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Romed Baumann:„Zu steil gibt es für uns nicht!“

Seit seinem Wechsel zum DSV läuft es für Romed Baumann wieder. Der 36-jährige Athlet mit österreichischen Wurzeln überzeugt mit starken Leistungen, ist amtierender Vizeweltmeister im Super-G und damit deutscher Rekordmann. Trotz der bekannten Risiken hat er noch lange nicht genug vom alpinen Abfahrtszirkus.
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Salomon Alpine, Agencezoom, Baumann

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Doch manchmal bringen Wendungen im Leben Veränderungen mit sich, die es in sich haben. So geschehen bei Skirennläufer Romed Baumann. Der Mann aus St. Johann in Tirol holt 2011 mit der österreichischen Mannschaft im Teamwettbewerb Silber bei der WM in Garmisch-Partenkirchen, zwei Jahre später in Schladming Bronze in der Super-Kombination. Bei der WM 2021 fährt der zu diesem Zeitpunkt 35-Jährige in Cortina d’Ampezzo im Super-G zu Silber, es ist das bis dato beste Ergebnis des Deutschen Skiverbandes in dieser Disziplin.  

Einen Moment, Baumann fährt für den DSV? Ja, richtig gelesen! Seine Ehefrau macht es möglich. Nach seiner Heirat mit Vroni Eller 2019 hat Romed Baumann nicht nur die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen, sondern auf der vermeintlichen Zielgeraden seiner Weltcupkarriere noch einmal den Verband gewechselt. Mit dem Bundesadler auf dem Rennanzug blüht er noch einmal richtig auf. Grund genug, mit dem sympathischen Skirennläufer zu sprechen.   

Darstellung Tyrolia Junior Rail Bindung
© Salomon, Agencezoom

SKIMAGAZIN: Romed, dein Verbandswechsel 2020 war schon ungewöhnlich. Was war der ausschlaggebende Grund dafür, und wie bewertest du den Wechsel heute rückblickend?

Romed Baumann: Für mich lief es in Österreich nicht mehr gut. Sportlich war ich zu dem Zeitpunkt nicht sehr erfolgreich. Dass ich den ÖSV-Kader verlassen muss, stand schon recht früh im Jahr 2020 fest. Ich habe jedoch gespürt: Es ist für mich noch nicht vorbei. Das Feuer ist noch da, der Körper macht mit. Es musste also eine Lösung her. Schlussendlich haben viele Faktoren für einen Wechsel zum DSV gesprochen. Sicherlich spielte auch eine Rolle, dass meine Ehefrau Deutsche ist. Bereits vor dem Wechsel zum DSV haben wir spaßeshalber darüber gesprochen. Nach einem Gespräch mit einem meiner ehemaligen Trainer ist mir erst bewusst geworden, dass es eine realistische Möglichkeit sein kann. Schließlich habe ich Wolfgang Maier (DSV-Alpindirektor, Anm. d. Red.) kontaktiert. Für den DSV gab es ein gewisses Risiko. Im Hinterkopf gab es beim ein oder anderen vielleicht auch Vorbehalte in der Richtung: „Woanders wird er aussortiert, und für den DSV ist er gut genug.“ 

Hattest du jemals Zweifel, ob du die mit dem Wechsel zum DSV verbundenen Erwartungen erfüllen kannst? 

Nein, ich wusste ja, was ich kann. Und auch die DSV-Verantwortlichen haben gesehen, was für ein Potenzial noch vorhanden ist. Das Ganze ging von mir aus. Mir war bewusst, dass ein Nationenwechsel kein einfacher Weg wird. Dahinter steckt neben emotionalen Momenten auch ein bürokratischer Aufwand. Das Annehmen einer neuen Staatsbürgerschaft geht nicht mal eben so vonstatten. Meine Ehefrau und ich haben dafür sehr viel Zeit investiert. Für etwa zwei bis drei Monate hing der Wechsel in der Schwebe. Wenn je Zweifel aufgekommen wären, wäre ich den Weg nicht bis zum Ende gegangen. 

Du hast damals gesagt, alles, was jetzt noch komme, sei ein Bonus. Wie lautet heute dein Fazit?

