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Auf Skitour mit Kindern

Kann man mit seinen Kindern auf Skitour gehen? Die Antwort hängt vor allem von den Kindern ab. Aber grundsätzlich gibt es keinen Grund, warum man die Familie zuhause lassen muss, wenn man auf Skitour geht.
Vier Skitourengeher vor schneebedeckter Bergkulisse bei blauem Himmel.
©

Christian Riedel

Etwas unsicher schaut Philipp auf die Zahlen und Pfeile auf dem Display des kleinen Geräts, das in seinen Händen laut piept. Die Verwirrung ist nachvollziehbar, denn mit seinen 10 Jahren hat er vorher noch nie ein LVS in der Hand gehalten. Ähnlich geht es Patrick (12), dem großen Bruder. Aber während Philipp noch versucht, die Signale des Suchgeräts zu verstehen, stapft Patrick durch den unberührten Schnee, um das dort vergrabene Ziel zu finden.

Beide Jungs haben sichtlich Spaß an der elektronischen Schatzsuche im Schnee, auch wenn ihnen der Ernst der Übung durchaus bewusst ist. Schließlich muss man nicht immer einen Rucksack mit Schokolade finden, wie bei der heutigen Übung. Im Ernstfall ist es auch für Kinder wichtig, bei einem Lawinenabgang einen Verschütteten so schnell wie möglich finden zu können.

Umgang mit Skitourenausrüstung

Den Rucksack hat Raphael Eiter im Schnee vergraben. „Rapha" ist Bergführer am Pitztaler Gletscher und bereitet die beiden Nachwuchs-Tourengeher auf ihre erste richtige Skitour vor. Denn bevor es ins Gelände geht, muss der Guide wissen, ob die beiden sicher auf dem Ski stehen, mit dem Material umgehen und im Notfall auch bei einer Verschüttetensuche helfen können.

Dafür haben wir uns am Pitztaler Gletscher zunächst zum ersten Mal die Tourenski angeschnallt. Die Felle müssen Patrick und Philipp aber selbst auf die Skier kleben. Denn wie Rapha erklärt, muss man bei einer Skitour selbst für sein Material verantwortlich sein, ohne dabei auf fremde Hilfe angewiesen sein zu müssen.

Erste Schritte im Skitourenpark

Also stapfen wir zunächst vom Gletscherrestaurant des Gletscherexpress direkt neben der Piste auf einer extra dafür präparierten Aufstiegsspur im Dynafit Skitourenpark bei strahlendem Sonnenschein den Berg hinauf. Der Wind wehr nur mäßig und schnell stellen die Kids fest, dass es deutlich anstrengender ist, den Berg hinauf zu laufen statt mit dem Lift zu fahren. Aber bei den ersten Metern mit dem bisher unbekannten Material stellen sich beide Jungs ebenso wie Mutter Conny gut an.

„Man kann keine direkte Empfehlung geben, ab welchem Alter man mit Kindern auf Skitour gehen kann", sagt Raphael Eiter. „Es kommt vor allem auf die Entwicklung an. Ein bisschen sportlich muss der Nachwuchs natürlich schon sein und sicher auf Ski stehen. Allerdings ist der Aufstieg deutlich schwieriger als die Abfahrt. Denn das Verhältnis von der Körpergröße und der Kraft zum Material ist ganz anders als bei Erwachsenen.“ Auch wenn es mittlerweile Tourenschuhe und Tourenski für Kinder gibt, wiegen die nicht viel weniger als bei Erwachsenen. Kinder haben noch nicht so viel Kraft und Kraftausdauer wie Erwachsene. Da ist es wichtig, sie gerade bei ihren ersten Skitouren nicht zu überfordern. Denn wenn man ihnen einmal zu viel zumutet, verlieren sie schnell die komplette Lust an einer Skitour.

Aufnahme von Personen, die Gegenstände im Schnee betrachten.
© Christian Riedel

Skifahren im Gelände

Entsprechend belassen wir es am ersten Tag auch bei dem kurzen und eher flachen Anstieg der so genannten Kogelroute, bevor Raphael die Kids in die Feinheiten der LVS-Suche einweiht. Anschließend suchen wir uns noch ein paar kurze Abschnitte neben der Piste, damit Raphael einschätzen kann, ob Patrick und Philipp auch Abfahrten neben der Piste halbwegs unfallfrei bewältigen können.

