Schneimeister: Frau Holles irdische Erben

Sie produzieren den Stoff, aus dem Skifahrerträume gemacht sind. Sie erfüllen eine Aufgabe, für die eigentlich Mutter Natur zuständig ist.

neuer_name

Schneimeister sorgen heute in Skigebieten weltweit dafür, dass die weiße Unterlage in ausreichendem Maße vorhanden ist. Ihr Einsatzgebiet ist vielfältig, denn die technischen Anlagen zur flächendeckenden Beschneiung werden anspruchsvoller, Faktoren wie Nachhaltigkeit und Effizienz immer wichtiger.

Text Tim Tolsdorff Bild Snowmaker Pitztal, Techno Alpin

17. Januar 2011: Die Skisaison läuft auf vollen Touren, als sich in Kitzbühel ein Desas-ter anbahnt. Fünf Tage bleiben bis zum Start der „Streif“, doch das Wetter spielt verrückt: Zweistellige Plusgrade, keine Besserung in Sicht. Durch tiefen Sulzschnee kämpfen sich Skisportler zu dem auf 1.700 Meter gelegenen Restaurant auf dem Hahnenkamm vor. Auf der Terrasse hat die feine Gesellschaft die Nobel-Klamotten abgelegt, nackte Haut grillt in der Höhensonne. Soldaten des österreichischen Bundesheeres kämpfen derweil auf der Rennstrecke nebenan darum, die knüppelharte Unterlage vor dem Aufweichen zu bewahren. Im unteren Abschnitt der Strecke regnete es, das Gespenst der Absage geht um. Fällt die Streif aus, gleichzeitig Saisonhöhepunkt und Werbeveranstaltung für Ort und Skigebiet, drohen Hoteliers und Gastronomen herbe Einnahmeverluste. Schlimmer wäre nur eines: schneelose Talabfahrten.

Um dieses Horrorszenario zu verhindern, baut man in Kitzbühel auf Hans Peter Schwaiger. Angesichts der Wetterkapriolen müsste ihm eigentlich der Angstschweiß auf der Stirn stehen, doch Schwaiger ist die Ruhe selbst, als er sich im Bergrestaurant mit dem Reporter zum Gespräch trifft. Der technische Leiter der Bergbahnen, das Funkgerät auf Dauerempfang, ist nicht nur für die Sicherheit der Lifte, sondern auch für die Qualität der 170 Kilometer Pisten im Skigebiet verantwortlich. Man könnte ihn als Frau Holles verlängerten Arm auf Erden bezeichnen. Wenn Mutter Natur als Schneeproduzentin ausfällt, befiehlt Schwaiger „Wasser marsch“ und lässt sein Heer von 750 Schneelanzen und -kanonen an den Tropf. 99 Pistenkilometer werden in Kitzbühel technisch beschneit. „Wir haben im Gebiet sechs Beschneiungszentralen“, sagt Schwaiger. „Zwei Schneimeister beschäftigen sich ausschließlich mit der Beschneiung, andere Leute helfen mit.“

Glänzende Zukunft mit glänzendem Schnee

Der Schneimeister ist ein Job, den es erst seit wenigen Jahren gibt. Die ihn ausüben, dürften in Zukunft wohl eine Arbeitsplatzgarantie besitzen, denn ohne Kunstschnee kommt heute fast kein Skigebiet mehr aus. In Österreich gibt es etwa 25.000 Hektar Skipisten, 66 Prozent davon können mittlerweile beschneit werden – das entspricht der Fläche Liechtensteins. Tendenz steigend. Südtirol kommt auf 80 Prozent, Frankreich und die Schweiz hängen mit 19 Prozent im Vergleich hinterher, Bayern schafft gerade mal 13 Prozent. Noch ist der Schneimeister kein offizieller Beruf, doch bieten der Fachverband Seilbahnen und eine Tochtergesellschaft des Österreichischen Wasser- und Abfallwirtschaftsverbandes (ÖWAV) seit 2008 Kurse an, in denen sich alles um die künstliche Schnee-Erzeugung dreht. Dort verzeichnet man gestiegene Teilnehmerzahlen, rund 500 Interessierte habe man seit der Premiere 2005 fortgebildet, weiß Andreas Gaul vom ÖWAV. Die Anforderungen würden immer komplexer, längst stünden die Schneimeister nicht mehr im Schatten ihrer liftelnden Kollegen. In Südtirol und auch in Österreich verleiht man mittlerweile Auszeichnungen an die besten Schneimeister. Im Mai 2011 konnte das Team aus Kitzbühel die Ehrung des Fachportals www.skiareatest.com einheimsen.

