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Reisereportage: Ostallgäuer G’schichten – mit oder ohne King Castles

Die berühmten „King Castles“ des Märchenkönigs in Schwangau sind der Stoff, aus dem die internationalen Reiseprogramme geschneidert werden. Im Winter wird es etwas ruhiger um die vom Schnee überzuckerten Schlösser – die umliegenden Berge geraten in den Fokus. Und die sind ein echter Geheimtipp, wie wir selbst feststellen durften!

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Familiär: Breitenberg/Hochalpe – Pfronten ist das größte Skigebiet des Ostallgäus und aufgrund seiner Vielseitigkeit ideal für Familien. Foto: Allgäu GmbH Christoph Gramann
© Allgäu GmbH Christoph Gramann

Text: Nicola Förg (erschienen im SkiMAGAZIN 4/2018)

Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man – und manchmal ist der Berg einfach nicht hoch genug. Dabei bringt er es auf 1.575 Meter, dieser Alpspitz. Dem Kalkalpengestein vorgelagert sind er und sein Flyschberg-Kumpel, der Edelsberg. Sanftere, weniger steil aufragende Berge. Flysch ist eine Mischung aus Ton und Sandstein, es ist wenig erosionsbeständig. Im Sommer sieht man die felsigen Zacken, die momentan im tiefen Schnee versunken sind – und der ganze Berg im Nebel! White-­out möchte man sagen. Dabei ist die Sonne nur ein paar ­Meter höher, aber sie will einfach nicht durchdringen …

Was am Ende nicht so schlimm ist, denn Waldschneisen geben Kontrast, und man darf mit sehr gutem Gewissen im Sportheim Böck einkehren. Was namentlich etwas altertümlich klingt, war Jahrzehnte eine Allgäuer ­Hütteninstitution. Fast jedes Kind aus der Region hat hier „Spätzle mit Soß“ gegessen und Skiwasser getrunken. Das halbe Allgäu kannte Herbert Böck, der 46 Jahre lang Wirt war – bis 2006.

1933 hat sein Vater das Bergdomizil erbaut, dieser legen­däre Ludwig wurde bei den Olympischen Spielen in St. Moritz Siebter in der Nordischen Kombination. Und das brachte ihm neue Kontakte ein – und Turn- und Sportvereine, die aus den deutschen Großstädten zur Körper­ertüchtigung ins Allgäu kamen. 1939 konfiszierten die Nazis das Böck, nach dem Krieg nahm man den Betrieb wieder auf. Dann kam der Umbau zur Mountainlodge, viele der Jüngeren würden das alte Sportheim Böck gar nicht mehr wiedererkennen. Denn heute regieren klare Linien, Zirbenholz, Granit. Gemütlich, warm und doch klar. Kein Alpen­kitsch. Große Fenster, sodass drinnen zu draußen wird und die Lodge an einem Nebeltag zum Rettungsanker.

Adrenalin-Fans aufgepasst!

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Atemberaubend: Der Hochalp-Skizirkus liegt auf einer Höhe zwischen 1.200 und 1.600 Metern – und bietet eine Blick über 300 Gipfel der Allgäuer und Tiroler Bergwelt. Foto: Pfronten Tourismus, E. Reiter
© Pfronten Tourismus, E. Reiter

Und dann schafft sie es doch, die Sonne! Zugspitze und Säuling stehen Spalier, ganz winzig Schloss Neu­schwanstein. Also raus auf einen Berg, der einfach alle glücklich macht. Jeder nach seiner Fasson: Oma und Opa wandern oben – dort, wo es leicht ist – auf einen weiten Horizont zu, hinüber zur Kappeler Alm. Skifahrer finden schneesichere (beschneite) Pisten vor, für Abenteurer hat die Alpspitze einen großartigen Snowpark mit ­Mainpark, Boxen, Kickern und Rails. Rodler erfreut eine prima Bahn, Tourengeher sind bei den Sportheim-Böck-­Tourenabenden glücklich und irrlichtern schließlich mit der „Hirabira“ talwärts.

