Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

Nichts wie rauf auf den Berg! Das ist der natürliche Impuls eines jeden Skifans. Doch nicht nur Hochtourengeher, sondern auch Pistenfahrer sollten sich zumindest darüber bewusst sein, dass der schnelle Aufstieg in große Höhen gesundheitliche Risiken birgt und die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen kann

neuer_name

Text Florian Tausch Bild TVB Hochgurgl

Falk kann es kaum erwarten: Endlich steht der Winterurlaub vor der Tür. Am Freitag verlässt der Stuttgarter um Punkt 16:00 Uhr das Büro, schwingt sich ins Auto, holt seine Freunde ab und schon geht’s auf nach Ischgl. Zu später Stunde werden dort noch ein paar Bars unsicher gemacht, trotzdem klingelt am nächsten Morgen der Wecker – der Berg ruft. In aller Frühe fährt die Gruppe hinauf, mit der Palinkopfbahn, auf 2.857 Meter Höhe. Super-Schnee, Super-Panorama, der Traum eines jeden Skifahrers. Der allerdings schnell endet, als Falk aus Unkonzentriertheit die Spur eines anderen Fahrers schneidet, mit diesem kollidiert und sich einen Kreuzbandriss zuzieht.

„Wenn der Körper noch nicht an die Höhe angepasst ist, wird die Reaktionszeit langsamer und die Unfallgefahr steigt“, weiß Karl Schrag, Ausbildungsleiter für Alpinsportarten beim Deutschen Alpenverein. „Auch aus diesem Grund sollten sich selbst ,normale‘ Skifahrer mit dem Thema der Akklimatisierung auseinandersetzen.“

Höhenanpassung für Pistenfahrer? Ist das nicht übertrieben? Natürlich betrifft es vor allem Skifans, die beispielsweise Höhentouren gehen. Doch auch sonst macht es zumindest Sinn, sich der Problematik einmal bewusst zu werden und sein Fahrverhalten in den ersten Tagen darauf abzustimmen.

„Schon ab einer Höhe von 1.500 Metern wird dieses Thema relevant“, sagt Schrag. Gerade wer aus dem Flachland angereist kommt und dann schnell auf den Berg geht, leidet oft unter den typischen Symptomen. Viele klagen über frühe Erschöpfung, schnellen Pulsschlag und dass sie „außer Atem kommen“, vermuten die Gründe hierfür jedoch eher in ihrem schlechten Trainingszustand.

Doch der hat damit oft weniger zu tun, als man denkt. Natürlich fährt ein gut trainierter Fahrer immer besser als ein untrainierter, doch jeder spürt in der Höhe das Quantum an verringerter Leistungsfähigkeit. In mittleren Höhen (1.500 bis 2.500 Meter) liegt diese Minderung der Ausdauerleistung in etwa bei fünf Prozent. Wie stark sie wirklich wahrgenommen wird, ist allerdings von Mensch zu Mensch höchst unterschiedlich. Dabei spielt weder das Alter, noch das Geschlecht eine Rolle, sondern nur das Individuum. Warum dies so ist, darüber gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse.

Mit dem Druck nimmt die Leistungsfähigkeit ab

Warum reagiert der Körper überhaupt auf die geänderte Umgebung? Mit zunehmender Höhe nimmt der Sauerstoffpartialdruck (d. h. der Druck, den der Sauerstoff innerhalb des Gasgemischs Luft ausübt) ab. Diese sauerstoffarme Luft, die wir einatmen, führt wiederum zu einem verminderten (ab mittleren Höhen um ca. 10 Prozent pro 1.000 Höhenmeter) Sauerstoffdruck im Blut, die Versorgung der Gewebe mit dem lebensnotwendigen Stoff wird eingeschränkt. Auf diese Unterversorgung reagiert der Körper zunächst mit Symptomen wie Kurzatmigkeit, Konzentrationsstörungen und Kopfschmerzen.

Symptome, die die meisten Pisten-Skifahrer noch nicht bewusst an sich festgestellt haben. Auch die beiden Autoren Franz Berghold und Wolfgang Schaffert definieren in ihrem Handbuch der Trecking- und Höhenmedizin den beschwerdefreien Spielraum etwas großzügiger. Ihrer Auffassung nach reicht in mittleren Höhen zwischen 1.500 und 2.500 die so genannte Sofortanpassung des Körpers aus. Doch auch sie verweisen auf die Notwendigkeit der Akklimatisation ab Höhen von 2.500 Metern. Gerade dem „Schwellenhöhe“ genannten Übergangsbereich ab 2.500 Metern kommt eine besondere Bedeutung zu, denn die arterielle Sauerstoffsättigung fällt hier schon deutlich unter 90 Prozent. Zusätzlich verringert sich der Blutsauerstoffgehalt bei körperlicher Anstrengung und sogar im Schlaf. Darum treten die ersten deutlichen Anzeichen von Akklimatisierungsschwierigkeiten vor allem in diesem Bereich auf – in dem ja manche der schönsten Alpenpisten liegen.

So gewöhnen Sie sich ein

Was also tun, wenn man vom 3.330 Meter hohen Mont Fort in Nendaz hinabgleiten möchte? Wenn im Engadin der 2.978 Meter hohe Diavolezza lockt? Oder man in Chamonix die Route Aiguille du Midi hinabstürzten will (sie beginnt auf 3.842 Meter)?

Die gute Nachricht ist, dass der Körper sich an die veränderten äußeren Umstände gewöhnen kann. Physische Vorgänge regulieren sich, um auf die verminderte Sauerstoffsättigung zu reagieren. Die schlechte ist, dass dies ein wenig Zeit braucht. Auf die veränderte Umgebung reagiert der Körper schon innerhalb der ersten Stunden mit einer so genannten Akutreaktion, doch der eigentliche Akklimatisationsvorgang folgt erst danach. Seine Dauer ist vom Höhenunterschied, der Geschwindigkeit des Aufstiegs und der individuellen Veranlagung abhängig. In Bereichen des durchschnittlichen alpinen Skifahrers sollte es jedoch nicht länger als zwei bis drei Tage dauern, um sich auch an die 3.000er-Pisten heranwagen zu können. Doch das heißt ja nicht, dass man in dieser Zeit nicht skifahren darf! Wenn man einige wichtige Punkte beachtet, ist der Spaß fast uneingeschränkt:

• Wollen Sie in einem hoch gelegenen Gebiet auf die Piste, sollten Sie zunächst eine Nacht in einem Talort verbringen, der deutlich höher als Ihr eigener Wohnort liegt. Also lieber am Abend vorher anreisen und nicht am frühen Morgen.

• Setzen Sie sich keinem unnötigen Stress aus. Den Abend und die Nacht erholsam im Talort, der oft zwischen 800 und 1200 Meter Meereshöhe liegt, verbringen, ist ein erster, guter Schritt. Dann den ersten Skitag eher gemütlich angehen und in den mittleren Lagen (1.500 bis 2.500 Meter) bleiben, sicherlich bietet das Skigebiet abwechslungsreiche Pisten, die einige hundert Meter unter dem Top-Gipfel liegen.

• Wenn keinerlei Beschwerden auftreten, kann es am zweiten Skitag schon auf über 3.000 Meter hinaufgehen.

• Nehmen Sie viel Flüssigkeit zu sich.

• Machen Sie mittags eine ausgedehnte Pause. Wenn es am ersten Tag schon hoch hinaus geht, gönnen Sie sich eine lange, gemütliche Hüttenpause – Sie haben ja sicher Ausblick auf ein grandioses Panorama. <<<

neuer_name

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat