Hoffentlich hält’s!

Die Sicherheitsbindung – sie gehört heute wie selbstverständlich zu jedem Ski dazu, kaum einer macht sich Gedanken darüber. Doch wie funktioniert das hochkomplexe Teil eigentlich? Das SkiMAGAZIN hat sich dieses mechanische Wunderwerk einmal genauer angeschaut

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© istockphoto.com/audaxl

Text Rainer Bommas Bild Marker, Tyrolia, Kurt Göthans

An der Entwicklung der Sicherheitsbindung war ein deutscher Tüftler maßgeblich beteiligt: Hannes Marker. Sein Namen steht heute noch auf vielen Bindungen, auch wenn die Marke heute längst zu einem großen US-Konzern gehört.

Auch die anderen Bindungshersteller sind keine unabhängigen Unternehmen mehr, sondern gehören zu den Skifirmen. Denn wie eingangs schon erwähnt, gehört eine Bindung inzwischen bei den meisten Ski als integraler Bestandteil mit dazu.

Noch vor 20 Jahren war dies ganz anders: Damals haben sich Skifahrer die passende Bindung zu ihrem Ski ausgesucht. Sie haben sich als Anhänger einer Drehteller- oder einer Diagonal-Ferse geoutet, konnten stundenlang mit ihrem Händler über die beste Lösung fachsimpeln. Alles vorbei. Die Bindung ist beim Ski dabei. Basta.

Doch mit dieser Entwicklung zum fertigen Set ist auch etwas in den Köpfen der Skifahrer passiert. Sie nehmen die Bindung nicht mehr als wichtiges Sicherheitsprodukt wahr, widmen ihm immer weniger Aufmerksamkeit. Die Konsumenten akzeptieren in der Regel die Bindung, die auf dem Ski ihrer Wahl montiert ist. Dabei kann es durchaus passieren, dass auf einem besonders begehrten Ski eine nicht ganz so tolle Bindung montiert ist. Schließlich müssen im harten Wettbewerb Preise erreicht werden, die der Kunde zu zahlen bereit ist. Da ist die Bindung schon einmal ein Mittel, um im Preismix auf die richtige Kalkulation zu kommen. Allerdings: Ein Sicherheitsrisiko ist damit nicht verbunden, und oft genug sind Ski und Bindung auch perfekt aufeinander abgestimmt.

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Das Endlosband eliminiert Reibung zwischen Schuh und Bindung für eine sichere Auslösung.
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Die auf Rollen gelagerten Vorderbacken werden über eine Feder zusammen gehalten.

Regelmäßige Kontrolle ist wichtig

Während des Beratungsgesprächs im Sportfachhandel spielt die Bindung fast keine Rolle mehr. Entsprechend lasch gehen auch viele Brettl-Fans mit diesem hoch technischen Sicherheits-Produkt um: Wartung und Pflege? Fehlanzeige. Das Ding muss funktionieren. Fertig. Korrekte Einstellung und Überprüfung? Auch das vernachlässigen immer mehr Skifahrer und glauben, das selbst machen zu können. Die Skala auf der Bindung zeigt ja den Z-Wert an, meinen die meisten, und den kennen sie ja ohnehin. Dabei wissen die wenigsten, dass die Skala auf der Bindung nur den groben Z-Wert angibt. Die exakte Einstellung muss auf den kalibrierten Geräten im Sportfachgeschäft überprüft werden. Schließlich unterliegt auch eine Bindung Alterungsprozessen, ist Verschmutzung, Salz und Korrosion ausgesetzt. Hinzu kommen sich verändernde Reibungswerte zwischen Schuh und Bindung. Auch das zunehmende Lebensalter, das Fahrkönnen, sich ändernde Pistenvorlieben haben einen Einfluss auf den individuell zu ermittelnden Z-Wert, der an der Bindung eingestellt und überprüft werden muss. Alle drei Skiwochen, mindestens aber einmal in der Saison sollte die Bindungseinstellung vom Fachmann kontrolliert werden.

Dazu passt eine Meldung des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) zu Beginn der laufenden Skisaison: „40 Prozent der Skibindungen sind nicht korrekt eingestellt.“ Bei einem Test im Skigebiet Serfaus in Tirol überprüfte ein Team des Instituts für Sportwissenschaften im Auftrag des ÖSV die Bindungen von 180 nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Skifahrern. Das Ergebnis: 5 Prozent waren überhaupt nicht funktionsfähig. 18 Prozent sagten, dass ihre Bindungen ab und zu unerwartet öffnen. Und nur ein Drittel gab an, die Bindung jährlich überprüfen zu lassen.

Ein Wunder, dass angesichts dieser Zahlen nicht mehr Verletzungen beim Skifahren auftreten. Das zeigt wiederum, wie zuverlässig die Systeme trotz ihrer oftmals nachlässigen Behandlung sind.

