Ruhpolding: Vollkommener Winter-Genuss

Das oberbayerische Ruhpolding hat alles: Loipen, Lifte, Winterwanderwege, ein Biathlonstadion und dazu Menschen mit Passion – für Tee und Schnee!

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© Andreas Plenk

Text: Nicola Förg

Es war einmal … der 9. Mai 1895, als unter großem Jubel die ­Eisenbahn kam. Mit ihr kamen illustre Gäste, später der findige Geschäftsmann Dr. Degener, der ganze Ladungen von Touristen mit Sonderzügen nach Ruhpolding verschickte. Am Pfingstsonntag fuhr der erste Zug ein. Die Kinder wurden aus ihren ­Betten verbannt, damit man noch mehr Gäste unterbringen konnte! Goldene Zeiten waren das, die auch noch in die 1970er hineinreichten. Außerdem entstand 1978 das Biathlon-Leistungszentrum, und eine erste WM zeigte der Welt, dass man hier verdammt schnell ­laufen und scharf schießen konnte. Mit dem Fall der Mauer und der ­Wende gab es noch einen touristischen Aufschwung, 1995 verzeichnete man 1,02 Millionen Übernachtungen, aber Jahr für Jahr ließ das Interesse nach. Die nachfolgende Generation der Ferienwohnungsbesitzer wollte nicht weitermachen, und so wurde der einst so klingende Name ­Ruhpolding leiser und leiser – und auch als ­Skisportdestination verklang der Name nach und nach …

Klein, aber fein

Bei Henning Wolf beginnt der Tag mit der Frage, was denn zu tun sei, wenn es für den Papierhandtuchspender keine passenden Tücher mehr gebe. Ob man denn nun den neuen Spender bestellen solle? Henning Wolf ist Geschäftsführer der Unternberg-Lifte, auch so eine typische Ruhpoldinger Geschichte: Die beiden Schlepplifte standen mehrfach vor dem Aus. Zwar gab es einen einheimischen Retter mit klingendem Namen, der auch sehr schnell viel Geld aufgetrieben hatte, aber er wirtschaftete damit nicht ­richtig. Wieder sollten die Lifte ­sterben, aber sie sind ein kostbares Gut für die kleinen heimischen Ski­clubs. Von Traunstein und Siegsdorf sind die Rennkids in 20 Minuten im Schnee, zum Jenner dauert das ungleich länger und kostet mehr.

Dazu hat der Hang diese perfekte Trainingsneigung, diese Geländeübergänge, und man bekommt eben auch sehr viele Trainingsfahrten in zwei Stunden unter. Richtig ins Schwärmen gerät man ob der perfekten Präpa­rierung, das können manche Große nicht so gut! Der zweite Mann am Lift ist Franz Ringsgwandl, lange Nachwuchs­trainer im DSV. Er ist der Mann mit dem Gespür für Schnee. ­Beschneien und verdichten, das Gelände erspüren, auch das ist eine Passion. Die Lifte erleben nun die dritte Saison mit ­Wolf und Ringsgwandl, die nicht müde werden, für den Förderverein zu werben. Das kostet 50 Euro im Jahr, dafür gibt es 50 Prozent Rabatt bei den Lifttickets. Es werden immer auch Sponsoren gesucht, der Skiclub hat beispiels­weise eine Schnee­kanone ­gesponsert, das Duo Wolf/ Ringsgwandl organisiert großartige ­Firmenevents, bei ihnen geht es um Passion und Professiona­lität – aber immer auch ums Geld, und darum zählen eben auch die lapidaren Kosten für einen Handtuchspender. Aber es ist wieder Leben am Berg, und diese Pisten sind wirklich großartig – zum Trainieren, für Familien, einfach für den Skispaß zwischendurch.

Sonneninsel Steinplatte

Und Ruhpolding hat ja mit der Winkelmoosalm/Steinplatte auch ein ausgewachsenes Skigebiet in unmittelbarer Nähe. Das spürt man bereits an der Dimension des Parkplatzes Seegatterl, von dem aus die Kabinenbahn die Skiwütigen erst mal weg ins Almengebiet schaufelt. Die erste positive Überraschung: Mann, sind die Pisten breit! Einsteiger, Wiedereinsteiger und Kinder finden hier ein perfektes Terrain. Die Bedrohlichkeit enger Schneisen entfällt, überall ist Weite und Weitsicht. Ganz oben auf der Steinplatte, auf fast 1.900 Metern, geht der Blick vom Watzmann über den Großglockner zum Großvenediger. Und die Loferer Steinberge sind natürlich auch ein guter Blickfang. Die einen werben mit Schneelochqualitäten, die Steinplatte darf sich Sonneninsel nennen – und Hütten-berg. Schwere Entscheidungen stehen an: die Liegestühle auf der Rossalm, die urige Stallenalm, das SB-­Restaurant Bäreck oder Après-Ski in der ­Seegatterl Alm?