Andreas Brandtstedter ist einer von Schwaigers Getreuen, meist findet man ihn in einer der Beschneiungszentralen. Wohlig warm ist es hier, Brandtstedter starrt auf einen Flachbildschirm, der eine Berglandschaft mit bunten Punkten zeigt. „Ich kann die Schnee-Erzeuger einzeln anwählen“, sagt der Schneimeister und klickt einen der Punkte an. Es erscheint ein Fenster mit Zahlenkolonnen. „Hier wird Temperatur und Luftfeuchtigkeit angezeigt, ich kann von hier aus jede einzelne Maschine starten, stoppen und die Schneequalität verändern“, so Brandstedter. Schneimeister herrschen über eine gewaltige Infrastruktur. Schneelanzen und -kanonen sind nur die auffälligsten Bestandteile einer Beschneiungsanlage. In den Bergen über Kitzbühel hat man in den vergangenen Jahren dutzende Pumpen montiert, zig Kilometer Wasserleitungen vergraben und gewaltige Speicherteiche aufgeschüttet. Kostenpunkt: jährlich zweistellige Millionenbeträge.

Um die künstliche Schneeerzeugung hat sich mittlerweile eine ganze Indus-trie gebildet, Unternehmen wie der Weltmarktführer TechnoAlpin aus Bozen bieten mittlerweile nicht nur die Endgeräte an, sondern übernehmen die Planung und Errichtung schlüsselfertiger Anlagen. TechnoAlpin-Gründer Georg Eisath kaufte vor zwei Jahren gar das Skigebiet Karersee nahe Bozen und brachte die Pisten auf den neues-ten Stand der Beschneiung. So schuf er nicht nur eine Bestandsgarantie für das familieneigene Hotel, sondern errichtete gleichzeitig einen Showroom für Schneekanonen.

Effizienz ist gefragt

Schneimeister müssen präzise arbeiten, um die Natur möglichst wirtschaftlich zu imitieren, entscheidend sind vor allem Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Grundsätzlich gilt: Je kälter und trockener die Luft, desto besser bilden sich die feinen Schneekristalle. Umweltschützer kritisieren immer wieder den Verbrauch von Wasser und Energie, der bei der Schneeproduktion anfällt. Detaillierte Vorschriften regeln, wann und wie viel Wasser in Form von Kris-tallen auf den Pisten landen darf. Schneimeister müssen neben der Technik auch Ökologie und Wasserwirtschaft im Auge behalten. Teuer kann es die Liftbetreiber zu stehen kommen, wenn der Kunstschnee vom Wind verblasen wird oder eine Schneekanone sich selbst zuschneit. Doch selbst, wenn alles nach Plan läuft, fallen laut Hans Peter Schwaiger 10 bis 15 Prozent des Wassers dem Wind oder vorzeitiger Verdunstung zum Opfer. Pro Saison gibt man in Kitzbühel zwischen fünf und sechs Millionen Euro für die laufende Schneeproduktion aus, der Löwenanteil des Geldes geht für den Strom drauf. „Bis Weihnachten muss in jeder Saison die Hauptbeschneiung abgeschlossen sein“, sagt Schwaiger. Ein knapper halber Meter Schnee mittlerer Qualität diene als Grundlage, dieses Ziel erreiche man binnen drei frostiger Tage. Später wird regelmäßig mit besonders pulvrigem Weiß nachgebessert. Aus Sicht der Wintersportorte ist dieses Vorgehen alternativlos: Wenn der Schnee ausbleibe, wanderten auch die Gäste ab. Und das betrifft immer mehr Destinationen. Klimaforscher prognostizieren, dass in den kommenden Jahrzehnten nur noch Skigebiete über 1.500 Meter genug Schnee haben werden.

