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Davo Karnicar: Auf 7.000 Metern funktioniert man ganz anders

Extremskifahrer Davo Karnicar ist als Erster die höchsten Gipfel aller sieben Kontinente auf Ski hinuntergefahren. Hier spricht er über seine Abenteuer und seine weiteren Pläne

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© Werner Krause

Interview: Florian Tausch

Sulden am Ortler. Hier treffe ich Davo Karnicar. Wahrscheinlich ­haben die wenigsten diesen ­Namen schon einmal gehört. Denn man kennt Karnicar weder von der Freeride World Tour noch aus zahlreichen Filmproduktionen. Dennoch ist der 53-jährige Slowene einer der herausragenden ­Extremskifahrer unserer Zeit – ein echter Ski-Bergsteiger, der die höchsten Gipfel der Welt erklimmt und auf zwei Brettern wieder hinunterfährt. Karnicar war der Erste, der die „Seven Summits“, das heißt den jeweils höchsten Berg ­jedes Kontinents, nach eigenem Aufstieg vollständig auf Ski abgefahren ist. Im vergangenen Sommer hat er einen Acht­tausender im Himalaya erklommen (natürlich mit Ski) – nur zur Vorbereitung auf sein eigentliches Ziel, den K2. In Sulden testet Karnicar Material seines Ausrüsters, doch für ein Interview nimmt er sich eine Auszeit. Ich weiß auch, wie ich ihn ködere, und bringe zwei Tassen Kaffee mit an den Tisch.

Davo Karnicar: Oh, Kaffee! Wunderbar! Ich kann ohne Kaffee nicht leben!

SkiMAGAZIN: Wo kriegen Sie ihn denn her, wen Sie auf Expeditionen sind? Kaffee? Den nehme ich immer mit! Okay, vielleicht nicht bis zum ­Gipfel, aber ins Basislager, wo es genug Zeit gibt. Das genieße ich! Zum Glück funktioniert das auch mit meinem Blutdruck supergut. Ich arbeite vier Mal im Jahr mit einem Institut in Slowenien zusammen, wo wir über insgesamt zweieinhalb Monate hinweg diverse Tests machen, zum Beispiel bezüglich der Sauerstoffversorgung in meinem Körper. Diese Kontrolle ist sehr wichtig.

Sie testen hier Ski von Ihrem Ausrüster Elan. Arbeiten Sie schon lange zusammen? Ja, schon lange. Ganz früher war ich Rennläufer und wurde von ihnen ausgestattet. Und schon Mitte der 80er-Jahre haben wir angefangen, über Tourenski zu diskutieren. In den 90er-Jahren wurde es dann richtig ernst: 1995 habe ich gemeinsam mit meinem Bruder eine Abfahrt von einem Achttausender, vom Annapurna 1, gemacht. Dazu mussten wir natürlich gute Tourenski haben. Und solche sind ja nicht nur für uns, die wir steile und gefährliche Dinge machen, sondern eigentlich für jeden Tourengeher wichtig.

Wie kam es zu der Idee des Annapurna-Projekts? Ich komme aus einem kleinen Bergdorf. Mit Kletterei und Skisport bin ich aufgewachsen. Mit 20 Jahren habe ich mich dann gefragt: Was kann ich in diesem Leben eigentlich gut? Was für Erfahrungen habe ich? Dadurch bin ich dann dazu gekommen, die beiden Sportarten zusammenzuführen. Ich habe die Ski zum Klettern mitgenommen. So hat sich mein weiterer Lebensweg beinahe von selbst ergeben. Nach Ski-­Abfahrten in Slowenien, vom Mont Blanc und der Westflanke des Matterhorns habe ich gedacht: Vielleicht ist es an der Zeit, einmal etwas im Himalaya zu probieren.

Wieso fiel die Wahl gerade auf den Annapurna? Der Annapurna bot eine interessante Kombination. Das war der letzte von 14 Achttausendern, der noch nie von einem Slowenen bezwungen worden war. Das war ein nationales Projekt, ein nationales Ziel. Und ich hatte den großen Wunsch, ­einen Achttausender zu befahren. Und so bin ich als Skifahrer dann zu dieser Expedition dazugekommen.

Was ist bei so einem Projekt die größere Herausforderung: der Aufstieg oder die Abfahrt? Der Aufstieg ist natürlich etwas anders als beim normalen Klettern, denn wir müssen einen Schuh benutzen, mit dem wir auch Ski fahren können.

Sie nehmen nur einen Schuh für beides mit? Ja, es wäre zu schwer, noch einen weiteren Skischuh mit sich herumzuschleppen. Aber was wirklich am schwierigsten ist, ist die Konzentration. Man muss seine Kraft bis zum Gipfel so einteilen, dass man dann oben immer noch so viel Power hat, um die Abfahrt gut zu bewältigen. Darum muss man beide Teile als eines sehen. Es ist beides schwer, wobei die Kletterei vielleicht doch etwas einfacher ist, denn ich gehe immer dort hinauf, wo noch Schnee liegt. Es geht bei mir nicht um schwere Kletterei – obwohl: Jede Kletterei über 7.000 Meter ist schwer, denn dort oben funktionieren wir ganz anders.

