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Skifahren in Kühtai – Skifahren in Höchst-Form

Kühtai, einst kaiserliches Jagdrevier, ist mit 2.020 Metern einer der höchstgelegenen Wintersportorte Österreichs. Das garantiert Schneesicherheit von Anfang Dezember bis Ende April und lockt Investoren auch in Zeiten des Klimawandels an. Viele Pisten beginnen zudem direkt vor der Hoteltür.
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Innsbruck Tourismus/Christian Vorhofer

Bei der Fahrt durch das schneefreie, frühlingshafte Inntal kommen erste Zweifel auf. Vielleicht hätten wir uns doch lieber zu einer Runde Golf verabreden sollen und nicht zum Skifahren? Nach dem Abzweig ins Sellrain sichten wir immerhin erste Altschneeflecken.  

Die Axamer Lizum, das heute gar nicht so „weiße Dachl Innsbrucks“, für die Olympischen Winterspiele 1964 erbaut, lassen wir links liegen. Wir wollen weiter hinauf, wo hoffentlich deutlich mehr Schnee liegt – erst dort die Skier anschnallen, wo in anderen Revieren die Lifte enden.  

Skigebiet ab 2.000 m

20 Autominuten später zeigt das Ortsschild „Kühtai, 2.020 m Seehöhe“ an, dass wir unser Ziel erreicht haben. Gut, ein Winter-Wunderland finden wir auch hier nicht vor. Aber alle Aufstiegsanlagen sind in Betrieb, die Pisten frisch präpariert.

„Auf unsere Beletage ist eben Verlass“, meint Roland Schwarz vom Tourismusverband mit einem Augenzwinkern. Österreichs Seilbahn-Branche befragt ja regelmäßig 30.000 Wintersportler nach ihren Wünschen und Präferenzen. Für 56 Prozent ist die Größe des Skigebiets ein ausschlaggebender Faktor. Schwarz weiß, dass Kühtai mit 44 Pistenkilometern da nicht in der ersten Liga mitspielt. 

Schneesicher im Skiurlaub

Aber für zwei von fünf Skiurlaubern ist eben auch die Schneesicherheit wichtig. Und in dieser Kategorie ist die Destination in jedem Fall erstklassig. „In Sachen Komfort natürlich auch“, ergänzt Schwarz: „Ski-in-Ski-out ist in den meisten Unterkünften Standard. Bequemer und schneller kommt man nirgendwo auf die Piste.“ Gut 2.000 Gästebetten garantieren, dass für jeden Geschmack und Geldbeutel etwas dabei ist. Weil Kühtai für Schneesicherheit steht, wird eben kräftig investiert – auch in Zeiten des Klimawandels. 

© Innsbruck Tourismus/Christian Vorhofer

Aus Belgien zum Skifahren nach Kühtai

Mit Skiführer Gregory Ubachs geht es mit der Kaiserbahn gleich nach oben. Wir wollen uns erst mal einen Überblick verschaffen. Und der lässt mich staunen. Seit meinem letzten Besuch hat sich hier tatsächlich viel getan. Gregory zeigt mit dem Handschuh zum neuen Sechser-Sessel Gaiskogelbahn, der 2021 fertiggestellt wurde. Ein Dutzend moderne Aufstiegsanlagen schaufeln jede Stunde 18.000 Pistenflitzer auf den Berg. Da muss garantiert niemand anstehen.  

Für Gregory sind das Investitionen auch in seine Zukunft. Der 40-Jährige aus Antwerpen hatte als U21-Nationalspieler Belgiens eine Karriere als Fußballprofi vor Augen, bevor diese durch ein böses Foul abrupt beendet wurde. Der Flame war froh, dass er bereits als Kind Skifahren gelernt hatte und auch dafür Talent mitbrachte. Er ließ sich zum Skilehrer und Winterbergführer ausbilden und heiratete eine Bauerstochter aus Stams unten im Inntal. Mit seiner inzwischen vierköpfigen Familie hat er in Tirol tiefe Wurzeln geschlagen. „Frühmorgens bin ich im Stall, tagsüber auf der Piste, abends dann häufig noch einmal bei den Kühen und Schweinen.“ Irgendwann sei dann auch ein Ex-Profisportler wie er rechtschaffen müde. 

Weltcup-Elite im Skigebiet

Ich denke mir: Zum Glück war der Kerl heute schon im Stall. Denn er legt auf den breiten, baumfreien Pisten beiderseits der Passstraße ein ordentliches Tempo vor. Apropos Tempo: Weil Kühtai so schneesicher ist, trainieren hier regelmäßig Weltcup-Athleten wie der Norweger Henrik Kristoffersen in der dünnen Höhenluft.  

Auch das österreichische Damen-Team ist häufig zu Gast. Wer die Ski-VIPs um ein Autogramm bitten möchte, checkt am besten im Hotel Alpenrose ein, das sich direkt unterhalb der gleichnamigen Piste befindet, wo stets ein Riesenslalom-Kurs abgesteckt ist. Im Dezember 2014 fanden hier tatsächlich einmal Weltcup-Rennen statt, weil in Semmering Schneemangel herrschte. 

© Alpenrose/Daniel Zangerl

Familienbetrieb in Kühtai

Wer über die pinkfarbene Alpenrose am Ortsende spricht, kommt nicht umhin, auch über die Familie Gerber zu reden. Bruno Gerber kaufte seit Mitte der 1990er-Jahre den gefühlt halben Ort zusammen und ist der größte Arbeitgeber in Kühtai. Zum Imperium gehören neben der Alpenrose ein All-inclusive-Hotel, demnächst ein Drei-Sterne-Haus namens Lisl, eine Pizzeria, die Drei-Seen-Hütte im Skigebiet, ein Sportgeschäft samt Skiverleih und Skischule, eine Bar und so weiter.

2015 übergab der Seniorchef den Familien-Großbetrieb mit vielen Hundert Betten und mehr als 125 Mitarbeitern an seine beiden Söhne Mario und Daniel. Er ist jetzt nur noch Berater im Hintergrund, weiß aber: Die Jungs kommen auch ohne ihn zurecht, zumal Mario Gerber für die konservative ÖVP im Tiroler Landtag sitzt und so bestens darüber informiert ist, was politisch gerade läuft. 

Globalisierte Kulinarik

So, wie nicht allen der große Einfluss der Lürzers in Obertauern oder der Pfefferkorns in Lech gefällt, haben auch die Gerbers in Kühtai ihre Kritiker – immerhin sind sie für einige Bausünden mitverantwortlich. Aber egal mit wem man spricht: Alle betonen, dass sich die Gerbers gut um ihre Angestellten kümmern und in deren Aus- und Fortbildung investieren. Am Ortsrand haben die Unternehmer ein großes Mitarbeiterhaus eröffnet und ihren Leuten auch während der Pandemie die Treue gehalten.  

Dass sich diese Strategie auszahlt, erleben wir am Abend im „das Gerbers“, dem fernöstlich angehauchten Fine-Dining-Restaurant im Winterresort Mooshaus, dem Flaggschiff-Hotel der Familie. Das junge Küchenteam hat sichtlich Spaß am Experimentieren und integriert regionale Zutaten in die asiatischen Kreationen. (Noch) nicht alles überzeugt, aber die Tom-Kha-Gai-Suppe mit Perlhuhn und der Hirschrücken mit Feige, Topinambur, Thai-Spargel und Zimt sind ein Gedicht und durchaus einer Haube würdig. Die zwölf Monate in Basaltsteinfässern gereifte weiße Cuvée B1 vom Weingut Krispel aus dem Steirerland passt dazu ganz hervorragend. 

© Mooshaus/Andre Schönherr

Sicher und schneesicher

Eine Pause in der Menüfolge nutzen wir, um in den obersten Stock des Mooshauses zu schauen, wo sich auf dem Dach ein 100 Meter langes Outdoor-Schwimmbad von geradezu überolympischen Ausmaßen befindet. Weil das rechteckige Becken um einen Raum mit großen Fensterfronten und türkisfarbenen Kissen gebaut wurde, sprechen die Gerbers wohl zu Recht von einem Infinity-Pool. 

Man kann in der Endlos-Badewanne, vermutlich der alpenweit höchstgelegenen, wunderbar im Kreis schwimmen, bis man einen Drehwurm bekommt, oder am Abend den Pistenraupen-Fahrern bei der Arbeit zusehen. Rund 17 Millionen Euro hatten die Gerbers 2017 in die Renovierung und Erweiterung zu einem 300-Betten-Haus investiert. Wer so viel Geld in die Hand nimmt, muss sich seiner Sache ziemlich sicher – oder besser: schneesicher sein. 

Skigebiet mit Charme - oder nicht

Im Halbpensions-Restaurant des Hotels hängt übrigens ein Schwarz-Weiß-Foto, das das Mooshaus anno 1953 zeigt: ein mit Schnee zugedecktes, sich an den Hang kauerndes Häuschen, mehr Heustadel als Hotel. Einige sagen deshalb: Na ja, Kühtai ist eben ein Touristen-Retortendorf an der Passstraße zwischen Sellrain und Ötztal, mit Hotels ohne Charme und Geschichte.  

