Skiunterricht 4.0: So funktioniert moderner Skiunterricht

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Moderner Skiunterricht ist vor allem erlebnisorientiert.
© DSLV
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Moderner Skiunterricht ist vor allem erlebnisorientiert.
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In Reih und Glied am Hang stehen und dem „Gott in Rot“ bei seinem Vortrag über die richtige Skitechnik lauschen – das war einmal. Moderner Skiunterricht wird im Wortsinne mit allen Sinnen erfahren. So machen auch gute Fahrer noch einmal Fortschritte

„Vielleicht sollte ich mal wieder einen Skikurs machen!“ Diesen Gedanken hatten sicher schon viele von uns in den vergangenen Jahren. Die Technik auf taillierten bzw. Rocker Ski hat man noch nicht so verinnerlicht, nach einem halben Tag neigt sich die Kraft dem Ende, die Buckelpiste muss man nach vier weniger erfolgreichen Kurven verlassen und den Tiefschneehang hat man die letzten paar Male zur Belustigung der Sesselliftfahrer immer als Schneemann verlassen. Eigentlich gute Gründe, um sich mal wieder von einem Profi ein paar Tipps zu holen, aber unsere wertvollen Tage mit rumstehen und in der Schlange fahren zu verbringen, darauf haben wir keine Lust.

Dabei hat sich im modernen Skiunterricht in den letzten Jahren einiges getan. Lernen sieht anders aus und fühlt sich anders an. Die wenigsten wollen heute noch schön in einer Reihe stehen, den Ausführungen des Skilehrers lauschen, seine Demonstrationsfahrt bewundern und sich dann die eigenen Fehler beim parallelen Grundschwung aufzählen lassen. Der heutige Kunde will möglichst schnell seine gesteckten Ziele erreichen und dabei auch noch etwas erleben. Das schafft moderner Skiunterricht durch variable und herausfordernde Aufgabenstellungen, effektive Organisation und motivierende Vermittlung. Der Kurstag wird zum Erlebnis und steht damit einem Urlaubsskitag in nichts nach. Im Gegenteil, für das gleiche Erlebnis wird man am Ende des Tages sogar noch mit deutlich besserem Skifahren belohnt.

Kundenwünsche im Fokus

Im Zentrum modernen Skiunterrichts stehen die Wünsche des Kunden und die vorherrschende Situation. Dabei geht es weniger darum, definierte Techniken zu schulen und zu trimmen, als vielmehr um die Vermittlung der entscheidenden Bewegungsfähigkeiten und –fertigkeiten, um den Schüler später in verschiedensten Situationen nachhaltig handlungsfähig und souverän zu machen. Es geht um die optimale Bewegungsanpassung an die vorherrschende Situation und die individuelle Optimierung der Bewegungsabläufe.

Der Erfahrungsschatz eines Skifahrers bestimmt, wie genau Bewegungen, Körperstellungen, Beschleunigung, etc. wahrgenommen und gesteuert werden können. Daher ist das primäre Ziel beim Bewegungslernen, möglichst umfangreiche Bewegungserfahrungen zu machen und einen größtmöglichen Erfahrungsschatz aufzubauen. Dies gelingt umso besser, je größer die Reizunterschiede zwischen den einzelnen Bewegungserfahrungen sind. Wenn wir ehrlich sind, ist unsere Buckelpistenperformance aber nicht gerade berauschend, weil wir uns kaum einer Buckelpiste stellen und auch nicht wissen, wie wir uns herantasten sollen. Das Tiefschneefahren wird einfach nicht besser, was aber auch schwierig ist, wenn wir immer auf der Piste bleiben und uns wegen Unsicherheit und mangelnder Stabilität auch nicht in den Tiefschnee trauen. Hier kommen nun die Vorteile eines gut strukturierten und abwechslungsreichen Unterrichts zur Geltung. Ein Profi weiß, wie er seine Schüler optimal auf Buckelpisten oder Tiefschneehänge vorbereitet. Nur wenn vielfältige Bewegungsaufgaben, unterschiedliche Erfahrungssituationen mit Geländeformen, Parcours und Spiele sinnvoll angeboten und ausgenutzt werden, erweitert der Lernende schnell und effektiv einen Erfahrungsschatz und wird später erfolgreich die gestellten Herausforderungen meistern.

Bewegungserfahrungen sammeln

Nur wer sich eingehend mit der Vermittlung des Skisports befasst kann optimale Lern- und Trainingssituationen schaffen und die Aufgaben auf vorherrschende Situationen perfekt abstimmen. Wie moderner Unterricht vorgeht und warum es sich lohnt, einen Kurs zu buchen, kann man schön am Beispiel Tiefschneefahren verdeutlichen. Wer kennt das nicht, Freunde überreden einen doch mal mit in den Tiefschnee zu kommen weil das so viel Spaß macht. Natürlich ist es ein langer und etwas steilerer Hang, weil es da am besten geht. Nach dem Tipp „Einfach laufen lassen!“, sind auch schon alle weg. Unten stehen sie dann und warten, weil ich den Tipp befolgt, dabei die Kontrolle und anschließend die Hälfte meines Materials verloren habe. Bis ich unten bin, sind fünfzehn Minuten vorbei, ich habe ein paar schlecht gelaunte Freunde mehr, eine Skibrille voll Schnee, bin total nassgeschwitzt und meine Motivation für ein weiteres tolles Tiefschneeerlebnis hält sich in Grenzen.