Das deutsch-österreichische Freundschaftsunternehmen kann auch, was Service betrifft, gut mit weit größeren Gebieten mithalten: Im Sommer 2012 wurde der schier endlose Scheibl­bergschlepplift durch eine moderne 6er-Sesselbahn mit Kindersicherung ersetzt. Und die neue 6er-Sesselbahn Kammerkör bringt die, die in Waidring einsteigen, flugs zu Berge. Auch wenn man hier auf schwarze Rinnen verzichten muss – auch Könner strahlen über weite Carving-Radien. Einzig der lange Ziehweg zurück zum Seegatterl kann gerade bei sulziger Schnee­lage eher zur Skatingloipe werden.

Aber man könnte ja auch die Bahn nehmen … Und obendrein bekommt man dann die zweite Ruhpoldinger Passion gleich mitgeliefert. Der nordische Sport lebt hier ganz jung, ganz modern, und die Loipen starten quasi mitten im Ort. Schulklassen purzeln in den Loipen, Profis in DSV-Gewandung trainieren. Wo immer man in den Seitentälern und Weilern unterwegs ist, sind Loipen und fliegen die Nordischen dahin. Die neue Chiemgau-Arena hat Weltniveau, und dass die Zuschauer auch Weltniveau haben, haben sie vom 29. Februar bis 11. März 2012 wieder mal bewiesen, als Ruhpolding zum vierten Mal nach 1979, 1985 und 1996 Gastgeber für eine Biathlon-Weltmeisterschaft war. Auch ohne Wettkämpfe ist das Stadion mehr als imposant, eine ­Stadionführung immer ein Muss.

Der Meister des Tees

Ruhpolding lebt auf, auch im Zentrum des schmucken Dorfes ist viel Leben, und da reden wir nicht von den üblichen Souvenirshops. Auch hier geht es um Weltniveau: 1888 wurde das Hotel Wittelsbach erbaut, seit 1906 ist es in Familienhand, ein ganz schön opulenter Bau, der schnell mal zur Bürde werden kann. Dessen waren sich Anja und Markus Eismann durchaus bewusst, auch der Tatsache, dass man aus so einem Haus kein Skisporthotel macht. Wenn ein Haus Geschichte erzählt, dann müssen die Hoteliers auch Geschichtenerzähler sein und nicht erstarren vor lauter Ehrfurcht vor der Historie. Den Eismanns ist es gelungen, dem würdigen Rahmen lebendigen Schwung zu geben, mit innenarchitektonischen Konzepten, die nicht dem Möbelkatalog entstammen, sondern den Herzen der Eismanns. Markus Eismann ist zudem Tea-Master, und Tea-Master gibt’s eigentlich nur in Hotels wie dem Adlon. Würde man in Ruhpolding nicht eher Frühstückskaffee aus der Thermoskanne erwarten? Weit gefehlt: Markus Eismann besuchte 2010 sogar Sri Lanka, um dort die Fachausbildung zum „TeaMaster Gold“ zu absolvieren. Mit „hervorragend“ abgeschlossen – klar, und hervorragend sind auch die 40 Teesorten. Teegenuss ist eine Kunstform, die bei den Eismanns schon damit beginnt, dass die Sanduhr nach oben läuft. Auch die Fraktion „Tee trink ich bloß, wenn ich krank bin“ leistet Abbitte, wenn ihnen der Chef einen individuell auf sie abgestimmten Tee mixt. Göttlich, zwischen Eismanns wundervollen Tees und dem gemeinen Teebeutel liegt ein Abgrund, tiefer als der Marianengraben. Tee macht wach, die ganze Region ist erwacht – denn manchmal ist es doch fatal, nur abzuwarten und Tee zu trinken!

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© Andreas Plenk

Ruhpolding

Mit 14.800 Hektar ist Ruhpolding Bayerns viertgrößte Gemeinde, weil so viele Weiler, Buckel und Täler dazugehören. Das gibt ein anmutiges Bild ab, „­Bilderbuchlandschaft“ ist das Wort!

Ski & Spaß

- PISTEN & LIFTE

Steinplatte: 42 km, 35 davon beschneit, www.steinplatte.co.at; 2 Lifte Unternberg mit FIS-Strecke, Öffnungszeiten: Montag–Sonntag von 9–16 Uhr, Flutlicht: Dienstag + Donnerstag 17.30–20 Uhr, tolle Möglichkeit für Firmenrennen, Hotline Kasse Skilift: Tel. 08663-419647, www.ski-unternberg.de; dazu Lifte ­Maiergschwendt, Lift Westernberg

- Pisten-Highlights

Unternberg als perfekte Trainingspiste; die schwarze Piste 8 vom Steinplatte-Gipfel; die 9 und 9a fürs Cruisen

- Off-Piste

Bei Neuschnee viel freies Gelände ­zwischen den Liften

n Pipes & Parks

Großer Snowpark

- Langlauf

155 km, ein Langlaufmekka! Die schönste Ortsloipe ist die „Golfplatzrunde“, im Loipenzentrum einsteigen (Loipe 3), mit schönen Einkehrmöglichkeiten: Fischerwirt, Ortnerhof, Beim Häusler; Loipen zum und um den Mitternsee

