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Skifahren in den Anden: Fünferlei vom Ring Of Fire

Pulverschnee im Hochsommer? Kein Problem! Findet man zum Beispiel in der südlichen Hemisphäre. Die südamerikanischen Anden locken mit herrlicher Landschaft, etlichen tollen Skigebieten und einigen majestätischen Vulkanen, die eine magische Anziehungskraft auf Freerider und ­Liebhaber etwas exotischerer Skitouren haben. Andale!

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© Marius Schwager

Text: Marius Schwager

Stinkende Schwefelschwaden ­steigen aus dem Vulkankrater ­empor, vernebeln die Sicht, verstopfen die Atemwege. Der Schnee ist stark vereist, der Wind hat ­Orkan­stärke. Willkommen auf einer klassischen Andenskitour – ­Südamerika ist wild, rau und faszinierend!

Denn trotz oder gerade wegen ­dieser Unwegsamkeiten haben die schneebedeckten Vulkane eine ­besondere Anziehungskraft. ­Gerade und oft freistehend thronen sie in der Landschaft wie ein Leuchtturm am Meer und weisen dabei mitunter eine nahezu mathematisch perfekte Kegelform auf. Zudem haben die südamerikanischen Anden neben ihren majestätischen Vulkanen, ihren landschaftlichen und kulturellen Reizen auch zahl­reiche Ski­gebiete mit frischem Schnee und spekta­­­­­ku­lären Abfahrten zu bieten.

Wagt man als Freerider den ­geografisch und klimatisch weiten Weg aus dem europäischen Sommer in den ­südamerikanischen ­Winter, kommt man um diese Giganten gar nicht herum. Die verschneiten ­Kegelvulkane sind die Speerspitze der Berge, die sich für ein Ski-­Abenteuer abseits der üblichen Routen auf-drängen: „Befahre mich!“, schreien sie geradezu. Wir sind dem Ruf gefolgt und haben uns das Sommerski-Vergnügen gegönnt. Das Resultat: fünf Kurzgeschichten über die lohnendsten Vulkanskitouren in Chile und Argentinien.

Villarrica

Die höchsten Vulkane der Erde reihen sich in der argentinisch-chilenischen Anden-Grenzregion aneinander wie Perlen auf einer Schnur: Der 6.864 Meter hohe Ojos del Salado und unzählige andere Vulkane erheben sich am südamerikanischen Teil des pazifischen „Ring of Fire“. Skifahrerisch interessant sind besonders die niedrigeren Exemplare zwischen ­Santiago de Chile und dem argentinischen Bariloche. Einer der meistbegangenen Andenvulkane ist der Villarrica. 2.840 Meter hoch und direkt am Paso Mamuil Malal gelegen, einem der wenigen im Winter geöffneten Andenpässe, ragt er aus der chile-nischen Tiefebene empor.

Aus der Stadt Pucon und dem gleichnamigen Skigebiet tastet man sich hier zunächst recht gemütlich an das Abenteuer Vulkanskifahren heran. Der letzte spektakuläre Ausbruch des Villarrica war erst im März 2015, die Eruptionen sind glücklicherweise einigermaßen vorhersehbar, und meist schlummert der Krater vor sich hin und spuckt nur eine stinkende Schwefelsuppe aus.

Mit meinen Skitourenpartnern Max und Uwe gehe ich das Abenteuer an. Wir passieren zunächst halbverfallene Lifte. Fehlplanungen der Skigebiete und plötzliche vulkanische Aktivität haben Spuren hinterlassen – und mit dem Aufräumen sieht man es hier offensichtlich nicht so eng. Wir lernen schnell, dass Harscheisen bei typischen vulkanischen Eisschnee-bedingungen ihren Dienst quittieren, und greifen auf Steigeisen zurück.

