Welches Gelände hätten’s denn gerne?

Eine enorme Breitbandigkeit zeichnet die Ski der ­Allmountain-Kategorie aus. Der anspruchsvolle und technisch gute Skifahrer will mit einem solchen ­Modell sowohl auf der Piste als auch abseits im ­Gelände ein hochwertiges Gerät unter den Füßen haben

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Text Rainer Bommas Bild Florian Wagner, K2, Fischer

Wenn man es mit den Kategorien im Automobil-Markt vergleicht, entspricht der Allmountain-Ski dem SUV, also dem straßentauglichen Geländewagen wie sie z. B. ein Porsche Cayenne, BMW X5 oder ein VW Touareg darstellen. Das Angebot reicht bei den Ski wie bei den Autos von High-end bis Einstiegsmodell. Um beim Vergleich mit den Autos zu bleiben: Natürlich ist in unseren Breiten der Einsatz auf der Straße – beim Skifahren in Europa analog auf der ­Pis­te – ungleich höher als im Gelände. Daher müssen SUV und Allmountain-Ski in erster Linie mit den Bedingungen auf befestigten Straßen bzw. präparierten Pisten bestens zurecht kommen. Die Eignung fürs Gelände steht zumeist an zweiter Stelle, wobei dies keine Abstriche in der Performance nach sich ziehen darf.

Weicher im Flex

„Ein Allmountain Ski ist primär ein Ski für die Piste, der optimiert ist, um sowohl auf hartem als auch im zerfahrenen Schnee gut zu funktionieren und auch den einen oder anderen Ausflug ins Gelände nicht zum Kraftakt werden zu lassen. Es gibt natürlich gewisse Schnittmengen mit reinen Pisten- und Freeride-Ski“, erklärt Völkl-Produktmanager Andreas Mann.

Im Vergleich zum reinen Pisten-Ski, also z. B. den Racecarvern, sind die Allmountain-Ski in ihrem Flex spürbar weicher ausgelegt. Daher verbauen die Hersteller in diesen Ski meist nur einen Titanal- oder Carbon-Obergurt über dem Kern, während es bei den Riesenslalom-Versionen in der Regel ein Ober- und ein Untergurt aus den torsionsstabilisierenden Hightech-Materialien sind. Eine Doppelbegurtung würde die Ski aber zu hart und steif für den Off-Piste-Einsatz machen. „Ein Allmountain-Ski soll sich auch bei geringeren Kräften und weicherem Schnee durchbiegen können, um bei allen Verhältnissen ein Kurvenerlebnis vermitteln zu können“, argumentiert man bei Nordica.

Bei den Einsteigermodellen verzichten die Hersteller aus Kostengründen auf den Einsatz von Titanal.

Aber gerade bei den breiteren Allmountain-Ski mit Mittelbreiten bis 80 oder gar 90 mm sind Verstärkungen wichtig, um die Verwindungssteifigkeit und damit den Kantengriff auf harten Untergründen zu gewährleisten. Dafür kommen bei den meisten Herstellern auch durchgehende Seitenwangen und/oder stabilisierende Cap-Konstruktionen zum Einsatz.

Im Kern steckt Holz

Ganz entscheidend für die Qualität und Lebendigkeit eines Ski ist sein Kern. Aus diesem Grund vertrauen die Hersteller bei ihren anspruchsvollen Modellen durchweg auf hochwertige und teure Holzkerne in Sandwich-Bauweise. Die aufwendig gemachten und genau abgestimmten Holzkerne aus einem Mix sehr biegsamer, harter und auch leichter Holzarten gewährleisten die hohe Elastizität der Ski mit einer gleichmäßigen Biegelinie und einer guten Torsionssteifigkeit.

Diese Eigenschaften bleiben über einen langen Zeitraum erhalten, was sich auf die Lebensdauer der Ski auswirkt. Bevorzugte Holzarten sind u. a. Buche, Weide, Esche und Pappel.

Bei den sehr breiten Holzkernen der Allmountain-Ski werden teilweise auch spezielle Kunststoff-Streifen mit verarbeitet, damit der Holzkern die Ski nicht zu schwer werden lässt. Bei günstigen Ski im Einsteigerbereich kommen Voll-Kunststoffkerne zum Einsatz, die deutlich Gewicht sparen, aber bis heute nicht an die positiven Eigenschaften von Holzkernen herankommen.

Allmountain rockt

Allmountain-Ski sind an ihrer besonderen Geometrie schnell zu erkennen. Mit einer Mittelbreite zwischen 72 und 90 mm und ihren ausladenden Schaufeln sowie Skienden bieten diese Ski im zerfahrenen Gelände sowie im Tiefschnee sehr viel Auftrieb. Die Taillierung mit einer zumeist an einem Kreisbogen orientierten Seitenlinie ist auf moderate Radien zwischen 15 bis 20 Meter ausgelegt, bei den Damen-Ski auch geringfügig enger. Die runde Taillierung mit ihrer nicht sehr aggressiv ausgelegten Einsteuerung in den Schwung erlaubt sehr harmonische Kurvenfahrten auf und abseits der Piste. Gleiches gilt für die teilweise verwendeten progressiven Sidecuts mit sanfter Einsteuerung und sich verengendem Radius über den Kurvenverlauf.