- Biathlon

Es gibt Führungen/Gästeschießen(www.cafe-biathlon.de), Schnupperkurse über www.biathloncamp.de; und man darf auf den Weltcuploipen auch selbst laufen, immer Mo.–Fr. 17–20 Uhr, Flutlicht, 5 Euro

Essen & Feiern

- Restaurants

• Seegatterl Alm: Hütte, Après-Ski und Restaurant, urig und bayerisch, auch mit Tatarenhutessen, ab 4 Personen auf Vorbestellung; Reindl-Essen ab 4 Personen, Brotzeitbrettl mit bayerischen ­Spezialitäten auf Vorbestellung, www.seegatterlalm.de

• Janos: ungarische und bayerische

Spezialitäten, Bar; immer lecker, immer nett, www.janos-ruhpolding.de

• Kaffeehaus Schuhbeck: Kaffee, Kuchen, Desserts, Brotspezialitäten, toll!

www.baeckerei-schuhbeck.de

- Après-Ski/Hütten

• Stallenalm: in der Nähe der Talstation der Kammerkörbahn, urig, prima Küche, www.stallenalm.at

• Almstüberl: urgemütlich, feine Kuchen; LL-Loipe und Winterwanderweg führen direkt am Haus vorbei, die Skiliftanlagen sind nur ca. 200 m entfernt und durch einen Zauberteppich mit dem Lokal verbunden, www.almstueberl.de

Schlafen & Wohlfühlen

- Hotels

• Alpenhotel Wittelsbach: Tee gibt es natürlich immer, montags gibt es eine Teeverkostung und mehrfach im Jahr die inzwischen legendäre Teatime: Auf Etageren kommen klassische Scones und Gurkensandwiches, aber auch bayerisch belegtes Gebäck, alles fein eingedeckt, einfach glanzvoll (da muss man nicht bis ins Empress Hotel auf Vancouver Island), dazu das sehr gute Restaurant, www.wittelsbach.de

• Beim Waicher: wunderschöne Blockhäuser der Luxusklasse, das perfekte Hideaway, www.beimwaicher.de

• Winkelmoosalm: klar, der Klassiker! Wohnen im Skigebiet, www.winkelmoosalm.com

Gut zu wissen

- SAISON

Ende Nov./Anfang Dezember bis Ostern

- Anreise

Über die A8, Ausfahrt Traunstein oder mit der DB

- Skipass-Preise

Tageskarte Unternberg: Erw. 20 Euro, bis 15 Jahre 16 Euro; mit Fördervereinskarte nur die Hälfte; Winkelmoosalm/Stein­platte: Tageskarte Erw. 45 Euro; Jugendl. 35 Euro, Kind 23,50 Euro; 3 Tage 122/95/61 Euro; Karten mit einer Laufzeit von über 3 Tagen sind im Gesamtgebiet Schneewinkel gültig (u. a. Pillerseetal, Fieberbrunn, St. Johann); Beispiel für 6 Tage: 215/165/108 Euro

- Familien & Kinder

Bobo Kinder Skiclub; auf Kids spezialisierte Skischulen; Eishallenspaß, Tel. 08663-419915; Spiel & Sport Center im Vita Alpina; Wandern mit Kids: Der Sagenweg ist auch im Winter ein sagenhafter Spaß für Kinder, endlich wissen, was ein „Kraxenbachloder“ ist! Er endet unweit der Windbeutelgräfin, auch ein Muss! Detaillierte Broschüre beim Tourist Office

- Wellness

Vita Alpina Erlebnisbad mit großer Saunalandschaft, www.vita-alpina.de

- Insidertipp

Es sind Menschen, die dem Dornröschen Ruhpolding mal Beine machen, auch Andrea Kaysser gehört dazu. Die Galerie Kaysser wurde 2006 von der Kunstkennerin in München-Schwabing gegründet und vertritt im Moment 17 internationale Künstler. Im Winter 2011/12 zog die Galerie nach Ruhpolding, mitten ins Zentrum: Belebend, was Andrea Kaysser zeigt, die in etwa zweimonatigem Wechsel Einzel-, Tandem- oder Gruppenausstellungen präsentiert. Es gibt stets Neues zu bestaunen. Immer präsent: Thomas Baumgärtel, der Mann mit der Banane. 1986 begann er unter dem Pseudonym „Bananensprayer“, die für ihn interessantesten Kunstorte weltweit mit einer gesprühten Banane zu markieren. Er hinterließ seine Signatur, so wie die hoch engagierte Andrea Kaysser, die die ihre in Ruhpolding hinterlässt: Mi.-Fr.: 10-12 + 15-18 Uhr, Sa.: 10-17 Uhr, So.: 11-17 Uhr nach tel. Vereinbarung unter Tel. 08663-3559798, www.galerie-kaysser.de, www.biathlon-ruhpolding.de

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 06 / 2015

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