Die 1.800 Höhenmeter Anstieg sind anstrengend, verlaufen aber ohne größere Probleme. Kommt einem eine geführte Gruppe entgegen, wird es allerdings für wenige Minuten spannend. Die Guides erfüllen keine europäischen Standards und kommen nur mühsam im Stemmbogen den Berg hinunter. Sie bevorzugen es, ihre Massentourismusgäste den Villarrica hochzudrücken und mit ihnen dann per Plastikschlitten hinabzurutschen. Ein skurriles Schauspiel, das aber zwischen Schwefeldämpfen, verlassenen Liftstationen und verbogenen Harscheisen doch irgendwie ins Gesamtbild passt.

Lanin

Nur einen Steinwurf vom Villarrica ­entfernt, überragt der Lanin, der König der Andenvulkane, alle Berge in der Region um 1.000 Höhenmeter. Die Aussicht in der knallroten Biwakschachtel am Lanin reicht vom Pazifik über die komplette West-Ost-Ausdehnung der Anden. Der Sonnenauf- und -untergang übertrifft wohl alles, was es sonst in einem Skifahrerleben zu sehen gibt.

Zunächst muss der Nationalpark­ranger auf Spanisch überzeugt werden, dass man in der Lage ist, auf eigene Faust den Berg zu erklimmen. Ein Funkgerät muss mitgeführt werden, und man versucht, die Aussicht ­irgendwie zu genießen – wird man nicht vom Wind weggeblasen und überlebt die Nacht bei -20 Grad im klammen ­Daunenschlafsack zwischen Wellblechdach und kargem Betonboden.

Im Biwak gesellen sich zwei argentinische Bergkameraden zu uns. Es ist ihr nunmehr zehnter Versuch, im Winter auf den Lanin zu kommen. Nach mehreren Schnäpsen am Vorabend kriechen sie erst aus ihren Schlafsäcken, als wir nach frühem Start bereits um 11 Uhr wieder zurück sind. Mit dem Parkranger hatten wir per Funk vereinbart, dass um 12 Uhr definitiver Umkehrpunkt sein muss, da der Wind nochmals auffrischen und über 100 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit erreichen soll. Wer um 11 Uhr aufsteht, wird es nicht bis 12 Uhr zum Gipfel schaffen, so viel ist klar. Wir packen ­unser Equipment zusammen, teilen noch einen traditionellen Mate mit den beiden und verabschieden uns gen Tal. Wie viele Versuche sie wohl noch brauchen werden? In ihrer komplett entspannten Art scheint ihnen der Gipfelsieg gar nicht so wichtig. Auch eine sympathische Einstellung …

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© Marius Schwager

Lonquimay

Wer Skitouren in Chile und Argentinien unternehmen möchte, dem stellen sich zunächst logistische Herausforderungen. Die Ausrüstung muss bewegt und die Sprachbarriere überwunden werden. Hinzu kommen die Schwierigkeiten beim Grenzübertritt mit Leihwagen und das intransparente Bussystem. Ganz zu schweigen von den alltäglichen Hürden. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie ich es geschafft habe, den Lonquimay zu besteigen. Die Tour beginnt in der nächstgelegenen größeren Stadt Temuco. Mit Tagestourenausrüstung will ich auf den 130 Kilometer entfernten Lonquimay und abends wieder zurück. Funktionierende Smartphones sind noch Mangelware, ich muss mich komplett auf die Menschen vor Ort verlassen. Eine Odyssee beginnt: Bushaltestellen suchen, Umsteigehaltestelle finden, den neuen Bus erfragen und schließlich den passenden Regionalbus nicht verpassen. Es ist immer noch stockdunkel, und scheinbar bin ich einer der ersten Europäer mit Skiausrüstung, der auf diese verrückte Idee kommt.

Mit meinem lückenhaften Spanisch und einem breiten Lächeln schaffe ich es aber zum Regionalbusbahnhof. Der Bus Richtung Lonquimay steht schon bereit zur Abfahrt. Drei defekte oder leere Bankautomaten später habe ich immer noch genau sieben Euro in der Tasche. Genau das Geld für die je zweistündige Hin- und Rückfahrt und gut zwei Euro Notfallreserve. Die Tour ist skitechnisch die einfachste Vulkantour. Das Zwei-Lifte-Gebiet Corralco liegt direkt am Fuß des Berges, eine Infrastruktur ist somit vorhanden. Als Einsteiger ist man mit dieser Tour daher gut beraten, da man hier einfach in den Genuss kommt, seinen ersten Andenvulkan zu erklimmen.

