Skischuhe für Frauen - Performance statt Blümchenmuster

Druckstellen, Schmerzen, kalte Zehen – gerade Frauen haben beim Skifahren oft Probleme mit ihren Füßen. Teilweise ist es so schlimm, dass sie den Wintersport ganz aufgeben. Das Hauptproblem sind oft die Schuhe. Hier hat sich in den letzten Jahren aber Glücklicherweise viel getan.

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Text: Christian Riedel

Man nehme ein paar Skischuhe, produziere sie ein paar Nummern kleiner, färbe sie weiß oder rosa ein, klebe ein paar Blümchen drauf, und schon hat man ein paar Damenmodelle. Ganz so extrem war es bei der Produktion von Frauen-Skischuhen vielleicht nicht, aber kaum ein Hersteller ging bei der Entwicklung von Skistiefeln auf die besonderen Bedürfnisse von Skifahrerinnen ein. Da sich bei den Damen die Anatomie deutlich von der der Männer unterscheidet, reicht es grundsätzlich nicht, ein Herrenmodell leicht zu modifizieren und es Damenmodell zu nennen. Genau das haben die Marken aber lange Zeit gemacht. Insofern war es kein Wunder, dass viele Frauen keine passenden Skischuhe fanden und stattdessen mit schlecht sitzenden Modellen fahren mussten. Passen die Skischuhe nicht richtig, hat man über die Ski keine Kontrolle. Druckstellen, Schmerzen und kalte Füße leisteten ihren Beitrag dazu, dass viele Skifahrerinnen die schlecht sitzenden Stiefel lieber im Keller einlagerten und sich ein anderes Hobby suchten.

Glücklicherweise hat sich in den letzten Jahren auf dem Skischuhmarkt einiges getan. Das gilt besonders für die Damenmodelle. Die Ladys bekommen in der Entwicklung mehr Aufmerksamkeit, und die Zeit von Herren­modellen mit Blümchenmuster sind endgültig passé. Wobei man den einen oder anderen Hersteller verstehen kann. Denn Frauenfüße können ganz schön kompliziert sein.

Besondere bedürfnisse

„Damenfüße sind oft nicht so voluminös“, erklärt Thorsten Böhl, Geschäftsführer von SkiBo in Bochum. „Sie haben normalerweise schmalere Leisten, einen flacheren Fuß und schmalere Fersen. Auf der anderen Seite haben die meisten Damen einen tieferen Wadenansatz, weshalb die Unterschenkel im Schuh mehr Platz brauchen. Deswegen sollten die Schuhe für Damen einen etwas breiteren, aber dafür niedrigeren Schaft als bei den Herre­nmodellen haben. Außerdem merkt man, dass kleinere Füße von Frauen meist kräftiger, größere Füße dagegen eher schmaler sind.“ Das heißt, dass Frauenfüße im größeren Bereich so um 42/43 sehr schmal sind und daher auch schmalere Leisten im Schuh brauchen, während bei Männern größere­ Füße auch breiter sind.

Herausforderung

Allein das macht es für die Hersteller schwierig, zu den richtigen Schuhgrößen die richtige Breite zu finden. Erschwerend kommt hinzu, dass Frauen bei einem breiteren Vorfuß oft schmale Fersen haben. Ist der gesamte Schuh etwas breiter gebaut, schlupft man leicht aus der Ferse raus und verliert so den Kontakt zum Schuh und damit auch zum Ski. Praktisch heißt das, dass kleinere Skischuhe in Größe 36/37 einen eher breiteren Leisten und gleichzeitig eine schmale Ferse haben müssen. Dass das nicht immer einfach umzusetzen ist, ­dürfte jedem klar sein. Insofern sind Damenmodelle für Skischuh-Hersteller eine besondere Herausforderung.

Im Gegensatz zu Männern neigen Frauen eher zu X-Beinen. Das wirkt sich auch auf das Fahrverhalten aus und muss natürlich bei Skischuhen auch berücksichtigt werden. „Um sicher auf dem Ski zu stehen, muss man möglichst gerade sein“, erklärt Thorsten Böhl. „Hier kann man viel über die Sohle machen oder auch über das sogenannte Canting. Über die Schaftstellung kann man das Bein plan auf den Ski stellen. Die meisten Schuhe können und sollten vom Verkäufer auch richtig angepasst werden, da hier ebenfalls viel Kontrolle verloren gehen kann.“

Warm und bequem

Die Passform der Schale ist der eine, der Innenschuh der nächste wichtige Punkt. Viele Frauen haben Probleme mit kalten Füßen. Bei Frauen sind die Extremitäten oft einfach schlechter durchblutet als bei Männern. Zudem haben sie einen geringeren Anteil an Muskelmasse und dafür einen höheren Körperfettanteil. Das ist anatomisch bedingt­. Vereinfacht gesagt, wirkt Fett zwar als eine kleine Isolations­schicht und kann Wärme speichern, Muskeln zählen aber zur aktiven Masse, die im Körper Wärme erzeugt. Hinzu kommt noch, dass die Haut von Männern rund 15 Prozent dicker ist als die von Frauen und daher weniger Wärme verloren geht. Insofern frieren die meisten Frauen leichter, was nichts mit „schwachem Geschlecht“ zu tun hat.

