See & Kappl: Im Schatten des Giganten

Als Familie mit kleinen Kindern in den Event- und Après-Ski-Strudel von Ischgl? Zu den Partylöwen auf der Idalp? Die meisten können sich besseres vorstellen – und finden es nur wenige Kilometer entfernt. Die beiden Gebiete See und Kappl sind Top-Adressen für den entspannten Familien-Urlaub

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© TVB Paznaun-Ischgl, Mia Maria Knoll

Text: Florian Tausch

Let meeeeeee entertain youuuuuu!“ Die Boxen dröhnen, der Beat stampft, tief dekolletierte Background-Sängerinnen animieren das Publikum. Robby Williams heizt den 25.000 Zuschauern, die vor ihm im Schneegestöber stehen, ordentlich ein. Es ist das Abschlusskonzert der Saison 13/14 mitten im Ischgler Skigebiet auf der Idalp. „Top of the Mountain“ nennt sich die Event-Reihe, deren vielversprechender Name jedes Jahr Bestätigung findet: Schon zum Saisonstart liften internationale Showgrößen die Silvrettabahn hinauf – im letzten Jahr etwa James Blunt. Und auch während der Saison oder zu ihrem jeweiligen Abschluss begeistern Größen wie Rihanna, Elton John, Sting oder Jan Delay die herbeipilgernden Massen. Aber wohl kaum einer hat so gut zum Image Ischgls gepasst wie eben Robbie Williams. Sein leitspruchhafter Song „Let me entertain you“ fügt sich nahtlos an den Slogan der Alpen-Lifestyle-Metropole an. Augenzwinkernd lautet dieser „Relax. If you can …“ – wobei vom ersten Moment an klar ist, dass die Chancen auf echte Entspannung hier nicht so gut stehen – nicht so gut stehen sollen. Dafür sorgen schon die zahlreichen Konzerte, Events wie „Harley & Snow“, der „Sternecup der Köche“, die „Ski-WM der Gastronomie“ und zur Not auch einmal ein Abstecher von „Deutschland sucht den Superstar“ ins Paznauntal. Der Ort brummt. Über 860 Übernachtungen kommen statistisch auf einen der 1.500 Einwohner. Das ist absolute Spitze im Alpenland: Österreich-weit sind es durchschnittlich 16 Übernachtungen/Einwohner, im Tourismus-Mekka Tirol, in dem jeder dritte Euro in der Tourismus- oder Freizeitindustrie verdient wird, „nur“ 63. Ein Super-Skigebiet, die höchste 4-Sterne-Hotel-Dichte Österreichs, eine unüberschaubare Menge an Après-Ski-Lokalitäten jedweder Couleur und das Versprechen auf Fun und Action en masse locken Besucher aus aller Welt in das kleine Alpendorf.

Nur eine Ausfahrt weiter

Je nach persönlicher Neigung hört sich das nach einer Menge Spaß an – oder nach einem Ort, den man lieber weiträumig umfährt. Wobei: Was heißt schon weiträumig? Mehr als 9,8 km bzw. 17,2 km müssen es gar nicht sein, damit jeder, der „I want to relax“ sagt oder mit kleinen Kindern unterwegs ist, auf die wunderbare Bergwelt, die sich um das Paznaun auftürmt, nicht verzichten muss. Denn in diesen Entfernungen gibt es kleine, aber sehr feine Alternativen, die einen echten Gegenpol zum Ischgler Trubel darstellen: See und Kappl. Beide Orte liegen, von Landeck kommend, noch vor Ischgl. Mit jeweils gut 40 Pistenkilometern gehören sie sicher nicht zu den Giganten des Winter-Tourismus, bieten aber doch genug Abwechslung auch für einen mehrtägigen Aufenthalt. Wer länger vor Ort ist, wählt ohnehin den Silvretta-Skipass, mit dem alle Gebiete im Paznaun befahrbar sind, also auch Ischgl und Galtür.

