Breite Bretter, große Freiheit

Tief verschneite weiße Hänge, in dessen jungfräulichen Schnee ein paar verwegene Burschen ihre atemberaubend schönen Spuren zaubern. So sieht häufig die Werbung fürs Skifahren aus. Dass Freeriden immer mehr Skifans in den Bann zieht, liegt aber auch an den immer ausgefeilteren Konstruktionen der Bretter

neuer_name

Text Rainer Bommas Bild NORDICA, BLIZZARD, SALEWA

Tiefschneefahren im freien Gelände, daran trauten sich früher nur Skifahrer mit jahre- oder gar jahrzehntelanger Erfahrung. Heute können solche Hänge auch schon Skifahrerinnen und Skifahrer bewältigen, die noch nicht so lange auf den Ski stehen. Die super breiten Freeride-Ski, die in den USA nicht umsonst „Fat Boys“ heißen, machen’s möglich. Doch es steckt mehr dahinter als schierer Umfang, wie unser heutiger Ausflug in die Tiefen des Freeride-Skibaus zeigt.

„Freeride-Ski sind für Könner und Experten gebaut“, betont K2-Experte Stefan Stankalla und definiert diesen Skityp u. a. über die Mittelbreite von 90 bis gut 130 mm, wobei ihm die Kollegin Susanne von Hörmann von Nordica ebenso zustimmt, wie Patrick Wesch von Völkl. Er betont, „dass ein guter Freeride-Ski immer und überall funktioniert“. Sein Kollege Christian Mayer von Elan in Österreich sieht das nicht ganz so. Er ist der Meinung, dass ein Freeride-Ski vor allem abseits der Piste funktionieren müsse. Dazu später mehr.

Unstrittig ist, dass diese Ski ungemein breitbandig, vielseitig und gleichzeitig hochsportlich sind. „Ein Freeride-Ski benötigt viel Auftrieb, um im Tiefenschnee aufschwimmen zu können. Aus diesem Grund sind Freerideski deutlich breiter als herkömliche Ski“, sagt von Hörmann und nennt als weiteres Merkmal eine kreisrunde Taillierung, die den Ski im Tiefschnee gutmütiger fahren lässt. „Ein zu aggressiver Sidecut hätte im Gelände keinen Wert“, so die Fachfrau.

neuer_name
Blizzard dreht bei seinen Freeride-Ski den Holzkern um (Flip Core), um so einen natürlichen Rocker aus der Skipresse zu bekommen.

Rocker eine Selbstverständlichkeit

Den erwünschten Auftrieb bekommen die Freerider wie schon erwähnt durch ihre enorme Breite. Darüber hinaus werden diese Ski gut 10 cm bis 20 cm über Körpergröße gefahren, so dass die Auflagefläche durchaus beeindruckend ist. Das Aufschwimmen wird zudem durch den Einsatz der Rocker-Technologie optimiert. Der Freeride-Ski ist der Urtyp des Rocker-Ski, der seinen Siegeszug nicht umsonst in den Tiefschneegebieten Nordamerikas begonnen hat. Bei den Freeride-Ski ist der Rocker-Einsatz unter allen Experten unumstritten, da er den Auftrieb im Tiefschnee ebenso unterstützt wie die Drehfreudigkeit in diesem Medium Völkl-Mann Wesch formuliert es gegenüber dem SkiMAGAZIN sehr schön: „Rocker ist im Freeride kein Thema – es ist eine Selbstverständlichkeit. Die Vorteile sind nicht nur besseres Aufschwimmen im Tiefschnee. Der Rocker ermöglicht grundsätzlich das Vereinen von zwei bisher gegensätzlichen Dingen in einem Produkt. Ein Ski kann leichtgängig sein durch den Rocker und gleichzeitig sportlich durch einen sinnvoll abgestimmten Flex! Früher war ein leichtgängiger Ski weich, aber nicht stabil. Gleichzeitig war ein stabiler Ski steif, aber nicht leichtgängig. Mit einem Rocker-Shape geht beides.“

Holzkern ist ein Muss

Doch Rocker ist nicht alles. Ganz entscheidend für die Fahreigenschaften ist auch bei den Freeride-Ski der Kern, bei dem alle Hersteller auf das Naturmaterial Holz setzen. Nordica z. B. favorisiert einen sorgfältig abgestimmten Sandwich-Kern aus Buche für die Elas-tizität, Esche für die Rückstellkraft und Pappel für niedriges Gewicht. Ganz ähnlich verfährt Völkl mit seinem Multi-Layer Woodcore, der Buchen- und Pappelholz vereint. Je nach Anforderung wird das Holz so verteilt, dass Stabilität, leichtes Gewicht, perfekte Rückstellkräfte und eine hohe Kraftübertragung in der richtigen Balance stehen. Tanne, Espe und Paulownia sind es bei K2. Gerade bei den sehr breiten Freeridern ist es eine Herausforderung für die Skibauer, die Holzkerne entsprechend abzustimmen und das Gewicht in Grenzen zu halten.