Es ist also klar, dass gerade der Innenschuh bei Frauenschuhen hier bei der Wärmeregulation helfen muss. „In Innenschuhen von Damenmodellen werden heute auch Materialien wie Primaloft ­verwendet, das bisher nur in Winterbekleidung eingesetzt wurde“, erklärt Thorsten Böhl. „In den Schuhen werden viele hochwertige Materialien verwendet, die die Füße warm halten sollen. Am Schuhabschluss oben wird noch flauschiges Material eingesetzt, um den Komfort zu erhöhen, und im Fußbereich eben Primaloft, das den Fuß besser wärmt.“ Hier hilft auch die richtige Passform, sodass der Fuß in seiner natürlichen Form bleiben kann. Drückt man den Fuß platt, drückt man auch stark auf Nerven und Blutgefäße. Dann wird die Versorgung gestört, und man friert leichter. Für warme Füße braucht man also gutes Material und eine gute Passform, die auf jeden Fall auch mit Thermoverformung des Innenschuhs inkl. individueller Sohle angepasst werden sollte. Hier hat sich im Schuhbereich durch Thermomodulation, Fräsen, Ausbeulen und so weiter eine ­Menge getan, was den Frauen hilft, ­passende Schuhe zu finden.

Moderne Materialien wie Primaloft werden seit rund zwei Jahren in Damen-Skischuhen eingesetzt. Vorher versuchte man vor allem, es den Frauenfüßen mit einer dickeren Polsterung warm und bequem zu machen. Doch das klappt nicht, wenn mal ganz genau darüber nachdenkt. „Mehr Polster ist vielleicht bequemer, dafür geht aber eine Menge bei der Kraftübertragung verloren“, erklärt Thorsten Böhl. „Das Material gibt nach, es fehlt Kontur, oft leiert die Polsterung aus, und man verliert ­Kontrolle über den Ski. Das mag vielleicht bequemer sein, geht aber auf Kosten von Fahrspaß und Sicherheit und ist insofern auch kontraproduktiv.“ Auch wenn der eine oder andere Damen­schuh auch heute noch ein Blümchenmuster hat, kann man bei aktuellen Modellen davon ausgehen, einen Top-Schuh zu bekommen.

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Durchblick: Auf dem Röntgenbild­ kann man gut erkennen, mit welcher ­Neigung der Fuß im Schuh steckt.

Tipps vom Experten

Unbequeme Schuhe dürfen kein Grund mehr sein, nicht mehr zum Skifahren zu gehen. Vor allem Frauen hatten das Problem, weil der Entwicklung von Damenschuhen lange nicht so viel Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Thorsten Böhl organisiert seit über 25 Jahren Winterreisen und betreibt in Bochum ein Sportgeschäft mit dem Fokus auf Running, Tennis und Wintersport inkl. Skiverleih. Im Shop gibt es ca. 90 verschiedene Skischuhmodelle, davon ca. 30 spezielle Damenschuhe.

Was halten Sie davon, dass Frauen mit Männerschuhen fahren?

Wenig, ganz wenig. Gerade bei großen Größen hat man häufig das Problem, keine passenden Frauenschuhe zu finden, also zieht man ein Männermodell an. Aber hier hat man genau das Problem mit breiteren Leisten, mehr Spiel über dem Fuß – da Frauenfüße ja eher flacher sind –, höherem Schaft und anderer Passform, wodurch der Schuh nicht passen kann und bei Halt und Kraftüber­tragung sehr viel verloren geht.

Welchen Fehler machen Frauen denn am häufigsten beim Schuhkauf?

Viele kaufen sich zu große Schuhe, weil die beim Anprobieren bequemer sind und nicht drücken. Das bringt aber mehrere Probleme mit sich. Zum einen hat man weniger Kontrolle, weil man hin und her rutschen kann. Außerdem bekommt man leichter kalte Füße, weil sich im Zehen­bereich mehr kalte Luft ansammeln kann.

Wie schwierig ist es für Verkäufer denn, für eine Frau einen passenden Schuh zu finden?

Viele Frauen haben fast Angst davor, einen Schuh zu kaufen, weil es eher ein technisches Produkt ist und sie denken, dass er drückt und man darin kalte Füße bekommt. Wenn man dann einen Schuh findet, der auch passt, sind sie sehr begeistert. Dann macht das Ver­kaufen und Beraten richtig Spaß.

Was ist denn dran an dem Vorurteil, dass Frauen ihre Schuhe mehr nach Farbe kaufen?

Lustigerweise ist das öfter bei Männern der Fall. Frauen­schuhe sind ja nicht mehr diese totalen Lady-Modelle in Rosa oder mit Blümchenmuster. Sie sind modern und feminin von der Farbgebung, aber polarisieren lange nicht mehr so stark. Aber die Farbe ist für die meisten Frauen viel weniger wichtig als die Passform. Viele Männer kommen dagegen in den Laden, schauen sich die Schuhe an und sagen: „Hey, der sieht ja supersportlich und dynamisch aus, den nehme ich!“ Ob er dann wirklich passt, ist dann eher zweitrangig, und dann hat man als Verkäufer auch keine Chance, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Was glauben Sie, in welche Richtung die Entwicklung bei Damenschuhen hingehen wird?

In den letzten Jahren ist ja schon einiges passiert, wo teilweise noch etwas Feintuning notwendig ist. Gerade an der Schale und der Passform lässt sich noch was optimieren. Die Schale und die Verformbarkeit wird noch an Bedeutung gewinnen, nachdem man beim Innenschuh schon einiges getan hat. Das Verhältnis Gewicht zu Performance wird sich noch verändern - also ein leichterer Schuh, der trotzdem eine gute Kraftübertragung bietet. Das wird einen großen Teil der Entwicklung ausmachen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 06 / 2016

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