Denn auch im Winter ist Deutschlands längste Zip-Line „AlpspitzKICK“, deren Spitzname im Schwäbischen scherzhaft für eine Stirnlampe steht, ein pfeilschnelles Erlebnis: 1.200 Meter, ein Flug in zwei Sektionen. In ­Vierpunkt-Klettergurten, gut behelmt und gut bebrillt, geht es zum Departure Tower, an dem der Fluggast ins Stahlseil eingeklinkt wird. „Zum Warmwerden bloß 400 Meter und nur 60 km/h“, lacht Guide Matthias und hebt ab, um am Transit Tower die Wagemutigen in Empfang zu nehmen. Die (leicht panische) Kernfrage: Kann man die Geschwindigkeit selbst steuern? Nein, aber man ­bekommt dem Gewicht angepasste Rollapparate, und die steuern den Speed. Durchatmen in der Mitte! Sektion zwei hat 800 Meter Länge in maximal 60 Meter Höhe: Bei 120 km/h fliegen die Bäume wie Zerrbilder unterm ­Allerwertesten dahin. Matthias hat noch von der Aussicht geschwärmt, die Fahrtwindtränen trüben selbige leider etwas. Dann die Landung hinein in ein Blitzlicht­gewitter all jener Neugierigen, die Fotos machen – und sich selbst nicht trauen.

Generell muss man sagen: Nesselwang ist ein All­gäuer Ort mit einem jungen Herz, das zeigt nicht nur die spektakuläre Zip-Line: Der Luftkurort mit seinen 3.600 Einwohnern hat schon vor Jahren Deutschlands erste ­Kombi-Bahn eingeweiht. Ein und derselbe Lift befördert Achter-Gondeln und Vierer-Sessel. Der Vorteil liegt klar auf der Hand: Skifahrer nehmen den Sessel, Rodler und Spaziergänger die Gondel. Dieses „Einer für ­alle“-Konzept beschreibt das gesamte Ostallgäu sehr gut: ­Winterurlaub breit gefächert, wer 200 Kilometer Pisten am Stück braucht, ist hier falsch.

Beschaulich und Facettenreich

Wer unterschiedliche Berge kennenlernen will, ist dagegen goldrichtig. Erdkundelehrer und Geografieprofessoren müssen auf dem 1.838 Meter hohen Breitenberg einfach in Verzückung geraten: Wie sich da die Gebirgsketten hintereinander aufbauen, das verleiht der trockenen Unterrichtsaussage, die Alpen seien ein Faltengebirge, unendliche Schönheit. Was für ein Blick vom Säntis bis zur Zugspitze! An vorderster Front ragt der Aggenstein in den Himmel, einer der schönsten und markantesten Berge im Allgäu. Ein Gigant, dessen linke Wand der großartige Berg- und Skiführer Toni Freudig 1989 in einer Winter-Erstbesteigung bezwungen hat. Tief unten liegt Pfronten mit seinen 13 (!) Weilern, und da fließt die Vils: ein cleverer und komischer Fluss. Schlau, weil er das ehemalige Bett des Lechs benutzt. Und komisch, weil er nicht nach Norden fließt, sondern wieder auf das Gebirge zu. Fast, als könne er sich nicht trennen …

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Foto: Pfronten Tourismus, Deutschland abgelichtet
© Pfronten Tourismus, Deutschland abgelichtet

Aber eigentlich auch kein Wunder, denn der Breitenberg ist ein Schatz für alle. Erst mal für die Skifahrer mit einem abwechslungsreichen Gebiet rund um die Hochalpe. Das Skizentrum Pfronten-Steinach wendet sich hingegen an Familien. Ganz oben am Breitenberg, der sich wie ein Dinosaurierrücken vor dem Aggenstein fläzt, die Ostlerhütte, von der Bergstation in rund 25 Minuten zu erreichen. Und runter geht es auch: sechs Kilometer und 800 Höhenmeter auf einer legendären Rodelbahn, der längsten des Allgäus. Wieder eine scharfe Kurve, das Hinterteil des Rodels rumreißen, driften und weiter. Die Bauchmuskulatur zuckt – sechs Kilometer können ganz schön lang werden!

