Grüne Kreise und schwarze Diamanten: Schwierigkeitsgrade von Pisten

Blau, rot, schwarz – diese Farbenfolge kennen Skifahrer als die ­Schwierigkeitsgrade der Pisten: leicht, mittelschwer, schwer. Aber was ist eigentlich eine Piste, was unterscheidet sie von einer Skiroute, und was ist eine ­Freeride-Zone? Warum gibt es letztere in Frankreich nicht? Weshalb sind die blauen Pisten in Amerika so viel schwerer? Und was bedeuten Schilder in grün, orange und gelb? Unser Leitfaden durch die weite Farben- und Formenwelt der Schneesportabfahrten gibt teils überraschende Antworten

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© Christoph Schrahe

Text: Christoph Schrahe

Rund 175 Zentimeter Neuschnee in drei Tagen – für die Skifahrer, die 72 Stunden unten in Sankt Anton ausharren mussten, weil der Schneesturm keinen Liftbetrieb zuließ, bedeutet das eine große Verheißung. Schließlich ist der Anteil der Freerider unter den Gästen am Arlberg besonders hoch. Für Josef Probst, den Pistenchef der Arlberger Bergbahnen, bedeutet es jede Menge Arbeit und noch mehr Verantwortung als er sowieso schon hat. Das Terrain zwischen Kapall, Galzig und Valluga ist hochalpin und von vielen Lawinenhängen durchsetzt. Manche liegen oberhalb der markierten Pisten. Bevor Probst diese Pisten freigeben kann, müssen seine Leute die Schneemassen aus den gefährlichen Hängen sprengen.

Das dauert, und daher bleiben am ersten Tag nach dem Sturm manche Pisten und einige Lifte geschlossen. Nicht bei allen Tiefschneefans stößt das auf Begeisterung. Doch für Probst ist es „die sicherste Methode, wenn man verhindern will, dass Skifahrer in gesperrte Bereiche einfahren“. An Absperrungen halten sich eben nicht alle, vor allem jüngere Schneesportler ignorieren die Verbotsschilder. „Die jungen Fahrer sind grundsätzlich risikobereiter und kennen die Gefahren oft auch gar nicht“, sagt Probst aus Erfahrung.

Die Zuständigkeit des Arlberger Pistenchefs beschränkt sich auf den organisierten Skiraum. Der schließt Pisten, Skirouten sowie Sonderflächen (Terrain-Parks, Snow-Cross-Strecken, Fun-Slopes usw.) ein. Welche Anforderungen eine Piste oder Skiroute erfüllen muss, legt in Österreich die ÖNORM S 4611 fest. Eine europaweit oder gar weltweit gültige Regelung gibt es nicht. In Österreich gilt eine allgemein zugängliche, zur Abfahrt mit Ski vorgesehene und geeignete Strecke, die markiert, kontrolliert und gegen atypische Gefahren, insbesondere Lawinengefahr, gesichert ist und üblicherweise präpariert wird, als Skipiste.

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Gleiche Definition – unterschiedliche Auslegung

Schweizer, Österreicher und Franzosen definieren eine Piste zwar fast wortgleich, legen die Merkmale aber unterschiedlich aus. Ein gutes Beispiel ist die Markierung: ­Französische Pisten sind immer an beiden Rändern beschildert, in Österreich können auch lediglich in der ­Pistenmitte Markierungen stehen. Es sei denn, man strebt ein Pistengütesiegel an. Diese Siegel werden von offiziellen Stellen, wie den Landesregierungen Tirols, Vorarlbergs und der Steiermark, vergeben. In Sankt Anton stehen alle 35 Meter am linken und rechten Rand Schilder mit Pfeilen, die zur Piste zeigen. Die auf Pfosten montierten Kugeln mit einer zur Piste weisenden grünen und einer roten ­Hälfte haben als Randmarkierungen dagegen längst aus-gedient, sie waren zu windempfindlich.

Eine französische Besonderheit ist die abnehmende Nummerierung der Pistenschilder. Das erste Schild am Start der Piste trägt beispielsweise die 50, das letzte die Eins. Im Falle eines Unfalls kann man so die Position viel genauer angeben. Für die exakte Beschreibung benötigt man natürlich auch den Namen der Piste. Der steht daher ebenfalls auf den Schildern.

