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Heliskiing in British Columbia

Die Terra Nostra Guest Ranch auf dem Chilcotin Plateau ist die privateste Lodge im Portfolio von Bella Coola Heli Sports. Auf abenteuerlustige Heliski-Fans warten hier noch nie von Menschen befahrene Pulverschnee-Hänge in den wild zerklüfteten Küstenbergen von British Columbia.
Skifahrer bei Abfahrt durch Tiefschnee in Kanada.
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Bella Coola Heli Sports

Die Katze war wieder da. Die frischen Spuren im über Nacht gefallenen Schnee lassen keinen Zweifel aufkommen. Und die Hunde hatten ja auch angeschlagen. Christoph Gisler schaut wenig begeistert. Im vergangenen Jahr hat sich der Berglöwe eines seiner Fohlen geholt, vor zwei Monaten einem der Hunde einen tiefen Kratzer verpasst. Sein Blick auf das Gewehr verrät: Beim nächsten Zwischenfall muss der Puma mit einer schwermetallhaltigen Sonderbehandlung rechnen.

Passend zum Thema lädt der gebürtige Schweizer seine Heliski-Gäste jetzt zum Schießen auf Getränkedosen ein. Ein bisschen Übung kann ja nicht schaden. Wer das zu martialisch findet, geht ausreiten mit einem der 22 Pferde, zum Eisfischen auf den Clearwater Lake, zum Langlaufen oder zum Schneeschuhwandern oder – bequemer – erkundet mit den dick bereiften Allrad-Quads die schier unendliche Wildnis. Auf jeden Fall vergeht auf diese Weise ein „Down Day“, an dem wetterbedingt nicht mit dem Hubschrauber geflogen werden kann, erstens in Windeseile und zweitens versteht man, warum sich Christoph und seine Frau Corinne in die rauen Weiten des Chilcotin Plateaus verliebt haben und hier hängen geblieben sind.

Willkommen im Wilden Westen British Columbias!

Riesenglück beim Heliskiing

Am nächsten Morgen strahlt die Sonne von einem stahlblauen Himmel. Bestes Flugwetter! Der Bell 212 steht schon bereit, direkt neben der Haupt-Lodge der Terra Nostra Guest Ranch der Gislers. Bequemer geht es nicht. Chef-Guide Jan Neuspiel prüft beim Einsteigen, ob alle ihr LVS-Gerät auf „Senden“ gestellt haben. Und schon geht es los. Eine gute halbe Stunde lang fliegen wir tief hinein in die Küstenberge. Je weiter wir vordringen, desto alpiner wird die Landschaft, desto höher die Schneedecke. „Das Chilcotin Plateau liegt im Niederschlags-Schatten. Näher am Pazifik bekommen die Berge mehr Schnee ab, allerdings wird auch das Wetter unberechenbarer“, erklärt Jan durch die Kopfhörer. „Wolkenlose Tage wie heute sind selten. Wir haben ein Riesenglück!“

Nach mehreren Scouting-Runden, setzt Mark die Libelle am oberen Rand eines Gletscherbeckens ab. Nachdem sich die von den Rotoren aufgewirbelte Schneewolke verzogen hat, stehen wir mit offenen Mündern in der Landschaft. Ruud, der niederländische Finanzinvestor, der mit seiner Familie das erste Mal Heliskiing gebucht hat, bringt nur drei Buchstaben heraus: Wow! Aber egal ob Novize oder alter Hase: Dieser Blick ist schlicht nicht zu toppen. Ganz in der Nähe ragt das Massiv des Mount Waddington in den Himmel, umgeben von mächtigen Gletscherströmen. „Er ist mit gut 4.000 Metern der höchste Berg, der vollständig in British Columbia liegt“, erklärt Mark. Dann steigt er in die Bindung und testet im ersten steileren Hang den Schneedeckenaufbau. Sein hochgereckter Daumen signalisiert: Wir können nachkommen, aber immer nur eine einzelne Person, falls sich doch ein Schneebrett lösen sollte.

Schwierige erste Abenteuer in B.C.

Nach dieser ersten Abfahrt fragt Jan lieber nicht nach, wie es uns gefallen hat. Er weiß selbst, dass der Run ziemlich windverblasen war, dass das noch besser geht. Für uns ist das kein Problem. Wir wissen ja, dass wir hier auf einer Erkundungstour sind. Dafür befahren wir Hänge, die noch nie Menschen betreten haben.