(lacht) Bereits die erste Saison nach dem Wechsel war ein riesiger Schritt nach vorn. War ich am Ende beim ÖSV in den Startlisten nicht mehr unter den besten 30, ging es nun wieder aufwärts. Es gab zwar noch nicht die Kracher-Resultate, aber es ging Schritt für Schritt vorwärts. Das deutsche Team hat mir den Einstieg einfach gemacht und mich optimal unterstützt. Den Anschluss an das erforderliche Niveau habe ich somit rasch finden können. Genau solche Dinge braucht es, um das nötige Selbstvertrauen aufzubauen. Das alles zusammengenommen hat letztlich zu dem Erfolg in Cortina geführt. An dem Tag hat einfach alles gepasst. Ich konnte mit dieser Silbermedaille das gesamte Vertrauen in mich an das Team zurückgeben. 

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Welche Rolle erfüllst du im DSV-Team?

Als ich zum DSV kam, habe ich viel Know-how mitgebracht. In meiner Zeit beim ÖSV habe ich extrem viel mitbekommen, auch mitentwickelt. Das betraf sowohl das Skifahren und Trainingselemente als auch Materialwissen. So konnte ich direkt etwas einbringen. Ich denke, das DSV-Team konnte von meinen Erfahrungen profitieren. Die Athleten und das Team haben gewusst, dass sie mich um Rat fragen können. Das hat gewiss geholfen und hat mir den Einstieg leichter gemacht. Wir haben sofort ein offenes Verhältnis gehabt, von dem beide Seiten bis heute profitieren. Das schafft Vertrauen. Ich fühle mich jedenfalls sehr wohl. 

Wie wichtig ist der Teamgeist?

Skifahren ist zwar auf den ersten Blick eine Einzelsportart. Dennoch funktionieren wir besser als Team, trainieren und reisen gemeinsam. Im alltäglichen Ablauf wird das sichtbar. Ein Abfahrtstraining kann niemand allein auf die Füße stellen. Auch während des Wettkampfes helfen wir uns beispielsweise mit Funksprüchen und Tipps. Eine gute Stimmung ist immens wichtig. Wir sind nicht nur Teamkollegen, sondern auch Freunde. Bei uns ist der Teamgeist sehr ausgeprägt und junge Fahrer, die Leistung zeigen und gut performen, haben direkt eine echte Chance, ins Startfeld zu rutschen. 

Du hast bereits dein Materialwissen angesprochen. Bist du jemand, der gerne tüftelt?

Auf jeden Fall. Allerdings nicht, was Wachsen und Schleifen betrifft, das haben unsere DSV-Serviceleute voll im Griff. (lacht) Bei den Kanten hingegen bin ich im ständigen Austausch mit meinem Servicemann. Wir schauen uns die Pisten an, tauschen uns dann mit den DSV-Trainern aus. Dabei geht es etwa um die Schneebeschaffenheit und wie wir darauf reagieren. Minimale Veränderungen der Kanten, um bis zu 0,5 Grad, können massive Auswirkungen haben. Ein Großteil des Trainings dreht sich um Materialverbesserungen. Es besteht nur die Gefahr, dass wir uns an der Stelle verrennen. Um das zu vermeiden, führe ich ein Buch, wo ich mir Notizen mache zu Schneebedingungen, Temperaturen und verwendetem Material. Diese Infos nutze ich als Basis. 

© Agencezoom, Baumann

Hast du deine gewohnten Trainingsmethoden im DSV-Team beibehalten?

Nicht nur, ich habe auch neue Trainingsinhalte angenommen. Beim Skifahren an sich gibt es nicht viele Unterschiede. In der Trainingssteuerung schon. Das würde ich aber nicht an einem Verband festmachen, sondern am jeweiligen Trainer. Andreas Evers (seit 2019 Leiter DSV Speed-Team, Anm. d. Red.) war bereits zu ÖSV-Zeiten mein Trainer, wir kennen uns. Er hat andere Ansätze als Stefan Brunner (Abfahrts-Cheftrainer ÖSV, Anm. d. Red.). Was beim DSV anders läuft, ist die Infrastruktur über Olympiastützpunkte und die Bundeswehr. An diesem Punkt der Sportförderung spielt Deutschland in einer anderen Liga. Das Umfeld inklusive der Anzahl der Trainingsstätten, das ist schon außergewöhnlich gut. In Österreich müssen Athleten sehr viel selber organisieren. 

