Der Skischuh-Doktor auf Visite

Mit den modernen serienmäßigen Innenschuh-Anpassungen ist schmerzfreies Skifahren in der Regel möglich. Doch in manchen Fällen drückt es dennoch. Kein Grund zur Resignation – hier kann der Skischuh-Doktor helfen …

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„Skischuh-Doktor“ Jörg Spielmann prüft mit kritischem Blick, wie sein Kunde im Skistiefel steht.

Text Rainer Bommas, Katharina Teudt (Produkte) Bild Hersteller

Wir besuchten in Garmisch-Partenkirchen den Skischuh-Spezialisten Boot Performance. Dahinter verbirgt sich das Inhaber-Duo Jörg Spielmann und Stephan Riedl.

Jörg Spielmann besitzt eine jahrzehntelange Erfahrung in der Skischuh-Industrie. Der zu Beginn seiner beruflichen Karriere im österreichischen Skilehrwesen engagierte Tiroler war viele Jahre Verkaufsleiter verschiedener Skischuh-Firmen und durchgehend an der Entwicklung der neuesten Modelle beteiligt. Sein Partner Stephan Riedl ist als staatlich geprüfter Skilehrer und ehemaliger Teamchef Telemark des DSV einerseits Experte in Sachen skifahrerischer Praxis. Andererseits bringt er als Orthopädie-Schuhmachermeister umfangreiches Expertenwissen rund um den Fuß, die Anatomie und den Schuh mit ins Boot-Fitting-Geschäft.

Skischuh-Erfahrung plus Orthopädie-Know-how

Genau diese Kombination lockt jene Kunden an, die auf der Suche nach einer Lösung für ihre Fußprobleme sind. Aber was sind eigentlich die häufigsten Probleme? Ein Großteil sind orthopädische Ursachen, sei es ein Hallux oder Überbeine am 5. Mittelfußknochen, Kahnbein oder Ferse. Fußschwächen und -fehlstellungen, sehr starke Waden oder ehemalige Verletzungen sind weitere Ursachen für Passformprobleme. Für extreme Fußformen müssen da schon mal eigene Leisten gebaut werden.

Doch zum Glück muss der Skischuh-Doktor nicht in jedem Fall sein volles Programm mit Schalenverformung, Weiten, Fräsen, Schäumen etc. zum Einsatz bringen. Manchmal helfen schon kleine Korrekturen, um große und schmerzhafte Probleme zu lösen – und davon kann sich jeder Skifahrer etwas abschauen.

Skischuhe oft zu groß

Sehr häufig treten Passformprobleme auf, weil der Skischuh ganz einfach zu groß ist. Nach Einschätzung von Experten kaufen 70 Prozent der Skifahrer zu große Schuhe – nicht selten zwei Größen und mehr! Eine Einschätzung, die Spielmann und Riedl durchaus teilen. Dass viele ihre Schuhe zu groß kaufen, hat vor allem zwei Ursachen: einerseits Unwissen, wie man feststellt dass die Größe des Skischuhs passt. Und zweitens – damit

in unmittelbarem Zusammenhang stehend – zu wenige gut ausgebildete Fachleute im Handel, die sich beim Anprobieren nicht konsequent gegen Passformängste ihrer Kunden durchsetzen können oder wollen. Oftmals greift der Verkäufer gleich zur nächsten Größe, wenn der Kunde sagt, der Schuh sei zu klein. Dabei muss der Fuß vorne im Innnenschuh leicht anstoßen, wenn man hineinschlüpft. Erst durch das Schließen der Schnalle wird der Fuß nach hinten gezogen, bzw. durch das Beugen der Knie rutscht die Ferse in ihre richtige Position.

Machen Sie den Barfuß-Test

Der Tipp vom Fachmann, wie man gut sehen kann, ob der Skischuh die richtige Größe hat, ist folgender: Barfuß in die bloße Schale steigen, also ohne Innenschuh. Mit dem Fuß nach vorne rutschen, bis die Zehen die Skischuhspitze berühren. Jetzt sollte hinten zwischen Ferse und Schale ca. 1,5 cm Platz sein. Denn diesen Raum füllt der Innenschuh aus.

Nach Einschätzung von Spielmann ist es sehr wichtig, dass möglichst wenig freier Raum im Skischuh entsteht. Bei unserem Besuch im Geschäft erleben wir ein Paradebeispiel. Riedl ist gerade dabei, den mittels 3D-Scanner ermittelten Skischuh einer Kundin anzupassen, wobei schön zu sehen ist, wie in der Ferse die angesprochenen 1,5 cm Platz sind. Zur gleichen Zeit kümmert sich Spielmann um einen Kunden, der über Knöchelprobleme in seinem Skischuh klagt.

Bei der Betrachtung des Fußes und des mitgebrachten Skischuhs erklärt Spielmann dem Kunden direkt, dass der Schuh viel zu groß sei. Der Barfuß-Test zeigt es überdeutlich: satte 4,5 cm Luft zwischen Ferse und Schale. Kein Wunder, dass der Mann über Passform-Probleme klagt. Die Schale muss mit hohen Zugkräften der Schnallen extrem überzogen werden, ihre Passform gerät aus den Fugen und der Fuß hat vermutlich dennoch viel Luft …

Kompressionssocken gegen kalte Füße

Auch die relativ dicken Skisocken des Kunden aus grobem Garn macht der Boot-Fitter als Problemverstärker aus. Er empfiehlt in jedem Fall Kompressionssocken. Einerseits schmiegen sich diese hochelastischen Strümpfe perfekt und garantiert faltenfrei an den Fuß an, so dass es zu keinen Reib- oder Druckstellen kommt. Darüber hinaus unterstützen diese Hightech-Produkte – genau wie die Trombosestrümpfe – den venösen Blutrückfluss zum Herzen.

