Speed-Tipps von Michael Walchhofer

Das genussvolle, gemütliche Fahren macht sicher schon die meisten Skifans glücklich. Doch manchmal möchte man es auch richtig krachen lassen, das Adrenalin in den Adern kribbeln spüren. Abfahrts-Weltmeister Michael Walchhofer gibt Speed-Tipps – exklusiv für die SkiMAGAZIN-Leser

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Text: Jupp Suttner

Der Mann misst 1,92 Meter und wiegt beeindruckende 101 Kilogramm. Er ist Österreicher, inzwischen 40 Jahre alt, aber immer noch ein Meister seines Fachs. Michael­ Walchhofer senkt den Kopf bis zu den Knien hinab und zeigt sie uns: die Weltmeister-Hocke. Die perfekte Abfahrtsstellung, dank der er 2003 in St. Moritz Gold holte. Wir prägen sie uns ein, diese ideale Top-Speed-Haltung, werden sie künftig immer anwenden, wenn sich die Gelegenheit ergibt – die Gelegenheit, kerzengerade bergab zu schießen, um das Höchsttempo auf Ski zu erreichen –, in den Speed-Rausch-Flow zu gelangen.

Safety first!

Doch wo ist das überhaupt möglich? ­Garantiert nicht im normalen Pisten­betrieb. Bereits beim ersten Run nach der allerersten Gondelauffahrt des Tages sind Top-Speed-Abfahrten ­undenkbar – denn schon zu diesem Zeitpunkt könnte jemand im Weg stehen. Die Folgen wären fatal. Im Grunde existieren nur zwei Möglichkeiten, die Hochgeschwindigkeitssucht auf Ski auszuleben: Entweder muss man Mitglied in einem Skiclub werden und dort Abfahrtstraining und Abfahrtsrennen auf abgesperrten Strecken bestreiten. Oder aber man nutzt eine dieser Speed-Strecken, die es in zahllosen guten Ski-Revieren gibt.

Es handelt sich dabei um separate Runs, die man im Schuss befahren kann – wenn auch meist nur sechs bis zehn Sekunden lang. Selten dauert eine derartige „Abfahrt“ länger. So kurz sie auch ist, sie reicht aus, um 50 bis 60 oder gar 70 km/h zu schaffen. Auf manchen dieser Strecken sind sogar über 80 Stundenkilometer möglich. Gemessen jeweils durch eine Art Lichtschranke mit Radarkontrolle. Wenn man den Messpunkt durchfahren hat, zeigt eine elektronische ­Anzeigetafel das erzielte Resultat an. 50 km/h? Die sorgen bereits für ein hübsches Tempo-Gefühl. Und 60 km/h? Die lassen bei den meisten das Herz vor Spannung bereits etwas ­intensiver pumpen.

Und stacheln vor allem den ­Ehrgeiz an: Wie kann ich noch schneller ­werden, um auf 62 oder 66 oder 69 oder gar 70 und mehr Stundenkilo­meter zu kommen?

Michael Walchhofer verrät die Tricks, die man dazu kennen muss. Der dreimalige Gewinner des Abfahrts-Weltcups lebt im „Ski amadé“-Ort Zauchensee, dem sportlichsten Revier der Salzburger Sportwelt, ausgestattet beispielsweise mit der Kälberloch-Damen-Weltcupstrecke, auf der sich alle zwei bis drei Jahre Lindsey Vonn & Co. heftigst überwinden müssen. Denn die steile Piste und ein technisch höchst anspruchsvolles „S“ zwischendrin nötigen selbst der Elite höchsten Respekt ab. Niemals würde ein Normalskifahrer es wagen, hier im Schuss hinabzudonnern. Für Jedermann-Tempo-Freaks erscheint eher eine der besagten Touristen-Speedstrecken geeignet.

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Die Race ’n’ Boarder Arena Niederau in Wildschönau ist ein Trainings­gebiet für Weltcup-Athleten, kann aber auch von Gästen genutzt werden.

Rekordjagd

Und was ist mit dem Schneid? „Mut“, sagt Walchhofer, „kann man nicht kaufen. Aber 60 km/h sind eine Geschwindigkeit, die für einen Normalskifahrer durchaus vertretbar und erreichbar ist.“ Und die dennoch manche schon ein wenig das Fürchten lehrt – sowie den Res­pekt wachsen lässt. Beispiels­weise vor Heather Mills. Die 47-jährige britische Ex-Frau (von 2002 bis 2008) des Beatles Paul McCartney, die 1993 von einem Polizeimotorrad über­fahren wurde und dabei ihren linken ­Unterschenkel verlor, erreichte im März 2015 im französischen Vars 166 km/h auf Ski! Weltrekord für Behinderte. Der absolute Speed-Weltrekord steht bei 252,632 Stundenkilometern, erreicht vom Italiener Simone Origone am 3. April 2014, ebenfalls in Vars.

