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Ein Resort, viele Gesichter

Das in den französischen Alpen gelegene La Plagne gilt unter Skikennern als Synonym für Gigantismus: ein riesiges Skiareal, Hunderte von Pistenkilometern, aber auch gewaltige Bettenburgen mitten in den Bergen. Der Frage, ob ein solches Mega-Resort lediglich grenzenlosen Pistenspaß bietet oder ob es auch ein Wohlfühlort sein kann, ist SkiMAGAZIN-Autor Andreas Sombroek auf den Grund gegangen.

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Text: Andreas Sombroeck, Fotos: La Plagne, Hotel Cocoon-P. Augier

Mitte April 2016, Jacke und Pulli liegen angesichts der milden Temperaturen neben mir auf der Rückbank des Taxis. Gemeinsam mit einem Kollegen bin ich vom Flughafen Genf unterwegs Richtung La Plagne, einer der großen Skidestinationen in den Savoyer Alpen. Eigentlich hatte ich die Saison bereits abgeschlossen. Doch als sich spontan die Gelegenheit für einen Frankreich-Trip ergab, habe ich meine Skimontur kurzerhand wieder aus dem Schrank gekramt. Wir passieren den malerischen Lac d’Annecy, hier hat der Frühling bereits Einzug gehalten. Nur vereinzelte weiße Flecken auf den Bergspitzen lassen hoffen, dass wir überhaupt noch ausreichend Schnee zum genüsslichen Carven finden. Ab Albertville führt die Route dann immer tiefer in die Alpentäler hinein. Die letzten 18 Kilometer von Mâcot-La-Plagne bis ins Skigebiet schlängelt sich die Straße in steilen Serpentinen über 1.000 Höhenmeter den Berg hinauf. Mit jeder 180-Grad-Kehre werden die Schneefelder am Straßenrand größer. Als wir die Bobbahn passieren, die während der Olympischen Spiele 1992 in Albertville Austragungsort für die Bob- und Rodelwettbewerbe war, ist es komplett weiß. Nach einer rund zweistündigen Fahrt erreichen wir wenige Serpentinen später unser Hotel im 2.050 Meter hoch gelegenen Ortsteil Belle-Plagne.

Skitourismus der Superlative

Die Zahlen, mit denen das zwischen 1.250 und 3.250 Höhenmetern gelegene Skigebiet La Plagne aufwarten kann, sind beeindruckend: Das Resort, das aus sieben am Reißbrett entstandenen Skiorten und drei ursprünglichen Bergdörfern besteht, verfügt derzeit über mehr als 53.000 Gästebetten. In der Saison 2016/17 werden über drei Millionen Übernachtungsgäste erwartet. Gemeinsam mit Les Arcs und Peisey-Vallandry bildet La Plagne das Superskigebiet Paradiski: 261 Pisten ergeben eine Pistenlänge von 425 Kilometern. Die 128 Skilifte im Gebiet haben eine Beförderungskapazität von 212.686 Personen pro Stunde. 290 Hektar der Pisten sind mit Schnee­kanonen ausgestattet, um das Skifahren in den tiefer ­gelegenen Regionen zu garantieren. Klingt nach grenzenlosem Skivergnügen, aber nicht unbedingt nach sanftem Tourismus. Folglich scheiden sich an La Plagne die Geister. Während viele Skifans angesichts des weitläufigen Pistennetzes in der spektakulären Bergkulisse der französischen Alpen regelrecht ins Schwärmen geraten, rümpfen andere vor allem über die Bausünden der 60er- und 70er-Jahre verächtlich die Nase und sprechen von seelenlosen Retortendörfern. Besonders bei denjenigen, die größtmöglichen Komfort beim Skifahren suchen, lässt das akribisch geplante Skiresort die Herzen höherschlagen. Bergpuristen können dieser Form von Wintersport als Massenspektakel hingegen wenig abgewinnen.

