Der richtige Dreh

„Der läuft super ruhig!“, „Der hat ganz bissige Kanten!“ Wir alle kennen diese Begriffe von Fachsimpeleien auf der Hütte. Doch was steckt eigentlich dahinter? Und durch welche Konstruktionsmerkmale werden diese Fahreigenschaften erreicht? In unserer Serie schauen wir ins Innenleben unseres Materials – und beantworten in dieser Ausgabe die Frage: Was heißt eigentlich Drehfreudigkeit?

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© istockphoto.com/mipan

Text Rainer Bommas Bild Völkl, Wintersteiger

Spritzig, drehfreudig, laufruhig, eisgriffig, fehlerverzeihend, spurtreu, bestens geeignet für harte Pisten und Tiefschnee. So oder so ähnlich liest sich die Charakterisierung vieler Ski, wenn die Hersteller ihre Modelle anpreisen. Das klingt nach eierlegender Wollmilchsau. Lässt sich das alles tatsächlich in einem einzigen Ski vereinen? Und wollen wir das überhaupt? Oder suchen wir nicht vielmehr einen Ski mit einem ausgeprägten Charakter, mit einem, der zu uns und unserer Fahrweise passt?

In unserer Ski-Technologie-Serie beschäftigen wir uns mit den verschiedenen Eigenschaften eines Skis und zeigen, wie sie konstruktiv beeinflusst werden können.

Heute geht es um die Fahreigenschaft Drehfreudigkeit.

Drehfreudigkeit – was ist das?

Viele Skifahrer suchen einen Ski, mit dem schnelle Richtungs-, sprich Kantenwechsel möglich sind, mit dem man genussvoll Schwung an Schwung, Kurve an Kurve setzen kann, ohne dass einem gleich die Oberschenkel brennen. Zumeist werden diese Ski dann als drehfreudig bezeichnet. „Drehfreudigkeit, was ist das?“ wollten wir von verschiedenen Fachleuten der Skiindus-trie wissen – und mussten feststellen, dass diese Frage gar nicht so leicht zu beantworten ist.

„Unter Drehfreudigkeit versteht man die Einfachheit des Schwungwechsels, egal, ob gedriftet oder geschnitten“, war am Ende die Antwort, auf die sich die Experten einigen konnten. Der Zusatz „egal, ob gedriftet oder geschnitten“ klingt dabei zunächst harmlos, macht aber bereits eine Schwierigkeit deutlich, mit der sich die Skibauer auseinandersetzen müssen: Sehr gute Fahrer bevorzugen häufig den geschnittenen Schwung, der auf der Kante gefahren wird. Zum Einsteuern brauchen diese einen möglichst torsionssteifen Ski, der dem Druck nicht ausweicht. Nur so kann die Kurve sauber geschnitten werden. Bei gedrifteten Schwüngen wird der Bogen hingegen angerutscht. Man erkennt das meist daran, dass der Schnee staubt oder spritzt. Hierfür braucht der Fahrer einen weicheren Ski mit weniger Torsionshärte. Wenn dieser vorne und hinten vielleicht sogar leicht aufgebogen ist (wie bei den Rocker-Ski und Twin Tips), wird die Einleitung des gedrifteten Schwunges zusätzlich erleichtert.

Nicht messbar

Es ist also gar nicht so einfach, eine allgemeingültige Formel zu finden, mit der Drehfreudigkeit erzeugt werden kann. Hinzu kommt: Für Drehfreudigkeit gibt es kein messbares Verfahren – anders als beispielsweise bei der Haltekraft in der Kurve, welche die Skihersteller genau bestimmen können. Nein, für die Drehfreudigkeit gibt es keine objektive Meßmethode. Viel ist Gefühlssache, abhängig vom individuellen Fahrstil, der Fahrtechnik, den physischen Voraussetzungen. Dennoch gibt es konstruktive Maßnahmen, die Einfluss auf die Drehfreudigkeit nehmen, wobei deren Wirkungsgrad von den genannten individuellen Voraussetzungen des einzelnen Skifahrers unterschiedlich empfunden wird:

• Skisteifigkeit

Die wohl wichtigsten Einflussgrößen sind die Längs- und die Torsionssteifigkeit. Ein weniger biegesteifer Ski steuert leichter ein, ist obendrein sehr geschmeidig. Allerdings fehlt ihm auch die Federkraft für den Rebound aus dem durchgebogenen Ski, der den schnellen Schwungwechsel bewirkt, den Ski „spritzig“ erscheinen lässt. Die Torsionshärte macht den Ski rutschfester in der Kurve oder – bei weicher Auslegung – drehfreudiger. Die perfekte Abstimmung dieser beiden Größen gehört zur Meisterschaft der Skikonstukteure.

