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Skifahren als Brillenträger

Wer potenzielle Gefahren früh erkennt, kann sie auch meist vermeiden. Dafür ist eine gute Sicht Grundvoraussetzung. Für Menschen mit Sehschwäche ist es aber oft problematisch, den Durchblick zu behalten. Augenexperte Armin Vogel erklärt, worauf man als Brillenträger beim Kauf achten muss

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© Christian Riedel, Hersteller

Text: Christian Riedel

Nicht jeder, der eine Sehhilfe braucht, trägt sie auch beim Skifahren. Schließlich haben Brillen die unangenehme Eigenschaft, in der Gondel oder der Hütte schnell zu beschlagen. Trägt man unter dem Helm eine Brille, kann dieser unangenehm auf die Bügel drücken. Außerdem braucht man eine besonders große Skibrille, unter welche die normale Sehhilfe auch passt. Bei so vielen Schwierigkeiten verzichten viele Brillenträger lieber auf ihre Sehhilfe und fahren mit eingeschränkter Sicht. Dadurch verpasst man aber nicht nur möglicherweise eine tolle Aussicht, man geht auch ein unnötiges Risiko ein. Denn wer nicht scharf sieht, erkennt Hindernisse später, und auch das Sehen aus den Augenwinkeln, das sogenannte periphere Sehen, ist eingeschränkt. Wir haben mit dem staatlich geprüften ­Augenoptiker- meister und Kontaktlinsenspezialis­ten Armin Vogel, der neben seiner Augen-optikertätigkeit in Forsbach bei Köln das Sportgeschäft „alpenstille“ betreibt, gesprochen. Der Augenexperte erklärt, welche Gefahren dem Skifahrer durch die eingeschränkte Sicht drohen und welches die besten Alternativen zu Sportbrillen sind.

SkiMAGAZIN: Ab welcher Seh­schwäche empfehlen Sie, beim ­Skifahren eine Sehhilfe zu tragen?

Armin Vogel: Ab einer Fehlsichtigkeit von einer halben Dioptrie kann man gerade bei schlechten Sichtverhältnissen den Sehkomfort deutlich erhöhen. Wenn Skifahrer es gewohnt sind, in ihrer Freizeit Brillen oder Kontaktlinsen zu tragen, ist es eine enorme Umgewöhnung, beim Wintersport, wo die Sehanforderungen aufgrund der Reaktionszeit und der Fahrgeschwindigkeit ohnehin höher sind, auf die Sehhilfe zu verzichten. Die meisten fühlen sich ohne Brille unwohl und unsicher. Ab einer halben Dioptrie ist es also schon sinnvoll, eine Sehhilfe zu tragen.

Warum sollte man auf diese Hilfe nicht verzichten? Ohne Sehhilfe kann man Unebenheiten auf der Piste schlechter und meist auch später erkennen. Gerade bei schlechter Sicht, wenn die Anforderungen ans Auge ohnehin schon viel höher sind, macht sich das bemerkbar. Auch das Reaktionsvermögen und das periphere Sehen sind eingeschränkt. Rund acht Millionen Deutsche gehen regelmäßig zum Skifahren. Laut einer Statistik verursachen diese rund 42.000 Unfälle pro Saison. Davon geht jeder zweite auf Seh- und Wahrnehmungsfehler zurück. Insofern ist es einfach. Je besser ich sehe, desto geringer ist die Sturz- und Unfallgefahr.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, das Sehen beim Wintersport zu verbessern. Man kann seine Brille unter der Skibrille tragen, Kontaktlinsen aufsetzen oder geschliffene Gläser mit Clip-in System in der Skibrille verwenden. Was sind denn jeweils die Vor- und Nachteile? Die Skifahrer, die auch im Alltag Kontaktlinsen tragen, haben auch auf der Piste damit den größten Sehkomfort. Bei ihnen ist das Sichtfeld nicht eingeschränkt, und sie schauen nicht durch mehrere Gläser. Kontaktlinsen beschlagen nicht – ­dadurch beschlägt auch die Goggle nicht so leicht. Aber der größte Vorteil ist eben, dass man ein uneingeschränktes Blickfeld hat. Und auch beim Einkehrschwung benötigt man keine zusätzliche Brille. Haben Kontaktlinsen auch ­Nachteile, außer dass sich die Augen an die Linsen gewöhnen müssen? Der Trend beim Sport geht klar zu Kontaktlinsen, also Monats- oder Eintageslinsen. Meiner Meinung nach wird es in 20 Jahren ausschließlich Eintageslinsen geben, ausgenommen Speziallinsen. Die Nachteile sind durch die modernen Entwicklungen verschwindend gering, es gibt kaum Gründe, auf die Linsen zu verzichten. Man hat jeden Tag frische, saubere Linsen, das Auge bekommt dank der extrem dünnen Linsen viel Sauerstoff. Und da diese so dünn sind, ist auch das Fremd-körpergefühl verschwindend gering. Wenn das Ein- und Absetzen gelernt ist, steht dem ungetrübten Fahrspaß nichts mehr im Wege.