Genussskifahren pur

Da wir nur zwei Tage Zeit für die Erkundung des riesigen Skigebiets haben, vertrauen wir uns einem ortskundigen Guide an, der uns gezielt zu den besten Pisten führen kann. Gemeinsam mit Cyrille, der sogar ein wenig Deutsch spricht, starten wir auf dem 2.700 Meter hohen Roche de Mio. Nach einem ersten spektakulären Blick auf das nahe gelegene Mont-Blanc-Massiv wählen wir die Route in den Secteur Champagny, in dem es viele Südhänge gibt, die besonders morgens reichlich Fahrspaß bieten. Auf mäßig steilen Abfahrten geht es zwischen schroffen Felsformationen Richtung Tal. Zwischendurch gibt es auch mal eine rassige rote Piste, doch meist laden breite, angenehm kupierte Hänge zum Carven und entspannten Genussskifahren ein. Aufgrund der vielen einfachen ­Pisten ist das Skigebiet trotz seiner Weitläufigkeit gerade für Einsteiger und Familien ideal. Könner kommen vor allem auf den kilometerlangen unpräparierten Naturabfahrten auf dem Glacier de la Chiaupe an der Flanke des 3.417 Meter hohen Bellecôte auf ihre Kosten. Seit der aktuellen Saison 2016/17 ist die Pistenpräparierung am Gletscher komplett eingestellt, sodass sich hier ein reines Naturabfahrten-Areal bietet. Da das nur über eine Verbindungsgondelbahn erreichbare Gletschergebiet heute wegen zu starken Windes geschlossen ist, entscheiden wir uns für einen relaxten Pistentag. Dass ich dabei trotzdem ordentlich ins Schwitzen komme, liegt vor allem an Cyrille, der offensichtlich nicht viel von Pausen am Pistenrand hält. Zeit zum Durchatmen gibt es nur an den Liften und auf den Gipfeln. Der ursprünglich aus dem Elsass stammende Skilehrer, der bereits seit einigen Jahren in La Plagne lebt, scheint Gott und die Welt zu kennen, entsprechend gibt es immer wieder ein herzliches Hallo. Das schließt sogar tierische Bekanntschaften ein. Auf einem Hang kommt uns, fröhlich kläffend und mit wedelndem Schwanz, ein Hund entgegen. Husky-Dame Dasha gehört einem Freund. Nach einem kurzen Telefonat wird klar, dass das Tier ausgebüxt ist. Cyrille schnappt sich die Ausreißerin am Halsband und bringt sie im Pflug zurück zu ihrem Besitzer.

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Pistenaction - Besonders auf den höher ­gelegenen Pisten sind die Schneever­hältnisse auch Mitte April noch perfekt.