See präsentiert sich seit jeher als optimales Gebiet für Anfänger und Kinder. Schon die Anreise wird einem leicht gemacht, denn es geht direkt vom Ortskern aus (und somit in Laufweite zahlreicher Hotels) per Gondel auf den Berg. Gleich am Gondelausstieg liegt nicht nur das Bergpanorama-Restaurant, sondern auch das Übungsgelände (mit zwei Zauberteppichen und einem Schlepplift), und obwohl es nur wenige Schritte bergauf geht, wird der Nachwuchs mit einem eigenen „Kindertaxi“ von der Station dorthin befördert – nichts soll den Kleinen die ersten Versuche im Schnee verleiden. Auch die Skilehrer sind vorbildlich – selten haben wir eine Betreuung gesehen, die so viel Spaß und Fürsorge vermittelt hat. Komplettiert wird das Familienangebot durch einen Kinder-garten direkt am Übungsgelände / Restaurant. Hier wird der Nachwuchs betreut, während die Eltern im übrigen Skigebiet ihre Spuren ziehen. Bereits 2-Jährige können hier zwischen 9:30 und 16:00 Uhr in Obhut gegeben werden (außer Samstags), und das zu Preisen, die wahrlich kein Loch in die Familienkasse reißen: 19 Euro für die ganze Woche (bzw. 4 Euro pro Tag oder 1 Euro pro Stunde) nehmen sich bei den Gesamtkosten einer Familien-Skireise wie Peanuts aus. Auch sonst ist man in See darauf bedacht, den Geldbeutel der Eltern zu schonen – so fahren Kinder unter 8 Jahren frei, der Kinder-Tarif gilt für alle unter 17 Jahren.

Soviel schwarz wie blau

Es stellt sich natürlich die Frage, ob die Erwachsenen und Fortgeschrittenen ebensoviel Spaß in See haben werden, wie Kinder und Anfänger? Sicher, sportlich ambitionierte „Kilometerfresser“ würden etwas mehr Abwechslung begrüßen (wobei diese – wie beschrieben – durch den Silvretta-Pass einfach zu erhalten ist). Aber See als reines Anfänger-Gebiet abzustempeln, ist zu kurz gegriffen. Das macht schon ein Blick auf die Verteilung der Pistenkilometer deutlich: Mit jeweils 8 Kilometern gibt es genau so viele schwarze Abfahrten wie leichte Blaue. Der Großteil des Gebiets – genauer 25 Pistenkilometer – ist mit rot markierten Schildern versehen. Da geben sich größenmäßig vergleichbare Gebiete wie Ötz/Hochötz, Waidring-Steinplatte, Carezza oder der Kreischberg teilweise deutlich zahmer. Gerade die zur letzten Saison neu gebaute 8er Gondelbahn Versing hat schöne und auch für Fortgeschrittene anspruchsvolle Hänge erschlossen. Mit 2.100 m Länge und einem Höhenunterschied von über 500 m ist sie die längste Bahn im Skigebiet, und sie befördert Skifans nicht nur zu neuen Pistenabschnitten, sondern auch in ein schönes Tiefschnee- und Touren-gebiet unterhalb des Rotpleiskopfs (2.936 Meter), das sich von der 2.450 Meter hoch gelegenen Gipfelstation erreichen lässt. Gleiches gilt übrigens auch für die Ascherhütte, die bereits 1896 erbaute Hütte der DAV-Sektion Pfaffenhofen-Asch. Diese liegt landschaftlich reizvoll auf 2.256 Metern Höhe und bietet nicht nur einen tollen Ausblick auf die Verwallgruppe, sondern auch einfache Unterkunft (40 Plätze) und kulinarische Höhenflüge: Sie ist eine der teilnehmenden Hütten am Kulinarischen Jakobsweg, einer Serie von vier verschiedenen Wanderungen im Paznaun, bei der von vier internationalen Sterneköchen zusammengestellte Gerichte in uriger Hütten-atmosphäre genossen werden können. Zumindest optisch ein echter Kontrast ist die im Winter 14/15 neu geschaffene Aussichtsplattform mit der futuristisch anmutenden, blau funkelnden SkyBar. Die Glaskonstruktion befindet sich auf 2.220 Metern Höhe direkt neben dem Restaurant „Gratli“ und dessen toller Sonnenterrasse, wodurch es jetzt neben dem „Familien-Zentrum“ an der Gondel auch in höheren Lagen einen besonders attraktiven Treffpunkt zum Essen und Genießen gibt.

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Kappl macht seinem Wahlspruch „Sunny Mountain“ alle Ehre
© TVB Paznaun-Ischgl, Mia Maria Knoll

Feurige Angelegenheit

Dienstags ist der Tag, an dem die Kinder in See sicher nicht ins Bett müssen, denn abends wird den Gästen ein echtes Spektakel geboten: Zunächst gehen am extrem breiten „Geigerhang“ die Lichter an – hier steht ab 19:30 Uhr Nachtskilaufen auf dem Programm (bis 22:30 Uhr). Zudem wird die sechs Kilometer lange Rodelbahn beleuchtet. Schließlich präsentiert die Skischule See auf der Nachtskilaufpiste eine 30-minütige, sehr kreative Demoshow unter dem Motto „Fire on Ice“.