Das klingt ja so, als sollte jeder Kontaktlinsen tragen. Für die meisten sind sie beim Wintersport ideal, bis auf wenige, die keine Linsen vertragen. Und es gibt eine Sache, bei der man vorsichtig sein muss. Aufgrund der Höhe und der Schneereflexion ist die schädliche UV-Strahlung beim Wintersport sehr viel stärker. Durch die Kontaktlinsen steigt die Lichtempfindlichkeit, weil die Pupillen etwas geweitet sind. Dadurch dringt mehr Licht und entsprechend auch mehr UV-Strahlung ins Auge ein und kann dies schädigen. Das Tragen guter Ski- und Sonnenbrillen ist daher notwendig. Hochwertige Kontaktlinsen filtern jedoch schädliches UV-Licht heraus. Für den nötigen Blendschutz sorgen die zusätzlichen Ski- und Sonnenbrillen mit gutem UV-Schutz.

Viele fahren mit ihren normalen Brillen. Was sind hier die Vor- und Nachteile? Grundsätzlich ist es immer besser, eine Brille beim Skifahren zu tragen, wenn man fehlsichtig ist. Die einfachste Möglichkeit ist, die normale Brille unter der Skibrille zu tragen. Dafür gibt es spezielle Skibrillen für Brillenträger, die an der Seite kleine Aussparungen für die Bügel besitzen. Der Vorteil von normalen Brillen ist, dass man an das Sehen mit den Alltagsbrillen bereits gewohnt ist. Nachteilig ist, dass die Gläser leicht beschlagen. Zudem ist das Blickfeld eingeschränkter, weil man durch zwei Brillen schauen muss – die kleinere Korrekturbrille und die größere Skibrille. Dadurch leidet auch das periphere Sehen, das beim Skifahren gerade durch die moderne Fahrtechnik sehr wichtig ist. Andere Skifahrer werden aus den Augenwinkeln heraus später oder gar nicht erkannt. Die Unfallgefahr steigt durch die verspätete Reaktionsfähigkeit. Um Verletzungen im Bereich der Augen, Nase und Schläfen vorzubeugen, ist die richtige Wahl der Brille wichtig. Metallfassungen sind beim Wintersport nicht nur unangenehm kalt, sondern aufgrund der Verletzungsgefahr auch völlig ungeeignet. Nicht jede normale Sehbrille ist als Unterbrille für Skibrillen geeignet.

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Eine Skibrille ist ein Multifunktionstool, das auch Sicherheit auf der Piste gewährleistet.
© Christian Riedel, Hersteller

Welche Brillen sind dafür geeignet? Idealerweise Brillen aus Kunststoff. Diese sollten keine scharfen Ecken oder Kanten besitzen, ebenso bei ­einem schwereren Sturz nicht brechen. Die Gläser müssen zwingend aus bruchsicherem Kunststoff bestehen, um die Splittergefahr zu vermeiden. Dünne, flexible Bügel fühlen sich unter dem Helm angenehm an und verursachen kein Druckgefühl.