Etwas gepresster Pulverschnee und keine besonderen Vorkommnisse, so lautet das Fazit meiner Lonquimay-Tour. Zurück im Skigebiet, treffe ich einige gelangweilte Skilehrer, wir kommen ins Gespräch, lachen miteinander. Bei nur zwei Gästen im Gebiet – ohne mich – haben sie reichlich freie Zeit. Nacho lädt mich für einige Tage zu sich in seine Hütte ein. Offenheit und Hilfsbereitschaft vieler Südamerikaner sind unglaublich. Tagsüber sitzt er im Container im Skigebiet und wartet ohne Bezahlung auf Gäste. Ich nutze den malerischen Araukarienwald für Skitouren. Drei entspannte Tage verbringe ich so in Corralco.

Wohlgenährt, tiefenentspannt, mit einigen netten Schwüngen im Erinnerungsgepäck und weiterhin mit exakt zwei Reserve-Euros in der Tasche erreiche ich wieder Temuco.

Nevados de Chillán

Vulkane sind aufgrund ihrer Form nicht mit normalen Bergen und Bergketten vergleichbar. Ihre Form verdanken sie der vulkanischen Aktivität, die Krater können variieren oder sogar wandern. Eine schönes Beispiel sind die Drillingsvulkane in Chillán. Die Kegelgipfel Viejo und Nuevo liegen unmittelbar nebeneinander, der derzeit höchste, Nevados de Chillán, ist ein Stück weiter nördlich und teilweise vergletschert.

Die Vulkanskifahrer-Realität kennt keinen knietiefen Pulverschnee. Nicht mal ansatzweise. Wer nicht auf Frühjahrsfirn mit langen schneefreien Tragepassagen ab Mitte September setzt, muss mit dem zurechtkommen, was einem Natur und Wetter bieten. Und das ist selten postertauglicher Heldenschnee. Manchmal hat man Glück und erwischt gleichmäßig weichen Schnee. Manchmal geht man aber auch komplett mit Steigeisen und Ski am Rucksack bergauf (heißer Vulkantipp: Tourenfelle greifen nicht auf Eis) und wieder bergab oder zittert sich unter Gottvertrauen auf den frisch geschliffenen Stahlkanten einen erbarmungslos ruppigen Eispanzer bergab. All diese Begebenheiten bereichern jedenfalls die Skifahrerrealität ungemein und sind hervorragend für einen Abenteuergeschichtenabend geeignet.

Puyehue

Genauso wie die Tatsache, dass meine erste Reise in den südamerikanischen Winter vom Ausbruch des Puyehue geprägt war. Monatelang war der Flugverkehr durch die Aschewolken weltweit beeinträchtigt. Im Sommer 2015 klappt die Tour endlich. Lea, eine langjährige Skitourenpartnerin, war schon 2010 auf dem Puyehue. Sie ist zwar abgeneigt, die drei beschwerlichen Stunden zum Tourenstartpunkt noch einmal zu begehen, führt unsere Gruppe aber zielstrebig und gerade mit dem allerletzten Sonnenuntergangslicht zur Holzhütte auf halber Strecke. Halbwegs geschützt vor Ratten und gewärmt am Holzofen ist es auch auf Holzlatten recht gemütlich – und mit traditionellem argentinischen Mate schmackhaft und authentisch.

Der Puyehue hat seit dem Erscheinen im Kinofilm „All.I.Can.“ von Sherpas Cinema viel Aufsehen erregt. Kein Wunder, kann man doch in einen Kegel eines aktiven Vulkans skitechnisch interessant abfahren. Am Kraterrand schweift der Blick über die chilenische Tiefebene, die Anden und den Krater. Etwa zwei- bis dreihundert Höhenmeter bieten die spektakulären Abfahrts-möglichkeiten in den Krater.