Eine interessante Lösung in Sachen Holzkern für Freeride-Ski hat Blizzard mit seinem Flip Core Natural Rocker genannten Aufbau. Die Österreicher haben den dreidimenional gefrästen Holzkern im Prinzip umgedreht. Der „Bauch“ zeigt hierbei nach unten, die Oberseite ist plan. Damit wollen die Mittersiller einen „natürlichen Rocker“ erzielen, die Ski kämen somit bereits aufgebogen aus der Form.

Alle Hersteller verstärken ihre Holzkerne – egal wie sie heißen – zusätzlich mit Glasfaserummantelungen und teilweise Karbon- oder Aluminium-Einlagen. Der Einsatz des extrem tosrionssteifen und dabei gut flexenden Titanals ist bei manchen Herstellern ein Muss, um gute Fahreigenschaften auch auf der Piste gewährleisten zu können. Dabei ist die Titanaleinlage meist dünner als bei Allmountain-Ski, damit die Ski nicht zu schwer werden, angesichts der enormen Breite und der größeren Länge. Es gilt zu bedenken, dass man mit Freeride-Ski schon mal aufsteigt oder sie gar auf dem Rücken zum Einstieg trägt.

Elan verzichtet bei seinen Freeride-Ski aus Gewichtsgründen ganz auf Titanal. An dieser Stelle wird vielleicht verständlich, warum Elan-Manager Mayer die Pisteneigenschaften eines Freeride-Ski nicht so hoch bewertet, wie mancher seiner Kollegen.

Man sollte wissen, was man will

Gleichzeitig macht diese Einschätzung deutlich, dass man sich beim Kauf von Freeride-Ski darüber im Klaren sein muss, was man will. Wer größtenteils auf der Piste fährt und sich nur gelegentlich ins freie Gelände begibt, ist sicher besser beraten, einen nicht ganz so breiten Ski zu wählen, der dadurch auf der Piste etwas agiler ist. Eine Titanal-Begurtung macht für diese Zielgruppe in jedem Fall Sinn, da dies die Torsionssteifigkeit erhöht, was mit besserem Kantengriff gerade bei harten Pis-tenbedingungen belohnt wird.

Skifahrer, die mit ihren Freeridern fast durchweg die Herausforderung im Tiefschnee suchen, können die Punkte Torsionssteifigkeit und Agilität getrost zugunsten von mehr Auftrieb und Powder-Fun vernachlässigen. Diesen Skifahrern sei zu den super breiten Modellen geraten, die gerne etwas weicher sein dürfen und auch ohne Titanal auskommen.

Man muss ohnehin konstatieren, dass sich Freeride-Ski mit Mittelbreiten von 90, 100 oder 110 mm überraschend gut und sehr sportlich auf der Piste fahren lassen. Wenn nicht gerade eisige Bedingungen herrschen, lassen sich auch diese breiten Latten sehr flott und dynamisch auf der Piste bewegen. Im Tiefschnee und in verspurten Hängen machen sie einfach nur Spaß. Den hat man aber auch mit „nur“ 90 oder 100 mm Mittelbreite.

Das Gewicht sollten alle im Fokus haben, die mit ihren Ski häufiger aufsteigen wollen. Es gibt übrigens auch für Freerider entsprechende Steigfelle. Und die Schuhindustrie hat speziell für Freerider Schuhe entwickelt, die eine tolle Performance beim Abfahren bieten, gleichzeitig aber auch das Aufsteigen ermöglichen. Eine interessante Alternative zwischen Pistenstiefel und Tourenschuh. <<<

neuer_name
Die meisten Hersteller setzen bei ihren Freeridern auf leichte Holzkerne mit Glasfaser- und relativ dünnen Titanal-Verstärkungen.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat