Rasend glücklich

Weißer Ring und Weißer Rausch, Inferno, Gardenissima und Schlag das Ass!

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Die Möglichkeiten in gleich veranlagter Gesellschaft auf der Piste so richtig die Sau rauszulassen tragen nicht nur klangvolle Namen, sie locken diese auch an. Die schneidige Selbstverwirklichung auf ein bis zwei Brettern kennt weder Tempo- noch Promi- oder Alterslimit.

Text Fred Fettner

Um neun Uhr ist es eiskalt am Rüfikopf, so kann das Zittern der Knie der Temperatur angelastet werden. Beim Start türmt sich ein Hügel auf, man hechelt hinauf, zweistellige Minusgrade schneiden in die Lunge. Mein Sauerstoffdefizit lässt sich auch auf den flachen ersten Abfahrtsmetern nicht vertreiben. Doch Konzentration! Beim ersten Felsen hart am orange-farbigen Richtungstor vorbei und das kurze Steilstück direkt hinunter stechen, die Kompression schlucken, um das danach wartende Flachstück zu überstehen.

Mein Atem bleibt hechelnd, bis mittleres Gefälle mit drei Super-G-Toren befreiend wirkt. Der Spaß an der Freud’ gewinnt die Oberhand. Das ist der Abschnitt, an dem ich am Vortag bei der Streckenbesichtigung an meine Grenzen gestoßen war. „Über 100 km/h war’s auf jeden Fall“, schätzte der Lecher Skilehrer, mit dessen Unterstützung wir den Streckenverlauf studierten. Eine der wichtigsten Lehren dieser Besichtigungen war: „Tiefe Hocke bringt ein paar Sekunden, kostet aber zum Schluss Minuten.“

Die Mutter aller Massenrennen wurde schon vor 85 Jahren im Schweizer Mürren als „Inferno“ geboren. Am letzten Skitag der Saison starteten alle vom Gipfel ins Tal – und wessen Knochen und Ski die Belastungen überstanden, war Sieger. Und wer als erster unten ankam, zusätzlich noch der Held des Winters. Heutzutage stürzen sich bestens organisiert 1.800 Starter vom Kleinen Schilthorn auf die 15,8 Kilometer. Im ersten Abschnitt sind „saubere Abfahrtsschwünge“ angeraten, dann geht’s in die Hocke. Wie erfolgreiche Absolventen verraten, erfordert ein spätes Teilstück ausgesprochene Langläuferqualitäten. Gute Skifahrer sind 45 Minuten unterwegs, der infernalische Sieger rast in weniger als einer Viertelstunde ins Ziel nach Lauterbrunnen.

Beim Weißen Ring sorgen die Liftfahrten für Erholungspausen. In diesen Minuten hängt mich nicht mal Hausherr und Olympiasieger Patrick Ortlieb ab. Obwohl es selbst beim Entern der Lifte Spezialisten gibt. Vor mir zieht ein Ehrgeizling einem Konkurrenten den Bügel im letzten Moment weg. Bis zur Skistation Zürs folgen nun überwiegend Gleitpassagen. Meine privaten 1,70er Riesenslalomski sind da nicht die beste Wahl. „Focus“-Kollege Andreas Haslauer entschwindet mit seinem geborgten, etwa zwei Meter langen Super-G-Racer endgültig aus meinem Blickfeld. Top-Skiläufer packen für das Rennen Abfahrtsski jenseits der 2,10 Meter aus oder leihen Super-G-Rennlatten beim Skiverleih Strolz für rund 100 Euro. Mir blieb beim Gleiten dafür Zeit, die vorbeirasenden Abfahrer zu beobachten. Hämisch nur dann, wenn sie sich bei den beiden 180-Grad-Kehren am Ende der Gleitstücke im Tiefschnee einparkten.

Zürs ist erreicht, Zeit den Blick über die faszinierende Bergwelt des Arlbergs gleiten zu lassen. Die Sonne hat die Oberhand gewonnen und verblüfft nimmt man wahr: Weit, weit weg scheint der Rüfikopf, wo man rund 20 Minuten zuvor das Rennen aufgenommen hatte. Näher liegt die Valluga (2.811 m). Höchster Gipfel des gesamten Skigebiets und Startpunkt eines nicht minder aufregenden Rennens mit Massenstart.

Der „Weiße Rausch“ ist Österreichs traditionsreiches Inferno-Pendant, bei dem in zwei Schüben insgesamt rund 800 Freaks nach St. Anton rasen. Es ist konditionell extrem fordernd, denn es gilt nicht nur 1.300 Höhenmeter zu überwinden, sondern auch einen kräftigen Aufstieg. Die Sieger schaffen das alles in weniger als acht Minuten. Neben Lokalmatador Paul Schwarzacher dominierte in den vergangenen Jahren nicht zufällig der Nordische Kombinierer Christoph Bieler, der mit langen Stöcken genug Zeit am Anstieg herausholte. Der Strapaze nicht genug, warten vor dem Ziel noch einige brutale Hindernisse.

Beim „Weißen Rausch“ von St. Anton habe ich ausgewachsene Mannsbilder bei den letzten Hürden vor Verzweiflung heulen gesehen. Da liftle ich lieber in prominenter Gesellschaft nach oben. Warum mischt sich die mit drei Olympiamedaillen geschmückte Christa Kinshofer unter die Edelamateure? „Für mich ist es ein tolles Gefühl, wieder einmal eine Piste fast für mich zu haben und die Ski richtig gleiten zu lassen“, sagt sie. Dabei rast sie nur abschnittweise. Sie sieht ihre Hauptaufgabe in der Mitarbeit bei der Laureus-Stiftung, wartet deshalb auch schon mal auf Mitläuferinnen und wurmt sich nur ganz wenig: „Die Zeit spielt diesmal sowieso keine Rolle, weil ich heute abgewinkt wurde: Zwei haben sich vor mir ein bisserl verkeilt“. Nach einigen äußerst dramatischen Unfällen in den Vorjahren, wird der Sicherheit wachsende Aufmerksamkeit gewidmet.

Genug geplaudert, mit dem Ausstieg am Madloch-Joch wird’s heftig. Schnell beschleunigen sich die Ski, heben ab und dann … bescheren die Schneeverhältnisse einen ärgerlichen Skatingabschnitt. Dabei bräuchte man alle Kraft danach, am steilsten Hang. Doch im Madloch lassen dann optimale Verhältnisse jubeln. In der anschließenden Traverse Streif-artig durchgerüttelt, richte ich mich kurz auf. Da zischt ein Schatten vorbei: Christa Kinshofer hat’s zwischendurch ein bisserl laufen lassen. Mit heftig brennenden Waden ist der Ortsteil Zug erreicht, die Fahrt mit dem sonnigen Lift zur Balmalp beschert die letzte Rast vor dem Finale.

Der riesenslalomartige Abschnitt im Madloch hat manche Teilnehmer an den Gardenissima erinnert. Die Besonderheit dieses schon 16 Mal durchgeführten Südtiroler Jedermann-Skirennes: Der Start erfolgt wie bei einem Parallel-Riesenslalom paarweise, doch bald geht es auf sechs Kilometern Länge in den direkten Fight über. Auch Überholmanöver nachfolgender Teilnehmer sind aufgrund der engen Startintervalle an der Tagesordnung. Die Veranstaltung ist übrigens eine für Frühaufsteher. Die Streckenbesichtigung um 6:45 Uhr. Entsprechend knackig sind die Pisten, der Riesenslalom-Charakter bleibt. In rund dreieinhalb Minuten bewältigte mit Hannes Reichelt übrigens ein aktueller Weltcupsieger die 1.033 Höhenmeter und 117 Tore am schnellsten.