Haltbar und einfach zu präparieren

Aber für Kitzbühel gibt es auch positive Nachrichten: Hier führen die Pisten über Almwiesen, deshalb wird nicht so viel Schnee benötigt wie anderswo. Außerdem ist der Kunstschnee robus-ter: „30 Zentimeter Kunstschnee entsprechen einem Meter Naturschnee“, sagt Hans Peter Schwaiger. Deshalb seien künstlich beschneite Pisten haltbarer und besser zu präparieren.

Den Klimawandel streitet auch der oberste Schneimeister nicht ab, doch die Folgen für Kitzbühel bewertet er anders. „Es stimmt nicht, dass der Schnee weniger wird“, sagt Schwaiger, während er in seinem Kaffee rührt. Seit 100 Jahren zeichne man die jährlich fallende Menge der weißen Pracht in Kitzbühel auf. „Allerdings nehmen die Wetterextreme meinem Gefühl nach zu.“ Mal komme der Naturschnee in rauen Mengen, mal bleibe er länger aus. Die Aufgabe der Schneimeister bestehe darin, diese Schwankungen auszugleichen und gleichzeitig die gestiegenen Bedürfnisse der Gäste zu befriedigen. Wie es im Skigebiet ohne die Armee von Schneekanonen und die Künste der Schneimeister aussehen würde, macht ein Blick quer über das Tal zur markanten Pyramide des Kitzbüheler Horns klar. „Das ist unser Naturschneegebiet“, sagt Schwaiger. Im Januar 2011 ist dort an Skifahren nicht zu denken, auf der braunen Westflanke des 2.000 Meter hohen Berges verlieren sich nur noch wenige weiße Flecken.

Ortswechsel: 200 Kilometer westlich von Kitzbühel liegt das Pitztal. An dessen Ende, umrahmt von den Dreieinhalbtausendern der Alpenhauptkette, thront der gleichnamige Gletscher. Das Skigebiet fängt auf knapp 2.700 Metern Höhe an. Früh in der Saison kommen die Rennläufer zum Training, viele Stammgäste schätzen die Schneesicherheit. „Altitude matters“ – „Die Höhe entscheidet“: Mit diesem Slogan werben die Verantwortlichen für ihr Skigebiet, dessen Trumpf noch immer der Eispanzer ist. Von ewigem Eis zu sprechen, wäre angesichts des Rückzugs der Gletscherzunge in den letzten Jahrzehnten vermessen: Mehr als 300 Meter Geröll liegen mittlerweile zwischen der Talstation Gletschersee und der Zunge des Eisriesen. Das macht den Job für die Schneimeister im Pitztal besonders haarig – die Schneekanonen können auf dem windigen Hochplateau nicht genug Schnee produzieren, um den aufgewühlten Fels komplett zu bedecken.

Technik aus der Minenkühlung

Vor einigen Jahren war man mit dem Latein am Ende. Heute dagegen zieht sich schon im Herbst ein weißes Band durch die Mondlandschaft zur Talstation. Zwei Männer verrichten in einer Schneizentrale ihren Job, der mit Nähe zur Natur nur wenig zu tun hat: Statt draußen Schneekanonen zu kontrollieren, blicken sie auf Kontrolllämpchen, Verteilerkästen und Flachbildschirme. Nebenan tut mit Getöse ein turmhohes Maschinenmonster seinen Dienst, das aussieht, als hätten sich ein Weizensilo und der Sicherheitskern eines Atomreaktors gepaart. Der „Snowmaker“ ist die Rettung des Pitztals. Ursprünglich von israelischen Ingenieuren für die Klimatisierung höllenheißer Diamantenminen in Afrika erdacht, erwies sich für die Macher im Pitztal vor allem das dabei anfallende Nebenprodukt als interessant: Schnee.

„Nach dem Jahrhundertsommer 2003 haben wir uns mit Kollegen von den anderen Gletschern beraten und anschließend die besonders frequentierten Flächen mit Vlies bedeckt“, berichtet Willi Krüger, Prokurist bei den Pitztaler Bergbahnen. „Aufgrund des Medienechos trat die Firma IDE auf uns zu und berichtete von ihrer Anlage.“ Nach einem Besuch in Israel und der Begutachtung des Schnees habe man dann eine Maschine geordert, und weil die Israelis auch an der Werbewirkung interessiert waren, gab es den Snowmaker zum Vorzugspreis. Die Schneimeister im Pitztal, bis dato nur mit herkömmlichen Anlagen vertraut, eigneten sich in Seminaren das Wissen für den Betrieb des „Snowmakers“ an. 1.000 Kubikmeter Schnee täglich rauschen im Herbst über eine Rampe aus dem Silo, um die „Prothese für die Piste“ zu bauen, wie das Internet-Portal Spiegel Online titelte. Mittlerweile steht ein weiterer Snowmaker am Theodulgletscher in Zermatt, und auch im russischen Sotchi dürften sich die Schneimeister bald mit der gigantischen Anlage vertraut machen – ein Snowmaker könnte die Olympia-Pisten für die Spiele 2014 sichern.

