Schmale Taille für enge Kurven

Er ist spritzig, wendig, agil, gemacht für schnelle Kantenwechsel und enge Radien – so charakterisieren die meisten einen guten Slalom-Ski. Doch welche konstruktiven Merkmale zeichnen diesen aus?

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Text Rainer Bommas Bild Atomic, Blizzard

Präzise und sicher durch enge Kurven zu steuern, ist ein ganz entscheidendes Kriterium für einen Slalom-Ski. Dementsprechend sind die Geometrien der Bretter in der Regel auf einen Radius zwischen 12 und 14 Meter ausgelegt. Dazu verfügen die Ski über eine Mittelbreite (man müsste fast sagen: Mittelschmale) von 66 bis 68 mm, während die Schaufel um stattliche 120 mm und das Skiende um die 105 mm misst. In Kombination mit den überschaubaren Längen von 155 cm für Frauen und 165 cm für Männer (Wettkampf-Länge) wirken die Kurvenkünstler optisch sehr stark tailliert – eines der wichtigsten Merkmale eines Slalom-Ski, dessen bevorzugtes Gelände präparierte Pisten sind.

Dazu eine Frage: Was haben High Heels und Slalom-Ski gemeinsam?

Antwort: Beide sind im freien Gelände nur bedingt einsetzbar.

Während die Sache mit den High Heels in der Regel nur die Damenwelt aus eigener Erfahrung beurteilen kann, haben diese Erkenntnis mit Slalom-Ski sicher schon Vertreter beider Geschlechter gewonnen. Der Grund ist ganz einfach: Wegen ihrer schmalen Taille und der kurzen Länge haben sie eine sehr geringe Auflagefläche und damit im Tiefschnee wenig Auftrieb. Das kann selbst die breite Schaufel nicht ausgleichen. Der Slalom-Ski sinkt also vergleichsweise tief in den ungewalzten Schnee ein und ist daher nur sehr schwer zu drehen. Er tendiert zum „Absaufen“.

Neben den engen Radien werden Slalom-Ski vor allem wegen ihrer Spritzigkeit und Agilität geschätzt. Um zu verstehen, was der Grund für diese Eigenschaften ist, muss man im wahrsten Sinne des Wortes zum Kern der Ski vordringen. Dieser besteht aus Holz – und zwar aus verschiedenen, miteinander verleimten Holzschichten. Häufig werden Kombinationen aus Esche oder Buche sowie Pappel und Weide verarbeitet. Die genaue Zusammensetzung wird von den Skiherstellern ähnlich wie das Coca-Cola-Rezept als Betriebsgeheimnis gehütet. Fest steht: Teilweise bis zu 50 verschiedene Schichten werden hochkant in Längsrichtung fest miteinander verleimt. Aus den einzelnen schmalen Stäben entstehen so Latten, die schließlich auf das gewünschte Format gesägt werden. Anschließend wird aus diesem Rohkern der dreidimensionale Skikern gefräst, der – der Kontur des späteren Skis entsprechend – in der Mitte dicker ist und zu den Enden flacher ausläuft.

Holz lebt

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Die längs verleimten Holzschichten erhöhen die Torsionssteifigkeit, damit der Ski sich bei hartem Kanteneinsatz nicht so leicht verwinden kann. Eine wichtige Rolle spielt dabei das harte Holz der Esche oder Buche, während das Holz der Pappel für niedriges Gewicht und höhere Elastizität sorgt, was auch für die besonders biegsame Weide gilt.

Holz hat sich als optimales Material für den Skikern etabliert, da es die Spannung des Ski über lange Zeit hält. „Holz lebt“, sagen die Skibauer, und meinen damit vor allem die Elastizität dieses Naturmaterials, das die Kraft des Skifahrers im Schwung aufnimmt und am Schwungende wieder zurückgibt. Übrigens: Es gibt nur ganz wenige Hersteller, die die von den Skifirmen verarbeiteten Holzkerne produzieren, wobei bevorzugt europäische Hölzer genutzt werden.

