Keine Angst vor neuen Skischuhen

Was nicht passt, wird passend gemacht – Teil 1: Standard-Programm – Erinnern Sie sich noch an die Horror-Szenarien mit neuen Skischuhen: Scheuerstellen, Druckstellen, schmerzende Füße?

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Die meisten Überlapp-Konstruktionen setzen auf eine zweiteilige Schale. Dalbello vertraut bei seiner „Cabrio“-Konstruktion auf einen dreiteiligen Aufbau.

Das ist alles Schnee von gestern. Innovative Materialien und Konstruktionen machen den Umstieg auf einen neuen Skischuh zum angenehmen Aha-Erlebnis. In einer neuen Serie stellen wir Ihnen die aktuellen Entwicklungen und die verschiedenen Möglichkeiten zur Schuhanpassung vor. In dieser Folge: Welcher Komfort heutzutage zum Standard gehört, und welche Einstellungen Sie bei fast jedem Skistiefel selber vornehmen können.

Text Rainer Bommas, Florian Tausch (Produkte) Bild Dalbello, Hersteller

Bei vielen Skifahrern überleben Skischuhe noch immer drei oder vier Ski-Modellwechsel. Nicht unbedingt aus schwäbischem Sparsinn oder weil die alten noch so gut wären. Nein, aus Angst davor, dass die neuen Skischuhe die Füße quälen könnten, nachdem man doch endlich ein Modell gefunden hat, das passt und schmerzfreies Skifahren ermöglicht.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Die neuen Skischuhe bieten nicht nur eine überlegene Leistungsfähigkeit, sondern warten auch mit einer Passform auf, die bei aller notwendigen direkten Kraftübertragung auf den Ski zusätzlich ein hohes Maß an Komfort garantiert. Wenn man nicht gerade einen Extrem-Fuß hat, kann man mit den Standard-Modellen – also ohne Backen des Innenschuhs, ohne Schäumen, Fräsen und Weiten etc. – direkt vom Laden ins Skivergnügen starten.

Jeder Fuß ist anders

Es hat sich viel getan in den letzten Jahren. Beginnen wir bei den unterschiedlichen Leistenformen. Wir wissen, jeder Fuß ist anders und dabei auch sehr empfindlich. Immerhin besteht unser Fuß aus 26 Knochen, die über 37 Gelenke miteinander verbunden sind und von 107 Bändern gehalten werden. Im Fuß arbeiten 32 Muskeln mit ihren jeweiligen Sehnen zusammen. Und gleichzeitig übernehmen eine Vielzahl von Blutgefäßen und Nerven die Versorgung. Da wäre es schlecht, alle Füße über einen Leisten zu scheren.

Die Skischuh-Hersteller bieten daher inzwischen meist fünf verschiedene Leistenbreiten an. Vom rennsportlichen 95 mm Rennleisten über hochsportliche bis sportliche 98 mm bzw. 100 mm, sehr vielseitige 103 mm bis zum absoluten Komfort-Leisten mit 105 mm Breite. Die sehr sportlichen

Leisten sind einfach deshalb schmaler, weil hier die extrem direkte Kraftübertragung im Fokus steht. Aber mit einer Bandbreite von 95 bis 100 mm werden die Angebote auch breiteren und voluminöseren Füßen sehr sportlicher Fahrer gerecht. Früher gab es für sportlich Ambitionierte zumeist nur 95-mm-Leisten.

Ein guter Skischuh-Verkäufer sieht sich vor der Modell-Auswahl ihren Fuß an und misst ihn oder benutzt sogar einen Fuß-Scanner. Es gilt festzustellen, ob Ihr Fuß eher schmal, mittel, breit oder sehr breit ist. Er sollte möglichst auch prüfen, ob Ihr Rist höher ist. Denn die Leisten unterscheiden sich nicht nur in der Breite, sondern auch im Vorfuß-Volumen und im Fersenbereich. Ein erfahrener Verkäufer weiß, welcher Leisten zu welchem Fuß passt und trifft eine entsprechende Vorauswahl für Ihre Ansprüche. Das Gleiche macht der Fuß-Scanner nach der 3D-Vermessung.

Skischuhe oft zu groß

Die Schuhe müssen aber nicht nur von der Leistenform passen, sondern natürlich auch in der Länge, die in der Regel in Mondopoint gemessen wird. Das ist die Fußlänge in Zentimeter. Experten schätzen, dass 60 Prozent aller Skischuhe um eine bis drei (!) Nummern zu groß gekauft werden. Das mag ja bequem sein, aber skifahrerisch ist das eine Katastrophe. Daher bitte beachten: Wenn Sie entspannt im offenen Schuh stehen, sollten die Zehen vorne leicht anstoßen. Durch das Schließen der Schnallen und das Beugen des Knies rutscht der Fuß nach hinten und die Zehen haben vorne genügend Platz.

Zur Anprobe am besten die Lieblings-Skisocken mitbringen (Funktionssocken, nicht zu dick). Beim Schließen der Schnallen zuerst die beiden mittleren fixieren, damit die Ferse stabil platziert wird. Die obere Schnalle und Powerstrap sollen die Zunge eng ans Schienbein anschmiegen. Die unterste Schnalle nicht sehr fest schließen. Die Zehen sollte man bewegen können. Insgesamt darauf achten, dass der Schuh in der ersten oder zweiten Raste fest fixiert ist. Das Polstermaterial des Innenschuhs gibt mit der Zeit noch nach und passt sich unter der Wärmeentwicklung des Fußes an. Daher den Schuh zumindest zehn Minuten anlassen. Eventuelle leichte Druckstellen verschwinden durch die Thermo-Anpassung der diversen Innenschuh-Materialien.