Dass ein Skigebiet, dass dermaßen den Nachwuchs im Blick hat, auch in Sachen Nachhaltigkeit ganz vorne mit dabei ist, ist naheliegend, aber leider nicht selbstverständlich. Wie das aussehen kann, machen die Berg-bahnen See vor – so wird die lückenlose Beschneiung aller Abfahrten durch Energie aus einem hauseigenen Wasserkraftwerk möglich. Und wenn die Beschneiungsanlage gerade nicht läuft, produziert da System sauberen Ökostrom. Insgesamt produzieren die Bergbahnen See vier Mal mehr Energie im Jahr, als sie selbst verbrauchen.

Sonne pur in Kappl

See ist durch seine nordseitige Ausrichtung bis zum Saisonende hin ausgesprochen schneesicher. Das nur wenige Kilometer entfernte Kappl – dank einer Höhenlage bis 2.700 Meter ebenfalls mit reichlich Weiß gesegnet – stellt dem selbstbewusst sein „Sunny Mountain“-Konzept entgegen. Der Name ist Programm – zumindest bei klarem Wetter: Alle Abfahrten liegen südseitig ausgerichtet, herrlich weitläufige Sonnenhänge durchziehen das Skigebiet, das wohl das sonnenreichste im Paznauntal ist. Gleich nach der ersten Auffahrt mit der Diasbahn wird deutlich, dass auch Kappl besonders Familien tolle Möglichkeiten bietet. Das Sunny Mountain Kinderangebot ist riesig, hier wartet ein ganzer Erlebnis-park, der sich mitten im Skigebiet befindet. Dazu gehören überdachte Zauberteppiche unterschiedlicher Längen, eine eigene Kinderpiste, ein Ski-Karussell, Wellenbahnen, Schneehöhlen und viele weitere Attraktionen. Natürlich kann der Nachwuchs auch hier in die Obhut einer professionellen Kinderbetreuung gegeben werden, um sich dann nach Lust und Laune auf den gut 40 Pistenkilometern auszutoben. Um die 60 Prozent davon liegen im roten, etwa 15 Prozent im schwarzen Bereich, so dass sich auch sportliche Skifahrer nicht über mangelnde Herausforderung beklagen können. Wer mit der Ablittbahn, dem Gongall-Lift oder der Ablittkopfbahn hinaufliftet, findet beispielsweise mit der Kanonenrohrabfahrt, der lang gezogenen Berg-wiesenabfahrt oder der Rennstrecke tolle Spielwiesen für Anspruchsvolle.

Starke Freeride-Contests

Trotz der Südausrichtung konnte sich Kappl zudem in den letzten Jahren zu einem Geheimtipp für Freerider mausern. Wobei: So geheim ist das natürlich nicht mehr – immerhin findet hier bereits seit drei Jahren der Open Faces Freeride Contest statt, der auch als Qualifier für die Freeride World Tour dient. Und als in der Saison 13/14 der FWT-Stopp in Fieberbrunn aufgrund der schlechten Witterung abgesagt wurde, verlegten die Tour-Verantwortlichen den Event kurzentschlossen nach Kappl.

Wo kann man es den Profis also nachmachen? Die besten Powder-Hänge erschließt man sich mit einer Auffahrt auf den 2.720 Meter hohen Alblittköpfe. Von dort führen in westlicher Richtung beispielsweise die Skirouten Blanka, Albilittkopf und Gonda herab. Auf der Ostseite findet sich die im letzten Jahr neu angelegte Route Hartlas Extrem, deren Namen man durchaus als Hinweis auf ihr anspruchsvolles Niveau verstehen darf. Wer über genug Erfahrung und eine entsprechende Notfallausrüstung verfügt, kann zudem – vorzugsweise mit einem Bergführer – auch weiter Richtung Quellspitze hiken, dem Berg, auf dem die Contests stattfinden.

Mit ihrem vielfältigen Angebot und der perfekten Kinderbetreuung sind See und Kappl zwei attraktive Destinationen für alle, die Familienurlaub und Skispaß unter einen Hut bringen wollen. Vor allem mit dem Silvretta-Pass, der alle Gebiete des Paznaun umfasst, ist man für jede Eventualität gewappnet – denn von den beiden „Familien-Hotspots“ sind es ja nur ein paar Kilometer nach Ischgl, mit dessen Programm der ganz anderen Art …

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 05 / 2015

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