Das ist auf dem Gletscher natürlich umso wichtiger, wenn man weit außerhalb des gesicherten Geländes unterwegs sein möchte. In dem Fall ist ein erfahrener Bergführer auch unverzichtbar, der im Notfall den kürzesten Weg zurück ins Skigebiet kennt und weiß, wo entscheidende Gefahrenstellen auf dem Gletscher sind, und die Tour entsprechend anpassen kann.

Perfektes Skigebiet für Skitouren

Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen, ist das Pitztal gerade für Kids und Einsteiger eine gute Option für die erste Skitour. Der Gletscher ist recht flach, wodurch die Lawinengefahr auch sehr gering ist. Man hat viele offene, weite und übersichtliche Hänge, die eher flach und daher für die Abfahrten nicht zu schwierig und im Aufstieg nicht zu anstrengend sind. Und in der großen Höhe bei über 3.000 Metern hat man eine hohe Schneesicherheit auch spät im Jahr, wenn die Sonne länger scheint und man nicht hetzen muss.

Zudem hat es direkt am Taschachferner und am Mittelbergferner sechs oder sieben schöne Gipfel, die auch für Kinder und Einsteiger ein lohnendes Ziel sein können. Letztendlich ist das Pitztal bei Tourengehern noch nicht so bekannt und daher kann man auch noch viele unberührte Hänge finden, während in anderen Regionen alles schon komplett zerfahren ist.

Vier Skifahrer, die hintereinander im Tiefschnee fahren.
© Christian Riedel

Motiviert auf Skitour

Auch wenn der erste Tourentag nur kurz war, hat Raphael die Kids für den zweiten Tag schon ordentlich motiviert. Denn nachdem die ersten Schwünge neben der Piste gut geklappt haben, ist der Plan für den nächsten Tag, komplett im Gelände das Taufkar hinauf zu gehen und eine Skitour weit weg vom Pistentroubel zu machen.

Das Wetter ist am folgenden Tag auch komplett auf unserer Seite. Während wir mit dem Gletscherexpress und anschließend mit der Mittelbergbahn nach oben fahren, scheint die Sonne und taucht das komplette Gletschergebiet in ein warmes Licht. Nach einer kurzen Abfahrt über die Piste biegt Raphael dann in das bis dato unzerfahrene Gelände neben der Piste ein und wir genießen die ersten Schwünge im Powder, der trotz des niederschlagarmen Winters noch weitgehend unberührt ist. Im lang gestreckten Kessel weht kein Lüftchen, während wir die frühlingshaften Bedingungen für die ersten Fotos vor der beeindruckenden Bergkulisse im Pitztal nutzen.

Schwierigkeiten mit den Tourenski

Dann heißt es auch für die Nachwuchs-Tourengeher anfellen, was beim ersten Mal naturgemäß mit ein paar Schwierigkeiten verbunden ist. Schließlich bleibt die klebrige Seite des Fells lieber an Händen, Bauch oder an sich selbst statt auf der Lauffläche kleben. Aber nach ein paar Minuten haftet das Fell schließlich doch am Ski und es kann losgehen.

In einem sehr gemütlichen Tempo geht es über die recht flachen Hänge des Taufkars hinauf. „Es ist wichtig, die Kinder am Anfang nicht zu überfordern, auch wenn die meisten dazu neigen, zu schnell loszulaufen", sagt Raphael. „Ich würde sagen, dass 200 Höhenmeter in der Stunde bei kleineren Kindern absolut ausreichend sind. Schließlich sind die Schritte der Kinder kürzer, weil sie auch kürzere Beine haben und das Gewicht an den Füßen ist im Verhältnis deutlich größer. Daher sollte man die Kids zu Beginn der Tour lieber etwas einbremsen, wenn man eine längere Tour geplant hat."

Vier Skitourengeher mit Bergen im Hintergrund.
© Christian Riedel

Mit Spaß zum Tourengipfel

Wie um die Worte von Raphael zu beweisen, merkt man auch bei Patrick und Philipp den Altersunterschied. Während Patrick munter vorne weg marschiert und die traumhafte Umgebung genießen kann, bleibt Philipp bald etwas hinter seinem großen Bruder zurück.

