Talente: Der lange Weg in den Kader

Aufstrebende junge Talente gibt es viele. Doch was trennt auf dem Weg zum Profi die Spreu vom Weizen? Muss man gar mitten in einem Skigebiet geboren sein, um im Verlauf der Karriere Weltmeister oder Olympiasieger werden zu können? Eine Geschichte von kleinen Skiclubs und kleinen Schritten, die zu etwas Großem ­werden können? Eine Geschichte von kleinen Skiclubs und kleinen Schritten, die zu etwas Großem werden können

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Von den ersten Wettkämpfen (l.) bis in den ­Auswahlkader des DSV ist es oft ein langer Weg.
© Imago, Privat

Text: Nicola Förg

Der Lift ist kurz. Das Lifthäusl wirklich nur ein Häusl. Der zugehörige Ilgenlift erschließt jedoch einen Hang, der eine gute Neigung hat und ein paar Geländeübergänge. Alle Kids zwischen Schongau, Rottenbuch und Steingaden lieben ihn, der „Ilgen“ ist Kult. Die angrenzenden Gemeinden liegen im Pfaffenwinkel, wo die sanft wellige Voralpenlandschaft in jene Berge blickt, die mal anthrazitfarben, mal schneeweiß den Horizont begrenzen. Was die Tourismuswerbung als anmutig anspricht, da einem die Berge nicht allzu sehr auf den Pelz rücken, ist für aufstrebende Skikids eher nachteilig, oder? Hat man nicht immer den Eindruck, dass jene Skifahrer später mal Medaillen sammeln, die quasi mitten in ­Skigebieten auf-gewachsen sind, wo Mama und Papa ­Hüttenwirte waren oder zumindest Hoteliers? So wie bei der legendären Christa Zechmeister, die 1973/74 den Slalomweltcup gewann und mit 16 zur jüngsten Weltcupsiegerin wurde. Die Geschwister fuhren auf ihren Ski zur Schule, während der Papa lieber die Bahn laufen ließ, die Jennerbahn. Papa war Maschinist und die Familie Zechmeister wohnte auf der Mittelstation. Oder die kanadischen Janyk-Geschwister, deren Mutter Andree sich noch auf Whistlers Skipisten tummelt, als die Geburt schon quasi losging. Das sind die Geschichten aus denen Helden entstehen.

Spätestens seit Katja Seizinger weiß man, dass es auch anders geht. Ein Fritz Dopfer lehrt, dass man kein Hüttenwirtsohn sein muss, um Erfolg zu haben. Aber die Wege sind anders, länger, und Skimärchen beginnen häufig ganz klein. Am Ilgenlift zum Beispiel. Hier befindet sich das Heimrevier des Skiclubs Lauterbach. Lauterbach ist ein Weiler mit lauter Ski-„Narrischen“. 1987 gründete sich der Skiclub. Hans Eirenschmalz war Gründungsmitglied, die ganze Familie besteht nur aus Ski-„Maniacs“. An guten Tagen trainieren hier bis zu 50 Kinder. „Wenn wir quasi vor der Haustüre trainieren können, dann sind alle dabei. Wenn wir nach Seefeld fahren, ist das nur noch ein harter Kern von 12 bis 15“, sagt Eirenschmalz.

Der letzte Winter gönnte dem Lift 36 Skitage – immerhin –, und er belohnte den SC Lauterbach mit dem Gesamtgewinn des Kreiscups, der aus fünf Kinderklassen, vier Schülerklassen und zwei Jugendklassen besteht. In Ermangelung einer Beschneiungsanlage muss man ausweichen, an den Steckenberg in Unterammergau, an den Kolben in Oberammergau oder eben nach Seefeld in Tirol.

Ohne Eltern geht nichts

Wenn Eltern nicht wie Taxiunternehmer wären, wenn der Rundruf zu den Fahrgemeinschaften, nicht so gut klappen würde, dann wäre Stille am Hang. Wenn nicht die Bereitschaft bestünde, eben lieber in Ski und Equipment als in den neuen Fernseher zu investieren, wären die Lauterbacher Kids eben nicht so schnell. Wenn nicht 25 Leute so ein Kreiscup-Rennen hinter den Kulissen mit-gestalten würden – am Berg, am Lift, in der Zeitmessung, bei der Verpflegung –, wären das keine Wettbewerbe, die ebenso reibungslos laufen wie bei den Großen. Dass der Skiclub auch noch einen Nachtparallelslalom austrägt und an Steingadens Schule die Winterskitage macht, das verschweigt ein Hans Eirenschmalz bescheiden. „Mei, das ist eben unser Leben. Wir wollen, dass die Masse mitkommt.“ Da wird seine Frau auch sehr vehement. „Wir klatschen auch noch für den Vierzehnten. Wir feiern jeden und die, die sich berechtigte Hoffnung auf den Sieg gemacht haben und dann doch „nur“ Dritter wurden, gratulieren den Gewinnern.“ Sie tun das, nicht weil sie müssen, sondern weil in diesen Kids wirklich Teamgeist und Begeisterung steckt. Die Großen leben es vor. Fünf Euro kostet der Skiclub im Jahr zuzüglich 20 Euro Betreuungsgeld pro Kind. Eine geradezu lächerliche Summe im Prinzip, aber eine, die jeder stemmen kann. Das ist den Lauterbachern wichtig, um allen Kindern Zugang zum Sport zu gewähren.