• Taillierung

Hierunter versteht man das Verhältnis von der Breite der Skimitte zur Breite der Schaufel bzw. zum Ende – und zwar in Abhängigkeit von der Skilänge. Ein stärker taillierter Ski mit geringerem Radius ist tendenziell drehfreudiger als einer mit größerem Radius. So gilt z. B., dass ein Slalom-Ski drehfreudiger ist als ein Riesenslalom-Ski. Das klingt nach einer Binsenweisheit, war aber nicht immer so. Denn es gab auch Zeiten, da war ein Slalom-Ski ein Geradeausfahr-Ski, der nur von einer auf die andere Kante gesetzt wurde, um schnurgerade, quasi im Zickzack, von einer Stange zur anderen zu fahren.

Aber seit im Slalom gecarvt wird, gilt wieder, dass diese Ski sehr drehfreudig sind. Das liegt auch an ihrer Länge. Denn hier gilt grundsätzlich: kürzere Ski drehen leichter als längere Ski. Doch Vorsicht: Hierbei kann man nur gleiche Baureihen vergleichen. Eine Verallgemeinerung im Sinne von „jeder kurze Ski ist drehfreudig, jeder längere Ski nicht“ wäre schlichtweg falsch. Schließlich gibt es noch weitere Einflussfaktoren. Dazu zählt sogar das Gewicht. Im Endeffekt wird dies zwar eine untergeordnete Rolle spielen, doch ein leichterer Ski ist tendenziell drehfreudiger als ein schwererer, denn schließlich gilt es, die Masse von einer Richtung in die andere zu bewegen.

• Präparation

Einen ganz entscheidenden Einfluss auf die Drehfreudigkeit hat die Präparation. Das bestätigen alle Experten unisono. Ein gut gewachster Ski lässt sich leichter drehen als einer mit tro-ckenem Belag (weiße Stellen). Auch die Struktur des Belagschliffes muss zu den Schneeverhältnissen passen: grobe Struktur bei nassem Schnee, feine Struktur bei kaltem Schnee. So entsteht ein optimaler Wasserfilm, auf dem der Ski perfekt gleitet und spürbar leichter zu drehen ist.

Außerdem muss die Kante „glatt“ sein. Gemeint ist hier nicht die Schärfe, doch sie muss frei von Graten, Rost, Wachsresten etc. sein, da sie sonst rupft und nicht nur die Gleiteigenschaften, sondern auch die Drehfreudigkeit einschränkt. Und es gibt noch eine weitere Möglichkeit, die Drehfreudigkeit des Ski über die Präparation zu beeinflussen: Ein Ski mit belagseitig abgehängter Kante lässt sich leichter in die neue Schwungrichtung bewegen, da der Drehwiderstand geringer ist. Also regelmäßig die Kante entgraten und die Ski wachsen (lassen).

• Materialfrage

Welche Bauteile fördern oder behindern nun die Drehfreudigkeit? Das Kernmaterial hat nach übereinstimmender Aussage der Experten aus der Skiindustrie keinen Einfluss darauf. Anders sieht es bei den Bauteilen zur Versteifung des Skis aus. So bestätigen die Profis, dass härtere Ski weniger gut drehen. Deshalb werden in Slalom-Ski weniger Titanal-Einlagen verarbeitet, als in Riesenslalom- oder Super-G-Modellen. Weichere Ski drehen leichter.

Auch der Einsatz von Dämpfungsmaterialien und -konstruktionen wirkt sich aus: Elastomere, Gummipuffer, Öldämpfer, Doppelski-Konstruktionen und Platten machen die Skier zwar laufruhiger, aber dafür auch träger und weniger spritzig. Denn die eingebauten Dämpfungskonstruktionen absorbieren wirkungsvoll Schwingungen und verbessern den Kontakt des Skis zum Schnee. Doch dadurch reagiert er nicht mehr so direkt und unmittelbar auf Impulse, die der Fahrer in den Ski gibt, er ist ein wenig müder. Nicht umsonst sprechen die Experten davon, dass man einen Ski auch totdämpfen kann.

