Bereit für einen gepflegten Saisonstart

Der Traum in weiß ist für Skifahrer ein jährlich wiederkehrendes Hochgefühl, wenn der Start in die Skisaison sich ankündigt. Ob erfahrene Pistencracks, abgezockte Freeski-Fans oder solche, die dem weißen Wahnsinn erst seit kurzem verfallen sind – jeder träumt davon, seine ersten Spur in den Schnee zu zaubern

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Bei jedem Ski wird die Kante belagsseitig 0,5 bis 1 Grad abgehängt. Damit der Ski besser greift, wird die Kante auch seitlich „hinterschliffen“, so das sich im Standard-Service ein Winkel von ca. 89 Grad ergibt. Im Rennlauf wird die Kante noch stärker hinterschliffen (bis zu einem Winkel von ca. 86 Grad). Diese Ski sind dann aus-gesprochen aggressiv.

Text Rainer Bommas Bild Florian Wagner, Wintersteiger, Holmenkol, Reichmann

Doch stopp. Hier muss der Autor die Träumereien jäh unterbrechen und ganz nüchtern festhalten, dass vor solch watteweichem Wunschdenken erst einmal ein paar harte Wahrheiten ans Tageslicht geholt werden müssen. Kann die Saison tatsächlich beginnen?

Ist der Körper entsprechend vorbereitet? Diese Frage wird aus dem positiv-subjektiven Empfinden des zur Selbstüberschätzung neigenden Skisportlers heraus wie selbstverständlich und ganz spontan mit „Ja“ beantwortet. Doch bei der darauf folgenden Frage nach der optimalen Vorbereitung des Sportgeräts meldet sich dann schon eher ein zarter Zweifel. Und beim genaueren Blick in die hintere Garagenecke oder in den dunklen Keller wird diese vage Unsicherheit oft schnell zur Gewissheit.

Trotz aller guten Vorsätze und dem festen Willen am Ende der Saison die Ski zum Service in die Werkstatt zu geben oder selbst Hand anzulegen, ist in den meisten Fällen natürlich nichts passiert: Rostige Kanten mit deutlichen Gebrauchsspuren und graue, ausgetrocknete Beläge, auf denen die nicht mehr in Bestzustand befindliche Piste der finalen Talfahrt sichtbare Zeichen hinterlassen hat, fallen dem Betrachter schon beim ersten oberflächlichen Blick ins Auge.

Mit derartigem Sportgerät aber zeichnet auch der körperlich gut vorbereitete Skifahrer nicht nur unschöne braune Spuren in den Schnee, sondern tut sich auch spürbar schwerer, dynamisch über die Piste zu carven, sicher den Steilhang zu meistern und schwerelos zu Tal zu schwingen. Der Traum in Weiß verliert ein wenig von seiner Leichtigkeit und seinem lichten Glanz.

Lohnende Investition

Natürlich wäre es besser gewesen, die Ski nach dem Saisonende in die fachkundigen Hände der Werkstatt-Mitarbeiter im Sportgeschäft seines Vertrauens zu geben und so bei einer sorgenfreien Übersommerung einen jederzeit möglichen Blitzstart bei überraschendem Schneefall hinlegen zu können. Diese Chance ist vertan. Aber noch ist es nicht zu spät, sein Material für den Saisonauftakt in Schuss zu bringen. Entweder selbst schleifen und wachsen, was aber nur sehr begrenzt möglich ist und gute handwerkliche Fähigkeiten sowie entsprechendes Werkzeug voraussetzt, oder besser vom Fachmann machen lassen. Diese Investition lohnt sich, denn:

• Die Präparation beeinflusst ganz entscheidend die Drehfreudigkeit und den Kantengriff der Ski. Das bestätigen alle Experten unisono. Der Skiservice ist vergleichbar mit dem Set-up eines Autos, bei dem Reifenwahl, Stoßdämpfer und Fahrwerksabstimmung über Sicherheit und Komfort entscheiden.

• Ein gut gewachster Ski lässt sich leichter drehen als einer mit einem trockenen Belag, der auch vom Laien an der weißen oder grauen Farbe zu erkennen ist.

• Auch die Struktur des Belag-schliffes muss zu den Schneeverhältnissen passen: grobe Struktur bei warmem Schnee, feine Struktur bei kaltem Schnee. So entsteht ein dünner Wasserfilm, auf dem der Ski perfekt gleitet und spürbar leichter zu drehen ist. Bildet sich dieser Wasserfilm nicht, saugt sich der Ski an. Das bedeutet nicht nur schlechte Gleiteigenschaften, sondern auch ein stumpfes, hakeliges Gefühl beim Drehen der Ski, was mit deutlich mehr Kraftaufwand und einem wenig geschmeidigen Fahrstil einhergeht.

• Für die Drehfreudigkeit ist aber auch die Kante mit verantwortlich. Sie muss „sauber“ sein, sprich frei von Graten, Rost, Wachsresten etc., da sie sonst rupft und nicht nur die Gleiteigenschaften, sondern eben auch die Drehfreudigkeit einschränkt.