Was muss ein junger Fahrer heutzutage mitbringen, um sich als Skiprofi etablieren zu können?

Die grundsätzlichen Fähigkeiten wie Kraft, Ausdauer und Koordination sind sicherlich immer noch die gleichen wie zu der Zeit, als ich angefangen habe. Die jungen Fahrer müssen heute jedoch noch fokussierter sein, da die Gefahr der Ablenkung durch Social Media viel größer ist. Damals war das Thema in den Kinderschuhen. Es gehört aber heute zum Alltag dazu, auch als Profi oder vielleicht gerade als Profi. Da hängen auch Verpflichtungen dran. Ich persönlich halte mich zurück, poste nicht alles, muss nicht möglichst viele Follower haben. Vielleicht ist es anders, wenn man damit aufwächst. Für die Jungen ist jedoch wichtig, sich nicht vom Wettkampf ablenken zu lassen. 

Da sprichst du ein wichtiges Thema an. Profisportler stehen mehr in der Öffentlichkeit, werden auch neben ihrem Beruf fortlaufend bewertet. Lässt sich das noch steuern?

Wie viel ich von meinem Privatleben preisgebe, habe ich in der Hand. In Österreich wird man jedoch als Skifahrer tatsächlich anders wahrgenommen als in Deutschland. Dort sind Skifahrer sowohl in den Zeitungen als auch im Internet andauernd präsent. Dort habe ich es das ein oder andere Mal auf die Titelseite geschafft. Skifahren ist klar die Sportart Nummer eins. Das ist in Deutschland etwas ganz anderes. Mitbekommen habe ich ein erhöhtes öffentliches Interesse bei meinem Nationenwechsel über Kommentare im Netz. Und da waren nicht nur positive Stimmen dabei. (lacht) 

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Wie bist du mit den negativen Kommentaren umgegangen?

Mir war klar, dass das so passieren kann, wenn der Wechsel zum „Erzrivalen“ bekannt wird. Die Heftigkeit hat mich dennoch überrascht. Der überwiegende Teil der Meldungen war aber positiv. Die, die sich negativ geäußert haben, melden sich wahrscheinlich immer mit solchen Kommentaren zu Wort, egal, was man macht. 

Dein „Kerngeschäft“ sind die Speed-Disziplinen. Nun sind diese durch Unfälle, teils gar mit Todesfolge, in die Kritik geraten. Wie beurteilst du die Situation?

Sicherheit ist ein großes Thema. Die Verantwortlichen bei der FIS haben das im Blick und versuchen, den Sport so sicher wie möglich zu machen. Dennoch ist es so, dass großer Sport für die Fans geboten werden soll. Aber auch wir Sportler wollen anspruchsvolle Pisten und gefordert werden. Unfälle gehören leider dazu. Spitzensport ist gefährlich, wir Fahrer sind uns dessen bewusst. Ich persönlich finde nicht, dass es gefährlicher geworden ist. Es wird jedoch immer mehr ausgereizt – sowohl die Leistung als auch die Strecken und nicht zuletzt das Material. Bei den Streckenführungen stellt sich die Frage, ob Abfahrten so weit abgeändert werden müssen, dass jede Passage zu 100 Prozent auf Anschlag gefahren werden kann. Ich glaube nicht. Wenn es bei der Streckenführung ausartet, wird das normalerweise vor dem Rennen angesprochen. Eigenverantwortung muss dennoch jeder mitbringen. 

Welchen Einfluss haben Athleten auf den Grad der Steilheit eines Hangs oder bei Sprüngen?

Zu steil gibt es für uns nicht. (lacht) Eine mögliche Problemstelle sind tatsächlich die Sprünge. Diese können unberechenbar sein. Die klassischen Abfahrten stellen hingegen weniger ein Problem dar, diese verändern sich ja nicht groß. Ob Kitzbühel, Wengen oder Beaver Creek, diese Kurse könnte ich mit meiner Erfahrung im Prinzip ohne Besichtigung fahren. Wenn wir uns hingegen Strecken wie die Abfahrt der letzten Olympischen Spiele anschauen, da wurde für das Training im oberen Streckenabschnitt zunächst ein Sprung eingebaut, wo es spektakuläre Bilder für die Kameras gab. Fürs Rennen wurde die Strecke entschärft. Im Endeffekt sind das Unterschiede von ungefähr 5 km/h, aber diese entscheiden darüber, ob ein Sprung 30 Meter oder kürzer geht. Bei neuen Strecken ist es für uns Fahrer schwieriger, diese in den Griff zu bekommen. 