Ja, die Masse, die viel besungene Basis, die man beim Deutschen Skiverband ja lange gefordert hatte, die kommt aus den Clubs. Und von den Eltern. Tissy Pohlus, hauptberuflicher Trainer im SC Starnberg, sagt: „Ich glaube, das Wichtigste ist, die Eltern mitzunehmen. Bisher bekommen wir in Deutschland sogar mehr Kinder aus Nichtskifahrerfamilien!“ Das erfordert gestandene Trainerpersönlichkeiten, die ein hohes Maß an Kommunikation und Diplomatie beherrschen. „Ich sehe meine Aufgabe zu 40 Prozent am Hang, zu 60 Prozent außerhalb. Natürlich schaue ich auch abends bei einer Familie vorbei, wir müssen eine gemeinsame Idee haben. Eltern hinterfragen das Berufsziel ‚Skifahrer‘ berechtigt auch skeptisch. Du musst quasi auch die Eltern anfixen!“

Sie müssen es mittragen, dass die Kinder von den Kreiscup-Erfolgen auf die Gauebene gelangen, so wie das Andrea Filser einst gelungen ist. Sie kommt aus der Wildsteig. Dem Ortsunkundigen sei erklärt: Die Wildsteig ist so was wie Bayerisch Sibirien und das ist – bitteschön – nur ausgesprochen positiv gemeint. Wenn es nämlich rundum grünt, liegt in der Wildsteig Schnee. Kein Schneeloch, sondern ein Schneekönigdorf. Mit einer Andrea, die immer nur eins wollte: „Ich wollte schon im Grundschulalter Skifahrerin werden. Wie Martina Ertl, mein Vorbild als Kind.“ Andrea ging aufs Gymnasium in Schongau und fuhr Ski in Unterammergau, wo sie mit dem Papa als Trainer, mit den Brüdern und drei anderen Kindern aus dem Ort trainierte. Später ging’s nach Garmisch. „Es waren zwei Faktoren, die unglaublich wichtig waren. Zum einen sind wir ein echtes Familienunternehmen gewesen, da hat mich auch mal einer der Brüder gefahren. Ich hatte allen Rückhalt von daheim. Und zum zweiten wäre eine Karriere ab dem Schüleralter ohne den DSV nicht zu stemmen gewesen“, sagt die heutige B-Kader-Fahrerin. Aber eines ist ihr ganz klar. „Von zwei Stunden Skifahren in Garmisch, wirst du nicht von alleine gut, du musst schon selber was dazutun. Ich habe von meinem Schülertrainer Bruno Vogt so viel mitbekommen, was ich auch zu Hause umsetzen konnte.“

Zielorientiert und bodenständig

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Hans Eirenschmalz unterstützt den ­Nachwuchs.
© Imago, Privat

Fast scheint es so, als wäre der Fokus klarer bei denen, die den Berg nicht so sehr auf dem Silbertablett serviert bekommen haben. „Wir sind das Fahren gewohnt“, lacht Andrea Filser, die heute der Sportfördergruppe der Bundeswehr angehört, zu Hause wohnt und auch weiterhin für den SV Wildsteig startet. Das ist ihr Herzens-angelegenheit und Ehrensache. Nach einem komplizierten Schienbeinbruch droht erst mal das „Aus“ in der jungen Karriere. Sie kämpft sich zurück, radelt rund um die wilde Wildsteig. Auch hier ist oftmals der Bruder dabei, auch hier ist die Familie immer da. „Wenn man so lange weg ist vom Ski, dann weiß man erst, was das Skifahren einem bedeutet. Da ist dann diese Euphorie. Endlich, ich darf wieder!“

Sie sind extrem fokussiert, bescheiden, zudem bodenständig und realistisch, diese Kinder des Voralpenlandes. Auch Schongau ist ja nicht gerade das Städtchen, das man in einem Atemzug mit Lech, St. Moritz oder Vail nennen würde. Aber Schongau hat Fritz Dopfer, und auch der startete am Steckenberg. „Ich hab in Unterammergau quasi gelebt, ich hab im Auto gegessen und Schulaufgaben gemacht.“ Die Mama, selber Lehrerin, sah es und trug es mit. Bloß als der kleine Fritz dann nach einem langen Skitag am Berg auch noch den Nachtskilauf mitnehmen wollte, war irgendwann mal Ende im Gelände. Bei Fritz Dopfer führte der Weg nach oben über einen Umzug nach Leutasch in Tirol und ins Skigymnasium in Stams. Natürlich tun das nicht alle Eltern, mal eben umziehen, aber wahrscheinlich stünde Fritz Dopfer aufgrund seines Talents auch mit einem Wohnsitz in Schongau heute da, wo er steht. „Sicher werden Weichen mit zwölf, dreizehn Jahren gestellt. Das ist die Zeit, wo du diese Bewegungen einübst, da muss die Technik sitzen, die du später abrufen kannst.“