Mittlerweile haben Sie auf allen Kontinenten die höchsten Berge auf diese Art bezwungen … Das ist ein schönes Projekt, das sich nach dem Erfolg auf dem Everest ergeben hat. Danach habe ich zu meinen Freunden gesagt: Jetzt können wir auch die anderen angehen. Logistisch und auch finanziell war das natürlich eine Herausforderung. Aber innerhalb von sechs Jahren hatte ich dann alle Kontinente durch. Auch die Antarktis, was vor allem finanziell schwierig war.

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Bei allen Expeditionen ist Davo Karnicar der Einzige, der den Berg auch auf Ski hinunterfährt
© Werner Krause

Gab es auch Versuche, die Sie ­abbrechen mussten? Ja, beim Everest hatte ich meinen ersten Versuch schon 1996 unternommen, von der Nordseite her. Vor Ort habe ich gesehen, dass es zu wenig Schnee gab, dass wir mindestens 20 bis 30 Meter abseilen müssten. Und das war einfach zu viel. Ich glaube, eine Art „Prinzip“ oder „Ethik“ ist sehr wichtig. Wenn wir sagen, dass wir vom Gipfel herunterfahren, dann zählt jeder Höhenmeter. Wir müssen wirklich nur mit Ski nach unten kommen, nicht mit irgendeiner Hilfe. Ethik ist ja bei manchen Bergsteigern ein bisschen „beweglich“. Darum müssen wir deutlich sagen, ob wir wirklich alles gefahren sind oder einzelne Abschnitte auch nicht. Das war also mein erster Versuch aus Tibet. Dort hatten wir ohnehin viel Unglück: Es sind Leute in einer Lawine gestorben, und ich habe auch zwei Finger verloren. Aber gleichzeitig habe ich eben auch gesehen, dass es in manchen sehr steilen Couloirs einfach nicht genug Schnee gab. Darum habe ich dann im Jahr 2000 eine andere Route gewählt, und wir sind im Herbst gegangen. Denn dann ist nach dem Monsun sicher genug Schnee – aber leider herrscht natürlich auch eine höhere Lawinengefahr.

Können Sie uns noch einmal einen Überblick geben, um welche sieben Gipfel es sich bei den Seven Summits handelt? Neben dem Everest sind das der Denali (bis vor Kurzem auch Mount McKinley genannt, 6.194 Meter, Anm. d. Red.) in Nord- und der 6.962 ­Meter hohe Aconcagua in Südamerika. In ­Afrika ist es der Kilimandscharo mit 5.895 Metern. Der ist sehr exotisch – genau wie der Mount Kosciuszko in Australien. Das ist ein schöner Berg, wenn auch nur 2.228 Meter hoch. Aber er zählt! Dann ist da noch der 4.892 Meter hohe Mount Vinson in der Antarktis. Und in Europa ist es nicht der Mont Blanc, sondern der Elbrus mit 5.642 Metern.

Waren diese Projekte sehr unterschiedlich, oder gab es überall die gleichen Herausforderungen? Es ist so: Natürlich ist der Everest schwer. Aber der Denali ist wirklich interes­sant. Und sehr kalt. Am Everest hatten wir minus 32 Grad, am Denali minus 35 Grad. Da sind wir auch die ­größte Höhendifferenz gefahren: 4.000 ­Meter. Am Everest sind es etwa 3.500 Meter. An allen anderen Bergen ­müssen wir natürlich auch alles voll konzentriert machen – aber die sind nicht so schwer. Das sind schöne Abenteuer: andere Kontinente, andere Menschen, andere Natur.

Wie gehen Sie das Risikomanagement an? Wir müssen zuerst die generelle Entscheidung treffen: Gehen wir zum Berg oder nicht? Schon zu Hause muss man spüren, ob man sein Vorhaben wirklich umsetzen kann. Man darf nicht hinfahren, nur um es zu probieren. Das ist sehr wichtig. Wenn man etwas probiert, macht man leichter Fehler. Man muss also ganz klar sagen: Ich mache das jetzt! Und wenn es dann aus irgendwelchen Gründen nicht klappt, muss man eben umdrehen. Aber diese Entscheidung für sich selbst, die ist sehr wichtig. Denn dann wird man nicht zu locker. Man muss immer den Respekt spüren. Und sonst? Ich gehe ziemlich viel in die Kirche (lacht). Wir brauchen immer von irgendwoher Hilfe.

