Reportage: Die Gletscherretter

In den höchsten Skigebieten der Alpen läuft ein einzigartiges glaziologisches Experiment. Mit immer neuen Methoden versuchen die Gletscherbahnbetreiber, den Ast zu retten, auf dem sie sitzen: die gar nicht mehr so „ewigen“ Eisflächen der Ferner, Keese und Gletscher

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© Christoph Schrahe, Gletscherschutz, Stubaier Gletscherbahnen, Zillertaler Gletscherbahnen

Text: Christoph Schrahe

Das Wurtenkees in der zu den ­Hohen Tauern zählenden Sonnblickgruppe teilt das ­Schicksal aller alpinen Gletscher. Seit der soge­nannten Kleinen Eiszeit, die ihren Höhepunkt Anfang des 19. Jahrhunderts erreichte, hat es extrem an Masse verloren. Seine südseitige Exposition hat den Verfall noch beschleunigt. Von den ehemals vier Quadratkilometern Eis ist weniger als einer übrig. Wo sich früher die Zunge des Wurtenkeeses mächtig aufwölbte und wie eine gewaltige Tatze nach dem Talboden griff, dominieren heute trister grauer Schutt und Geröll das Bild. Nur noch die Wälle der Seitenmoränen zeugen von einstiger Größe. Hier lässt sich der Klimawandel unmittelbar besichtigen.

Wirtschaftsfaktor Eis

Der Rückgang des Eises ist für manche ein beängstigender Anschauungsunterricht in Sachen Klimageschichte, für andere stellt er den traurigen Verlust großartiger Landschaftsszenerien oder das problematische Verschwinden sommerlicher Wasserspeicher dar. Für einige jedoch ist er eine handfeste wirtschaftliche Bedrohung. Das Eis des Wurtenkeeses ernährt die Bewohner eines ganzen Tals. Sollte es sich zur Gänze verflüssigen und als Wasser die Felsstufen des Fragranter Tals hinunterrauschen, dann dürfte es zu Füßen des Sonnblicks um manche Existenz geschehen sein, denn das Kees beherbergt eines der rund zehn verbliebenen Sommerskigebiete der Alpen, bekannt unter dem Namen Mölltaler Gletscher.

Während sich hier oben in den eigentlichen Sommermonaten vor allem Ski-Nationalmannschaften aus aller Herren Länder und die Nachwuchsteams von Skivereinen aus Kärnten, Slowenien und dem italienischen Friaul tummeln, freuen sich ab Oktober auch Normalskifahrer über die frühe Möglichkeit, die Saison mit Abfahrten über breite, samtweiche Gletscherpisten einzuläuten. Als das Areal 1987 eröffnete, war es als reines Sommerskigebiet konzipiert worden, nur zugänglich über eine Bergstraße, die im Winter geschlossen war. Aber der Boom des Sommerskifahrens hatte seinen Zenit zu diesem Zeitpunkt bereits überschritten.

Die Wende hatte der extrem heiße Sommer 1983 eingeleitet. Bis dahin waren die Alpengletscher über rund 20 Jahre sogar gewachsen, dank kühler, niederschlagsreicher Witterung, die Rudi Carrell zur Komposition seines Hits „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ inspirierte. Seit Ende der Achtzigerjahre leiden die Alpengletscher außer unter mehr Sommersonne auch unter rückläufigen Schneefall­mengen im Winter. Während am Gütsch in den Schweizer Alpen zwischen 1961 und 1990 noch durchschnittlich 13,4 Meter Neuschnee pro Winter fielen, waren es von 1981 bis 2010 nur noch 10,7 Meter – ein alpenweit zu beobachtender Trend.

Exemplarisch dafür stehen auch Zahlen der Wetterstation Sonnblick: Im Jahr 1980 summierte sich die Neuschneemenge dort auf 31,1 Meter, 1989 waren es gerade mal 16,3 Meter. Was im Winter (der auf den Gletschern bis Mai dauert) nicht fällt, fehlt im Sommer, der Gletscher apert früher aus, und das Blankeis ist schutzlos der Sonne ausgeliefert. Während frischer Pulverschnee die Sonnenstrahlen fast vollständig reflektiert, werden sie vom dunklen Blankeis weitgehend absorbiert und in Wärme umgesetzt – Wärme, die das Eis rasend schnell schmelzen lässt. Zudem kommt der erste Schnee des neuen Winters ­später. Statt Anfang September oft erst Mitte Oktober.