Wir tauschen die Sicherheit und Berechenbarkeit der etablierten Heli-Reviere gegen ein richtiges Abenteuer. Gefordert ist dabei auch Pilot Mark. „Finde keinen Landeplatz, wo ich euch aufsammeln kann“, ruft er während der nächsten Abfahrt ins Funkgerät. „Der Wald ist zu dicht.“ Jan rät ihm, es auf halber Höhe zu probieren, doch da bläst der Wind zu stark. Marks Chopper torkelt wie ein angeschossenes Schneehuhn. Erst beim dritten Versuch können wir einsteigen. Alle grinsen, aber es wirkt etwas gequält.

Helikopter in Kanada.
© Bella Coola Heli Sports/Jesaja Class

Pulverschnee macht süchtig

Wir steuern jetzt die nächste Bowl an. Schon beim Aussteigen merken wir: Das passt! Wir spüren das Kribbeln in den Oberschenkeln, diese unbändige Vorfreude auf eine nicht enden wollende Abfahrt im knietiefen, stiebenden Pulverschnee inmitten eines Ozeans aus Gipfeln, vorbei an blau schimmerndem Gletschereis. Als wir an der Waldgrenze abschwingen, sind wir uns alle einig: Kiffen mag in Kanada inzwischen legal sein. Aber wir sind auch ohne Joint vollkommen „high“, wollen mehr von dieser süchtig machenden Droge aus gefrorenem Wasser.

Nach fünf weiteren Tausend-Höhenmeter-Abfahrten picknicken wir im Schnee neben dem Hubschrauber. Jan erzählt uns, dass er mehrere Jahre in Nepal gelebt und gearbeitet, im nordindischen Himalaja sogar ein Heliski-Unternehmen mit aufgebaut hat. Er kennt die Berge der Welt und insbesondere diejenigen seiner Heimat British Columbia wie kaum ein Zweiter. Und deshalb war es nicht verwunderlich, dass er 2006 bei Bella Coola Heli Sports (BCHS) landete, die genau so jemanden gesucht hatten: einen Guide mit jahrzehntelanger Erfahrung und Nerven wie Drahtseilen, wenn’s mal schwierig wird.

Unendliche Abfahrten im vergessenen Teil von British Columbia

BCHS war eben schon immer ein etwas anderes Heliski-Unternehmen. Die drei Gründer Christian Begin, Beat Steiner und Pete „The Swede“ Mattsson gingen 2003 an den Start – zu einer Zeit, als der Kuchen im Inneren der Provinz längst aufgeteilt war. Sie schnappten sich stattdessen ein mehr als 14.000 Quadratkilometer großes Gebiet in den Küstenbergen British Columbias, einer „Last Frontier“ mit namenlosen Gipfeln und unendlich vielen Möglichkeiten, zweimal so groß wie Graubünden, der größte Kanton der Schweiz. Zuerst operierten sie nur in den der Pazifikküste zugewandten Gebirgszügen mit der Tweedsmuir Park Lodge und der Eagle Lodge in Hagensburg als „Basislager“.

Um jedoch die an das Chilcotin Plateau angrenzende Seite zu bedienen, brauchten sie auch dort Unterkünfte, die dem hohen Anspruch der Heliski-Gäste gerecht werden. Sie fanden sie in der Pantheon Heli Ranch und der Sand Creek Ranch. Beide Lodges hatten bald ihre Fans. Steiner und Mattsson hatten sich nämlich in früheren Jahren in der Skifilm-Szene einen Namen gemacht, sie arbeiteten mit den besten Piloten und Athleten zusammen, wenn in der Coast Range mal wieder ein Dreh anstand. Auch dank dieser Publicity lockte BCHS immer neue Gäste an. In gleich fünf aufeinanderfolgenden Jahren (2017–2021) räumten sie den „World Ski Award“ als bester Heliski-Anbieter ab.