Beim Skifahren und insbesondere bei Kälte versackt das Blut leicht in den Beinen bzw. Füßen. Der leichte Druck, den die Kompressionssocken auf Gefäße und Muskulatur ausüben, befördert den Rücktransport des Blutes und verbessert die Durchblutung von Wade und Fuß. Damit sind Kompressionsstrümpfe auch ein wirkungsvolles Mittel gegen kalte Füße. Diese Strümpfe kann man übrigens auch sehr gut bei längeren Autofahrten oder Flugreisen einsetzen, so dass die Anschaffung einen mehrfachen Nutzen hat.

Ursache für kalte Füße sind aber auch zu eng geschlossene Skischuhe, die die Blutzufuhr abquetschen.

Skischuhe richtig anziehen

Viele ziehen ihre Skischuhe im warmen Skikeller oder am Parkplatz an und schließen die Schnallen bereits für die Abfahrtssituation. Das sollte man besser bleiben lassen, rät Spielmann. Denn im Skikeller oder nach der Fahrt im Auto sind die Schalen der Skischuhe deutlich wärmer als die Außentemperatur im Skigebiet. Das Problem: Mit sinkender Temperatur wird das Material nicht nur spürbar steifer, sondern es zieht sich auch zusammen. Der Schuh wird also noch einmal enger. Ein im Warmen fest geschlossener Stiefel sitzt dann unangenehm fest am Fuß.

Spielmann empfiehlt daher, die Schuhe zunächst immer nur auf Stufe eins zu schließen und so mit dem Lift nach oben zu fahren. Auch die ersten Meter der Abfahrt könne man so gut bewältigen, ehe man die Schnallen dann in die Fahreinstellung bringt. Das Anziehen der Skischuhe in einem angenehm temperierten Zustand ist dabei durchaus sinnvoll. Da es mit der dadurch weicheren Schale wesentlich komfortabler ist, als sich in eiskalte und bocksteife Skischuhe zu quälen.

Die Sohle ist das Fundament

Die Anfertigung einer individuellen Sohle ist die Grundlage jeder Schuhanpassung. Denn damit lassen sich häufig schon die meisten Probleme lösen. Die Sohle bezeichnet Spielmann als „das Fundament“, auf dem alles aufbaut. Bei diesen Sohlen handelt es sich nicht um eine orthopädische Versorgung, sondern um eine Unterstützung des Fußes.

Die Fußsohle ist schließlich ganz entscheidend für unsere Sensorik.

Eine angefertigte Sohle stützt z. B. einen Fuß mit einem hohen Gewölbe, so dass dieses nicht durch das Schließen der Schale heruntergedrückt wird, was zu Schmerzen und Durchblutungsstörungen führen kann. Gleichzeitig wird das Volumen, das der Schuh bietet, besser ausgefüllt.

Eine solche angepasste Sohle gibt dem Fuß Halt, er rutscht nicht im Schuh, wodurch Scheuerstellen vermieden werden. Ganz wichtig sind solche unterstützenden Sohlen auch bei einer Pronation, also wenn der Fuß beim Beugen des Fußgelenks nach innen knickt, was auch Auswirkungen auf den Knöchel hat.

Skifahrer, die bei ihren Abfahrten zum Krallen der Zehen neigen, bekommen durch eine angepasste Sohle mehr Halt und stehen entspannt im Schuh, erklärt der Skischuh-Doktor. Und wer entspannter Ski fährt, fährt auch besser Ski. Mit einer guten Sohle steht der Fuß richtig im Schuh, so dass die Passform-Konstruktion der Hersteller voll zum Tragen kommen kann und manche Korrektur hinfällig wird. Das Anpassen der Sohlen ist übrigens ein einfaches Verfahren, das nur wenige Minuten in Anspruch nimmt.

Zu viel Umfang

Auch kräftige Waden können zu zahlreichen Passformproblemen im Skischuh führen. Nicht nur dass diese in der zu engen Manschette gequetscht werden. Oftmals führen kräftige Waden auch zum oben beschriebenen Problem, dass der Skischuh zu groß gekauft wird – denn die starke Wade schiebt den Fuß im Schuh nach vorne, er stößt an. Das Urteil des Skischuhkäufers: „Der Schuh ist zu klein“. Der Griff zur nächsten Größe bedeutet aber zu viel Volumen im Schuh mit verschiedenen möglichen Konsequenzen wie eingeschlafene Füße, Druckstellen am Knöchel etc. Wie man sieht, ist das Thema sehr komplex, Ursache und Wirkung müssen in einem vielschichtigen Zusammenhang gesehen werden.

Welche Abhilfe der Skischuh-Doktor bei kräftigen Waden hat oder welche tieferen Ursachen für Probleme im Schienbeinbereich verantwortlich sind und was man dagegen tun kann, lesen Sie in der nächsten Ausgabe. Dann erfahren Sie auch, welche Tricks die Spezialisten auf Lager haben, um für jeden Fuß den passenden Skischuh zu bauen. <<<

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Die Anfertigung einer individuellen Sohle löst bereits viele Passform-Probleme.
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Der Barfuß-Test in der Skischuh-Schale hilft bei der Ermittlung der richtigen Größe.

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