Komplexe Technik

Doch kommen wir zur wichtigsten Frage: Wie funktioniert eigentlich eine Bindung? Im Grunde sind es die Vorderbacken und der Fersenautomat, die über Federn den Schuh in der Bindung halten. Wird die auf die Federn wirkende Kraft zu groß, lassen die Backen den Schuh frei. Was so simpel klingt, ist in Wirklichkeit natürlich viel komplizierter. Schließlich muss die Bindung erkennen, ob die wirkende Kraft tatsächlich Anlass für einen Ausstieg ist oder der Schuh in die Ausgangsposition zurückgleiten soll. Gleichzeitig werden Schläge gedämpft, Zug- und Druckkräfte ausgeglichen und natürlich die Kraft vom Schuh auf den Ski übertragen. Gleichzeitig soll die Durchbiegung des Skis nicht beeinträchtigt werden. Wie eine Bindung im Detail funktioniert, lesen Sie auf der nächsten Seite.

Wer sich näher mit dem Thema Bindung beschäftigt, dem stellen sich drei wichtige Fragen, die wir in Zusammenarbeit mit einem Experten der Firma Marker beantworten: Was unterscheidet eine gute von einer weniger guten Bindung, bzw. wie erklären sich die Preisunterschiede?

Gut wird gern mit teuer gleichgesetzt. Das gilt auch bei den Bindungen. Doch es gilt auch, nach persönlichen Parametern zu differenzieren. Für einen Anfänger ist nämlich eine andere Bindung gut als für einen Rennläufer. Ein Rennläufer braucht eine Bindung mit hoch einstellbaren Z-Werten. Eine solche Bindung muss damit neben den hohen Fahrkräften auch sehr hohen Federkräften standhalten, und das macht die Produktion sehr aufwendig und teuer. Für jeden Anwender – unabhängig vom Fahrkönnen – ist es von Vorteil, wenn die Bindung über eine hohe Energieaufnahme (siehe nächste Frage) verfügt, die die Gefahr der Fehlauslösungen reduziert. Auch dieses Vermögen verlangt eine aufwendigere und damit teurere Produktion. Außerdem sind bei einer guten Bindung oft zusätzliche Funktionen wie eine Diagonalauslösung enthalten, die Materialien hochwertiger und die Kraftübertragung und der Bedienungskomfort besser als bei weniger guten Bindungen. Eine gute Kraftübertragung führt zu guter Fahrperformance.

Was bedeuten Auslösesicherheit und Elastizität?

Bei der Auslösesicherheit geht es in erster Linie um die Reduzierung der Fehlauslösung. Das erfolgt durch eine höhere Energieaufnahme. Vergleicht man zwei Bindungen, eine mit geringer und eine mit hoher Energieaufnahme – beide sind auf den selben Z-Wert eingestellt –, so löst die Bindung mit der geringeren Energieaufnahme auch schon bei kleineren Stößen oft ungewollt aus. Manch einer gleicht das durch eine härtere Bindungseinstellung aus, was fatale Folgen für die Sicherheit und Gesundheit haben kann.

Wer braucht welche Bindung?

Zunächst einmal entscheiden die persönlichen Voraussetzungen – Körpergewicht, Alter, Geschlecht, Sohlenlänge und Fahrkönnen spielen eine Rolle, sogar der Radius des Tibiakopfes (das „Schienbeinköpfchen“). All dies sollte sich im gewählten Z-Wert niederschlagen. Der ermittelte Z-Wert ist ein Maß für die Höhe der Belastbarkeit von Knochen, Bänder, Sehnen und Muskulatur des jeweiligen Skifahrers und ist entscheidend für die Bindungswahl, denn jede Bindung hat einen bestimmten Z-Wert-Einstellbereich. Der individuell ermittelte Z-Wert sollte nicht das Ende der Skala der eigenen Bindung sein. Zwei, drei Zahlen Luft sollten noch sein, da die angezeigte Skala nicht immer dem exakten Auslösewert auf dem kalibrierten Einstellgerät entspricht. Außerdem können Federn ermüden und verschmutzen, sich das Fahrkönnen verbessern (hoffentlich), die Sohlenlänge verändern oder das Gewicht zunehmen (leider). Neben diesen grundsätzlichen Parametern kann sich jeder aus dem riesigen Angebot seine spezielle Sicherheitsbindung zum Free-riden, Tourengehen, für Park & Pipe, den Rennsport oder fürs ungetrübte Pistenvergnügen auswählen. Aber nicht vergessen: Regelmäßig einstellen lassen. <<<

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Bei diesem Viergelenk-Vorderbacken ist die Feder quer eingebaut.
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Die Feder drückt den Sohlenhalter nach unten.

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