Freilichtmuseum für Wintersportarchitektur

Von den Gipfeln des Gebiets hat man einen guten Blick auf das weite Hochplateau, auf dem die verschiedenen Höhenorte von La Plagne verstreut liegen. Berühmt-berüchtigt ist das Resort vor allem für seine in den 60er- und 70er-Jahren entstandenen Wohnkomplexe. Die schnörkellosen, meist in Brauntönen ­gehaltenen Giga-Bauten, die ganz und gar auf Funktionalität ausgerichtet sind, muss man nicht schön finden, besonders aus der Ferne üben sie durch den krassen Kontrast zur überwältigenden Berglandschaft aber durchaus auch einen bizarren Reiz aus. Mal ähneln die terrassenförmig aufsteigenden Wohnblöcke den dahinter liegenden Bergmassiven, mal erinnern sie an ein riesiges Kreuzfahrtschiff oder an einen Staudamm. Architektonisch durchaus interessant. Aber möchte man hier auch wohnen? „Gerade in den großen Wohnresidenzen gibt es viele Stammgäste“, berichtet Cyrille. Diese schätzten vor allem den praktischen Aspekt. Am Anreisetag verschwindet das Auto bis zum Urlaubsende in der Tiefgarage. Die mächtigen Gebäude vereinen Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitangebote unter einem Dach. Am Morgen fährt man mit dem Aufzug ins Skidepot und gelangt von dort gleich auf die Piste. Jeder definiert Wohlfühlort halt anders. In Plagne 1800, das vorwiegend aus niedrigen Gebäuden im Chalet-Stil besteht, wird man auf der Suche nach alpenländischem Flair eher fündig. Hier herrscht eine völlig andere Atmosphäre. Genau wie in Belle-Plagne, das zwar auch etwas überdimensioniert ist, sich mit seinen rustikalen Häusern aber kaum von anderen Alpenregionen unterscheidet. Nach der Mittagspause frischt der Wind kräftig auf, nimmt in Böen sogar Sturmstärke an. Wir steuern daher die tiefer liegenden Regionen des Skigebiets an und nutzen die ausgedehnten Waldabfahrten unterhalb von Plagne Aime 2000 und im Secteur Montalbert. Besonders an stürmischen Tagen wie heute oder wenn auf den Gipfeln dichter Nebel herrscht, sind die breiten Waldschneisen, die Schutz vor Wind und Wetter bieten, eine gute Alternative zu den höher gelegenen Pisten. Für Könner gibt es auch hier einige richtig steile Routen, die je nach Schneebeschaffenheit entweder Tiefschnee oder ausgefahrene Buckel bieten. In den niedrigeren Regionen merkt man am Nach-mittag allerdings doch recht deutlich, dass wir bereits Mitte April haben. Der Schnee wird schwerer, je tiefer man kommt, und die Pisten sind stark ­zerfahren. ­Tapfer wühlen wir uns durch die Schneehaufen, ­werfen jedoch nach knapp zwei Stunden völlig erschöpft das Handtuch. Zum Abschluss des Tages zaubert Cyrille ein Schnapsglas und eine kleine Flasche Kräuterschnaps aus der Skijacke. Der Génépi, gewonnen aus der hier in den Höhenlagen der Alpen wachsenden Ährigen Edelraute, ist die Schnaps­spezialität der Region und lässt unser Wohlfühl-­Barometer gleich wieder steigen.

Hüttenromantik und Gipfelzauber

Am nächsten Tag starten wir im Secteur Montchavin. Vom 2.385 Meter hohen L’Arpette führt die Abfahrt erst über baumfreie Hänge, später dann durch den Wald zum Bergdorf Montchavin, das wie Montalbert und Champagny-en-Vanoise bereits existierte, bevor es in den 70er-Jahren mit dem Skigebiet verbunden wurde. Da die perfekt präparierte Piste am frühen Morgen noch völlig menschenleer ist, können wir die Ski richtig laufen lassen. In wenigen Minuten haben wir die mehr als 1.000 Höhenmeter bewältigt. Montchavin ist touristisch erschlossen, hat sich aber seinen dörflichen Charakter bewahrt und zieht vor allem Gäste an, die im Skiurlaub auch ein wenig Hüttenromantik suchen. Bei vielen der alten Häuser mit den regionaltypischen Schiefer­dächern wurden trotz umfassender Renovierungsmaßnahmen die urtümlichen Fassaden erhalten. Heute nehmen wir uns auch etwas Zeit für das Frühjahrsevent „Sublicimes“. Zwei Wochen lang werden sechs Gipfel des Skigebiets thematisch inszeniert. Die Aktionsflächen befinden sich direkt an den Bergstationen der Lifte. Sie reichen von fantasievollen Spielzonen für Kinder über Actionangebote wie Freefall-Plattform und Bungee-Trampolin bis zu Wellness- und Beautybereichen. „Die Gäste kommen heute nicht mehr nur zum Skifahren. Sie wollen auch abseits der Piste etwas erleben“, so Cyrille. Deshalb sei in den vergangen Jahren das Freizeitangebot kontinuierlich ausgebaut worden. Eisturmklettern, Seilrutschenpark, Fatbike-Touren oder eine Fahrt auf der Olympia-Bobbahn versprechen Nervenkitzel, die Spa-Bereiche in den Unterkünften Ruhe und Entspannung. Das Besondere an „Sublicimes“ ist, dass man während des Events solche Aktivitäten auch direkt auf der Piste erleben kann – gewissermaßen als Drive-in-Angebot, wobei es natürlich empfehlenswert ist, die Ski abzuschnallen und die Skimontur gegen die Badehose zu tauschen, bevor man auf 2.400 Metern Höhe in den Whirlpool springt.