Um den Ski drehfreudig zu machen und damit der Belag plan geschliffen werden kann, ohne jedes Mal auch Kantenmaterial abzutragen, wird die Kante belagsseitig meist leicht „abgehängt“, also nach außen abgeschrägt. Damit kann man den Ski leichter andrehen, die Kante packt nicht in jedem Schneehaufen gleich zu. Die Gefahr des Verschneidens sinkt.

Darüber hinaus wird die Seitenkante auch meist „hinterschliffen“, das bedeutet schräg nach oben abgeschliffen. Durch Abhängen und Hinterschleifen entstehen also spitze Winkel zwischen 87° und 88°. Je spitzer dieser Winkel ist, desto aggressiver ist die Kante. Mehr zu diesen Fragen der Skigeometrie folgt in der nächsten Ausgabe des SkiMAGAZINs.

Soll man selber Hand anlegen?

Viele Skifahrer wollen immer wieder wissen, ob das Fahrverhalten ihrer Ski durch einen guten Service wieder das gleiche Top-Niveau wie im Neuzustand erreichen kann. Die Ski- und Servicemaschinen-Hersteller sagen eindeutig ja, wenn nicht sogar besser, da der anschließende Service auf individuelle Vorlieben des Skifahrers eingehen kann, insbesondere was die Kantengeometrie betrifft. Aber auch bei der Struktur, die der Belag erhält, kann die Servicewerkstatt auf die regionalen Besonderheiten wie herrschende Temperatur und Schneeverhältnisse eingehen. Voraussetzung dafür sind aber moderne Schleifroboter, wie sie in den Skifabriken stehen und von guten Skiwerkstätten ebenfalls eingesetzt werden. Diese Ausführungen zeigen bereits, dass es gar nicht so einfach ist, diese Arbeiten selbst auszuführen. Wer kein wirklich guter Handwerker ist, sollte lieber auf den Do-it-yourself-Service verzichten, da die Gefahr groß ist, das Hightech-Sportgerät seiner Fahreigenschaften zu berauben. Doch ein paar Dinge bleiben doch noch, die man problemlos selbst machen kann:

Das Heißwachsen des Belages ist kein Hexenwerk und hier kann man sich weitgehend gefahrlos selbst ans Werk machen. Entweder mit einem speziellen Heißwachsgerät, das verschiedene Hersteller anbieten, oder mit Mamas altem Bügeleisen. Man sollte aber wissen, dass durchs Selberwachsen die maschinell aufgebrachte Struktur im Belag zugedeckt wird, die beim Profi-Service durch Ausbürsten des Wachses wieder freigelegt wird. Man erreicht daher in der Regel nicht die gleichen Gleit- und Dreheigenschaften wie der Profi.

Mit den Heißwachsgeräten funktioniert die Sache wie folgt: In den Geräten wird das Wachs erhitzt und geschmolzen. Anschließend zieht man den Ski von vorne nach hinten über die Rolle, die das flüssige Wachs im Gerät aufnimmt und an den Skibelag abgibt. Anschließend Ski abkühlen lassen und dann mit der Ziehklinge ebenfalls von vorne nach hinten den Ski abziehen, wodurch das überflüssige Wachs, das der Belag nicht auf-genommen hat, entfernt wird. Danach die Kante vom Wachs befreien und Belag und Kante polieren. Damit ist der Ski fit für den nächsten Tag. Das kann man nach jedem Skitag machen.

Wer es mit einem altem elektrischen Bügeleisen ausprobieren will, geht am besten so vor: Das Bügeleisen auf die niedrigste Temperatur (ein Punkt oder Seide) einstellen, warten bis es heiß ist und dann den Wachsriegel an die heiße Sohle des Eisens halten und großzügig Wachs auf den Belag tropfen. Anschließend das Wachs in den Belag einbügeln und nach dem Abkühlen wie oben beschrieben abziehen. Bitte das Bügeleisen nicht zu heiß einstellen, denn ab 120°/150° verbrennt der Belag.

Auch in Sachen Kanten können Sie etwas tun: Um sie länger scharf zu halten, empfiehlt es sich, am Ende jedes Skitages die Ski inkl. Belag und Kanten abzutrocknen und mit einem gewachsten Tuch abzureiben. Außerdem kann man mit einer Diamantfeile oder notfalls auch mit einem Schleifgummi vorsichtig einmal über die Seitenkanten fahren, um die feinen Grate abzunehmen. Mehr sollte man als Ungeübter an den Kanten und am Belag nicht selbst machen. Für ambitionierte Skiservice-Freaks bringen wir in einer späteren Ausgabe noch praktikable Insider-Hinweise, während es in der folgenden Ausgabe darum gehen wird, was einen guten Skiservice ausmacht und worüber Sie mit Ihrem Service-Fachmann beim nächsten Mal sprechen sollten. <<<

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Mit einem solchen Wachsgerät kann man seine Ski einfach selbst wachsen.

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