Lisa Zimmermann: Ich weiß immer, wo ich bin!

Das sagt Lisa Zimmermann (19). Und das ist bei ihr weit weniger selbstverständlich als bei anderen Leuten – sieht man sich die unglaublichen Tricks an, mit denen die Slopestylerin durch die Luft wirbelt. Ursprünglich war Lisa Eiskunstläuferin – ehe der größere Bruder Max sie zum Skisport brachte. Die Weltcup-Gewinnerin von 2014 wuchs in Franken und Oberbayern auf, lebt inzwischen in Innsbruck und wurde letzten Winter Slopestyle-Weltmeisterin. Was an Slopestyle so faszinierend ist, warum Jungs eine Vorbildrolle einnehmen und wie es sich an fühlt, als erste Frau der Welt einen bestimmten Sprung gestanden zu haben, erklärt die Olympiateilnehmerin von Sotschi in diesem SkiMAGAZIN-Exclusiv-Interview

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DAS IST LISA ZIMMERMANN, Geboren 2. März 1996 in Nürnberg, Größe/Gewicht 1,69 m/55 kg, Beruf Abend-Schülerin (Ziel Matura), Verein WSV Oberaudorf und TV Fürth 1860, Größte Erfolge als Slopestylerin Weltmeisterin 2015, in Kreischberg/Steiermark, Junioren-Weltmeisterin 2013 in Chiesa/Italien, Weltcup-Gewinn 2013/14, Als erste Frau der Welt stand Lisa einen Doublecork 1260 (2012/13) und einen Switch Double 10 (2014/15). Ausrüster Armada (Ski, Stöcke, Bekleidung), Tyrolia (Bindung), Full Tilt Boots (Schuhe), Smith Optics (Brille und Sturzhelm), Hä? (Mütze) Sponsoren Red Bull, More Boards, My Muesli
© Red Bull Mediahouse

Jupp Suttner

Sie sind Slopestyle-Weltmeisterin. Wie kann man ihren Sport in einem Satz definieren? Man fährt durch einen Kurs und springt über Schanzen – und man rutscht zugleich über Hindernisse wie etwa ein Geländer und macht Tricks dazu.

Auf was kommt es dabei an? Für mich persönlich ist es wichtig, dass die Tricks gut aussehen und mehr auf den Style als auf die Schwierigkeit geschaut wird. Das war früher, in der Startzeit von Slopestyle, so – und momentan geht der Trend genau wieder in diese Richtung. Was ich sehr begrüße, obwohl ich selbst nicht der stylischste Fahrer bin.

In Ihrem Sport kommt Ihnen sicher auch Ihre Eislauf-Vergangenheit zugute. Stehen Sie manchmal noch auf Schlittschuhen? Ein Mal im Jahr. Und wenn, dann bin ich da in einer Tour am Lächeln. Andererseits bin ich aber auch ein bisschen traurig, dass ich vieles von einst, die ganzen Sprünge und Figuren, nicht mehr kann.

Sie haben mit 14 aufgehört – warum eigentlich? Das ist der Zeitpunkt, wo man dran bleiben muss. Aber ich bin halt gleichzeitig Skifahren gegangen. Und habe fest gestellt, dass man beim Eislauf-Training weniger Spaß und weniger Freunde hat als beim Skifahren. Also entschied ich mich für den Schnee – und sah dort auch mehr Chancen auf sport-lichen Erfolg. Bei mir sieht man beim Style übrigens immer noch, dass ich mal was mit Eislaufen hatte. Und das ist gar nicht so vorteilhaft. Aber ich arbeite daran.

Was ist – für Sie – der Unterschied zwischen Eis und Schnee? Eis ist rutschig und glatt und hart. Schnee hingegen – sollte! – griffig sein und weicher.

Letzte Eis-Frage – welches schlecken Sie am liebsten? Schoki!

Wie ist die ideale Schneebeschaffenheit für Slopestyle? Am besten so eine Art Frühjahrs-Schnee am späten Vormittag. Also etwas weicher, aber trotzdem so, dass es nicht klebt. Dann schmerzt es nicht so, wenn man reinfällt. Grundsätzlich sollten die Kicker nicht zu groß und nicht zu klein sein und sowohl chillige als auch kreative Hindernisse aufweisen.

Gibt es auch Hass-Verhältnisse? Sicher. Wenn es kalt, windig und eisig ist. Bei Dezember- und Januar-Contests trifft man das oft an. Für uns ist das Horror – auch für die Jungs.

Was muss man bei Slopestyle ganz besonders gut beherrschen? Das Wichtigste ist Körperspannung. Das Gefühl zu besitzen, wo man sich in der Luft gerade befindet. Ich weiß grundsätzlich immer, wo ich bin und habe es stets geschafft, auf die Füße zu kommen. Sonst würde ich vermutlich jetzt nicht hier sitzen.

Aber Sie stürzen doch auch mal – Natürlich. Wenn ich einen schlechten Tage habe, haut es mich zehn Mal hin – aber immer im Steilen und das ist nicht so schlimm. Ich weiß ganz genau: Ein guter Skitag war es nur, wenn es mich ein paar Mal reingehauen hat!