Das mit dem Charme muss jeder selbst beurteilen. Aber eine lange Historie hat die „Chutay“ (Kuhalm) sehr wohl. Wie der Name schon sagt, gab es hier einen Schwaighof, ein auf Viehzucht und Milchwirtschaft ausgerichtetes herrschaftliches Anwesen, das bereits im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde. 200 Jahre später erhielt Kaiser Maximilian I. das Recht, im Gebiet des Kühtai zu jagen. Erzherzog Leopold V. ließ den Schwaighof 1622 zu einem Jagdschloss umbauen und einen Fahrweg von Sellrain anlegen. Kaiser Franz Joseph I. kaufte das Schmuckstück 1893 zurück und nutzte es als Basislager für die Jagd auf Murmeltiere. Über seine Enkeltochter Hedwig ging es an die deutschen Grafen zu Stolberg-Stolberg, die es in ein Wintersporthotel verwandelten. 

© Innsbruck Tourismus/Christian Vorhofer

Im Hotel zu Besuch beim Kaiser

Für Skifahrer begann damit eine wunderbare Ära. Sie konnten im denkmalgeschützten Jagdschloss mit dem spätgotischen Kreuzgewölbe, den alten Truhen und den beim Gehen – pardon: Schreiten – knarzenden Holzdielen stilvoll wohnen. Doch nicht nur das: Der Hausherr, seine Erlaucht Christian Graf zu Stolberg-Stolberg, war meistens selbst als Gastgeber vor Ort. Dessen Ururgroßvater Franz Joseph I. war zwar Kaiser von Österreich, doch anmerken ließ sich der Adelsherr das nie.  

Alle Welt nannte den Jagdschlossbesitzer nur „Graf Christian“. Er war der gute Geist des Hauses. Allerdings hatten seine fünf Kinder aus drei Ehen, im fernen Hamburg sozialisiert, nie etwas mit dem Hotelgewerbe am Hut. Und deshalb entschloss sich der Eigentümer im Jahr 2016, das Ensemble mit den rot-weißen Fensterläden im Oberinntaler Bauernhausstil an zwei Tiroler Bauträger zu verkaufen. Anfangs schaute der Graf noch öfter vorbei, doch inzwischen macht er sich rar, auch wenn er zu betonen pflegte, er möchte einmal auf dem Friedhof der nur wenige Meter vom Jagdschloss entfernten Hofkapelle begraben werden, wo auch seine Eltern ruhen. 

Fortschritt macht in Kühtai nicht Halt

Was soll man sagen: Auch ohne den Grafen wohnt es sich hier vorzüglich, denn die neuen Hausherren haben das Jagdschloss Resort behutsam renovieren lassen. Der Wellnessbereich ist größer geworden, die alte Bar wurde in eine gemütliche Lounge umfunktioniert. Und für die nächste Generation an Stammgästen gibt es auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Drei-Seen-Haus moderne Appartements.

Man merkt: Stillstand ist für Kühtai und die knapp zwei Dutzend hier gemeldeten Einwohner keine Option: nicht für die Gerber-Dynastie und auch nicht für die Jagdschloss-Investoren und ihr Unikat. Man darf somit gespannt sein, wie es weitergeht.

© Innsbruck Tourismus/Daniel Zangerl

Zukunft des Skigebiets

Beim Erkunden des Reviers am folgenden Tag müssen wir zugeben, dass einige zusätzliche Pistenkilometer schon guttäten. Pläne für eine Skigebiets-Ehe Kühtai-Hochoetz gibt es, auch für eine Erschließung des Pirchkogels, des bei Skitourengehern beliebten Hausberges.

Nach dem Ende der Pandemie könnten diese Ideen jetzt wieder aktuell werden. Die Touristiker sind mehrheitlich für die „Hochzeit“, doch in der Bevölkerung regt sich Widerstand, weil bei den Feldringer Böden viel intakte Natur zerstört würde. Wir finden: Der Umwelt zuliebe ist es durchaus zumutbar, in den Skibus zu steigen, um die 41 Pistenkilometer rund um Hochoetz zu erreichen – einen gemeinsamen Skipass gibt es ja ohnehin schon.

Im Artikel "Skigebiets-Check: Kühtai, Tirol, Österreich" findest du noch weitere spannende Infos über das Skigebiet.

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