Zurück in Kitzbühel: Die Marketingstrategen der Bergbahnen haben längst erkannt, wozu Mensch und Maschinen mittlerweile fähig sind. „Dank Frau Holle doppelt schneesicher“ – zu lesen ist dieser Werbeslogan seit der vergangenen Saison auf den Plakaten, Pistenplänen und der Website. Das simple Sätzchen offenbart, dass sich in vielen Skigebieten der Alpen in den vergangenen Jahren ein Paradigmenwechsel vollzogen hat: Mittlerweile bildet der Schnee aus Lanzen und Kanonen die Pflicht, das natürliche Pendant nur noch die Kür.

„Ostern ist für uns kein Thema“, sagt Hans Peter Schwaiger selbstbewusst. Und auch die Abfahrt auf der Streif findet wenige Tag später statt. Einen Schrecken jagt den Veranstaltern kurz vor Rennbeginn aber Frau Holle persönlich ein. Die unberechenbare Dame schickt mehr als 20 Zentimeter Neuschnee vom Himmel, den die Hundertschaften des Bundesheeres im Dauereinsatz aus der Strecke schieben. Die Schneimeister dagegen können sich endlich eine Pause gönnen – vorerst.

neuer_name
Die im Pitztal zur Schnee-gewinnung verwendete Technologie wurde ursprünglich zur Kühlung von Diamantminen in Afrika entwickelt.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat

Events

18.10 – 20.10.2019
Stubaier Gletscher – Snowpark Opening
19.10 – 20.10.2019
Pitztaler Gletscher - Ski & Show
23.10 – 17.11.2019
Stubaier Gletscher - Prime Park Sessions
25.10 – 27.10.2019
Sölden - FIS Skiweltcup Opening
09.11 – 10.11.2019
Alpinmesse Innsbruck
16.11 – 17.11.2019
Stubaier Gletscher - SAAC Basic Camp
20.11 – 23.11.2019
Stubaier Gletscher - FIS Freeski World Cup
23.11 – 30.11.2019
Sulden - SkiMAGAZIN Skitestwoche
24.11 – 30.11.2019
Pitztal - 50. Ski Opening Westdeutscher Skiverband
26.11 – 08.12.2019
Stubaier Gletscher - Prime Park Sessions
28.11 – 01.12.2019
Stubaier Gletscher - SAAC 2nd Step Camp
11.12 – 15.12.2019
Pitztaler Gletscher - Europacuprennen der Behindertensportler
13.12 – 14.12.2019
Lech am Arlberg - Snow & Safety Conference
20.12.2019
Pitztaler Gletscher - Rifflsee Vertical 2.300
10.01 – 11.01.2020
Stubaier Gletscher - Gourmetnacht Dine & Wine
15.02.2020
Stubaier Gletscher - Gourmetnacht Dine & Beer
29.02 – 01.03.2020
Kaunertal - Snow How Workshop Lawine
05.03 – 07.03.2020
Pitztaler Gletscher - Wild Face
14.03.2020
Stubaier Gletscher - Champagner Brunch Schneekristall
14.03 – 15.03.2020
Kaunertal - Freeride Days
21.03 – 29.03.2020
Pitztaler Gletscher - Genusswoche
21.03 – 22.03.2020
Kaunertal - Freeride Testival
28.03 – 04.04.2020
Hintertuxer Gletscher - Kölsche Woche
03.04.2020
Hintertuxer Gletscher - Open Air
17.04 – 18.04.2020
Pitztaler Gletscher - Wein & Genuss
23.04 – 26.04.2020
Sölden - Wein am Berg
01.05.2020
Pitztaler Gletscher - Vertical 3.440