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Wohnen mitten im Skigebiet Verstreut über das Hochplateau liegen die verschiedenen Skistationen, die alle ihren ganz eigenen Charakter haben.

Ein heimeliger Kokon

Zum Abendessen sind wir in einem kleinen Hotel in Plagne 1800 verabredet. Schon der Name spiegelt ein Konzept wider, das im strikten Kontrast zum sonst in La Plagne vorherrschenden Hang zu großen Dimensionen steht. Das im Chalet-Stil gebaute Hôtel Le Cocoon verfügt lediglich über sieben Zimmer und bietet Platz für maximal 18 Gäste. „Es heißt Le Cocoon, weil es klein, warm und gemütlich ist. Wir wollen, dass die Gäste sich wie zu Hause fühlen“, verrät uns Corine ­Michelas. „Und wir haben den Namen gewählt, weil meine Freunde mich Coco nennen.“ Gemeinsam mit ihrem Mann Régis, der für die Küche zuständig ist, führt die 54-jährige Savoyerin das Hotel. Sie ist fest in der Region verwurzelt. Aufgewachsen ist sie in Aime-La-Plagne, wo ihre Eltern ein Hotel, Café und Restaurant hatten. Kennengelernt haben sie und Régis sich vor 30 Jahren hier in La Plagne. Der leidenschaftliche Koch und begeisterte Skifahrer kennt das Gebiet ebenfalls seit Kindheitstagen, weil seine Eltern immer mit ihm zum Skiurlaub hergekommen sind. Mit dem Hotel haben sie sich einen gemeinsamen Traum erfüllt. Gespeist wird heute in einer der beiden finnischen Kotas neben dem Hotel. In der Mitte der Hütte befindet sich eine Feuerstelle, und man sitzt an einem Tisch rund ums Feuer, während der Küchenchef Fleischspezialitäten auf dem Grill brutzelt. Dazu werden savoyische Spezialitäten gereicht. „Wir haben die aus Finnland importierten Hütten vor drei Jahren gekauft, damit Régis mehr Spielraum für seine Ideen hat“, erzählt Corine. Und tatsächlich zeigt dieser sich an diesem Abend nicht nur als leidenschaftlicher Koch, sondern mit seinen ­Anekdoten und Späßen auch als begnadeter Entertainer. Nach dem üppigen Mahl macht dann auch der ­obligatorische Génépi wieder die Runde. Dieses Mal gibt es gleich zwei verschiedene Sorten in einer raffinierten Flaschenkonstruktion, die vom Aussehen her an ein Fernglas erinnert. „Wenn du hier lange genug durchschaust, kannst du nicht nur den Mont Blanc, sondern auch den Kilimandscharo sehen“, scherzt Régis. Während der gemütliche Abend ausklingt, ziehe ich Bilanz: Es sind nicht allein die Zahlen, die etwas über die Qualität eines Skigebiets aussagen. La Plagne habe ich in den vergangenen zwei Tagen als Destination mit vielen verschiedenen Gesichtern erlebt. Dabei hatte ich nicht nur riesigen Spaß auf den weitläufigen Genusspisten, ich habe auch nette Menschen kennengelernt – und zum Schluss sogar meinen ganz persön­lichen Wohlfühlort gefunden.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2017

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