Der Spagat

Ein Tourenski muss für den Aufstieg möglichst leicht sein, bei der Abfahrt aber beste Performance bieten. Keine einfache Aufgabe für die Konstrukteure – zumal immer neue Varianten des Tourengehens entstehen

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Text Rainer Bommas Bild Atomic, Elan, Koch Alpin

Die einen suchen die Einsamkeit der Natur, schwärmen von Aufstiegen bei Sonnenaufgang in unberührten Berglandschaften. Andere träumen von einer Alpenquerung oder der legendären Haute Route. Für manchen Tourengeher ist der Aufstieg nur lästiges Mittel zum Zweck, um eine tolle Abfahrt über jungfräuliche Tiefschneehänge genießen zu können. Wieder andere haben Tourengehen als Fitness-Training entdeckt und stürmen nach Feierabend noch schnell am Pistenrand nach oben.

Mit dieser breiten Erschließung des Tourenthemas geht eine dynamische Weiterentwicklung des Materials einher. Dank der zunehmenden Zahl der Akteure hat die Skiindustrie diese Variante als lukrativen Markt für sich entdeckt und kräftig in die Entwicklung der entsprechenden Ausrüstung in-vestiert. Davon profitieren die Tourengeher und Tourengeherinnen – der Anteil der Frauen in dieser Ausdauersportart wächst stetig.

Hatten vor gar nicht allzu langer Zeit die großen Marken oft nur ein einziges Tourenski-Modell im Programm und überließen das Geschäft weitgehend einigen wenigen Spezialisten, stehen die Kunden heute vor einer riesigen Auswahl mit einer enormen Differenzierung der Modellpalette. Die Frage lautet: Welches Modell ist das richtige für mich? Fundierte Hilfestellung bietet der große Test des SkiMAGAZINs.

Darüber hinaus werfen wir in diesem Beitrag aber einen tieferen Blick in das Innenleben der Tourenski.

Breites Leistungsspektrum

Was zeichnet einen Tourenski aus?, wollten wir von den Experten wissen. Stefan Stankalla von K2 sagt dazu: „Leichtbauweise ohne an Abfahrts-Performance zu verlieren. Dazu setzt K2 auf folgenden Kompromiss: Leichtbau für den Aufstieg, wo das möglich ist, ohne dabei aber auf einen Skiaufbau und Komponenten zu verzichten, die beste Abfahr-Eigenschaften garantieren.“ Patrick Wesch vom Völkl Produktmanagement formuliert es so: „Ein guter Tourenski verfügt über ein breites Leistungsspektrum und die beste Abstimmung sowohl für den Aufstieg als auch für die Abfahrt. Er muss sehr leicht sein und gleichzeitig herausragende Fahreigenschaften für unterschiedlichste Schneever-hältnisse besitzen. Ein Tourenski soll außerdem zu jedem Zeitpunkt die Sicherheit des Benutzers unterstützen.“

Leichtigkeit steht also ganz oben auf der Prioritätenliste der Tourenskibauer, wobei dieses Kriterium bei aufstiegsorientierten Ski sowie bei Wettkampfmodellen noch höher im Kurs steht als bei den Brettern, die als Allrounder gelten oder den Abfahrtsgenuss im Fokus haben. Entscheidend für das Gewicht wie für die Fahreigenschaften ist auch bei Tourenski der Kern.

Hochwertige Tourenski verzichten hier nicht auf das Qualitätsbaumaterial Holz. Der Unterschied zu anderen Skitypen liegt aber darin, dass bei den Tourenmodellen besonders leichte Arten verbaut werden. Dazu zählen insbesondere Pappel und Paulownia (Blauglockenbaum) und in einzelnen Fällen auch Bambus. Für Stabilität verantwortlich sind die mit diesen Hölzern verleimte Schichten aus Tanne und/oder Espe. Noch leichter werden die Kerne durch einen Mix aus Holz mit dem wabenartig aufgebauten Kunststoff Nomex oder anderen Schaumkonstruktionen.

Da diese sehr leichten Kerne natürlich auch die nötige Ausriss-Sicherheit der Bindungsverschraubung garantieren müssen, werden im Bindungsbereich teilweise Metallplatten oder – als leichtere Alternative – Karbonmatten eingearbeitet. Zusätzliches Gewicht spart die Integration von Gewinde-Inserts, die die Befestigungsschrauben aufnehmen. Das hat aber den Nachteil, dass auf diese Ski nur dazu passende Bindungen montiert werden können.

Verschiedene Konstruktionen

Konsequent auf Leichtigkeit getrimmte Tourenski, bei denen der Aufstieg oder der Wettkampfeinsatz im Vordergrund stehen, überzeugen bei der Abfahrt nicht nur im Tiefschnee und bei Firn, sondern inzwischen auch bei normalen Pistenverhältnissen mit guten Fahreigenschaften. Wird es jedoch eisig oder gilt es, üblen Bruchharsch unter die Ski zu nehmen, empfiehlt sich doch eher eine Konstruktion, die sich näher an den Allmountain-Ski orientiert.

Bei diesen Modellen erhöhen teilweise dünne Titanal- oder Karbon-Netze sowie Glasfaser-Verstärkungen die Torsionssteifigkeit, ohne den weichen Flex der Holzkern-Konstruktion negativ zu beeinflussen. Manche Hersteller favorisieren eine Cap-Bauweise, setzen über den Sandwichaufbau mit verleimtem Leichtholz-Kern und Glasfaserverstärkungen quasi einen Kunststoffdeckel, der dem Ski die gewünschte Stabilität verleiht.

Natürlich sind auch die Tourenski tailliert, wobei die Radien in der Regel zwischen 15 und 20 Meter liegen.

Oftmals eingesetzte progressive

Taillierungen – vorne zahmer, hinten etwas enger – machen die Ski fehlerverzeihender und die Schwungeinleitung harmonischer. Ein radikaler Sidecut hat den Nachteil, dass die Ski beim Spuren nicht so leicht laufen, auch hätte man bei Querungen in manchen Situationen weniger Sicherheit beim Aufkanten. Die Mittelbreiten liegen zwischen 80 und 110 mm, wobei die abfahrtsorientierten Modelle eher noch breiter werden und die aufstiegsorientierten Ski sowie die Wettkampfmodelle teilweise schmaler ausfallen.

Unterschiedliche Vorspannungen

Rocker ist bei den meisten Tourenski ein Thema. Die Modelle profitieren von der verstärkten Aufbiegung vorne, die das Aufschwimmen im Tiefschnee ebenso unterstützt, wie sie die Schwungeinleitung erleichtert. Viele erfahrene Tourengeher bevorzugen aber weiterhin die Camber-Bauweise mit klassischer Vorspannung. Entsprechend bieten die Hersteller eine Vielzahl unterschiedlicher Rocker-, Rocker-Camber- und Camber-Modelle an, schließlich ist das Einsatzgebiet von Tourenski extrem vielfältig: weicher Tiefschnee, verblasener Schnee, Sulz, vereiste Bedingungen, Harsch, Bruchharsch, Firn. Und das alles kann auf einer einzigen Hochtour vorkommen. <<<

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Dieses Colltex-Steigfell verfügt über eine klassische Befestigung.
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Elan setzt bei seinen Tourenski auf einen leichten Holzkern mit Glasfaser-Verstärkungen in Verbindung mit der Bridge-Technologie, einer strukturierten Deckelkonstruktion.

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