Mit fünfzehn, sechzehn Jahren ist es zu spät, das bestätigen auch Andrea Filser und Tissi Pohlus vom extrem rührigen SC Starnberg. Pohlus geht noch weiter: „Die Weichen werden früh gestellt. Du wirst spätere Sieger auch auf Schülercup-Listen weit oben finden, die müssen nicht Erster sein, aber präsent. Man spürt früh, wer zielorientiert Ski fahren will. Was ist Spaß? Spaß ist es zu gewinnen! Ich glaube wir unterschätzen die Kinder, wenn wir ihnen nicht zutrauen, sehr wohl zwischen Wunschdenken und echter Zielorientierung unterscheiden zu können.“ Auch die extrem talentierte Kira Weidle vom SC Starnberg schrieb als Achtjährige ins Schulheft: „Ich will mal Skifahrerin werden.“

Nuancen entscheiden

„Skifahren ist einzigartig, wenn du das in dir trägst, wenn du es genießen kannst, welche Facetten dieser Sport bietet – vom Stangenfahren bis zum Gelände – dann willst du nichts anderes“, sagt Skirennläufer Fritz Dopfer. Wollen ist das eine, können das andere. Dopfer räumt durchaus ein, „dass natürlich Gesundheit, Umfeld und Material alles wichtige Bausteine sind. Wenn du ein paar Schülerrennen gewonnen hast, ist das noch kein Garant, im Weltcup erfolgreich zu werden.“ Was dazukommt, ist, dieses Quäntchen mehr zu wollen. „Wir sind momentan acht Athleten in der Weltcup-Truppe, alle extrem leistungsorientiert, der jüngste ist Jahrgang ’94, der älteste ’84. Die Jungen wollen schon zeigen, wer der Herr am Hang ist.“ Dopfer ist Slalom-­Vizeweltmeister, weil er Zeit hatte, sich zu ent-wickeln, und gelernt hat, Niederlagen wegzustecken. „Du brauchst diese Zeit, der Europacup ist etwas ganz anderes. Er ist eine gute Vorbereitung, aber die Hänge im Weltcup muss man er-fahren. Über Jahre.“ Was Dopfer auch musste, war, seine Startphase zu optimieren. Skifahren ist ein brutaler Sport, was dem Laien nie ganz klar ist: In einer Minute zwanzig ist alles vorbei. Beim Fußball hat man 90 Minuten, manchmal mehr, und ein Team. „Beim Skifahren musst du in kürzester Zeit viele Entscheidungen verdammt schnell und richtig treffen. Ich musste für mich vor allem am Start einen Tunnel kreieren, einen eigenen Weg für mich finden.“ Im Hochleistungsbereich geht es um Nuancen. „Es geht um die letzten fünf Prozent, nicht um die 95 Prozent, die da sind“, erklärt Ski-Experte Pohlus.

Dopfer hatte als Jungspund eher Boris Becker als Vorbild oder Fußballer, er ist aber heute Vorbild für viele junge Skifahrer und ist sich dessen bewusst. „Ich möchte die Kids bestärken, dass man Fehler machen darf, dass man sich ausprobieren darf und muss – und ich finde, der DSV liefert einem da eine hohe Durchlässigkeit, es nach oben zu schaffen.“ Skifahren ist „quasi eine Art zweite Ausbildung“, ergänzt Pohlus. „Wir lehren Sozialkompetenz, Teamgeist und Kritikfähigkeit. Ich kritisiere nur die, die ich mag und die mir wichtig sind.“ Das prägt fürs Leben auch außerhalb des Sports – und ist damit eben auch etwas, was beispielsweise Dopfer so einzigartig macht: Biss gepaart mit Bodenständigkeit. Er kokettiert nicht, wenn er findet, dass man durchaus ein paar Stunden Skifahren kann und dann noch studieren. Da seien doch noch genug Stunden übrig. Das Bachelor-Studium ist abgeschlossen, nun folgt noch ein Master. Das erzählt er den Kids in Lauterbach, die ihr Idol bewundern und die Autogramme hüten, während der Ilgenlift ohne Bügel ruht und auf die Jungviecher blickt, die da grasen. Während Andrea Filser Kilometer radelt und dabei lächelt: Er kommt, der Winter, für sie alle, die sie nur eins wollen: verdammt schnell sein – und auch noch Spaß dabei haben!

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 06 / 2015

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