So schnell war Walchhofer auf Ski natürlich noch nie unterwegs. Seine Stärke bestand auch nie im reinen Gleiten. „Ich habe deshalb auf jeder Strecke mindestens ein Mal gewonnen, weil ich in jedem Bereich Fähigkeiten besaß – ich konnte Kurven ganz gut fahren und war auch ein passabler Gleiter. Einer der besten Gleiter des Weltcups überhaupt war der Franzose Antoine Dénériaz, der auch die Olympia-Abfahrt 2006 in ­Turin/Sestriere gewann.“ Als Schnellster aller Zeiten in einem Weltcup-rennen wurde gleichfalls ein Franzose gemessen: Johan Clarey (1,91 m/98 kg) erzielte am 21. Januar 2013 im Haneggschuss des Lauberhornrennens von Wengen 161,9 km/h. Er wurde an dem Tag ­dennoch nur Fünfter.

Speed-Wochen in Zauchensee

„In Chamonix und Lake Louise“, erzählt Walchhofer, „spielt das Gleiten im Weltcup die größte Rolle. Wobei man sich ja sehr viel aneignen kann, denn nicht jeder ist ein Naturtalent für diesen Teilbereich. Der Hannes Reichelt etwa war früher kein guter Gleiter – ist es jetzt aber schon.“ Vielleicht sollten Sie sich, falls sie gleichfalls kein exzellenter Gleiter sind, diesen Hannes Reichelt – immerhin Kitzbühel-Streif-Gewinner 2013 und Super-G-Weltmeister 2015 – als Vorbild nehmen. Oder es sich eben von Michael Walchhofer zeigen lassen. Der Österreicher betreibt mit seiner Familie zwei Hotels in ­Zauchensee. Vier verschiedene ­Wochen pro Winter ist auch der Weltmeister in seinen Häusern zugegen – und jeweils ein Mal in jenen Wochen gibt es für die Hausgäste einen kostenlosen Skitag mit ihm. Gewissermaßen ein Speed-Dating.

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Michael Walchhofer wurde 2003 in St. Moritz Abfahrts-Weltmeister

Die zehn wichtigsten Welt­meister-Speed-Tipps: Wer Tempo machen und von Mal zu Mal schneller ­werden will, sollte unbedingt die Tricks beachten, die ­Michael ­Walchhofer exklusiv für die SkiMAGAZIN-Leser bereithält.

1 Wer seine Geschwindigkeit steigern will, muss als Erstes längere Ski ausleihen – die sind stabiler und schneller. 1,70 oder 1,75 Meter sind das Minimum.

2 Diese Bretter muss man dann RICHTIG präparieren lassen – also mit Fluor-Wachsen. Das geht dann schon ans Eingemachte.

3 Zum Einfahren ein anderes Paar Ski verwenden – und die gewachsten erst anschnallen, wenn es darauf ankommt.

4 Was die Skischuhe betrifft, da soll einerseits der Ski „schwimmen“ können, sodass er ganz flach aufliegt. Andererseits darf das nicht überhandnehmen, denn man braucht auch genügend Spannung im Fuß.

5 Die Form der Skistöcke ist in ­diesem Stadium noch nicht ­relevant – sie kommt erst ab 100 bis 120 km/h ins Spiel.

6 Enge, windschlüpfrige ­Kleidung – das macht SEHR viel aus!

7 Eine aerodynamische Position einnehmen, also Hände und Ellbogen vor die Knie. Rücken, Kopf und Gesäß sollen eine Linie bilden, wobei der Hintern eine Spur höher zu sein hat.

8 Diese Position kann man zu Hause vor dem Spiegel üben. Die Aerodynamik verläuft progressiv. Je höher der Speed ist, umso mehr fällt sie ins Gewicht.

9 Einen hüft- und ­schulterbreiten Stand ein­nehmen. Da ist die Chance am größten, dass man die Ski wirklich flach stellt.

10 Bei Beginn der Gleitstrecke startet man oft mit dem Gewicht auf den Fußballen. Am Ende der Distanz sollte man dann die Ferse belasten.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 06 / 2015

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