Gib Mut eine Schanze

Die Höhe, die Weite, das Fliegen, die große Courage: Schon als Zuschauer ist Skispringen reizvoll. Doch selbst fliegen ist natürlich am allerbesten. Was viele nicht wissen: Ein wenig Alpinski-Erfahrung genügt, um selbst einmal den Sprung zu wagen. Vom Allgäu über Thüringen bis zum Salzkammergut ermöglichen Workshops und gewiefte Seilkonstruktionen wackeren Urlaubern intensive Erlebnisse. Und wem das eigene Abheben zu abgehoben ist, der wird bei einer Besichtigung des Sprungturms nicht minder Erhebendes erleben

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Text CHRISTIAN HAAS Bild Bergisel-Betriebsgesellschaft mbH, Skisport- und Veranstaltungs GmbH / Skiclub 1906 Oberstdorf e.V., Rennsteig Outdoor Center, ICO – Impulse Company

Tief ducken, Arme anlegen und allen Mut zusammennehmen. Das sind die drei Schritte für alle, die in der Erdinger Arena von Oberstdorf den Medaillenvögeln Andreas Kofler, Simon Ammann, Jens Weißflog, Martin Schmitt und Co. nacheifern wollen. Wenn der innere Schweinehund erst einmal überwunden ist und der Kursleiter bei guten Windbedingungen, nämlich wenig bis kein Wind, seinen Arm zum Startsignal gehoben hat, geht es mit bis zu 80 Stundenkilometern die Sprungschanze bergab und mit dem Puls ebenso rasant bergauf. Sekunden später dann der spannende Moment des Absprungs, gefolgt vom irren Moment des Fliegens und gekrönt vom euphorischen Moment des Landens. Nach der beruhigenden Gewissheit des sicheren Aufkommens – bislang kam es nach Aussagen der Oberstdorfer Veranstalter noch nie zu Verletzungen – meldet sich rasch der eigene Stolz angesichts des großen Sprungs von der sogenannten Kleinen Schanze. Doch die ist für jemanden, der Skispringen nur aus dem Fernsehen kennt, immer noch groß genug. Und so darf der Hobbyflieger zu Recht stolz sein, wenn er nach zehn bis zwölf Metern aufkommt. Dass die Aspiranten genügend Übung und Selbstsicherheit bekommen, dafür sorgen die Instruktionen der Kursleitung. Bei dem ganztägigen Workshop des Veranstalters ICO – Impuls Company fallen die freilich noch viel intensiver aus als beim zwei- bis dreistündigen Basiskurs. Aber egal für welche Variante man sich entscheidet: Einer speziellen Skisprungausrüstung bedarf es in keinem Fall. Für Anfänger reicht eine „fast“ normale Alpinskiausrüstung. Statt mit speziellen Sprungskiern wird mit klassischen Alpinskiern „alten Stils“ geübt und gesprungen. Der Vorteil: Sie haben noch keine deutliche Carvingtaillierung und können in der Anlaufspur nicht so stark zur Seite ausbrechen. Was man ebenso wenig braucht, sind großartige Technik- und Erfahrungsvorkenntnisse. Das wird einem schon bei der Anmeldung versichert, bei der es heißt: „Beim Skisprung-Workshop können alle mitmachen, die eine blaue Piste befahren können. Sogar Kinder ab zehn Jahren!“ Außerdem bereiten die Trainer die Gruppenteilnehmer ja gut vor, mit Aufwärm- und Konditionsübungen und zahlreichen Tipps zu Körperhaltung, Anfahrtshocke, Sprungtechnik. Einen wichtigen Punkt stellt zudem das Mentaltraining zur Stressbewältigung dar. Wer alles berücksichtigt, bewältigt sogar bis zu 19 Meter. Bei dieser Marke liegt derzeit der Rekord in einem Anfängerkurs. „Im Durchschnitt springen die Leute 15 Meter weit“, sagt Martin Auer, Leiter des Oberstdorfer Skisprungkurses. Und er hat schon viele springen sehen.

Ganz oben, die Welt zu Füßen

Nebenan schaffen die Profis an der bekannten Schattenbergschanze, Austragungsort des Eröffnungsevents der renommierten Vierschanzentournee, freilich ein Vielfaches. Den Schanzenrekord hält Sigurd Pettersen mit 143,5 Metern. Wer wissen will, wie sich Siegertypen wie Pettersen oder die „Deutschen Adler“ vor dem Absprung fühlen, kann dieses Gefühl selbst erleben. Indem man den Lift hinauf nimmt zur obersten Turmetage und es nicht bei der normalen Besichtigung belässt, sondern dorthin geht, wo sich die Profis hinbegeben: auf die Bank, von der die Sportler starten. Und selbst ohne in die Spur zu müssen, kommen Ottonormalbesucher allein bei der Höhe ins Schwitzen. Daher wird der Gang auf die Absprungbank der Großschanze nur mit einem Gurtgeschirr am Rücken erlaubt. „Skisprungfeeling“ nennt sich das Angebot, bei dem es weder um den Absprung noch um die Landung geht, sondern ganz allein darum, sich in die echten „Flieger“ hineinzuversetzen – inklusive Wahnsinnsblick auf die 108 Meter lange Anlaufbahn, die rund 27.000 Zuschauerplätze und das Allgäuer Bergpanorama.