Das entspricht gerade Mal der Topzeit im Madloch. Nach der letzten Auffahrt wartet traditionell ein Hinweis auf den Spaßcharakter des Rennens: Auf der Balmalp steht der Hüttenwirt mit Schnapseln zur Stärkung bereit. „Danke, mir ist schon schlecht.“ Ich gehe den nächsten Abschnitt lieber mit kräftigen Schlittschuhschritten an. Jetzt kommt ein traumhafter Bereich, der schönste der ganzen Strecke: Schnelle Schwünge, kurze Schrägfahrten, schließlich hinunter nach Oberlech. Hier wird die absolute Höchstgeschwindigkeit erreicht. „Wir haben Spitzen von über 130 Stundenkilometern gemessen“, grinst Stephan Kaufmann (38). Nun, er hat als Mitglied des Siegerteams „Strohminatoren“ leicht lachen. Das Team funktioniert so: In Wien beheimatete Manager treiben Sponsoren auf, ehemalige Topläufer bekommen das Material – und gemeinsam wird man zum Siegerteam. „Alle von uns haben ein kaputtes Rennläuferego“, witzelt der ehemalige ÖSV-Kaderläufer.

Nach einer letzten Traverse folgt der finale Adrenalinschub, es öffnet sich mit dem Schlegelkopf der Zielhang des längsten Skirennens der Welt.

Das längste? Neben dem längsten Skirennen gibt’s noch das allerlängste: Seit drei Jahren hat Armin Assinger, Ex-Abfahrtsstar und Österreichs Günther Jauch der Millionenshow, auf seinem heimatlichen Nassfeld in Kärnten „Schlag das Ass!“ laufen. Wobei „Ass“ auch als Abkürzung für das Brüderpaar Armin und Roland Assinger stehen darf. In der Grundidee und Struktur gleicht die Südvariante dem Lecher Vorbild. Was den Hauptunterschied zu Lech ausmacht, ist die endlos lange abschließende Talabfahrt nach Tröpolach. Wobei die ehrlich gesagt nur für echte Konditionswunder ein Vergnügen ist. Die Assinger-Asse stachen diesmal nicht so ganz, jüngere heimische Kaderläufer (Thomas Königs Siegerzeit für die knapp 26 Kilometer lag bei 52 Minuten 41 Sekunden) stahlen ihnen die Show.

Knapp unter einer Minute blieb ich am Nassfeld. Beim „Weißen Ring“ fehlen mir noch die letzten, von Anfeuerungsrufen aus den Lautsprechern begleiteten Tore. Noch einmal mit gekünstelter Eleganz die letzen Schwünge, dann ein Lächeln ins Gesicht quälen und den Applaus der versammelten Menge genießen. Geschafft! Im doppelten Sinne des Wortes. Schulter klopfende Schickeria, strahlende Läuferinnen – fast wie im wirklichen Weltcupleben. Es folgen Durchschnaufen, Flüssigkeitszufuhr, Linseneintopf.

Unten beginnt die Ehrung. Als ich dort ankomme erklärt Boris Becker, warum er lieber nicht mitgefahren sei. „Nein, das ist nicht der echte, das ist sein Double“, vernehme ich neben mir. Ganz im Gegenteil, liebe Leute: Becker ist echt, all die Sieger am Podium sind echt, sogar meine Endzeit ist echt: 53 Minuten, 36 Sekunden. Fast um zwei Minuten langsamer als zwei Jahre zuvor. Die Nachfrage beim siegreichen Pepi Strobl zeigt: Die Besten waren aufgrund der Streckenführung und Schneeverhältnisse auch um einiges langsamer als zuletzt. Rund siebeneinhalb Minuten fehlen mir auf deren Zeit. Nach 22 Kilometern und 5.500 Höhenmetern klingt das gar nicht so dramatisch. Weil man sich die Siege aber ohnehin selbst kreiert, studiere ich intensiv die Ergebnisliste: „Sieg!“ Nicht weil Jens Lehmann oder Jan Ullrich hinter mir liegen, nein: Alles in allem bin ich erstmals in der vorderen Hälfte gelandet. Jetzt kann ich mit ruhigem Gewissen in den Spruch einstimmen: Die Zeit? Spielt keine Rolle. Es geht doch um den Spaß!

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