Aber mit etwas gutem Zureden und der Aussicht auf eine Belohnung am Ende des Tages erreicht auch der Zehnjährige am Ende das hohe Plateau des Taufkars, das als Tagesziel kurzerhand in Pa-Phi-Plateau umbenannt wird. Schließlich muss das Ziel auch einen Namen haben. Wir haben in zwei Stunden rund 400 Höhenmeter geschafft und mehr muss es auch nicht sein, wenn man den Kids den Spaß am Tourengehen nicht direkt verderben will.

Skitour mit Extras

Also fellen wir ab und bereiten uns auf die Abfahrt vor. Weitab von jeder Piste können wir bei den ersten Schwüngen die weiten Hänge des Gletschers genießen. Raphael fährt voraus und sucht die perfekte Line für die jungen Freerider. Immer wieder schauen die Jungs mit etwas Stolz zurück auf die Lines, die sie in den bis dahin unberührten Schnee gezogen haben. Der Bergführer hat ein gutes Gespür, und so findet er immer wieder noch gute Lines, auch wenn die Sonne im unteren Bereich den Schnee schon recht schwer gemacht hat.

Entsprechend passiert es auch. Ausgerechnet Philipp, der beim Aufstieg schon über müde Beine geklagt hat, bleibt mit einem Ski in einem tiefen Schneehaufen hängen und zerlegt sich komplett. Für ihn ist der Tag zunächst gelaufen. Zum Glück kennt Raphael noch eine Gletscherhöhle in der Nähe, aus der ein kleiner Gebirgsbach entspringt. So kommt auch Philipp auf andere Gedanken und am Ende des Tages war der erste Skitourentag für alle ein tolles Erlebnis.

Mehr als nur Skitouren

Auch wegen der Erlebnisse des Vortags entscheiden wir uns zu einer Planänderung. Statt auf Skitour zu gehen, beschließen wir, eine Pause einzulegen und die Tourenski im Keller stehen zu lassen. Alternativ zum Pitztaler Gletscher fahren wir zum Hochzeiger, wo wir einen Tag mit Pistenfahren verbringen.

Am Nachmittag erwarten Patrick und Philipp noch eine kleine Überraschung. Wir leihen uns noch Snowbikes und cruisen mit diesen am Nachmittag herum. Dafür gibt es am Hochzeiger eigene Strecken mit kleinen Kickern und Steilkurven, auf denen man es mit dem Snowbike richtig krachen lassen kann. Wir wollen den Kids eine Auszeit geben, um sie nicht zu überfordern, auch wenn wir Großen uns mit dem Snowbike im Funpark nicht wirklich wohl fühlen und lieber außenrum fahren.

Personen auf Snowbikes sitzend vor verschneitem Bergpanorama.
© Christian Riedel

Skitour mit Gipfelsieg

Aber der Plan geht auf. Am letzten Tag steht dann noch ein Gipfelsieg mit den Tourenski auf dem Programm, nachdem es am ersten Tag nur bis zum Pa-Phi-Plateau gereicht hat. Die Jungs sind motiviert und freuen sich darauf, aus eigener Kraft mit den Skiern einen Berg zu besteigen.

Dafür hat der Hochzeiger eine Einsteigertour, die von der Mittelstation direkt unter dem Lift bis zum Gipfel des Sechzigzeiger hinauf geht. Jetzt können Patrick und Philipp noch einmal zeigen, was sie gelernt haben.

Schwierige Bedingungen für die Skitour

Denn durch den extrem warmen Winter sind die Schneebedingungen nicht optimal. Im mittelsteilen Gelände müssen sie auch ihre ersten einfachen Spitzkehren machen, die mehr oder weniger gut funktionieren. Zum Glück ist das Gelände sehr übersichtlich und nicht zu steil, sodass der eine oder andere Ausrutscher nicht in einer Katastrophe endet.

Nach knapp zwei Stunden und knapp 400 Höhenmetern stehen wir am Ende auf dem Gipfel und machen die verdienten Fotos vor dem Gipfelkreuz. Patrick und Philipp sind am Ende glücklich und stolz, dass sie es bis nach oben geschafft haben. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass sie in Zukunft noch öfter ganz oben auf den Bergen zu finden sein werden.

Vier Personen vor verschneiten Bergen mit Ski im Schnee stehend.
© Christian Riedel

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