Naturschnee fällt immer später

Adolf Gugganig, Betriebsleiter am Mölltaler Gletscher, weiß um die damit verbundenen Probleme: „Um den Skibetrieb zu starten, braucht es dort, wo wir noch Gletschereis haben, nur 20 Zentimeter Naturschnee – und der fällt ja immer noch kostenlos vom Himmel. Ist das Eis erst einmal weg, dann benötigen wir auf dem felsigen Untergrund rund einen Meter Schnee, um eine ähnlich gute Piste präparieren zu können. Der fällt hier oben zwar auch jeden Winter irgendwann, aber tendenziell immer später.“ Der zeitige Saisonstart im Herbst ist für die Bilanz eines Gletscherskigebietes aber entscheidend, Oktober und November sind die umsatzstärksten Monate. Im Hochwinter meiden die Gäste die bitterkalten Regionen jenseits der 3.000 Meter, im Frühjahr haben die meisten schon genug ­Ski­tage in den Beinen.

So kostet jeder Quadratmeter verlorenes Eis Umsatz. Abgesehen davon verursacht die Schmelze auch handfeste betriebliche Probleme. Am Mölltaler Gletscher halten sich diese noch in Grenzen, denn dort ist nur eine Sesselbahnstütze auf Eis montiert. „Damit deren Fundament nicht wegbricht, haben wir das umgebende Eis mit weißem Textilvlies abgedeckt. Das schützt vor der Sonneneinstrahlung“, erläutert Gugganig. Die Abdeckungen, die an manchen Gletschern auch auf Pistenabschnitten ausgebracht werden, können bis zu zwei Meter Eismächtigkeit in einem einzigen Sommer retten.

Für den Erhalt von Pisten ist technische Beschneiung die effizienteste Methode. Am Mölltaler Gletscher macht man das seit 2005. Die Beschneiungsanlage reicht bis hinauf zur Bergstation. Ein Speichersee, den die sommerlichen Schmelzwässer speisen, versorgt sie mit Wasser. Sofern es die Temperaturen erlauben, schaltet Gugganig die 25 Kanonen im Gletscherbereich bereits Ende August ein. Damit legt er eine Basis für den Start der Skisaison. Schnee für den nächsten Sommer produzieren die Mölltaler im Januar und Februar, weil es dann besonders kalt und die Beschneiung am kostengünstigsten ist. Dafür setzen sie rund 200.000 Kubikmeter Wasser ein, macht rund 500.000 Kubikmeter Schnee.

Darüber hinaus legen Gugganigs Leute Depots an, die sie auch aus ­Naturschnee von ungenutzten Flächen zusammenschieben und über den Sommer abdecken. Mitte September kommen die Planen runter, und per Pistenraupe verteilt man den Schnee auf den Abfahrten. Das Ergebnis ­dieser Strategie kann sich sehen lassen: Das Felsband, das noch vor wenigen Jahren im unteren Bereich quer durch die Abfahrt verlief und oft zu einem frühen Saisonende zwang, ist auch im Spätsommer nicht mehr zu sehen. Statt einer schmalen weißen Spur führt nunmehr eine breite Piste bis zur Talstation der Sesselbahnen am Gletscher.

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Der Hintertuxer Gletscher ist Österreichs einziges Ganzjahres­ski­gebiet. Markiert sind abgedeckte Bereiche an der Gefrorenen Wand.
© Christoph Schrahe, Gletscherschutz, Stubaier Gletscherbahnen, Zillertaler Gletscherbahnen

Enorme Kosten

Ganz auf Abdeckung setzt man am Stubaier Gletscher. Insgesamt zehn Hektar Fläche werden dort jeden Sommer eingepackt. Die Glaziologin Andrea Fischer hat die Effekte untersucht und konnte schon nach wenigen Jahren eine Zunahme der Gletscherdicke um zehn Meter ermitteln. Doch der Aufwand ist enorm: Vier bis fünf Mitarbeiter sind drei Wochen damit beschäftigt, die Geotextilien auszulegen, zu verschweißen und zu sichern – schließlich müssen sie auch bei Sturm in Position bleiben. Im Herbst dann das komplette Kommando zurück. Nach drei bis vier Jahren muss man das Material austauschen. Die Stu­baier Gletscherbahnen kostet diese Form der Gletscherrettung jährlich rund 270.000 Euro.

