Tierisch gestört – Perfekte Tarnung … ist der Beginn des Dilemmas

Skifahren! Die Berge! Die Luft! Das Panorama! Da wird man doch glatt eins mit der Natur! Oder?

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Ganz so einfach ist das leider nicht – denn oft ist Skifahren in Wahrheit ein Sport gegen die Natur. Gerade Tiere leiden weitgehend unbemerkt darunter. Einen optimalen Kompromiss gibt es leider nicht. Aber wer den sehr persönlichen Report unserer Autorin Nicola Förg liest, wird in Zukunft sicher bewusster Ski fahren.

Text Nicola Förg Bild Ammergauer Alpen GmbH/ Birgit Poessinger, Nicola Förg

Anfang der Achtziger Jahre: Ein ganz normaler Wintersonntag unterm Scheinberg in den Ammergauer Alpen. Über allen Gipfeln ist Ruh’. Ein Jeep mit einheimischem Kennzeichen steht am Parkplatz.

2012: Ein ganz normaler Wintersonntag unterm Scheinberg. Am Parkplatz stapeln sich etwa 40 Autos und eine Karawane zieht den Berg hinauf. „Mitte der Achtziger begann Skibergsteigen zu boomen, ein Insiderberg tauchte im ersten Tourenbuch auf, dann im nächsten, mehr Bücher, immer neue Routen wurden ersonnen.“ Meinhard Süß seufzt. Seit der Forstreform leitet er den Forstbetrieb Oberammergau, Teil der Bayerischen Staatsforsten, sein Revier reicht vom Säuling im Westen bis zum Wank im Osten.

Das Ammergebirge ist Deutschlands größtes geschlossenes aturschutzgebiet, und um es gleich vorneweg zu sagen: Süß ist kein Bergsportgegner, keiner, der den Tourismus verdammt. Er räumt sogar ein, „auf hohem Niveau zu jammern“, denn im Ammergebirge ist das natürliche Arteninventar noch komplett vorhanden – bis auf Wolf, Luchs und Bär. Vorhanden ja, bei bestimmten Spezien aber in einer Zahl, die nicht genügt, eine Art zu erhalten. „Es geht nicht darum, ob man Einzelindividuen durch Fütterung oder Schutzzonen retten kann. Die Aufgabe an uns lautet, die Art

geistig, genetisch und in ihrem Sozialverhalten fit und gesund zu halten.“ Dass der Mensch in Lebensräume in oft bedrohlicher Weise eingegriffen hat und eingreift, ist eine Binsenweisheit, und natürlich zählt auch der Sommer, aber der Winter ist dennoch ein Sonderfall. „Hier geht es um die Energie fürs Leben. Und damit um Tod oder Leben“, sagt Süß.

Unbesehen Schaden nehmen

Tarnen ist eine der beiden Strategien fürs Überleben (zum Beispiel durch Winterfarbe bei Schneehuhn, Hermelin, Schneehase). Dabei geht es um Feindvermeidung, und das meist in einem Energiesparmodus, bei dem die Körpertemperatur heruntergefahren wird. Besonders perfektioniert haben das die Rauhfußhühner, das Schneehuhn und das Birkhuhn – und genau damit beginnt ihr Dilemma. Während Birkhühner, die wie das Rotwild ihre Tal-Lebensräume verloren haben, im Waldbereich an der Oberfläche leben, graben sich Schneehühner ein. Das kostet Energie. Schneehühner arbeiten sich dann auf vom Wind freigewehte Kammlagen vor, um dort Futter zu suchen. Und dann donnern die Tourenskifahrer heran. Das Huhn flüchtet, sucht seine Höhle und verbraucht die Energie zum Leben. „Das Problem ist die Menge der Störungen“, sagt Süß. „Wenn da einmal im Monat einer rumfährt, ist das vertretbar, aber tägliche Tourengeher setzen den Tieren wirklich zu, und das Problem ist ihre unberechenbare Routenwahl. Wenn viele immer wieder das Gleiche machen, besteht für das Tier keine Brisanz“, sagt Süß. Man kann das beobachten: In Pistenskigebieten stehen Gämsen in den Felswänden unter den Gondeln. Weniger sichtbar, aber durchaus anwesend sind Wildtiere in den Wäldern direkt neben den Pisten. „Es ist erstaunlich, wie lernfähig Wildtiere sind. Sie müssen nicht flüchten.

Scheu macht sie nur der Jäger, der will ihnen an die Pelle. Die Wanderer und die Pistenskifahrer, die kanalisiert sind, sind keine Gefahr“, sagt Süß. Trotzdem wäre es kurzsichtig, auf den kritischen Blick auf Pistengebiete komplett zu verzichten. Ein brisantes Beispiel ist Vorarlberg, wo in den letzten Jahren Skigebiete massiv ausgebaut und zusammengeschlossen wurden. „Niemand hat etwas gegen Qualitätsverbesserungen in den Ski-gebieten“, sagt der Grünen-Obmann Johannes Rauch. „Aber was seit ein paar Jahren in Vorarlberg betrieben wird, ist ein systematisches Wettrüsten gegen den Konkurrenten und vor allem gegen die wild lebenden

Tiere.“ Rauch verweist darauf, dass das ständige Hineinfahren in neue, unerschlossene Landschaften die Wildlebensräume immer knapper werden lässt. Es ist nur klar, dass der Druck vor allem auf das Rotwild wächst, die Bejagung immer schwieriger wird und die Verbissschäden in den Schutzwäldern zunehmen. Waldschadensberichte sprechen schon davon, dass 50 Prozent der Vorarlberger Schutzwälder stark geschädigt und überaltert sind, weil die Jungbäume nicht mehr nachkommen. Leute wie Rauch stellen da schon mal eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf: die Kosten für Lawinenverbauungen, Murensicherungen und Schutzwaldsanierungen gegen die Einnahmen aus dem Tourismus …

Die Skifahrer – und zu denen zählt natürlich auch die Redaktion des SkiMAGAZINs – freut sich hingegen über aufstrebende Skigebiete, die statt 60 Kilometern nun 150 Kilometer haben und hört am Rande vielleicht mal in den Medien, dass Verbissschäden zunehmen und die Forstämter vermelden, dass die Jäger nicht mehr nachkommen mit dem Abschuss der bösen Beißer. Daraus folgt meist die Mutmaßung, dass ja dann genug von dem Viehzeug übrig sein muss. Aber genau das ist der Trugschluss. Die Tiere sind auf engste Lebens- und Fluchträume zusammengequetscht, weil der Mensch in seinem Freizeitverhalten immer weiter ausufert!

Vom offenen Land in die Berge

Die zweite Strategie zum winterlichen Überleben ist das Wandern, und die Dramatik der Situation kann man am Rotwild ablesen. Bis etwa 1850 lebte der große Pflanzenfresser im Flachland. Rothirsche waren eigentlich Offenland-bewohner, aber der Mensch hat sie immer weiter in den Bergwald zurückgedrängt. Dass ihre Ursprünge anderswo liegen, sieht man an dem großen Geweih, denn das ist ja eigentlich im Wald hinderlich. Sie haben sich angepasst, aber im Winter bietet der Bergwald zu wenig Äsung, so zieht das Rotwild in die Flussauen. Oder würde ziehen, denn Flussauen sind Fehlanzeige: bereinigt, von Straßen abgeschnitten, besiedelt. Was also tust du als hungriger Hirsch, der du auch noch Wiederkäuer und auf rohfaserreiche Nahrung angewiesen bist? Genau, du knabberst Bäume an und das aus Überlebenswillen. Und genau deshalb gibt es wiederum Wintergatter. Die Tiere erhalten artgerechte Nahrung aus Heu und Grassilage, Rüben und Kastanien als Schmankerl, um die Fütterung auch attraktiv zu halten. Gegner solcher Wildfütterungen stehen ja gerne mal wortreich auf, und manche verdammen die gierige, Profit-orientierte Forstwirtschaft. Aber darum geht es am wenigsten. Es geht um den Erhalt des Bergwalds als Schutzwald, als Vorbeugung vor der Erosion, und deshalb werden die Gatter auch erst geöffnet, wenn die Boden(!)vegetation wieder Nahrung bietet.

Es ist Januar im Graswangtal bei Oberammergau: Der Schnee fällt leise und stetig. Ein Mann mit einem Schlitten, hoch die Heuballen gestapelt, zieht durch den Schnee. Verteilt das Heu in Raufen. Greift eine Schubkarre mit dicken, fetten Rüben, wirft diese in den Schnee und zerteilt sie mit einem Spaten. Ruft. Und da! Ganz oben zwischen den Bäumen kommen die ersten. Ein Geweihträger dabei, der dreht aber wieder ab. Mit unglaublicher Eleganz streben nun Jungtiere den steilen Hang talwärts, traben in die Äsung. Die Zeit steht still, alle Blicke kleben am Waldrand. Da kommen die großen, zwei Sechzehnender, ein Vierzehnender. Einer ist ein wenig heller gefärbt als die anderen. „Der Dickelschwaiger“, sagt Gerhard Schwaninger, der Revierjäger, der die Tiere versorgt. Er kann die rund 90 Hirsche auseinanderhalten, die männlichen sowieso, denn ihr Geweih ist ein einzigartiges Erkennungsmerkmal. Die Tiere sind freiwillig hier, sie kommen im Frühwinter und haben weder Uhr noch Kalender. „Sie kommen nicht unbedingt mit dem ersten Schneefall, aber mit dem ersten großen Wintereinbruch. Diese Erfahrung, dieses Wissen geben die Mütter an die Kinder weiter, in zwei bis drei Tagen sind sie alle da.“

Fürs Rotwild hat der Mensch eine Strategie entwickelt. Gämsen aber, die oberhalb der Baumgrenze leben, nutzen die Verschneidungszone zwischen Wald und Kammlagen, auch sie müssen flüchten und verlieren Energie. Diese Depots füllen sie dann durch Abweidung der Schutzwälder auf den Südseiten auf. Der Gams hilft’s, dem Wald schadet das auch. Hier entsteht messbarer Schaden und eine hörbare Diskussionen, wo der eine oder andere Skifahrer auch mal aufhorcht.

Ein kleiner Bewohner aber verursacht gar keinen Schaden. So ein Schneehuhn ist ein hoch spezialisiertes Wildtier und leidet am meisten. Sein eng begrenzter Lebensraum und seine Überlebensstrategie ist sein Untergang. Der Freerider stellt zufrieden seine Fat Boys weg, ein geiler Tag war das. Für das Schneehuhn, das er aufgeschreckt hat, war es jedoch vielleicht der letzte …

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