Skifahrer bei Abfahrt durch Tiefschnee zwischen Bäumen in Kanada.
© Bella Coola Heli Sports

Vom boxenden Cowboy zum Gastgeber für betuchte Touristen

Als wir an diesem Tag erst kurz vor Sonnenuntergang vor der Terra Nostra Guest Ranch landen, haben wir mehr als 8.000 Höhenmeter in den Beinen. Ein Traumtag geht zu Ende, in der Lodge stehen bereits Häppchen bereit, und Christoph hat die Blockhaus-Sauna und den Outdoor-Hot-Tub angeheizt. Mit Blick auf die Pferdekoppel und den dahinterliegenden zugefrorenen See schmeckt das kühle Craft Beer gleich noch einmal so gut. Später legt mir Christoph einen Stapel Bücher neben den Kaminofen und meint augenzwinkernd: „Eine kleine Geschichtsstunde.“

So erfahre ich, dass die Ranch um 1920 vom in Kopenhagen geborenen Auswanderer Tex Hansen gegründet worden war, einer der schillerndsten Persönlichkeiten seiner Zeit in dieser wilden Gegend. Als junger Mann boxte er gegen den damaligen Schwergewichtsweltmeister Max Schmeling. Er war Cowboy und Jagdführer für wohlhabende Gäste, seine Frau Ingeborg fand er über eine Zeitungsannonce und ließ sie aus Dänemark per Schiff kommen.

265km zum Supermarkt

Um 1980 wurde der Besitz von Hansen versteigert. Der Schweizer Hans Bettschen übernahm Land und Häuser und nannte das Anwesen Clearwater Lake Ranch. 1994 gab er es an den Deutschen Karl-Heinz Seitzinger weiter, der es in Terra Nostra Ranch umtaufte. Seit 2013 sind nun die Deutsch-Schweizer Christoph und Corinne Gisler die neuen Chefs auf der Ranch. „Der nächste Lebensmittelladen ist 265 Kilometer entfernt“, erzählt Christoph, der gelernter Spenglermeister und Dachdecker ist und 16 Jahre seine eigene Firma führte. „Es ist keine schlechte Idee, sich beim Schreiben des Einkaufszettels zu konzentrieren.“

Und: „Man sollte vieles selbst machen, Dinge reparieren können. Hier ist Pioniergeist gefragt.“ Auch wenn es nicht immer einfach ist und schon mal ein Puma den Haustieren nachstellt: Er liebt das große, weite Land. Einen größeren Menschenauflauf gab es nur einmal, als 1997 Szenen für „Sieben Jahre in Tibet“ auf den Gletschern der Küstenberge gedreht wurden. Film-Crew und Presseleute wohnten in den Blockhäusern der Ranch, auf der die höchste Sicherheitsstufe herrschte, obwohl Hauptdarsteller Brad Pitt in der Lodge gar nicht auftauchte, sondern in seinem Luxus-Wohnmobil blieb und mit dem Heli zu den Drehorten pendelte.

Person vor tief verschneiter Bergkulisse in Kanada.
© Bella Coola Heli Sports

Zwischen Tree Skiing und Powderruns

An den folgenden Tagen fliegen wir jeweils weit hinein ins Tal von Kleena Kleene, das die Coast Mountains durchschneidet. Ist das Wetter mäßig, bleiben wir unterhalb der Baumgrenze und vergnügen uns beim Tree Skiing, hüpfen über Pillows und fahren steile Lines im Wald. Ist ein Zwischenhoch angesagt, dann drängt Jan zum Aufbruch, um das Zeitfenster auszunutzen, denn die nächste Wolkenwalze rollt vom Pazifik bereits wieder heran.

Ist es hingegen stabil, gehen wir auf Entdeckungsreise, geben bis dato nie gefahrenen Runs neue Namen und rammen für Pilot Mark Holzpfähle mit roten Fähnchen in den tiefen Schnee, damit er beim nächsten Lift einen Anhaltspunkt für die Landung findet. Ja, wir erleben nicht nur Skigeschichte, wir schreiben sie ein bisschen mit. Jan lotst uns über Gletscher von Himalaja-ähnlichen Dimensionen, vorbei an hausgroßen Eisblöcken, Séracs genannt. Immer besser verstehen wir, warum das Trio Steiner/Mattsson/Begin Ende der 90er-Jahre von Whistler hierher ausgewichen ist: Nein, hier würden ihnen andere Film-Crews das Terrain garantiert nicht streitig machen.