Am Hintertuxer Gletscher, dem einzigen Ganzjahresskigebiet Öster­reichs, deckt man zwischen Mai, wenn die Schneedecke normalerweise ihr Maximum erreicht, und Ende Juni sogar 20 der insgesamt noch 235 Hektar Gletscherfläche ab. Aus- und Einrollen ist wochenlange Knochenarbeit für sechs bis acht Männer. Als weitere Präventivmaßnahme schieben die ­Tuxer am Gletscherboden zwischen Olperer und Gefrorener Wand Schneewälle auf. Die fungieren als Schneefänger und sorgen dafür, dass die Winterstürme ihn nicht nach nirgendwo tragen. Auf dem breiten, sehr exponierten Hang der Gefrorenen Wand stehen Windzäune aus Metall. Früher gab es hier selbst im Januar manchmal Blankeis, heute nicht mehr.

Den Bau einer Beschneiungsanlage entlang der Abfahrt von der Berg­station bis zum Tuxer Fernerhaus hat der Gletscherschwund sogar begünstigt. Im Eis kann man keine Rohr-leitungen verlegen, auf Fels schon. So sorgen heute 33 Lanzen für zusätzlichen festen Niederschlag auf dem Tuxer Ferner. Der sichert ganzjährig die Abfahrt bis vor die Sonnenterrasse des Restaurants. Auf die Installation einer Webcam hat man trotzdem verzichtet. Richtig einladend sieht das mattweiße Schneeband zwischen dem zerklüfteten Grau der Felsen und den fast schwarzen Blankeisresten nämlich nicht aus. Noch vor 30 Jahren war hier selbst im August kein Steinchen zu sehen, die breite Gletscherstirn deckte alles zu.

Schneefabrik am Mittelbergferner

Ungefähr zu dieser Zeit ging der Pitztaler Gletscher an den Start. Eigentlich heißt er Mittelbergferner, und seine Zunge reichte früher bis an die Häuser des gleichnamigen Weilers unten im grünen Tal. Heute endet sie drei Kilometer weiter oben und ist vom Ort nicht mal mehr zu sehen. Der Gletscher zerfiel in zwei Teile, und es öffnete sich eine Lücke zwischen dem Brunnenkogelferner und dem Hauptgletscher. Beide waren durch Lifte erschlossen worden. Damit man wenigstens im Herbst zwischen den inzwischen gut 1,5 Kilometer auseinanderliegenden Gletscherteilen pendeln kann, entschloss man sich zum Bau einer Schnee­fabrik.

Die kann dank Vakuumtechnologie auch bei Plusgraden Schnee machen. Das erweist sich als überaus nützlich, da im Herbst auf kalte Temperaturen kein Verlass mehr ist. Der Schnee aus der Fabrik ergänzt den aus den Depots, die auch hier im Frühjahr angelegt werden. Sich ganz und gar auf die Technik zu verlassen wäre zu teuer. Pro Kubikmeter Schnee braucht die Anlage fast zehn Kilowattstunden Strom. Der kommt im Pitztal immerhin aus eigener Produktion. Die neue Photovoltaikanlage liefert knapp 1,4 Millionen Kilowattstunden im Jahr. So wird die Schneeproduk­tion am Pitztaler Gletscher zukünftig wenigstens keine Treibhausgase mehr produzieren – auch ein Beitrag zum Gletscherschutz.

Letztlich kann die Gletscher nämlich nur eines vor dem allmählichen Verschwinden retten: das Klima. Dass es den Eisriesen selbst bei steigenden Temperaturen nicht zwangsläufig an den Kragen gehen muss, zeigt das Beispiel Norwegen. Weil die Tiefdruck­gebiete ihre Zugbahnen änderten und die Niederschläge in den küstennahen Gebirgen stark anstiegen (am Alfotbreen werden jährlich bis zu 49 Meter Neuschnee gemessen), wuchsen die Gletscher dort selbst in den 90er-Jahren noch, als sie in den Alpen schon rasant schmolzen. Auch aus den Alpen gab es zuletzt endlich mal wieder gute Nachrichten: 2013 stießen in Österreich erstmals wieder zwei Gletscher vor, 2014 waren es schon vier – vor allem wegen des kühlen, verregneten Augusts.

Wenn es demnächst also mal wieder einen miesen Sommer gibt, sollte man als Skifahrer einfach daran denken, dass uns dadurch herrliche Pisten auf ewigem Eis ein wenig länger erhalten bleiben. So betrachtet, könnte man sich über Dauerregen im August sogar freuen – zumindest ein bisschen.

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Beschneiungsanlagen (gelbe ­Markierungen) und Gletscher­abdeckungen (blaue ­Markierungen) am Hintertuxer Gletscher.
© Christoph Schrahe, Gletscherschutz, Stubaier Gletscherbahnen, Zillertaler Gletscherbahnen

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 06 / 2015

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