Leichtes Metall für hohe Steifigkeit

Über und unter dem Holzkern platzieren viele Hersteller Titanal-Gurte in einer Stärke von etwa 0,5 mm. Dabei handelt es sich um ein speziell im Skibau weit verbreitetes Metall, das relativ leicht ist. Diese Gurte erhöhen die Torsionssteifigkeit spürbar, beeinträchtigen durch ihre gleichmäßige Biegefähigkeit in Längsrichtung aber nicht das Flexverhalten. Vielmehr unterstützen sie wirksam die Rückstellkräfte des Ski. Soll das Modell insgesamt etwas weicher abgestimmt sein, verbauen manche Hersteller auch nur eine Titanal-Schicht. Eine weitere Alternative ist der Werkstoff Karbon. Dieser ist teuer, spart aber Gewicht. Das Titanal bzw. das Karbon haben außerdem die Aufgabe, die Ausreißfestigkeit der Bindungsschrauben sicherzustellen.

Ein weiteres Bauteil, das in fast keinem hochwertigen Slalom-Ski fehlt, ist eine durchgehende Seitenwange. Diese zwischen Stahlkante und Deck integrierte Kunststoff-Verstärkung verläuft innen und außen über die gesamte Skilänge. Sie erhöht die Stabilität und Torsionssteifigkeit und trägt im Zusammenspiel mit Holzkern, Titanalplatten und weiteren Kunststoffgurten, die den Holzkern ummanteln, dazu bei, dass der Ski auch in schnell gefahrenen Kurven die Spur hält und nicht ausbricht.

Wenig Dämpfung – für mehr Spritzigkeit

Damit Slalom-Ski extrem spritzig, wendig und reaktionsschnell sein können, verbauen die meisten Hersteller hier – im Gegensatz zu anderen Kategorien – keine Dämpfungsmaterialien. Natürlich würden diese die Laufruhe erhöhen, doch auch einen ungewünschten Effekt hervorrufen: Die Ski würden träger werden und nicht mehr so direkt reagieren. Wo dämpfende Elemente jedoch nach wie vor integriert werden, sind die Platten der Bindungen.

Um ungewünschte Schwingungen zu eliminieren und den Ski trotzdem agil zu halten, haben verschiedene Hersteller ganz eigene Konzepte entwickelt: Atomic verbindet mit seiner „Doubledeck Technology“ über Elastomere einen weichem Unter- und einen stabilisierendem Oberski. Blizzard vertraut dazu auf sein Full Suspension IQ System mit Kraftarmen, die auf die Schaufel wirken, und einem Öldruck-Stoßdämpfer. (Diese beiden Konzepte werden auch in unserer Serie „Was ist eigentlich …“ aus Seite 64 beschrieben.) Elan modifiziert bei der Waveflex-Technologie die Oberflächenstruktur der Ski, um optimale Kraftübertragung zu sichern. Dies sind nur einige Beispiele aus dem reichhaltigen Fundus der Skibauer.

Rocker-Konstruktionen – bei der Schaufel oder Schaufel und Skiende aufgebogen werden – haben sich mittlerweile in vielen Skibereichen etabliert. Doch neben den Long Turn-Ski sind die Slalom-Carver die Ski-Kategorie, bei denen das Konzept noch am wenigsten umgesetzt wird. Die kurzen, stark taillierten Ski sind ohnehin sehr wendig, darum möchte man lieber die optimale Kraftübertragung, die Agilität und den Kantengriff einer klassischen Vorspannung nutzen. Allerdings treiben die Hersteller die Rocker-Entwicklung stetig voran, so dass man gespannt sein darf, ob sich das in Zukunft nicht doch noch ändert.

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Mit einem Öldruckdämpfer eliminiert Blizzard die Schwingungen und Schläge in seinen Top-Slalom-Ski, die ansonsten wie fast alle Slalom-Modelle im Aufbau ungedämpft sind.
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Mit einem Öldruckdämpfer eliminiert Blizzard die Schwingungen und Schläge in seinen Top-Slalom-Ski, die ansonsten wie fast alle Slalom-Modelle im Aufbau ungedämpft sind.

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