Leider ist an unserem Gipfeltag die Schneedecke von einer Eisschicht überzogen, sodass wir es entspannt angehen lassen und statt Freerideaction nur etwas im Vulkankrater herumhängen und die Mädels beim Yoga im Vulkankrater fotografieren. Die Tourengruppe vor uns ließ noch etwas Essen in der Hütte übrig. Statt zu hetzen, gönnen wir uns noch einen ruhigen Abend, Röbi kocht Zentralschweizer Älplermakkaronen, wir fällen einen toten Baum, füttern einen sehr seltsamen, ziemlich großen Vogel mit Fleischresten und gehen am dritten Tag gemütlich zurück Richtung Zivilisation. Die Tour auf den Puyehue ist mit dem stundenlangen Zustieg wohl die mühsamste, die spannenden Abfahrten in den aktiven Vulkankrater sind aber ein einzigartiges Erlebnis.

Einen Tag vor meiner Heimreise im Sommer 2015 macht der „Ring of Fire“ seinem Namen wieder alle Ehre. Ein Erdbeben der Stärke 8,3 erschüttert die Region um Santiago. Die Menschen vor Ort sind daran gewöhnt, haben Erdbebenroutine. Die Vulkane stehen auch alle noch, und der Sommertrip 2016 ist wieder fest im Kalender eingetragen. Tronador, Osorno und viele weitere erhabene Bergkegel warten nur darauf, unsere fünf Geschichten um weitere Episoden aus Südamerika zu erweitern.

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© Marius Schwager

para su información – Gut zu Wissen

Spezielle Gefahren bei Skitouren in Südamerika: Unzureichende Infrastruktur und keine organisierten Rettungsdienste, die Gebiete sind teilweise vergletschert

Notwendige Ausrüstung: Skitourenausrüstung, Wintercampingausrüstung (Biwakschachtel), Eispickel, Helm, Steigeisen, Nationalparkbewilligungen, in manchen Gebieten (z. B. Lanin) müssen Funkgeräte mitgeführt werden

Ausgangsorte und nützliche Infos

Lanin: Nationalparkbüro an der Ruta 60, Busstation Tromen,

39°35'21.7"S 71°25'47.6"W. Zwei Tage Aufstieg mit Übernachtung im ­Notbiwak. Zur ­Besteigung muss ein spezielles Funkgerät mitgeführt werden (Ausleihe zum Beispiel in Junin de los Andes)

Villarrica: Skigebiet Pucon; www.skipucon.cl, 1.800 Höhenmeter sind zu bewältigen, die ersten 200 und etwas Strecke kann man sich mit einem Skiticket erkaufen. CONAF, die Chilenische Nationalparkbehörde, regelt den Zugang. Helm, Steigeisen und Pickel sind obligatorisch

Nevados de Chillán: Skigebiet Nevados de Chillán; www.nevadosdechillan.com

Puyehue: Chile, Ruta 215, Abfahrt nach Nord bei 40°39'20.2"S 72°11'21.0"W und Straße halbrechts folgen bis zur Ranch mit Anmeldung und Gebührbezahlung ­(Privatgelände)

Lonquimay: Skigebiet Corralco; https://corralco.com; Lonquimay, Malalcahuello

Buchtipp: Chili – Argentine: Topo de ski andinisme, F. Lena, belupress, 2007 (französischsprachig)

Empfohlene/beste Zeit: August bis Oktober (Lanin bis November)

Flug: Circa 14 Stunden Flugzeit nach Santiago de Chile (weiter mit dem Bus oder Mietwagen) oder gut elf Stunden nach Buenos Aires und Weiterflug nach Bariloche

Weitere skitechnisch interessante Vulkane: Osorno, Tronador, Puntiagudo

Guide vor Ort: Jorge Kozulj, info@andescross.com, ; www.andescross.comLonquimay-Region-Guide und Übernachtung Nacho Donoso, ­www.isotermacero.cl

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2016

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