Im Trend sind Visierhelme. Sind diese auch für Brillenträger geeignet? Viele Visierhelme sind sehr gut für Brillenträger geeignet. Häufig passen auch größere Brillen unter das Visier. Qualitativ hochwertige Helme bieten am unteren Visierrand einen angenehmen Schaumstoffabschluss, welcher die Augen vor Wind und Kälte schützt.

Einige Hersteller bieten Skibrillen mit einem sogenannten Clip-in-System an. Hier werden hinter der Skibrillenscheibe die Gläser in ein Korrekturclip angebracht. Wie gut ist das? Vorteilhaft ist, dass auch höhere Augenwerte damit korrigiert werden können. Aber auch hier ist das Blickfeld stark eingeschränkt, da der Clip kleiner ist als die Scheibe der Skibrille. Der Trend geht zu großen Scheiben mit Panoramasicht. Teilweise sind sie auch ganz ohne Rahmen. Diese Vorteile kann man mit Clip-in-System nicht nutzen, da es nicht die komplette Skibrille abdeckt. Visierhelme haben dafür den Vorteil, dass kein störendes Druckgefühl durch die Brillenbügel auftreten kann. Das Verletzungsrisiko nach einem Sturz ist gering. Auch hier müssen die Korrekturgläser zwingend aus bruchsicherem Kunststoff bestehen. Verträgt man keine Kontaktlinsen, so ist ein Clip-in-System in jedem Fall eine sinnvolle Alternative.

Und wie gut sind Brillen mit geschliffenen Gläsern? Es gibt keine Ski­brillen mit korrigierenden, durchgehenden Scheiben. Natürlich könnte man auch Sportbrillen tragen, wie beispielsweise beim Mountainbiken. Die sitzen fest, sind bruchfest und bieten auch einen UV-Schutz. Allerdings schließen die Brillen seitlich nicht ab, wie es Skibrillen mit dem Schaumstoffrand machen. So können die ­Augen durch den Fahrtwind tränen, und UV-Strahlen können von der Seite in die Augen gelangen. Insofern sind diese Brillen ebenso wie Sonnen­brillen im Gegensatz zu richtigen Skibrillen deutlich weniger gut geeignet.

Wie lautet Ihr Fazit? Und sprechen Sie bitte eine Reihenfolge der Empfehlungen aus. Sicherlich sind die Kontaktlinsen mit passenden Skibrillen die erste Wahl, da hier die Einschränkungen mit Abstand am geringsten sind. Anschließend folgen die Brille in Kombination mit Skibrille für Brillenträger und die Visierhelmvariante. Die Auswahl an Skibrillen mit Clip-in-Systemen ist auf dem Markt recht eingeschränkt, und es gibt wenig Erfahrungsberichte. Was mir als Optiker noch sehr am Herzen liegt, sind die Augen von Kindern. Sie bedürfen eines besonderen Schutzes beim Wintersport. Die natürlichen Schutzmechanismen vor schädlicher UV-Strahlung sind noch nicht ausreichend ausgebildet. Auch hier ist die richtige Auswahl der Skibrillen enorm wichtig, um gesundheitliche Langzeitschäden an den Augen zu vermeiden. Die richtige Kaufentscheidung muss durch eine individuelle Beratung im Fachgeschäft erfolgen. Wie lichtempfindlich sind meine Augen, und welche Tönungen sind sinnvoll? Helm, Belüftung und Brille müssen passgenau aufeinander abgestimmt sein. Kurz gesagt: Mit dem richtigen Durchblick genießt ihr noch mehr die schönste Zeit im Jahr.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2016

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