Im Rennsteig Outdoor Center im thüringischen Steinach, 2001 von Heiko Walter gegründet, nimmt der Traum vom Skifliegen noch einmal eine andere Gestalt an: Beim „Skiflyer“ wird der Hobbyhüpfer an zwei Seilen und mit zwei Haken gesichert und absolviert nach einem rund 20 Meter langen Anlauf eine Luftfahrt über rund 150 Meter – für hohe Adrenalinausschüttung allemal weit genug. Nach dem Seilflug – und 70 Höhenmeter tiefer – bleibt der Skispringer im Sicherungsseil kurz hängen und wird dann über ein Podest wieder auf den Boden zurückgeholt. Praktisch: Das Abenteuer kann wie das Skispringen in Oberstdorf, wo man sich in der schneelosen Zeit mit Matten behilft, rund ums Jahr bestritten werden. Im Winter besteht die thüringer Spur aus Schnee, im Sommer sorgt ein Rollensystem für den nötigen Schwung. Und damit auch potenziell Interessierte richtig in Fahrt kommen, packt das Veranstalterteam diese gleich auf der Homepage an der Ehre: „Weichei? Feigling? Memme?“ tönt es einem dort lautstark entgegen. Wobei die Antwort selbstredend auch gleich gegeben wird, wie man sich diesen herabwürdigenden Verdächtigungen entziehen kann: mit einem Sprung mit dem „Skiflyer“, der einen eben am Seil durch die Lüfte segeln lässt.

Üben mit dem Olympiasieger

Dieses Seil fehlt an der nicht weit entfernten Schanzenanlage im benachbarten Lauschaer Marktiegel. Dafür erteilt dort der mehrfache Olympiasieger Jens Weißflog persönlich Tipps beim Workshop, bevor die Teilnehmer nach ähnlichen Übungen wie in Oberstdorf auf die Schanze gelassen werden, wo sie ganz ohne Hilfsmittel zurecht kommen müssen – nur sie allein im Presswurst-Outfit, mit übermannslangen, kantenlosen Ski und den Gedanken an die perfekte V-Stellung. Skiflyer und Weißflog-Seminar sind indessen längst zu einem festen Bestandteil ernsthafter Seminare geworden, bei denen es vorwiegend um Stressmanagement, Selbstüberwindung und Zielmotivation geht. Gerade Führungskräfte nutzen diese außergewöhnliche Möglichkeit, sich selbst außerhalb der eigenen Komfortzone zu erleben.

Das TV-Sofa verlassen und selbst durch die Lüfte segeln – das geht auch in Österreich. Zum Beispiel in Tirol, wo die „Wörgler Flughunde“ gleich auf drei unterschiedlich hohen Schanzen zur Mutprobe bitten. Wer auf die Erfahrungen eines im wahrsten Sinne ausgezeichneten Profis vertrauen will, der sucht in Bad Mitterndorf im Salzkammergut Hubert Neuper auf, der in seiner Karriere zwischen 1977 und 1985 nicht weniger als 50 Platzierungen unter den besten zehn bei Skisprung-Großveranstaltungen erzielte. Jetzt erreichen seine Tipps aufnahmewillige Anfängerspringer, wenn sie in einem Kurs die Grundlagen des Skispringens mit Originalausrüstung erlernen – inklusive aller Details zu Anfahrtshocke, Absprung und Telemarklandung. Und wie auch andernorts weiß Neuper um die Wichtigkeit einer Auszeichnung zum Schluss: So erhält jeder Teilnehmer ein Diplom für seine persönliche Höchstweite.

Schauen allein ist auch schon aufregend

Angesichts der großen Nachfrage nach dem Schanzenthrill überlegt man auch andernorts ob der Einführung solcher Angebote. In Garmisch-Partenkirchen etwa, wo Ende 2007 die neue Olympia-Sprungschanze eingeweiht wurde, schwirren offenbar ebenfalls derartige Ideen in den Köpfen der Verantwortlichen umher. Doch spruchreif sei das Ganze noch nicht, behauptet eine Sprecherin. Eine Besichtigung des Sprungturms, der in Architektenkreisen anerkennend „Olympischer Freischwinger“ genannt wird, ist hingegen seit Anfang vergangenen Jahres möglich, und ideal für Leute, denen der Skiflug und aufregende Architektur gefällt. Wenn dann noch ein Guide spannende Infos auf dem und über den Schanzenturm erzählt: wunderbar. Ein derartiges Angebot offerieren für ein paar Euro Eintritt auch die Mühlenkopfschanze im hessischen Willingen, die Adlerschanze in Hinterzarten in Baden-Württemberg und die Bergisel-Schanze von Innsbruck. Diese erlebte 2001 ein Facelift, das es in sich hatte, erhob es doch das Bauwerk in den Rang eines Stadtwahrzeichens.

Eines, dem man ordentlich aufs Dach steigen kann. In der Tat: Das mit dem Österreichischen Staatspreis für Architektur 2002 ausgezeichnete Meisterwerk der Star-Architektin Zaha Hadid lässt sich entweder zu Fuß oder per Schrägaufzug erklimmen. Oben angekommen, erwartet einen das Panoramacafé im Turm, welches in 47 Meter Höhe einen eindrucksvollen 360-Grad-Rundumblick über die Tiroler Bergwelt erlaubt. Und einen Blick von der Schanze, die genau wie Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen und Bischofshofen als Austragungsort der Vierschanzentournee fungiert. Aber wer braucht noch die Vierschanzentournee, wenn er doch ganz einfach selbst große Sprünge vollbringen kann? <<<

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Nach 20 Metern Anlauf gleitet man in Thüringen durch ein Seil gesichert bis zu 150 Meter hinab ins Tal.

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