Machen Sie die Besteigungen eigentlich allein oder im Team? Wir sind immer im Team unterwegs. Aber ich trage meine Ski immer selbst, denn ich möchte sicher sein, wie es um mein Equipment steht. Aber eine Gruppe ist notwendig. Schon bei der Vorbereitung und bei der Logistik ist das wichtig. Und natürlich auch am Berg. Letztendlich bin ich aber der Einzige, der auf Ski abfährt.

Benutzen Sie in großen Höhen ein Sauerstoffgerät? Am Everest habe ich das beim Aufstieg getan, ab 8.000 Metern Höhe. Denn man braucht gerade in so großer Höhe einen klaren Kopf. Aber bei der Abfahrt ist das fast unmöglich, denn die Maske ist zu groß und schränkt daher das Sichtfeld stark ein. Nach 50 Metern habe ich sie deshalb auch abgenommen.

Was sind neue Projekte? Das ist immer schwer zu sagen. Wenn wir bergsteigen und vorher ankündigen, ich werde dies und das machen, dann ist das so, als würde man ein Mädchen sehen und sofort erklären: Diese Frau heirate ich, wir werden ein Haus bauen, Kinder haben und 40 Jahre miteinander leben. Dabei hat man das Mädchen noch nicht einmal kennengelernt. So ist das auch mit Plänen für Besteigungen. Aber im Ernst: Natürlich habe ich Ziele. Und mein Wunsch ist es, als Nächstes den K2 auf Ski abzufahren.

Warum gerade dieser Berg? Vielleicht habe ich da eine falsche Motivation: Es hat einfach noch niemand gemacht. Aber ich weiß, dass das für einen Bergsteiger nicht der Grund sein sollte. Da kann man viele Fehler machen. Darum suche ich für mich selber noch nach anderen Gründen: Warum will ich das? Aber am Ende ist es einfach so: Der Berg ruft!

Haben Sie Familie? Ja. Mit meiner Frau habe ich auch schon einen Treck bis zum Basislager am K2 gemacht. Da haben wir das auch diskutiert, ob ich den auf Ski abfahren darf. Jetzt habe ich schon mal eine ganz schwache Erlaubnis von ihr. Und jeden Tag muss ich nun etwas dafür tun (lacht). Aber für meine Frau ist das ja auch schwerer als für mich: Ich gehe und folge meinen Zielen, und sie bleibt zu Hause und wartet auf mich. Schon viele unserer Freunde sind vom Berg nicht zurückgekommen. Und das zu erklären ist schwer. Sie ist den Bergen selbst verbunden und versteht das alles. Aber dann sind da noch die Kinder … Aber auf der anderen Seite setzen wir uns jeden Tag ins Auto, und da haben wir keine so hohe Konzen­tration. Risiko hat man auch im normalen Leben. Vielleicht sogar mehr als bei meinen Skitouren. Wenn wir am Berg sind, sind wir total konzentriert und fokussiert. Im Auto denken wir an Freunde, Familie, Geschäfte und so weiter. Wo ist also das größere Risiko?

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Ohne gute Planung ist es unmöglich, einen Achttausender hinunterzufahren
© Werner Krause

Ich nehme an, da hat Ihre Frau eine andere Meinung als Sie … Ja, aber so probiere ich durchzu­kommen (lacht).

Gab es denn schon richtig kritische Situationen? Sicher. Sehr kritische. Aber ich sitze hier und bin sehr dankbar, dass ich häufig Glück gehabt habe. Freunde sind auf gleichen Expedi­tio­nen durch Lawinen gestor­ben. Manchmal frage ich mich: Warum? Warum warst du nicht an einer ­anderen Stelle? Vielleicht nur 50 Meter entfernt. Deswegen glaube ich an Gottes Hilfe. Wirklich! Es gibt für mich keine ­andere Erklärung.

Dann drücken wir die Daumen, dass er weiter auf Sie guckt! Ich weiß, ich verdiene das nicht. Aber ich habe trotzdem Hoffnung (lacht). Und bisher hat es ja auch gut geklappt.

Wie lange trainieren Sie im Vorfeld von einer Besteigung? Eigentlich ­mache ich nie große Pausen. Im Augenblick arbeite ich an meiner ­Ausdauer. Später kommen dann ­kürzere, schnellere Touren, um die anaeroben Kapazitäten aufzubauen. Ende Juni werde ich dann auf den Gasherbrum gehen – ebenfalls ein Achttausender –, als Vorbereitung auf den K2 im nächsten Jahr. Ich möchte spüren, wie ich auf 8.000 Metern funktioniere, wie die Ausrüstung funktioniert, die Logistik …

Das ist auch organisatorisch ein extrem großer Aufwand. Ja, es ist ein Abenteuer, bei dem es nur zu 50 Prozent um Sport geht. Das andere ist Organisation. Und am Ende entscheidet der Kopf. Es ist wichtig, dass du trotz all der Mühe und der langen Vorbereitung am Ende spürst, wenn es zu viel ist – und du vielleicht umkehren musst. Das Wichtigste ist ja, dass wir zurückkommen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2016

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