Generation SilverCar

Wintersport ist keine Frage des Alters, wenn die Grundfitness stimmt. Für viele Alpinfahrer geht der Pistenspaß erst mit 60 Jahren richtig los. Denn immer mehr Skigebiete stellen sich auf die Best Ager ein. Je älter die rüstigen Senioren sind, desto mehr lässt sich im Urlaub sogar sparen

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Text und Bild Anke Wieczorek

Mit lockeren Schwüngen wedelt die vergnügte Gruppe von Damen und Herren den Hang hinunter. Der Schnee wird aufgewirbelt. Die Stahlkanten kratzen auf den verharschten Stellen. Jeder zieht seine eigene Spur, bevor alle am nächsten Bergabschnitt eine Pause einlegen. Die „Silver Surfer“ – oder in diesem Fall eher: „Silver Carver“ – sind voll in ihrem Element, wirkt sich das alpine Skifahren doch positiv auf Körper und Geist auch im fortgeschrittenen Lebensabschnitt aus. Bestätigung liefert eine Studie.

Ein Expertenteam und sieben Forschungseinrichtungen begleiteten letztes Jahr Probanden der Generation über 60 medizinisch. 27 Männer und Frauen zwischen 62 und 67 Jahren verbrachten 30 Skitage im Salzburger Land, unter anderem in kleinen Gruppen mit einem Skilehrer. Vor und nach der aktiv gestalteten Zeit wurden sportmedizinische Tests vorgenommen. Mit dem Ergebnis, dass das Skifahren sogar die Bewegungs-koordination und den Gleichgewichtssinn verbessern kann. Gleichzeitig fördert es die Ausdauer und die soziale Zufriedenheit. Der Salzburger Professor Erich Müller, der die Studie vorstellte, fasst zusammen: „Das Belastungsprofil der Probanden hat gezeigt, dass die Herausforderungen nicht als anstrengend wahrgenommen wurden. Im Gegenteil: Trotz subjektiver Ermüdungen konnten wir ein hohes Maß an Selbstzufriedenheit feststellen.“ Als kritisch sieht der Wissenschaftler allerdings die Gefahr einer Überforderung innerhalb einer Gruppe. Deshalb sei es wichtig, regelmäßig Pausen einzulegen.

Wer seine Kräfte gut einschätzen kann und die Grenzen kennt, kann dem Wintersport auch jenseits der Sechziger freudvoll frönen. „Eine Vorbereitung mit Skigymnastik ist jedoch sinnvoll“, rät Dr. Frank Reinboth, Teamchef des DSV-Bundeslehrteams Alpin. „Skifahren ist für den Körper zunächst eine ungewohnte Belastung.“ Rasante Fahrmanöver und waghalsige Sprünge werden die Älteren ohnehin lieber den Jüngeren überlassen.

Die richtige Materialwahl

Spaß am Skifahren ist aber auch immer Sache des Materials. Die richtige Kombination aus Ski, Schuh und Bindung ist entscheidend für das Wohlbefinden und die Sicherheit. Best Ager, die eine längere Auszeit vom Wintersport genommen haben, holen beim Comeback oftmals die langen, schmalen Ski aus dem Keller, doch sie sind Schnee von gestern und bedeuten letztlich nur unnötige Mühe beim Fahren. Der Skimarkt hat sich in den letzten zehn Jahren rasend entwickelt. Die aktuellen Materialtechniken kommen längst auch den Best Agern zu Gute. Dass schon die Carving-Modelle Skifahren wesentlich vereinfacht haben, gehört heute zur Allgemein-bildung. Noch besser unterstützen nun die aktuellen Bretter mit Rocker-Technologie kraftsparendes und fehlerverzeihendes Fahren – optimal also für eine genussorientierte Zielgruppe.

Durch die Vielfalt der Produkte war es nie einfacher als heute, die Ausrüs-tung so optimal wie möglich auf die eigenen Bedürfnisse abzustimmen. Dazu gehören aber auch unbedingt ein ordentlicher Helm als Kopfschutz und atmungsaktive Funktionsunterwäsche, die den Körper warm und trocken hält.

Unterstützung bekommen Best Ager aber nicht nur durch das Material, sondern immer mehr auch in den Skischulen. Michaela Gerg-Leitner sieht in den rüstigen Rentnern eine ständig wachsende Zielgruppe. Die Ex-Rennläuferin gewann fünf deutsche Meistertitel, siegte bei vier Weltcuprennen und holte bei der Weltmeisterschaft 1989 in Vail Bronze im Super-G. Der Deutsche Skiverband zeichnete sie zweimal mit dem „Goldenen Ski“ aus, der höchsten Anerkennung, die der Verband jedes Jahr vergibt. Gerg-Leitner war ein Aushängeschild in den schnellen Disziplinen. Auch bei den Senioren plädiert sie für den alpinen Skilauf, obwohl sie Langläufer keinesfalls einbremsen will. „Aber ich empfinde die Sturzgefahr bei ihnen größer als bei alpinen Fahrern. Im Skistiefel steht man einfach fester drin und das gibt mehr Sicherheit. Und Langläufer sind auf ihren Touren nach anderthalb Stunden platt. Abfahrtslauf ist ein Ganz-Tages-Event, der auch gesellschaftlich mehr zu bieten hat. Man macht Pausen, sitzt an der Skihütte in der Sonne und hat Zeit sich zu unterhalten.“