Warum? Na ja, wenn ich alles stehe und schaffe, bedeutet dies, dass ich nur safe Sachen gemacht habe. Aber wenn ich Neues probiere, haut es mich halt manchmal. Die Stürze zeigen, dass ich es probiert und nicht etwa gechillt habe.

Was würden Sie – obwohl Weltmeisterin – noch gerne an sich verbessern? Stylischer und sauberer fahren. Denn ich fahre ja nicht für die Contests, sondern für mich selber. Es ist zwar cool, damit die Contests zu gewinnen. Aber das ist nicht mein Ziel. Wenn ich die Jungs sehe, möchte ich das auch können. Und das hilft mir dann wieder, die Contests zu gewinnen.

Die Jungs als Vorbild … Das ist doch in jeder Sportart so, dass die besser sind. Ich schaue meinen Kumpels gerne zu. Jeder Junge hat eigene Styles und Tricks. Natürlich sehe ich ab und zu auch Mädels zu. Aber ich bin mehr Fan von den Jungs – weil die alles besser machen. Bei mir ist die Trainingsgruppe zugleich mein Freundeskreis und das sind sechs bis sieben Jungs und ein bis zwei Mädels.

Was für ständige männliche Umschwärmung sorgt … Ich kann mich nicht beklagen ...

Sie sind in die ganze Szene durch Ihren Bruder Max gekommen, der Sie 2010 mal in den Funpark von Mayrhofen im Zillertal mitnahm. Sind Sie noch manchmal dort? Ja! Den Eltern meiner besten Freundin gehört dort oben die Schneekarhütte. Der Park könnte zwar manchmal mehr gepflegt sein, aber auf die Hütte fahr ich gerne.

Wo ist Ihr Schnee-Revier? Flachauwinkl! In der Salzburger Sportwelt. Die Leute sind unheimlich nett und unternehmungslustig und haben letztes Jahr einen richtig guten Park hingestellt. Der ist viel länger und hat mehr Obstacles, Kicker, Rails und unten auch noch ein Chill-House mit Kletterwand. Innen drin gibt es Mini-Ramps zum Skaten. Man kann dort unheimlich gut mit Freunden nach dem Skifahren chillen und klettern und super Musik hören. Der coolste Platz!

Und im Sommer? Area 47 im Ötztal! Die sind sehr nett zu unserer Sportart. Wobei ich im Sommer immer schaue, von den Ski wegzukommen. Da ist bei mir mehr Strand, Surfen, Klettern, Wandern, Beach-Volleyball und so weiter angesagt. Dementsprechend waren meine Urlaubsziele der letzten Jahre Portugal, Fuerteventura und Bali. Aber auch Ramsau in der Steiermark.

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Ein guter Skitag war es nur, wenn es mich ein paar Mal reingehauen hat!
© Red Bull Mediahouse

Was ist das Faszinierendste an Ihrem Sport? Dass jeder Fahrer seinen eigenen Style hat und dass wir alle noch eine Freundes-Gruppe sind, uns gut kennen und gegenseitig auf den Pages verfolgen und viel zusammen machen.

Und die weniger schöne Seite? Dass sich mittlerweile das Ganze verändert. Da wir olympisch geworden sind, wird es mehr und mehr „Leistungssport“. Und das hat nicht nur positive Seiten. Die Zahl der Verletzungen steigt. Wie auch der Ehrgeiz und das Wettkampfdenken mancher Athleten. Disziplin scheint vielen inzwischen wichtiger zu sein als der Spaß. Alles ist Contest …

Gibt’s da auch Zickenkriege? Nein – da gab es bisher noch keine. Aber dass hinten herum gelästert wird – davon habe ich schon gehört.

Dafür müsste dank Olympia das Geld doch besser sprudeln. Nein – es ist heute sogar viel schwerer, Sponsoren zu finden! Was bedeutet, dass es für Leute, die nicht so viel Geld haben, schwieriger wird, etwas zu erreichen.

Kann man mit Slopestyle reich werden – wie etwa Alpin-Stars à la Hermann Maier oder Snowboard-Stars à la Shaun White? Unser Jon Olsson aus Schweden hat es auch geschafft. Aber er ist bereits 33 und früher war es wie gesagt einfacher.

Sie jedoch können sich über Sponsoren-Mangel – Red Bull und noch sieben weitere inklusive der Ausrüster – nicht beklagen. Leben Sie aus steuerlichen Gründen in Innsbruck? Nein, garantiert nicht. Sondern ich finde es voll geil hier. Ziemlich viele junge Leute, die Sport machen und meinen Lifestyle haben, also Action-sports und chillig drauf sein.

Wie kamen Sie als gebürtige Fränkin – in Nürnberg geboren, in Fürth aufgewachsen – überhaupt in die Berge? Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich sechs war, und wir sind damals nach Götting bei Bad Aibling in Oberbayern gezogen, weil mein Bruder und ich Skifahren wollten. Nach der Realschule war ich dann kurz an der Christophorusschule, aber dort hatte ich keine Trainingsgruppe in meinem Alter. Deshalb bin ich seit Sommer 2014 in Innsbruck und besuche hier zwei Mal pro Woche die Abendschule – noch vier Jahre lang. Dann Matura, wie das Abitur in Österreich heißt, anschließend irgendwas mit Sport.