Blind durch den Pulverschnee

Ein guter Skilehrer weiß worauf es beim Tiefschneefahren ankommt und erarbeitet mit seinen Schülern erst einmal die wichtigsten Bewegungserfahrungen, die sie später zur erfolgreichen Tiefschneeabfahrt benötigen. Im einfachen Gelände direkt neben der Piste gewöhnen sich die Schüler in kleinen Tiefschneepassagen durch Geradeausfahrten an den erhöhten Gleit- und Reibungswiderstand. Durch leichtes Wippen erfährt der Kursteilnehmer, dass der Verdichtungseffekt eine Entlastungshilfe für das spätere Kurvenfahren sein kann. Eine engere Beinstellung vergrößert die Flächenwirkung und damit den gleichmäßigen Auftrieb beider Ski. Ebenso lässt sich hier erkennen, dass das häufig propagierte „hinten reinhängen“, den Anstellwinkel der Ski stark erhöht, dadurch den Widerstand vergrößert und das Gleiten und Kurvenfahren erschwert anstatt es zu erleichtern. Natürlich können Sie das auch alles nachlesen und alleine machen, aber tun Sie es denn auch und würde es Ihnen Spaß machen? Durch Bewegungs- und Gefühlsaufgaben, Partnerübungen oder kleine Spiel- und Wettkampfformen sorgt ein Skilehrer in einem Kurs ständig für Abwechslung und neue Herausforderungen. Das Lernen geschieht quasi unbewusst – Erlebnis und Motivation stehen im Vordergrund. Oder wären Sie auch auf die Idee gekommen, mal unter Begleitschutz eines anderen Kursteilnehmers kurze Stücke blind durch den Pulverschnee zu fahren, um sich einmal ganz auf die muskulären Empfindungen einzulassen? Es ist nicht die Aufgabe allein – es ist die Kunst die Aufgabe zu einer Herausforderung zu machen, die den Schüler nicht überfordert.

Feedback mit Videoanalysen

Das Tiefschneefahren hat noch keiner auf der Piste gelernt, aber es gibt wertvolle Fertigkeiten, die man hier viel leichter erlernen kann und die einem das Leben später im Tiefschneehang enorm erleichtern. So geht es darum, die richtige Position zu finden und das Hoch- und Tiefgehen für den Tiefschnee zu erwerben – und zwar auf der Piste, da der Kursteilnehmer dort deutlich einfachere Verhältnisse vorfindet und sich voll auf die Bewegungen konzentrieren kann. Hier werden weitere Technikhilfen, wie zum Beispiel der Block, das Jetten oder das Andrehen vermittelt, die später das Tiefschneefahren erleichtern können. Im Tiefschneehang kann man die erlernten Fertigkeiten umsetzen, da die entsprechenden Bewegungsmuster schon bekannt sind und erhält vom Profi wertvolle Tipps zur Spur- und Tempoanlage. Optimierungsmöglichkeiten im Bewegungsablauf werden erkannt, durch entsprechendes Feedback und direkt dazu passende Aufgabenstellungen umgehend umgesetzt. Durch die richtige Geländewahl wird das Tiefschneefahren endgültig zum Erlebnis. In vielen Kursen ermöglichen Videoanalysen direkt am Hang oder am Abend einen effektiven Abgleich von Innen- und Außenansicht und der Skilehrer kann seinem Schüler hier noch einmal verdeutlichen, wo er Verbesserungspotential sieht.

Variable und herausfordernde Aufgabenstellungen

Moderner Skiunterricht wird also geprägt von zwei Lernkategorien. Die situative Kategorie des Erarbeitens und Erwerbens für die Situation, die sich zielgerichtet mit dem Anwenden und Verbessern in der Situation abwechselt. Diese Kategorien finden sich auf allen Lernebenen, egal ob Anfänger oder Könner, Kind oder Erwachsener. Das bedeutet, zunächst wird Bewegungsgefühl in relativ flachem Gelände, bei relativ langsamem Tempo aufgebaut und entwickelt und dann wird immer wieder an der Umsetzung des Gelernten in der Situation gefeilt. Variable und herausfordernde Aufgabenstellungen, die alle Lerntypen und alle Sinne ansprechen, motivieren und fördern unbewusstes und erlebnisreiches Lernen.

Die Technik, um erfolgreich Situationen meistern zu können ist nur Mittel zum Zweck und stellt nicht den Mittelpunkt eines modernen Skikurses dar. Gerade im Unterricht mit Kindern wird das deutlich. Ihnen bereitet nicht die perfekte Außenskibelastung bei den ersten Pflugkurven Freude, sondern dass sie es geschafft haben die Stangen beim Slalomrennen zu umfahren oder Hui Buh, dem Schlossgespenst, beim Spiel auszuweichen. Ob sie ihre Kurve durch Aufkanten und Belasten des Außenskis oder Vorausdrehen des Oberkörpers fahren, erleben sie gar nicht bewusst – aber wenn sie später einmal im Tiefschneehang fahren, dann werden sie sich unbewusst wieder daran erinnern, dass ihnen das Vorausdrehen des Oberkörpers schon einmal bei einer Kurve geholfen hat.

Moderner Skiunterricht schafft also optimale Lernsituationen in denen jeder Schüler angstfrei und erlebnisreich möglichst große Bewegungserfahrungen sammeln kann. Am Hang stehend Skitechnik-Referate zu halten und ein isoliertes Technik-Leitbild vorzugeben, war gestern. Angeleitet von einem Profi selbst Erfahrungen im Schnee sammeln, schnell Fortschritte machen und dieses Erlebnis mit anderen teilen, ist heute.

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