Spezielles Lehrangebot

Gerg-Leitner, die sich nach ihrer Karriere mit einer Skischule selbstständig machte, bietet für die Best Ager längst eigene Skikurse an und hilft auch Wiedereinsteigern auf die Bretter. „Manche trauen sich einfach nicht mehr auf die Pisten und melden lediglich die Enkelkinder in der Skischule an. Dabei wären sie selbst auch noch gerne aktiv, wissen aber nicht wie sie den Wiedereinstieg bewältigen sollen. In Ski-Gruppen mit jüngeren Fahrern genieren sie sich. Deshalb sind sie bei uns zu einer eigenen Zielgruppe geworden. Unter Gleichgesinnten macht es einfach mehr Spaß die Abfahrten zu bewältigen und die Ängstlichkeit wird schneller überwunden. Es ist auch gar nicht so selten, dass Sechzigjährige zu uns kommen, die noch nie Ski gefahren sind und es noch lernen möchten.“

Dabei hält sich die Verletzungsgefahr in engeren Grenzen, als häufig vermutet. Gerg-Leitner merkt täglich, dass die „Alten“ auf ihre Gesundheit bedacht sind. „Sie haben ein viel größeres Bewusstsein als junge Fahrer, dass etwas passieren kann.“ Um eine gewisse Grundgeschmeidigkeit und Kräftigung der Muskulatur für das Skifahren zu bekommen, plädiert die Geschäftsfrau für Nordic Walking zur Vorbereitung. „Es ist einfach leichter, wenn die Knochen nicht steif sind.“

Die steigende Nachfrage sorgt dafür, dass die Seniorenkurse boomen. „Solange sie Freude am Skifahren haben, sollten die Senioren alle Angebote nutzen“, sagt Gerg-Leitner.

Das Alter kann sparen

Mit dem Song „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“, landete Udo Jürgens einst einen Welthit. Was er besang, bewahrheitet sich bis heute, zumindest in den Preiskategorien diverser Bergbahnen, welche täglich tausende von Menschen in die Skigebiete befördern. Hier werden die Senioren wieder jung, und das sogar schon ab 60. Zahlreiche Skigebiete gewähren ihnen satte Rabatte auf die Skipässe. Als Faustregel gilt: Je älter der Gast, desto preiswerter das Liftticket. Im österreichischen Paznauntal, zu dem die Orte Ischgl, Kappl, See und Galtür gehören, sind für die jüngeren Senioren ab 60 Jahren schon 25 Prozent Nachlass auf den Mehrtages-Pass in der Silvretta-Arena angesagt. Das Gleiche gilt für den Großen Arber im Bayrischen Wald und den Weißsee-Gletscher in der Nähe von Salzburg. Auch die Italiener haben ein großes Herz für die Senioren. Ab 60 gibt es 25 Prozent für den Großraumskipass im Aostatal. Alta Valtellina und Monterosa locken sogar mit Preisen, die sonst nur für Kinder gelten.

In den Nobel-Skiorten Lech/Zürs sowie in St. Anton, Sölden und Warth-Schröcken gelten die Angebote für die jungen Senioren allerdings nur für die Damen – aber das sind immerhin zwei Drittel der Oldies, die sich auf den Brettern bewegen.

Wer ins Montafon reist, muss 62 Jahre sein, um in den Genuss eines 10-Prozent-Vorteils zu kommen. Richtig interessant wird es für Wintersportler ab 65 Jahren. Dann kommen auch die Herren im Ötztal in Sölden und am Arlberg in Lech/Zürs an die billigeren Liftkarten. Im Stubaital darf mit 20 Prozent Rabatt gerechnet werden und den beliebten Superski-Dolomiti-Pass in Italien gibt es mit einem Vorteil von zehn Prozent. Ab 70 Jahren geht es des öfteren auch schon einmal gratis den Berg hinauf. Das gilt besonders in den französischen Alpen und im italienisch-französischen Skigroßraum Via Lattea. Profitabel gestalten sich dann auch die Ausflüge nach St. Anton und das verzweigte Gebiet in Lech/Zürs. Ab Jahrgang 1937 und älter gibt es das Tagesticket für zwanzig Euro und für eine komplette Saisonkarte sind lediglich 100 Euro fällig.

Wer mit 80 noch fit für die Piste ist, was laut Michaela Gerg-Leitner gar keine Seltenheit darstellt, darf seine Qualitäten als Sparfuchs zeigen, wenn die Bergbahnen von „Alpen Plus“ benutzt werden. Sie bringen die Schneeliebhaber kostenlos nach oben. Das Kaunertal, Pitztal, Stubaital, Steinach im Wipptal, das Alpbachtal und Sterzing in Südtirol sind das reinste Mekka für rüstige Oldies.

Nach der Piste – auf den Lift

„Die älteren Semester sind gar nicht so träge wie oft behauptet wird“, weiß Gerg-Leitner genau. Ein Zauberwort für sportliche Aktivitäten sind die Skireisen. „Man wird im Bus hingebracht, muss sich um nichts kümmern, hat es nett und lustig.“ Falls der Winter spät anfängt oder eine Pause einlegt, gibt es in Italien trotzdem Skigebiete, die auf jeden Fall geöffnet haben und auch befahrbar sind. Die Italiener haben das Geschäft mit den Best Agern schon zeitig gewittert und einige Residenzen und Hotelketten darauf spezialisiert. Mittlerweile gibt es Hotels, die sich komplett auf Rentner eingerichtet haben und auch die Möglichkeit bieten, den ganzen Winter dort zu verbringen. Diese Residenzen sind anders ausgestattet als die üblichen Freizeit- und Skiunterkünfte. Alle verfügen über einen Treppenlift. Dafür sind die Senioren dankbar, wenn sie nach dem Skitag ins Zimmer zurückkehren, das sich vielleicht in einem oberen Stockwerk befindet. Komfort wird hier auf jeden Fall besonders groß geschrieben. <<<

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