Das Merkmal „kontrolliert“ bedeutet, dass nach Betriebsschluss der Lifte Mitarbeiter der Bergbahn die Piste abfahren und nachschauen, ob sich dort noch Wintersportler befinden. Wer also bei der letzten Abfahrt des Tages stürzt und sich so schwer verletzt, dass er aus eigener Kraft nicht mehr weiterfahren kann, darf auf einer Piste darauf vertrauen, dass noch jemand zur Hilfe kommt. Das waren im Zuständigkeitsbereich von Josef Probst im vergangenen Winter immerhin neun Personen. Gefunden werden natürlich nur diejenigen, die auf geöffneten Pisten unterwegs waren und vor der letzten Kontrollfahrt gestartet sind. Auf die jeweilige Uhrzeit weisen Infotafeln an den Liften hin.

Im Rahmen der Pistenkontrollfahrten halten die Bergbahnmitarbeiter auch nach Gefahrenstellen Ausschau, die sie zum Beispiel mit Stangen absichern. Das können schneefreie Stellen oder frische Haufen stumpfen Schnees unter einer Schneelanze sein. Zur Sicherung zählen auch Fangnetze an Abbruchkanten und Schilder, die vor besonderen Gefahren warnen.

Trotz des Prädikats „gesichert“ darf man von einer Piste keine vollkommene Sicherheit ­erwarten. Man ist grundsätzlich auf eigenes Risiko unterwegs. Daher muss man die Fahrweise seinem Können und den jeweiligen Gelände-, Sicht- und Schneeverhältnissen anpassen. Nach 175 frischen Zentimetern stellen vor allem die Neuschneebuckel eine Herausforderung dar. Sie machen aus leichten Pisten Strecken, die nur sehr gute Fahrer sicher bewältigen können.

Andere Länder, andere Farben

Aufgrund der wechselnden Bedingungen darf man auch die Einstufung nach Schwierigkeitsgraden nicht als absolut verstehen, auch wenn das ebenfalls ein Wesensmerkmal von Pisten ist. Eine leichte Piste (blau markiert) darf in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht mehr als 25 Prozent Längs- oder Quergefälle haben, mit Ausnahme kurzer Teilstücke im offenen Gelände. Wie lang „kurz“ ist, definiert die Norm nicht – das lässt einen großen Spielraum für Interpretationen. Auf Sankt Antons blauen Pisten kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses „kurz“ ziemlich großzügig ausgelegt wird. Bei einer mittelschweren Piste (rot markiert) beträgt die maximale Neigung 40 Prozent, ebenfalls abgesehen von besagten kurzen Abschnitten. Schwer (schwarz markiert) ist alles, was längere Passagen mit mehr als 40 Prozent Gefälle hat.

In Frankreich gibt es noch einen vierten Schwierigkeitsgrad obendrauf: sehr schwer. Da man diese Pisten schwarz markiert, bedeutet rot in Frankreich schwer und blau mittelschwer. Leichte Pisten markiert man in Frankreich grün. Dieser Farbcode gilt auch in Norwegen und Schweden, allerdings haben die grünen Pisten hier maximal 16 Prozent Gefälle. Die Blauen entsprechen mit ihren maximal 27 Prozent ungefähr denen in Österreich und der Schweiz, die roten gehen aber bis 47 Prozent. Alles darüber ist schwarz, und da jenseits der 47 Prozent noch viel Luft ist, hat man für schwärzer als schwarz die doppelte schwarze Raute als Markierung eingeführt.

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Der Disney-Code

Die Raute ist ein Import aus Nordamerika, wo nicht nur Farben, sondern auch Formen den Schwierigkeitsgrad einer Piste verdeutlichen. Ersonnen hat das dortige System kein geringerer als der Comiczeichner Walt Disney. Er dachte Ende der 1960er-Jahre darüber nach, ein Skigebiet zu bauen. Die Planungen gingen so weit, dass Disney bereits die Reaktionen von Skifahrern auf bestimmte geometrische Formen testete. Man kam zu dem Ergebnis, dass das Symbol für leichtes Gelände ein Kreis sein sollte. Diese Form nimmt man als weich wahr. Als Farbe kam man auf grün, da die Probanden sie als sanft empfanden. Schwierigeres Terrain wollte Disney durch ein blaues Quadrat, die schwersten Abfahrten mit einem schwarzen Diamanten kennzeichnen. Zwar verwarf er die Pläne für den Einstieg ins Skibusiness wieder, aber der Verband der amerikanischen Skigebiete empfahl ab 1968 den Disney-Code.

