Das Ass im Ärmel

Jeder normale Skifahrer weiß einen gut präparierten Ski zu schätzen. Doch für den Rennläufer – vom ambitionierten Jugend- und Hobby-Racer bis zum Profisportler – entscheidet der Skiservice über Sieg, Platzierung oder Ausscheiden. Er ist die entscheidende Trumpfkarte, die jeder gerne spielen möchte. Doch was macht guten Rennservice aus? Diese Frage klären wir im Interview

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„Jeder Top-Ski kann noch optimiert und an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden“

Text Rainer Bommas Bild Blocher Blocher

Wir besuchten Hans Hofer bei Sport Bründl in Kaprun. Das renommierte Sporthaus am Fuße des Kitzsteinhorns gilt als eine der ersten Adressen in Sachen Rennservice in der Szene. Und ganz entscheidenden Anteil daran hat Hans Hofer.

Er war sechs Jahre Mitglied der österreichischen Ski-Nationalmannschaft, Profi-Weltmeister, arbeitete als Rennsport-Verantwortlicher und Produktfachmann in der Skiindustrie und war zuletzt vier Jahre in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Österreichischen Skiverbandes aktiv. Vor zweieinhalb Jahren kam er zu Sport Bründl, wo er sich mit vollem Einsatz um den Skiservice kümmert und ganz entscheidend den hervorragenden Ruf des Hauses in Sachen Skipräparation nicht nur in der Rennszene mitgeprägt hat.

Wer kommt zu Ihnen, um seine Ski für den Rennlauf präparieren zu lassen? Hobby- und Nachwuchs-Rennläufer, aber auch Weltcup-Fahrer. Und die Zahl steigt, da einerseits in den Verbänden immer weniger Geld für eigene Service-Leute in den verschiedenen Kadern zur Verfügung steht. Andererseits ist die Zahl der Anbieter, die einen hochwertigen Rennservice anbieten können, sehr überschaubar. Immer häufiger wenden sich ehe-malige Renn-Servicemitarbeiter nach ihrem Ausscheiden aus dem Weltcup-Zirkus Aufgaben außerhalb des Metiers zu und gehen dem Renn-service komplett verloren.

Von wo kommen Ihre Rennservice-Kunden? Aus ganz Österreich, bis nach Wien. Und sehr viele aus Deutschland. Hier reicht das Einzugsgebiet bis nach Hockenheim. Der Rennservice macht ca. sieben Prozent an unserem gesamten Service-Aufkommen aus, das im fünfstelligen Bereich pro Saison liegt.

Was muss man sich unter einem Rennservice eigentlich vorstellen?

Jeder Top-Ski kann noch optimiert und an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden. Das gilt sowohl für die Kanten- als auch für die Belagspräparation. Dabei gehen wir sehr speziell auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kunden ein.

Wie muss man sich das vorstellen? Zunächst einmal fragen wir, was der Rennläufer haben will. Für welche Disziplin der Ski sein soll, wie er fährt, bei welchen Bedingungen der Ski eingesetzt werden soll, welchen Schuh er benutzt, über welche Athletik und Physiognomie er verfügt. Auf dieser Basis präparieren wir die Kantenwinkel und Belagsstrukturen, wobei der Fahrer die Daten und weitere Hinweise mit nach Hause bekommt – mit der Aufgabe, verschiedene Dinge auszutesten. Und mit diesem Feedback entwickeln wir gemeinsam die beste Einstellung. Das klappt nicht immer auf Anhieb.

Wie lange dauert so ein Rennservice pro Paar Ski? Wir benötigen dafür etwa 45 Minuten, da neben dem Maschineneinsatz viel Handarbeit nötig ist.

Warum schaffen die modernen Schleif-Computer nicht den perfekten Rennservice? Theoretisch ist das denkbar. Und sicher gibt es Dinge, die die Automaten heute schon perfekt machen, wie z. B. die Strukturen im Belag und deren identische Reproduktion. Das können nur die Maschinen. Darüber hinaus kann man aus den modernen Hightech-Schleifautomaten aber noch viel mehr herausholen, wenn man die Ski entsprechend händisch optimal vorbereitet.

Können Sie dazu ein Beispiel nennen? Es geht beispielsweise darum, vorstehende Seitenwangen wegzuschleifen, bzw. mit dem Hobel ein Stück weit abzunehmen und damit die Seitenkante sauber freizulegen. Damit kann die Seitenkante erst richtig bearbeitet werden.

Warum das? Macht man diese Vorarbeit nicht, verschmutzt beim Hinterschleifen der Seitenkante das Kunststoffmaterial der Seitenwange oder der Cap-Konstruktion die Schleif-scheibe. Dadurch erhält man kein optimales Ergebnis. Beim Seiten-wangenski fällt diese Vorarbeit schon beim neuen Ski an, ist aber relativ einfach zu bewerkstelligen. Beim Cap-Ski muss man in diesem Bereich anfangs weniger machen, dafür wird es später um so aufwändiger, insbesondere dort, wo die Skikörper sehr dünn werden, also kurz vor der Schaufel.

Welche Kantenwinkel schleifen Sie im Rennbereich? Der seitliche Winkel wird bei uns standardmäßig auf 87° geschliffen. Für Jugend- und Hobby-Rennläufer hängen wir die Kante belagsseitig 0,75° bis 1° ab. Bei Weltcup-Fahrern liegt dieser Winkel für Slalom und Riesenslalom bei 0,3° bis 0,5°, während wir bei den schnellen Disziplinen die Ski 1,2° bis 1,5°, teilweise auch noch stärker abhängen. Nach dem maschinellen Schliff werden die Kanten von Hand nachgearbeitet, um auch feinste

Grate und Unregelmäßigkeiten zu beseitigen, was für den Laien oft gar nicht zu sehen ist.