Der beste Skitag aller Zeiten

Wir sind nur eine einzige achtköpfige Gruppe, die den Heli für sich hat. Bei vielen anderen Veranstaltern bedient ein Hubschrauber drei oder sogar vier Gruppen. Wartezeiten gibt es deshalb nicht. Meist steht Mark schon am Pickup und hat den Rotor ausgestellt, sodass wir bequem und ohne Schnee-Dusche einsteigen können. Luxuriöser geht es nicht. Am letzten Tag nutzen wir das zur Gänze aus: Niemand kann, niemand will aufhören. Die weiche Nachmittagssonne taucht die Gletscher und Gipfel in ein unwirkliches Licht. Nach jedem Run wird das Grinsen in unseren Gesichtern noch breiter. Versichern wir uns, dass das hier jeden einzelnen Euro wert ist. Am Ende kommen rund 11.000 Höhenmeter in fluffigem Powder zusammen – fraglos einer meiner besten Heliski-Tage überhaupt.

Als wir mit lautem Flap-Flap zur Ranch zurückfliegen, haben wir einen Bärenhunger. Zum Glück hat Christoph bereits den selbst gebauten Pizzaofen vor der Hauptlodge angeheizt. Ich werde meine Pizza vorsichtshalber nur mit Gemüse belegen – falls der Puma doch mal wieder ums Haus schleichen sollte.

Beleuchtetes Gebäude im Winter bei der Terra Nostra Guest Ranch in Kanada.
© Bella Coola Heli Sports/Jesaja Class

Der Weg zur Terra Nostra Guest Ranch

Reiseinfo

Das Revier von Bella Coola Heli Sports erstreckt sich vom Tyaughton Lake in den South Chilcotins bis nach Bella Coola und zum Dean River im Norden. Fünf Lodges und ein luxuriöser Katamaran beherbergen maximal 62 Gäste pro Woche.

Anreise

Mit Air Canada (www.aircanada.com) – Ski-Ausrüstung reist gratis mit – nach Vancouver und im „The Fairmont Vancouver Airport“ (www.fairmont.com/vancouver-airport-richmond) übernachten. Man schläft in schalldichten Zimmern mit bodentiefen Fenstern, von denen man direkt aufs Flugfeld sieht. Am nächsten Vormittag geht es mit einer kleinen Maschine von Pacific Coastal Airlines weiter nach Anahim Lake Airport (im Paketpreis von BCHS inbegriffen). Von dort mit dem Hubschrauber in 20 Minuten direkt zur Terra Nostra Guest Ranch.

Einreise: Man braucht einen mindestens sechs Monate gültigen Reisepass und ETA-Registrierung: www.cic.gc.ca/english/visit/eta.asp

­Veranstalter

Bella Coola Heli Sports (www.bellacoolaheliskiing.com/de_DE): Auf der Website finden sich sämtliche Informationen zu den fünf Lodges und dem Heliski-Katamaran (einer Kooperation mit Maple Leaf Adventures) sowie den dazugehörigen Programmen und Preisen. Das Programm der Terra Nostra Guest Ranch bietet Platz für maximal acht Personen (in vier Doppelzimmern) und ist daher optimal geeignet für eine Gruppe, die sich bereits kennt, oder für größere Familien und deren Freunde. Der Helikopter (Bell 212) steht exklusiv dieser Gruppe zur Verfügung, ohne Höhenmeter- oder Flugstunden-Limit. Zum Team gehören neben dem Piloten samt Mechaniker ein erfahrener Head- und ein Tail-Guide. Bella Coola Heli Sports ist der erste nicht nur klimaneutrale, sondern sogar positive Heliski-Veranstalter weltweit. Wie das funktioniert, erfährt man hier: www.bellacoolaheliskiing.com/about-us/climate-positive

Tipps

Vancouver: Für die größte Stadt von British Columbia sollte man sich unbedingt einige Tage Zeit nehmen (www.destinationvancouver.com). Authentische vietnamesische Küche serviert das „Phnom Penh“ (https://phnompenhrestaurant.ca) im Herzen von China Town. Das Lokal wurde mehrmals zum „Best South East Asian Restaurant“ gewählt (unbedingt reservieren!). Viele Vergünstigungen bietet der Vancouver Experience Pass. Und als Hotel bietet sich, wie gesagt, das „The Fairmont Vancouver Airport“ an.

Medien: Karl-Hans Kern: „Cariboo Chilcotin Coast“. 360 Grad Medien, Mettmann.

Info

www.hellobc.com, https://landwithoutlimits.com

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