Auf welches Event freuen Sie sich in der bevorstehenden Saison am meisten? Auf Absolute Spring Battle!!!!!!!! In Flachauwinkl. Das ist kein normaler Contest, sondern man fährt einfach vier oder fünf Tage lang mit Kumpeln und filmt sich gegenseitig. Die besten Runs stellt man dann ins Netz.

Filmen ist ja grundsätzlich ein Hauptbestandteil der Szene – was ist so toll daran? Man kann sich alles vom ganzen Tag ansehen. Und sich am nächsten Tag verbessern. Und wenn man etwas Neues schafft – dann hat man es auf Video!

Schminkt man sich dafür? Nein, nein – es geht nur um die Action. Man wird so gefilmt, wie man rumläuft. Ich schminke mich nur für Partys und Fernseh-Interviews. Oder (sie grinst) wenn ich weiß, dass ich coole Jungs treffe. Da schaue ich dann auch, dass ich nicht so komplett nerdig ausschau’.

Ihr Lieblings-Ski-Video? Die Auswahl ist so groß. Und es existieren unheimlich viele, bei denen ich mir denke: Boaah!!! Wobei ich mir grundsätzlich lieber welche von Leuten ansehe, die nicht so bekannt sind – weil das meist chilliger ist.

Und Ihre liebste Fernseh-Serie? Ich schau fast kein TV. Wenn ich alleine unterwegs bin und es ist mir lang-weilig, sehe ich Assi-TV auf RTL.

Sie waren 2012/13 die erste Frau, die einen Doublecork 1260 schaffte. Haben Sie diese Szene im Stubai noch vor Augen? Ich erinnere mich sogar noch ziemlich gut daran. Wir sind hoch gefahren und meine beste Freundin wusste, dass ich es mache. Sie sagte: Das Wetter passt. Dann hat sie mir die Stecken weg genommen, ich bin los – und sie hat es mit dem Handy gefilmt. Es war ein unbeschreibliches Gefühl hinterher. Eines der besten Gefühle, das ich je hatte.

Wie kommt man zu neuen Tricks, Sprüngen und so weiter? Ich habe mein Repertoire. Und dann sehe ich bei den Jungs, was man schwieriger machen könnte – und das möchte ich dann auch probieren! Oder es kommen Kumpels zu mir und sagen, das könntest du schaffen ...

Was folgte nach dem Doublecork 1260 von 2012/13 in den nächsten Jahren an neuen schwierigen Teilen? 2013/14 mal gar nichts. Da war ich fast nur auf Contests unterwegs und es ging mir der Spaß am Skifahren verloren – ich hätte beinahe aufgehört! Denn bei Contests lernt man nichts, sondern versucht nur, safe runter zu kommen. 2014/15 dann schaffte ich es, weniger Contests zu fahren – und habe dadurch als erstes Mädel einen Switch Double 10 gestanden! Das war in Serfaus, wohin die besten neun der Welt eingeladen werden zu einer Nine Queens-Woche.

Und was steht 2015/16 an? Ich versuche, auf so wenig klassische Contests wie möglich zu gehen. Ich möchte es zu den X-Games versuchen und den Weltcup fahren. Letzten Winter war ich nur auf drei – die WM, die Spring Battle und Serfaus. Wobei Serfaus und Spring Battle gar keine richtigen Contests, sondern in erster Linie Spaß waren.

Vor irgendeinem Contest der Saison Bammel? Nein, denn ich gehe überall mit der Einstellung hin „Das wird voll cool!“.

Vergnügen Sie sich gelegentlich auch mit ganz „normalem“ Skifahren? Na ja, wenn wir ab und zu zum Pisten-fahren gehen, dann ist das auch nicht normal, sondern wir zischen sofort seitlich raus. Über normale Hänge zu carven, mache ich selten. Und wenn wir vom Park zur Talstation hinab müssen, dann ist das immer ein Rennen – wer ist am schnellsten? Nur gerade aus! Ein Riesenspaß!

Kommen wir zum traditionellen SkiMAGAZIN-Hüttenspiel. Sie sind drei Tage lang in einer Hütte ein-geschneit – mit wem am liebsten? Mit meiner besten Freundin – oder einem heißen Typen.

„Mit einem heißen Typen“ – das bedeutet, dass Sie keinen festen Freund haben? Richtig. Ich bin ja immer voll auf Reisen und auch kein Beziehungsmensch. Das würde nicht so hin hauen.

Weiter im Hüttenspiel – welche Musik würden Sie hören? HipHop und Deutscher Rap.

Und welches Hüttenspiel würden Sie spielen? Schach und Rommé – natürlich auch dann, wenn nicht die beste Freundin, sondern ein heißer Typ dabei wäre …

Das Wichtigste im Leben? Spaß zu haben, locker zu bleiben und sich nicht stressen zu lassen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 05 / 2015

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