Vier Problemzonen

Und genau diese Materialien tragen mit dazu bei, dass sich der Passkomfort der aktuellen Skischuh-Generation entscheidend verbessert hat. Die Innenschuhe können an den vier wichtigsten Problemzonen Abhilfe schaffen:

• Kahnbein innen: Probleme treten meist bei der Schwungeinleitung auf

• Knöchel innen: rührt meist von einer Fußfehlstellung her (Knickfuß)

• 5. Mittelfußknochen außen vorne: Schwierigkeiten beim Durchziehen eines Radius’

• Ferse: entsprechende Anpassung für mehr Platz

Die Innenschuhe verfügen über unterschiedlich harte Schäume. Je sportlicher, desto fester und zumeist auch dünner sind sie, um eine direkte Kraftübertragung zu gewährleisten. Mit zunehmendem Komfortanspruch werden die Schäume weicher und auch dicker. Dadurch können potenzielle Druckstellen besser egalisiert werden.

Einen ganz entscheidenden Beitrag zur Passform- und Komfort-Verbesserung leisten die modernen Fertigungsverfahren im Schalenbau. Durch innovative Verfahren, unterschiedlich harte Kunststoffe in einem Spritzverfahren in 3D-Technologie zu verarbeiten, ist es heute möglich, an den Stellen, wo Stabilität und direkte Kraftübertragung gefordert sind, harte Kunststoffe einzusetzen, und dort, wo Flexibilität eine höhere Priorität hat, entsprechend weicheres, elastischeres Material zu verarbeiten. Mittlerweile werden bereits drei unterschiedliche Materialien in einer Schale verwendet: Extrem harter Kunststoff im Bereich der Sohle, weiches Material in der Beuge, was auch den Einstieg erleichtert, und mittelharter Kunststoff im Schaft. Hinzu kommen moderne, extrem fein justierbare Schnallen, die eine sehr individuelle Anpassung ermöglichen.

Für Damen-Skischuhe gibt es darüber hinaus spezielle Konstruktionen. Das beginnt beim Damenleisten mit schmalerer Ferse und schmalerem Vorfuß, höherem Spann und tieferem Wadenansatz. Das Volumen ist insgesamt geringer. Der Innenschuh ist niedriger, stärker gepolstert und wärmer ausgestattet. Auch die Schale ist schmaler und niedriger und kann zumeist durch eine spezielle Konstruktion an der Schaft-Rückseite einem extrem tiefen Wadenansatz zusätzlich angepasst werden. Wärmer sind die neuen Skischuhe übrigens auch, dank besonders gut isolierender Innenschuh-Materialien. Der Grund für kalte Füße kann auch hausgemacht sein, wenn man die Schuhe zu fest schließt und damit die Blutzirkulation behindert.

Für fast alle Skischuhe gilt, dass sie über zusätzliche Einstellmöglichkeiten verfügen, die der Passform und Performance zugute kommen. Viele Modelle verfügen über einen so genannten Walk-Ski-Mechanismus, der ein entspanntes Stehen in der Gondel, am Lift oder beim Après-Ski erlaubt, indem durch einen Verstellmechanismus der Schaft senkrecht gestellt wird, während in der Ski-Position der nötige Vorlagewinkel arretiert wird.

Sinnvoll ist auch der weit verbreitete Heel-Lift. Mit eine Schraube lässt sich dabei über eine verbundene Platte die Ferse im Schuh anheben, sollte der Fuß hier zu viel Spiel haben. Eine weitere individuelle Anpassungsmöglichkeit, die in fast jedem sportlichen Skischuh vorhanden ist, aber selten genutzt wird, ist das Canting. Mehr dazu im nebenstehenden Kasten.

Wie Sie sehen, spricht vieles für einen Skischuhwechsel. Schließlich hat sich Ihr Fahrkönnen und Ihr Anspruch an Ihre Skischuhe in den letzten Jahren verändert. Mit den richtigen Skischuhen kann man nachweislich besser und auch sicherer Skifahren.

Apropos Sicherheit: Skischuhe sollten nach spätestens acht Jahren ausrangiert werden, da der Kunststoff altert. Unter dem Einfluss von Licht, aber auch einfach durch Alterung, werden die verarbeiteten Kunststoffe spröde und brüchig. Im schlimmsten Fall fällt der Skischuh unvermittelt auseinander. Spätestens wenn Ihr Skischuh matte Stellen aufweist, wird es allerhöchste Zeit, den Wechsel konkret in Angriff zu nehmen. Sie werden mit Sicherheit mehr Spaß haben! <<<

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Die mit den schwarzen Bögen gekennzeichneten Bereiche sind die kritischen Stellen im Skischuh, auf die die Hersteller besonders stark eingehen.
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Drei unterschiedlich harte Kunststoffe aus einem (Spritz-)Guss: die Sohle extrem hart und steif (orange), der Schaft mittelhart (dunkelgrau) und die Beuge weich (hellgrau).

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