Genuss für Augen und Gaumen

Wer seinen Ostallgäu-Skitrip weiter Richtung Westen ausdehnt, näher heranrückt an die Landschaft des Märchenkönigs, wird eines feststellen, was nun patriotische Oberbayern, Oberallgäuer oder die angrenzenden Tiroler nicht so gerne hören: Diese Landschaft rund um Füssen, dieses südliche Ostallgäu gehört zum Schönsten, was der Alpenraum zu zaubern vermag. Schon wenn man aus Norden heranrollt über die Weiler mit den schönen Namen „Biberschwöll“ und „Schlauch“ und sich der volle Blick auftut über den breiten Talgrund und den Bann­waldsee, ist das ganz einfach eine magische Landschaft.

Zum kleinen Buching gehört der Buchenberg. Zweifellos ist der Sessellift nicht mehr ganz „state of the art“, und natürlich ist das keine riesige Skiarena, aber das heiß geliebte „Bergerl“ der Einheimischen. Man erklimmt ihn auf Tourenski, zu Fuß, den Rodel hinterherziehend oder auf Schneeschuhen, weil oben, auf dem Gupf, das Herz einen gewaltigen Hüpfer macht. Den hohen Bergen vorgelagert ist der Buchenberg, die Aussichtskanzel in die wilde (Wald-)Welt des Ammergebirges. Und auf der anderen Seite geht der Blick weit über die Seen, genau genommen sieht man zwölf Seen und Weiher. Und als wäre das alles nicht schon genug, hat das Bergerl die Buchenberg Alm, wo Hüttenwirt „Laxi“ und sein Team lecker kochen und die Alm mit der Traumaussicht zu einem ganz spe­ziellen Platz machen.

Es geht noch ein kleines Stück südwärts, und auch wenn das tausendste Bild im hundertsten Allgäu-Bildband mal wieder die Kirche St. Coloman und dahinter Neuschwan­stein im Schnee zeigt, live im Hier und Jetzt ist es ungleich bezaubernder, weil Natur und Architektur eine herrliche Symbiose eingehen. Und weil das Märchen-Kitsch-Türmchen-Schloss eben doch an die Kinderseele appelliert: Prinzessin, Ritter, Turniergetümmel …

Eine Abfahrt, die es in sich hat

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© Nicola Förg

Das bayerische Königshaus war der Gegend verfallen, Jagdhütten allüberall, auch am Tegelberg, und man muss eines richtigstellen: Man steht nicht auf dem Tegelberg, sondern auf einem Bergrücken aus vielen Zacken und Zinnen mit eigenen Namen: Gelbwandschrofen, Daumen, Turm, Torschrofen, Latschenkopf, Hornburg, Rohrkopf, Schnepfling, Neideck, Spitzigschröfle und Branderschrofen, der mit 1.881 Metern der höchste ist. Runter führt eine zackige Abfahrt, es gibt nur diese eine, aber sie fordert – die Abfahrt hat 4,2 Kilometer und einen Höhenunterschied von 900 Metern, sie ist wahrlich nicht flach zu nennen, ein echter Klassiker! Wo der Steilhang endet, hat es sich die Rohrkopfhütte gemütlich gemacht, und von ihrer Terrasse aus sieht man ganz wunderbar – man ahnt es – Schloss Neuschwanstein.

Allein das Ostallgäu hat 25 Schlösser, Ruinen, Mauer­reste. Es ist eine echte Burgenregion. Gisela aus Halblech ist mit den Tourenski auf die Hütte heraufgekommen. Sie, die Ureinwohnerin, sagt eben auch: „Und jedes Mol, wenn’s do so im Fels bäppt, reißt’s mi!“

„Bäppen“, herrlichstes Badisch und ein viel schöneres Wort als „kleben“. Und Neuschwanstein ist definitiv das am malerischsten in die herrliche Berglandschaft „gebäppte“ Schloss der Welt! Und schon allein deswegen steht fest: Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man – doch im Ostallgäu wird jeder Besucher definitiv gewinnen. Dank dieser legendären Sehenswürdigkeit, die zu einer der bekanntesten unseres Landes gehört und mit Sicherheit auch bald zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wird. Dank kleiner, aber feiner Skigebiete, die auch ohne viele Pistenkilometer viel zu bieten haben. Und dank einer Landschaft, die jedem Gast für immer in Erinnerung bleiben wird.

Dieser Artikel ist erschienen im SkiMAGAZIN 4/2018.

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