Der wichtigste Unterschied zu den europäischen Varianten ist, dass der Disney-Code den relativen Schwierigkeitsgrad im Gebiet bezeichnet. „Most difficult run“ (schwerste Abfahrt) bedeutet lediglich, dass es sich um die schwerste Abfahrt des jeweiligen Skigebiets handelt. Die kann an einem Moränenhügel im mittleren Westen 25 Prozent haben, in den Rockies aber mehr als 50 Prozent Gefälle aufweisen. Um deutlich zu machen, wann schwarz wirklich schwer bedeutet, weisen viele Gebiete auch doppelt schwarze Pisten aus und stellen dem „most difficult“ ein „experts only“ zur Seite. Manche gehen sogar noch weiter, bis hin zu fünf schwarzen Diamanten. Dort muss man sich dann auf rund 100 Prozent Neigung einstellen.

Keine Sicherheitsgarantie

Im Unterschied zu den Pisten stuft man Skirouten (meist) nicht nach Schwierigkeitsgraden ein. In Österreich macht man eine Ausnahme und klassifiziert einige Skirouten als extrem. Auf den Routen gibt es grundsätzlich keine Kontrollfahrten, präpariert wird nur in Ausnahmefällen. Als Markierung reichen Pfosten in der Mitte des Streckenverlaufs. In Österreich sind sie an der Spitze mit einer orangefarbenen Raute versehen, die eine Nummer und die Bezeichnung Skiroute tragen. Bei den extremen Routen, wie der Riffelscharte am Rendl, trägt die orangene Raute zusätzlich einen schwarzen Rand. In der Schweiz sind alle Skirouten gelb markiert, in Frankreich gibt es sie nicht. Hier muss jede offizielle Abfahrt auch kontrolliert werden.

Da Skirouten vor alpinen Gefahren gesichert sind, zählen die Österreicher sie zum organisierten Skiraum, die Schweizer zu den Schneesportabfahrten. Allerdings besteht diese Sicherheit nur im unmittelbaren Bereich der Markierung. Dazu findet sich in den Richtlinien der Schweizerischen Kommission für Unfallverhütung auf Schneesportabfahr­ten der bemerkenswerte Satz: „Die Benützer müssen sich ­bewusst sein, dass auch die sorgfältigste Beurteilung der ­Lawinengefahr und die gestützt darauf getroffenen Maßnahmen keinen absoluten Schutz vor Lawinen gewährleisten.“

Weil dem so ist, verzichtet man in Amerika gleich ganz darauf, die Lawinensicherung in Richtlinien festzuschreiben. Lawinen werden schlicht als ein grundlegendes Risiko in diesem Sport betrachtet, ebenso wie Liftmasten auf Pisten. Daher müssen diese auch nicht gepolstert werden. Obwohl es solche (im Vergleich mit den Alpen ziemlich laxe) Richtlinien überhaupt nur in wenigen Bundesstaaten gibt, führen die Pistenchefs amerikanischer Skigebiete meist die gleichen Sicherungsmaßnahmen wie ihre europäischen Kollegen durch. Sie tun das im Rahmen ihres Risikomanagements, denn Klagen können teurer werden als ein Schwung Schutzmatten.

Die wird man im freien Skiraum (in der Schweiz: freies Schneesportgelände) vergebens suchen. Was vielen nicht wirklich bewusst ist: Dieses komplett ungesicherte Terrain beginnt in Europa direkt am Pistenrand! Selbst ein hundert Meter breiter, ungewalzter Streifen zwischen zwei Pisten ist freies Gelände. In Nordamerika gibt es hingegen innerhalb der Skigebietsgrenzen, was die Sicherung und daraus resultierender Ansprüche angeht, keinen Unterschied zwischen Piste und Off-Piste. Aber hier wie dort gilt: Wer der Tiefschnee-Versuchung partout nicht wiederstehen kann, sollte sich vorher so gut wie möglich über das ­Lawinenrisiko informieren.

Dabei leisten in immer mehr Skigebieten die Freeride-Checkpoints Hilfestellung. Am Arlberg steht einer dieser Checkpoints auf dem Galzig. Hier gibt es Infos zur Lawinenwarnstufe in verschiedenen Höhenlagen und einen LVS-Tester. Außerdem stehen Freeride-Regeln auf der großen Tafel neben dem Skigebiets-Panorama. Zusätzliche Informationen liefern diverse Apps (siehe Infokasten), Erfahrung können sie aber nicht ersetzen. Daher ist es immer besser, sich einem qualifizierten Guide anzuvertrauen. Eine Grundregel kann man indes auch ohne Software und Bergführer beherzigen: Eine gesperrte Piste fährt man besser nicht hinunter. Männer wie Josef Probst treffen solche Maßnahmen nämlich nicht, um Skifahrer zu ärgern – sondern um sie zu schützen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 01 / 2016

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