Zwischen Vergangenheit & Zukunft

Ob verschlafene Traditionsgebiete in den Alpen oder marode Skidestinationen in Osteuropa – bei dem Sprung in die Moderne haben Skiresorts mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen zu kämpfen.

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Um das ukrainische Gebiet Tysovets (links) auf alpinen Standard zu bekommen, muss noch einiges getan werden. Das südtiroler Skigebiet Karersee hat den Sprung in die Zukunft geschafft – vor allem dank des Engagements eines Herstellers von Beschneiungsanlagen.

Doch die Märkte verändern sich. Unsere Autorin Nicola Förg wirft einen Blick über den Tellerrand.

Text Nicola Förg

Neue Skigebiete wird es in den Alpen keine mehr geben, wohl aber Zusammenschlüsse und massive Verbesserungen – immer in einem engen Rahmen von klaren Gesetzen und Umweltauf-lagen, die längst auch zum Verkaufsargument werden. Am Karerpass/Carezza dümpelte das Passskigebiet im alpinen Dornröschenschlaf: alte Lifte, unattraktive Pisten, oftmals schneelose Hänge. Eigentlich schade, denn landschaftlich gehört das Gebiet unterm Rosengarten zum schönsten und sonnigsten Zipfel Südtirols. Der Karerpass war einst eines der ersten Skigebiete in Südtirol, vor 62 Jahren zog als erste Aufstiegshilfe der Paolina-Lift Skifahrer bergwärts, bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert stiegen Kaiserin Sisi, Karl May, Winston Churchill oder Luis Trenker im Grandhotel ab. Aber dann kamen in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts finanzielle Probleme, Teile des Skigebiets schlossen, einige Eigentümer gingen pleite. Einer konnte es irgendwann nicht mehr sehen: Georg Eisath, Hotelier der Moseralm, Maschinenbauingenieur und Mitbegründer der Firma Technoalpin, die Beschneiungsanlagen herstellt. Er hat ein Gefühl für Schnee und für seine Heimat – und so wurde der Mann mehrheitlicher Anteilseigner der Liftanlagen in der Skiarena Carezza-Karerpass. Er baute neue Lifte, reduzierte zum Beispiel drei alte Schepperlifte auf eine 6er-Bahn und damit die Fahrzeit von 20 Minuten auf 4 Minuten. Er ließ neue Pisten anlegen. Er installierte 170 Schneekanonen, kaufte Pistenbullys und baute ein

Speicherbecken. Und weil Europa eben auch (und Gottseidank) Naturschutzrichtlinien hat, geht Eisath gleich noch einen Schritt weiter und hat das Pilotprojekt „Alpine Klimaskigebiete“ zusammen mit Arosa angeschoben. Der Energieverbrauch und Kohlendioxid-Ausstoß sollen gesenkt werden, Liftbetrieb, Pistenpräparierung und künstliche Beschneiung sollen energieeffizienter werden. Pistenraupen mit Verbrauchsoptimierung sparen bis zu 30 Prozent Diesel ein. „Die Bullys haben GPS, damit sie nicht doppelt fahren. Die Schneedecke wird gescannt, wo sie dicker ist, kann Schnee entnommen werden, der dahin geht, wo die Schneedicke geringer ist“, erläutert Eisath. Solarbetrieb bei Förderbändern, ein Energieteppich, wo das Trampeln von Skifahrern in Energie umgesetzt wird und Stand-by-Modus für Displays sind alles Mosiksteinchen im Sparpaket. Dass ein Lift auch einmal einfach steht, wenn keiner kommt, klingt banal, war aber lange nicht mehr Usus. Verkehrs-konzepte, um den Individualverkehr zu reduzieren, gehören zum Gesamtpaket und auch „neue, sparsame Lifte und hocheffiziente Beschneiungsanlagen mit starker Leistung sparen viel Energie ein“. Carezza benötigt nur eine Woche bei entsprechender Minus-temperatur (minus 5) im November, um das gesamte Gebiet zu bescheinen. Das ist die Ski-Zukunft, in der sich auch jene Gäste wohl fühlen, die eben über das Spaßprinzip hinausdenken.