• Montagepunkt

Und noch eine Stellschraube, mit der die Skihersteller die Drehfreudigkeit beeinflussen können: Es ist der Montagepunkt der Bindung. Die Ski werden von den Herstellern ausgelotet und erhalten je nach Charakteristik, Zielgruppe und primärem Einsatzzweck einen ausgewogenen Montagepunkt für die Bindung. Dieser liegt in der Regel hinter der Skimitte bei einem Verhältnis zwischen 60 : 40 bis zu 70 : 30. Lediglich die für den Park&Pipe-Einsatz ausgelegten Twin-Tip-Ski haben den Montagepunkt exakt in der Mitte, so dass sie sich beim Vor- und Rückwärtsfahren identisch verhalten.

Will man nun die Drehfreudigkeit erhöhen, kann man den Montagepunkt nach vorne verlegen, was häufig bei Damen-Ski erfolgt. Mit einigen modernen Bindungen (Blizzards IQ-System, diverse Leihskibindungen) kann man das für sich selbst ausprobieren, die Bindung lässt sich nach vorne oder hinten verschieben. Die Stelle, an der sich beim ausgeloteten Ski die Skischuhmitte (am Skischuh markiert) befinden soll, ist in der Regel mit einem Pfeil oder einer Linie auf dem Ski gekennzeichnet. Skifahrer, die viel im Tiefschnee fahren, können den Montagepunkt auch nach hinten verlegen, so dass der Ski besser aufschwimmt.

Es wird gerockt

Spricht man von Drehfreudigkeit, so kommt man an einem brand-aktuellen Thema nicht vorbei: Rocker. So nennt man Konstruktionen, bei denen die Ski vorne bzw. vorne und hinten aufgebogen sind, im Extremfall liegt der Ski nur mit dem mittleren Teil auf. Diese Technologie gibt es schon lange beim Wasserski. Der Ski hat eine Auflage wie eine Banane, und es können sehr enge Kurven mit diesen Ski gefahren werden.

Noch sind sich die Skihersteller uneinig, wie diese Konstruktion einzuschätzen ist, wofür man sie einsetzen soll und in welcher Ausprägung. Klar ist jedoch, dass Rocker-Ski beim flachgestellten Ski eine kürzere effektive Kantenlänge mit Schneekontakt haben und somit leichter zu drehen sind. Auf der anderen Seite nimmt man dadurch Nachteile hinsichtlich Laufruhe in Kauf. Viele Hersteller sehen Rocker-Ski daher vor allem im Bereich Off-Piste, Freeskiing, Park&Pipe richtig angesiedelt. Doch das Thema rückt auch bei Pisten-Skiern immer stärker in den Fokus.

Die Stellschrauben

Zusammenfassend lässt sich zum Thema Drehfreudigkeit sagen, dass derjenige, der einen sehr drehfreudigen Ski haben will, auf folgende Punkte achten sollte:

• Perfekte Präparation

• Radius eher kleiner

• Länge eher kürzer

• Gewicht eher niedriger

• Bindungsmontagepunkt eher weiter vorne

• Ski eher weicher, mit weniger Titanal-Einlagen

• Eventuell Rocker-Technologie

Doch man sollte sich auch darüber im Klaren sein: Wer einen extrem drehfreudigen Ski haben will, muss Abstriche in punkto Laufruhe und Handling bei sehr hohen Geschwindigkeiten machen. Da wären wir wieder bei der eierlegenden Wollmilchsau und dem Charakter. Alles geht eben nicht – und muss ja auch gar nicht. Schließlich liefert uns die Skiindustrie genügend leicht drehende Ski, die echte Kurvenräuber sind und auch dann noch Spaß machen, wenn’s mal schneller gehen und laufruhig sein soll.

Wer sich speziell für laufruhige Highspeed-Ski interessiert, findet natürlich auch diese. Und wie genau diese Laufruhe erreicht wird, erfahren Sie in der nächsten Ausgabe des SkiMAGAZINs. <<<

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Bei einem Ski mit belagseitig abgehängter Kante ist der Drehwiderstand geringer. Der Ski lässt sich leichter in die neue Schwungrichtung bewegen.

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