Mit welchen Geräten arbeiten Sie dabei? Neben den Schleif- und Kantentuning-Maschinen von zwei namhaften Herstellern gehören Stahl- und Diamantfeilen ebenso zu unserem Handwerkszeug wie Winkel, Hobel, Haarlineal, Kupfer- und Rosshaar-Bürsten.

Kann das jeder lernen? Handwerkliches Geschick vorausgesetzt, ist das kein Hexenwerk. Aber ein Jahr Übung braucht man schon, um diese Arbeiten sauber und exakt ausführen zu können. Wir bieten immer wieder entsprechende Kurse an und führen die dafür benötigten Serviceartikel auch in unserem Sortiment, schließlich legen viele Rennläufer an ihren Ski oft selbst Hand an.

Welche Strukturen verwenden Sie im Rennservice? Das ist ganz unterschiedlich. Das hängt einmal von den Belägen selbst ab, ob diese härter oder weicher sind, andererseits natürlich von der Disziplin und den Schnee- und Temperatur-Bedingungen.

Insgesamt verwenden wir ungefähr 20 verschiedene Grundstrukturen, die sich bewährt haben. Sechs bis sieben davon für Slalom und Riesenslalom, die anderen für die schnellen Disziplinen. Eine weitere Variable ist darüber hinaus die Tiefe der Strukturen. Das erfordert insgesamt sehr viel Erfahrung, neben dem Wissen um die Strukturen auch im Umgang mit den Schleifsteinen und Diamanten.

Ein weiteres Thema ist das Wachs, das Sie verwenden? Nach dem normalen Heißwachsen werden die Beläge in fünf, sechs Durchgängen mit UV-Licht gleichmäßig erwärmt. Bei dieser Vorgehensweise dringt das Wachs deutlich tiefer in den Belag ein, der spürbar mehr Wachs aufnimmt. Etwa so viel, wie wenn man sechs Mal mit dem Bügeleisen wachsen würde.

Gibt es Ski, die einfacher zu präparieren sind als andere? Wie schon angesprochen, erfordern Seiten-wangenski zunächst einen etwas höheren Aufwand, wobei Modelle mit Phenol-Seitenwangen mit dem Hobel einfacher nachzuarbeiten sind als solche mit ABS-Seitenwangen. Bei den Cap-Ski stellt sich diese Aufgabe zunächst nicht, aber nach mehrmaligem Schleifen der Seitenkante muss auch hier Material abgetragen werden. Und das erfordert sehr viel Übung, da das Kunststoffmaterial leicht Fäden zieht.

Und wie sieht es mit den Rocker-Ski aus? Wegen der Aufbiegung ist die Bearbeitung mit der Maschine schwieriger, wobei ein Hersteller hier eine sehr praktikable Lösung entwickelt hat. Dabei muss man sagen, dass der Rocker aus dem Rennlauf kommt. Bei Kälte haben sich die Ski aufgebogen. So fuhr z. B. Ex-Weltmeisterin Michaela Dorfmeister bei sehr kalten Bedingungen auf einem Ski, der eine Auflage von nur 120 cm Auflage hatte, da der Ski vorne und hinten so weit aufstand. Dadurch war der Ski extrem drehfreudig und macht es möglich, eine sehr kurze Linie zu fahren. Und kurze Linie bedeutet im Rennlauf, schnell unterwegs zu sein.

Was ist eine weitere typische Arbeit, die im Rennservice anfällt? Holz und Laminate sind immer in Bewegung. Das Holz muss sich nach der Produktion noch legen. Spannungen, die durch die Bindungsmontage entstehen, müssen sich lösen. Das führt dazu, dass die Beläge nach den ersten Einsätzen nicht mehr plan sind. Wir empfehlen daher, nach etwa zehn bis fünfzehn Fahrten den Ski zu bearbeiten und ihn wieder plan zu schleifen. Erst danach sollte die eigentliche Renn-Präparation durchgeführt werden.

Was wir auch immer wieder sehen, sind Ski mit Verbrennungen am Belag. Sie entstehen, wenn die Struktur mit zu schnellem Vorschub geschliffen wird. Hier ist ein neuer Belagsschliff notwendig. Ähnliches gilt für Verhärtungen im Stahl der Kante. Hier sind die Ursachen oftmals auch ein zu schnelles Schleifen oder aber Staub, der beim Schleifprozess auf der Kante lag. Solche Schwachstellen sieht ein ungeübter Betrachter nicht gleich, sie beeinträchtigen aber das Fahr-verhalten negativ.

Tauschen Sie sich in solchen Dingen mit den Skiherstellern aus? Ja, wir stehen in einem guten Kontakt zu den Skifirmen, die auch an unseren Erfahrungen interessiert sind. Wenn wir z. B. eine Vorgehensweise finden, bei der das Schleifen ein paar Sekunden schneller geht, summieren sich solche Vorteile in der Produktion natürlich entsprechend.

Gibt es noch etwas, dass Sie allen Skiläufern in Sachen Service mit auf den Weg geben wollen, egal ob Rennläufer oder Genuss-Skifahrer?

Ja. Ich möchte an Skifahrer appellieren, ihre Ski zu pflegen und regelmäßig in den Service zu geben. Ein Ski, der gut präpariert ist, läuft leichter. Ein Ski der leichter läuft, dreht leichter. Ein Ski der leichter dreht, erfordert weniger Kraftaufwand. Letztlich verringert sich dadurch die Verletzungsgefahr. Und daher auch meine Bitte: Einmal jährlich die Bindung checken lassen! <<<

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