Energieeffizienz als Luxusproblem

Darüber will man sich in der Ukraine keine Gedanken machen. Energieeffizienz ist ein Luxusproblem. Mit der Fußball-EM hat sich ein Tor geöffnet, die Welt hat auf die Ukraine geblickt, auch auf deren fragwürdiges Demokratieverständnis. Die Welt hat aber auch gesehen, wie groß die Sportbegeisterung ist, die Welt hat einmal auf die Landesnatur geblickt und realisiert, dass die Karpaten ein gewaltiger Bergbogen sind, wo immer schon Ski gefahren wurde. Ortstermin Kostino Krasya: Schon in Zeiten der Sowjetunion gab es einen Einsersessellift, der stand aber lange, die Sessel verschwanden. Dann tauchten Sessel auf, die bemalt wurden, ein neues Seil kam von irgendwoher, über einen unfahrbaren Weg wurde das Seil über den Boden gezerrt. „Jeder österreichische Lifttechniker wäre in Ohnmacht gefallen“, sagt Wolfgang Eder. Zur Inspektion eben dieses Skigebiets, das nun wieder auferstehen sollte, schepperte der nämliche Lift los. „Die Stützenabstände waren extrem lang, das Seil fasrig, ich dachte wirklich, dass ich hier eigentlich nicht sterben will“, lacht Eder. „Wir waren alle kasweiß, bloß Nasti, meine Mitarbeiterin, nicht. Die ist noch nie Lift gefahren und hatte somit keine Vergleichsmöglichkeiten.“

Wolfgang Eder war 2008 angetreten, das Skigebiet zu modernisieren. Seit sieben Jahren ist der Österreicher auch in der Ukraine tätig, seine Firma konzentriert sich auf die Entwicklung und Umsetzung internationaler Wintersportprojekte – von Planung bis Realisierung ganzjähriger Tourismusresorts. Eder machte einen Masterplan, „das ganze Gebiet erinnert von der Anmutung an den Gschwandtkopf in Seefeld.“ Investoren aus Kiew waren gefunden, lokale Bezugspersonen auch und es gab Skifahrer. „Die fahren freitags mit dem Nachtzug in Kiew los, sind am Samstag in der Frühe da und dann geht es ab mit alten Militärjeeps. Damit fahren die Leute auffi.“ Uns Mitteleuropäern erscheint die „Straße“ wie ein Bachbett, so tief und zerfurcht, bei uns ist so etwas definitiv unbefahrbar. Doch keiner hat Interesse am Straßenbau, die Jeeps würden ja ihren Job verlieren … „Als normaler Bergbewohner bist du fassungslos“, sagt Eder und eins ist klar: Ohne vernünftige Straßen, kein ernsthaftes Resort.

Mangelnde Einsicht, stehende Lifte

Doch das ist nicht das einzige Problem: Der Plan sah dann für die Skigebietsentwicklung einen Abwasserkanal vor, bisher erfolgte das „Abwassermanagement“ über einen Fluss. Was aber wenn 10.000 Menschen mehr da sind? Der Bürgermeister hatte in die Notwendigkeit eines Kanals absolut keine Einsicht.

Ein anderes Beispiel zum Thema Einsicht: Nur weil es in den Karpaten immer weiß ist, reicht das eventuell trotzdem nicht für eine Piste. So richtig an den Sinn von Beschneiung wollte niemand glauben. Oder in einem anderen Gebiet: Es existierte ein neuer Doppelmayr-Lift, leider aber wurde das falsche Pistengerät angeschafft, das im sehr steilen Gelände einfach nicht geeignet war – der Lift stand zwei Jahre.

Oder Slavsko, das zu Zeiten der Sowjetunion ein wichtiges Skigebiet war. Der Berg gehörte der Polizeigewerkschaft, man kaufte eine alte Bahn aus Ischgl. Aber noch bevor diese aufgebaut werden konnte, war sie quasi weg, verschollen, verschwunden. „Das Kernproblem aller Skigebietsentwicklung in der Ukraine sind momentan die absolut unklaren Besitzverhältnisse“, sagt Eder. „Besitzer vor der Ära Sowjetunion treten mit irgendeiner dubiosen Urkunde auf den Plan, es gibt etwa 100 unterschiedliche Besitzformen und das ist Investoren einfach zu unsicher.“ Eders Mitarbeiterin Nasti kann nur spekulieren. „Wenn die momentanen politischen Verhältnisse bleiben, wird es ein neues Grund- und Bodengesetz geben.“ Bis dahin ist unter allen Gipfeln Ruh, Projekte stagnieren in der Warteschleife. 2022 will sich die Ukraine für die Winterolympiade bewerben, ob es Zwangsenteignungen wie in Sotschi gibt, bleibt abzuwarten. Undurch-sichtig bleiben Skigebietsentwicklungen allemal: Das Stadtskigebiet bei Kiew, das zusammen mit Doppelmayr in den Startlöchern steht – als Ganzjahresberg mit Sommerrodelbahn – ist bestens geplant, aber es fehlt den Investoren die Rechtssicherheit.

Platzende Spekulationsblasen

Und nimmt man Bukovel, das einzige echte „ausgewachsene“ Skigebiet der Ukraine, dann ist es dort sehr problematisch, dass von höchster staatlicher Instanz immer wieder blockiert wird. Der Staat hat Forderungen, möchte Nachweise, Zertifikate, Bestätigungen, Schriftstücke. „Irgendetwas fehlt immer, man ist im Prinzip ausgeliefert“, sagt Nasti. Seien wir realistisch: Auch in den Alpen könnte man jeden Liftbetrieb lahm legen, denn auch dort würde man sicher einen Mangel finden. In Bukovel ist Wildwuchs, auch baulich, der Blick hinüber nach Bulgarien genügte, um die Folgen abzusehen. Als sich am zersiedelten Meer ein Überangebot an hässlichen Ferienimmobilien abzeichnete, verlagerte sich die Bauwut der Investoren ins Gebirge. Bansko, mit einem Skigebiet das gut mit den Alpenskigebieten mithalten kann, wurde zum Negativbeispiel für die spekulative Endphase eines Immobilienbooms. Phasenweise war im Städtchen jedes zweite Haus ein Immobilienbüro, die Appartements, die auf einer schlechten Wiese jenseits der Altstadt und jenseits des Flüsschens entstanden, wurden teilweise unbesehen gekauft. Aber dann platzte die Immobilienblase während der globalen Finanzkrise 2008. Derzeit steht jedes zweite Hotel in Bansko zum Verkauf, die Appartementbesitzer wollen abstoßen – viele Verkäufer und wenige Kaufinteressenten sind des Marktes Tod.

Bulgarien hat einen sehr restriktiven Umweltschutz und die Umweltschützer haben das neue Waldgesetz abgeschmettert. Es sollte ein neues Gesetz geben, das es vereinfacht, Waldgrundstücke umzuwidmen. Bisher ging das nur über lange Anträge und hohe Gebühren. Künftig sollten Investoren unbürokratisch und kostenlos Nutzungsrechte für Wald- und Wiesengrundstücke zur Errichtung von Skigebieten erteilt bekommen können. Im Hausskigebiet der Großstadt Sofia hatten die Betreiber erklärt, dass sie die Lift-anlagen im bevorstehenden Winter nicht in Betrieb nehmen, sollte die Regierung das Gesetz nicht in ihrem Sinne novellieren – und so fuhren die Hauptstädter trotz toller Schneebedingungen im letzten Winter nicht Ski. Die Situation eskalierte, am Ende war es das Veto des Präsidenten gegen die investorenfreundliche Novellierung. Die alten Lifte müssen stehen bleiben, der Ökologie-Ökonomie-Konflikt bleibt auch bestehen.

In allen Ländern des ehemaligen Ostblocks aber sieht man den Wohlstand der Leute und den unbedingten Willen skizufahren. In Bulgarien, in Rumänien, in der Ukraine.

„45 Millionen Einwohner der Ukraine, circa 1,5 Millionen Skifahrer, 10 Millionen, die sich einen Skiurlaub leisten können. Es bildet sich eine Mittelschicht, es gibt ein mitteleuropäisches Verdienstniveau, es gibt den zweiten Urlaub im Jahr“, konstatiert Eder. Da ist ein ungeheures Potenzial an Menschen, die gerne ohne die lästige Visa-Beantragung im eigenen Land skifahren wollen. Und so ist Eder längst der Mann des interkulturellen Tourismusmarketings. So lange die Entwicklungen in den Ländern stagnieren, macht es Sinn, die Menschen in die Alpen zu holen und auch mit dem Image des bösen Russen aufzuräumen. „Als wir die ersten 100 Ukrainer nach Bad Kleinkirchheim geholt haben, haben die Hotels wie verrückt Wodka eingekauft. Getrunken haben die Gäste begeistert österreichischen Wein.“ Das Verhältnis krankt an den Klischees, Kellner wenden sich bei russischsprachigen Gästen einfach ab. „In der Ukraine beschämt die Gastfreundschaft fast, mir ist das ungastliche Verhalten meiner Landsleute oft peinlich. Die Ukrainer sind eher bescheiden und nehmen sich sehr zurück.“ Sie mit der alpenländischen Gaudiburschen-Mentalität zu überrollen, wäre grundfalsch. „Dass die Österreich-Werbung aus Kiew rausgegangen ist, finde ich sehr kurzsichtig“, denn „die Russen“ kommen … in ihren Heimatländern und den Alpen!

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Eders Team besichtigt die ukrainischen Projekte Dragobrat und Blisvica. Auf knapp 2.000 m Höhe gelegen, gehören sie zu den schneesichersten Gebieten der Karpaten.

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