Unterstützt wird das weiche Einsteuern in den Schwung durch die Rocker-Technologie, über die fast alle Allmountain-Ski verfügen. Dabei pflegt jeder Hersteller seine eigene Philosophie. Es gibt Modelle, die nur vorne an der Schaufel über Rocker, also eine verstärkte Aufbiegung,

verfügen. Andere Modelle sind vorne und hinten aufgebogen, verfügen aber in der Mitte über die klassische Camber-Technologie, sprich eine Vorspannung unter der Bindung. Darüber hinaus gibt es Anbieter, die Rocker ganz konsequent durchziehen und Allmountain-Ski anbieten, die gar keine Vorspannung besitzen, sondern komplett durchgebogen sind.

„Bei den Allmountain-Ski ist Rocker ein Muss und Standard. Er vereinfacht die Schwungeinleitung, begünstigt die Kantenwechsel, bringt mehr Präzision und Vorteile bei wechselnden Schneebedingungen. Rocker ist deshalb perfekt für diese Kategorie“, sagt Stefan Stankalla von K2 zu diesem Thema.

Sein Kollege Mann von Völkl ergänzt: „Generell sollten Allmountain- Ski inzwischen gerockert sein. Im Freeride-Bereich gibt es diese Konstruktionsart schon seit mehreren Jahren. Sie ermöglicht einfacheres Skifahren im Powder. Auf Grund der positiven Fahreigenschaften im Gelände hat man auf der Entwicklungsseite verstärkt daran gearbeitet, diese Vorteile auch auf Pis­ten-Ski zu übertragen, ohne einen Performance-Verlust bei schwierigen Schneeverhältnissen, wie harte und eisige Pisten, in Kauf nehmen zu müssen. Die Vorteile für Pistenfahrer liegen auf der Hand. Einsteiger und Fortgeschrittene profitieren von den neuen Pis­ten-Ski mit Rocker-Konstruktion dank deren drehfreudigeren und kraftsparenderen Fahreigenschaften. Profis freuen sich über fließenderes und abwechslungsreicheres Fahrverhalten, das von der erhöhten Wendigkeit der neuen Ski unterstützt wird.“

Offroader mögen’s breit

Zur Breite der Ski kann man tendenziell sagen: je breiter, desto besser für den Off-Piste-Einsatz geeignet. Wer viel auf der Piste fährt, sollte daher nicht unbedingt zu den ganz breiten Modellen greifen. Denn mit zunehmender Mittelbreite werden schnelle Kantenwechsel schwieriger, die Ski etwas träger. Man muss dabei allerdings auch festhalten, dass selbst 90 mm breite Allmountain-Ski noch erstaunlich agil auf der Piste sind.

Eine wesentliche Voraussetzung, um diesen Spagat zu erreichen, ist das Gewicht der Ski. Daher arbeiten die Hersteller daran, Gewicht durch die Entwicklung leichterer Holzkerne und den Einsatz moderner Verstärkungsmaterialien zu sparen. Denn immer breitere Ski bedeuten ansonsten auch immer schwerere Ski. Und breitere und schwerere Ski edeuten nun einmal auch trägere Ski, wobei der Rocker manches ausgleicht. Hier muss jeder seinen persönlichen Kompromiss entsprechend seiner Vorlieben finden. Speziell für die breiteren Ski wurden inzwischen auch besondere Bindungen auf den Markt gebracht. So trägt z.B. Marker mit seinen „Wideride“-Bindungen den breiteren Skikörpern Rechnung. Nach Ansicht der Techniker benötigen diese Ski auch eine breitere Anbindung, um weiterhin eine direkte Kraftübertragung zu gewährleisten und bei harten Bedingungen den nötigen Kantengriff zu garantieren. Aus diesem Grund setzen auch fast alle Hersteller bei Allmountain-Ski auf den Einsatz ihrer Ski-Bindungs-Systeme. Eine interessante Variante könnte hier die Speedlock-Bindung von Vist darstellen. Damit lässt sich sehr einfach die Position des Skifahrers auf dem Ski verändern: auf der Piste weiter nach vorne, im Powder weiter nach hinten.

Es darf ein bisschen länger sein

Immer wieder diskutiert wird die richtige Skilänge. Bei den Allmountain-Ski sind sich die Experten allerdings einig: Tendenz eher länger, bei guten Fahrern mindestens Körpergröße, dank Rocker gerne auch ein paar Zentimeter mehr. Für sehr versierte Skifahrer mit entsprechender Kraft oder solche, die ein paar Kilo mehr auf die Bretter bringen, dürfen es sogar bis zu zehn Zentimeter Aufschlag sein. Es gilt: Länge läuft auf der Piste und bietet mehr Auftriebsfläche im Tiefschnee und im verspurten Gelände. <<<

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Bei den meisten hochwertigen Allmountain-Ski kommt ein Holz-Sandwich-Kern mit durchgehender Seitenwangen-Konstruktion zum Einsatz.
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Rocker ist bei den Allmountain-Ski inzwischen beinahe durchgehend Standard. Viele Modelle setzen auf einen Front-Rocker …
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… doch manche Modelle sind auch am Ende aufgebogen.

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