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Wo kann beim Thema Sicherheit konkret noch etwas verbessert werden?

Beim Thema Flugrettung gibt es in einigen Ländern Nachholbedarf. Hier gibt es leider keinen weltweiten Standard. Das wäre wünschenswert für die Zukunft, um mehr Sicherheit bei Abfahrten zu gewährleisten. Kitzbühel oder Garmisch-Partenkirchen können hier als Maßstab gelten. Nach einem schweren Unfall dauert es nur wenige Minuten, und der Verletzte ist im Hubschrauber und wird ins Krankenhaus abtransportiert, wo er von Spezialisten weiter versorgt wird. 

Hast du schon über dein Karriereende nachgedacht?

Nein, davon bin ich gedanklich noch weit entfernt. Ich fühle mich gut und schaue voraus. Ich stehe jeden Tag auf und freue mich aufs Fahren, spüre es noch richtig, und auch das Training macht Spaß. Körperlich passt ebenfalls alles, nichts zwickt, insofern … 

Das ist ja fast außergewöhnlich für einen Skiprofi!

(lacht) Das ist es wohl! Bislang bin ich von schweren Verletzungen verschont geblieben. Es gibt leider etliche jüngere Skifahrer, die mehr Blessuren haben. 

© Salomon, Agencezoom

Hast du eine Abfahrts-Lieblingsstrecke?

Die Abfahrts-Strecke in Gröden bringt vieles mit, was mir persönlich ausgezeichnet gefällt. Die Geschwindigkeit, die Sprünge. Da war ich zudem meist gut unterwegs und erfolgreich. Kitzbühel kann ich noch nennen. Dort ist es von den einzelnen, sehr anspruchsvollen Rennpassagen und dem ganzen Drumherum natürlich mega.

Und abseits des Profizirkus? Wo geht es mit der Familie zum Skifahren hin?

In den letzten beiden Jahren waren wir meistens in der SkiWelt Wilder Kaiser unterwegs. Das ist das nächstgelegene Skigebiet für mich. Meine beiden Kinder haben dort Ski fahren gelernt. Die Kleinste konnte fast eher Ski fahren als gehen (lacht). Mit den Kindern Ski fahren zu gehen, genieße ich total. Wenn es dort zu voll auf den Pisten ist, wechseln wir in ein kleineres Skigebiet, etwa nach Thiersee. International gefällt mir Whistler Mountain sehr gut. 

Vielen Dank für das Gespräch, Romed!

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Zur Person: Das ist Romed Baumann

Geboren: 14. Januar 1986 in St. Johann/Tirol 

Familienstand: verheiratet, zwei Kinder 

Hobbys: Golfen, Tennis, Radfahren, Musik, Trial 

Skiclub: WSV Kiefersfelden 

Disziplinen: Abfahrt, Super-G, Super-Kombination 

Weltcup-Debüt: am 10. März 2004 bei der Abfahrt in Sestriere (Rang 26) 

Erfolge:

  • Olympische Spiele: Rang 5 (2010) im Riesenslalom und Platz 7 (2022) im Super-G
  • Weltmeisterschaften: 2 x Silber (2011 in Garmisch, Mannschaft, und 2021 in Cortina, Super-G), 1 x Bronze (2013 in Schladming, Super-Kombination)
  • Weltcup: 2 Siege (2009 in Sestriere und 2012 in Chamonix in der Super-Kombination), Siebter im Gesamtweltcup 2010/11, Fünfter im Abfahrtsweltcup 2010/11, Dritter im Kombinationsweltcup 2008/09 und 2011/12
  • Jugend-WM: 2 x Gold (2004 Abfahrt und 2006 Kombination), 2 x Silber (2006 Abfahrt und Slalom)

Web: www.romed-baumann.com

Instagram: @baumannromed 

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