Sechser- oder Achtersessel auch dafür, dass Pisten von der Masse jener Wintersportler überbevölkert werden, die sich früher am Einstieg eines ratternden Tellerlifts die Skischuhe in den Bauch standen. Diese Entwicklung, so Werner Hunglinger, müsse man beim Bau neuer Aufstiegshilfen berücksichtigen. Um gefährliche Nadelöhre zu vermeiden, hat vielerorts die Analyse des Gästeflusses an Bedeutung gewonnen. Bei Plan Team nimmt man dazu wissenschaftlich erhobene Zahlen zur Hand, die sogar regionale Befindlichkeiten berücksichtigen: „Die Wohlfühlgrenze in Europa liegt bei 150 Skifahrern pro Hektar Piste“, erklärt Hunglinger. „In Japan liegt das Limit dagegen bei 300 Skifahrern.“ Seien diese Kapazitätsgrenzen erreicht, müsse man die Massen umleiten.

Auf wissenschaftliche Methoden bei der Planung von Skigebieten baute zuerst der Amerikaner Paul Mathews. Vor mehr als dreißig Jahren begann der Gründer der Firma Ecosign damit, seine Erkenntnisse aus der Landschaftsarchitektur in Resorts wie Whistler oder Vail anzuwenden.

Mathews’ erster Kunde in Europa war der schweizerische Ski-Tycoon Reto Gurtner, der das Skigebiet über Flims, Laax und Falera in Graubünden betreibt, später folgte etwa die französische Nobel-Station Courchevel. In den Bergen über Sotchi, dem Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014, entsteht derzeit nach Ecosign-Plänen ein neues Skigebiet. Dabei arbeiten die Experten mit ausgeklügelten Computerprogrammen, die anzeigen, wo in einer Bergregion der beste Schnee zu finden ist, wo Lawinen drohen oder wo der Wind am kältesten pfeift. Legendär ist die Geschichte, wonach Paul Mathews die Schweizer Skilegende Bernhard Russi mit Hilfe einer Karte zu einem Hang mit perfektem Pulverschnee führte. Die Stelle war nur unter Ortskundigen bekannt – Mathews fand sie bei seinem ersten Besuch an Russis Hausberg.

Die Krönung: Der Masterplan

Die Amerikaner haben ihre Spuren auch im norwegischen Skigebiet Hemsedal hinterlassen. Seit 1997 arbeite man erfolgreich mit Ecosign zusammen, sagt Odd Holde, der Sprecher des Resorts. Holde kennt die Gegend noch aus der Zeit, als Bergbauern hier oben ein karges Dasein fristeten. „Hemsedal ohne Tourismus wäre eine Katastrophe“, sagt er. Auf die Dienste von Ecosign habe man sich bei der Gesamtplanung des Resorts verlassen und sei „nach amerikanischem Vorbild“ vorgegangen. Was damit gemeint ist, verriet Paul Mathews 2010 der kanadischen Zeitung Globe and Mail: „Wir gestalten das ganze Dorf, den Skiberg, die Einheit, das Erlebnis.“ 2002 war der von Ecosign erstellte Masterplan umgesetzt. Seitdem findet sich an der Talstation in Hemsedal eine große Lodge, wo Appartments, Restaurants, Skiverleih und weitere Service-Einrichtungen konzentriert sind. Alle Pisten, die an der steilen Flanke durch den lichten Bergwald geschlagen wurden, enden hier.

Bequem an der Hauptabfahrt gelegen, kleben weitere Hüttenkomplexe und ein Luxushotel am Hang.

Auch Werner Hunglinger und seine Leute beherrschen die Königsdiziplin der Branche, den Masterplan. Die Märkte der Zukunft sehen sie freilich außerhalb Europas. Ausgereizt seien in der Alten Welt die Ausbaumöglichkeiten, Schutzgebiete und ein gewandeltes Umweltbewusstsein setzen dem Wachstum Grenzen. „Die Pisten in den Alpen sind gut ausgebaut, in Einzelfällen lässt sich noch was machen, etwa bei der Breite“, sagt Werner Hunglinger. Zudem müsse man Rücksicht auf die Menschen nehmen. „Hier sind Berge und Skigebiet auch ein Stück Heimat.“ Die renditeträchtige Planung kompletter Destinationen lasse sich heute vor allem in Osteuropa und Asien verwirklichen.

Ein Beispiel ist das geplante Skiresort „Mountain Bull“ nahe dem Baikalsee in der russischen Provinz Buratien. Die politischen Entscheidungsträger beauftragten Plan Team vor einigen Jahren mit dem Erstellen eines Masterplans für eine bis dato unerschlossene Bergregion. Dabei veranschlagte man im Rahmen einer ersten Analyse das Investitionsvolumen auf insgesamt 580 Millionen Euro, von denen rund 100 Millionen auf das Skigebiet entfielen. Angesichts dieser Zahlen seien die 200.000 bis 300.000 Euro, die für einen Mas-terplan anfielen, gut angelegtes Geld. „Schon eine falsch platzierte Talstation kann den ganzen Ablauf eines Skibetriebes negativ beinträchtigen und daher Millionen kosten“, so Werner Hunglinger. Nach den Wünschen der Russen sollte ein Gebiet mit rund 30 Pistenkilometern für 10.000 Wintersportler entstehen, inklusive eines weltcuptauglichen Super G-Hanges, der dem Resort die mediale Aufmerksamkeit sichern soll.

Gefahren sondieren

Neben der Komplettplanung des neuen Dorfes stand der Entwurf des Skigebietes selbst im Fokus. Nachdem unter Berücksichtigung von Flora und Fauna die Grenzen des künftigen Pis-tenreviers abgesteckt worden waren, gingen Hunglinger und sein Team daran, mit Hilfe eines digitalen Geländemodells Gefahrenzonen auszusondern. Dabei galt: Keine Pisten auf Hängen, die zu starken Winden, zu kräftiger Sonneneinstrahlung und zu hoher Lawinengefahr ausgesetzt sind. Nach vier Monaten stand der

Masterplan, in dem zunächst nur der Ausbau eines Teils des Skigebietes vorgesehen ist. „Der Investor muss Wahlfreiheit haben und abwarten können, wie die erste Phase ankommt“, so Hunglinger. „Jede Phase im Ausbau eines Skigebietes trägt sich selbst und soll die folgenden Ausbaustufen finanzieren.“

Doch mussten die Südtiroler am Baikal die Erfahrung machen, dass selbst der beste Masterplan keine Garantie für dessen Umsetzung ist. Noch immer suche die Verwaltung nach einem Investor, lukrative Folgeaufträge für Plan Team hängen in der Warteschleife fest. „Das Projekt ist vorerst auf Eis gelegt“, sagt Hunglinger, ohne jedoch verbittert zu klingen. Kein Wunder, reicht dem Ingenieur doch ein Blick aus dem Fenster, zu den gleißenden Gipfeln der Dolomiten, um seine Gedanken auf die Akquise neuer Kunden zu lenken.

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