Dolomiten: Salz auf unserer Haut

Ski-Italien hat scheinbar magische Grenzen. Hinterm Brenner streben die Karawanen den Dolomitentälern zu, die letzten Autos biegen ins Fleimstal ab, und dann versiegt der Strom derer mit den Skiträgern am Dach. Aber hinter Egna-Ora geht’s doch weiter, dort wo das echte Italien beginnt: Hoch überm Gardasee – mit viel emozione!

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Text Nicola Förg Bld Nicola Förg, TVB/A. Cuel, Carlo Baroni

Erst mal einen Glühwein! Ein kleines Glas nur von der Spezialrezeptur: Der Wein darin kommt von Weinbergen hoch über Rovereto. Die Äpfel stammen aus dem Val di Non im Trentino, die Orangen aus Sizilien, eine feine all-italienische Rezeptur ist das! „Gut für Frauen, wenn sie ein Baby wollen“, sagt Baffo und rollt mit den Augen. Das vielleicht jetzt gerade nicht, aber skifahren wollen wir. Quasi als Exoten, denn Deutsche kurven und carven hier selten. Baffo heißt eigentlich Fiorenzo und ist ein Original, Skilehrer und Barbetreiber der gleichnamigen Bar an der Talstation in Fondo Grande.

Eine Bar, wie es sich gehört. Mit den Vanillecroissants am Tresen, mit göttlichem Espresso und Cappuccino, mit einem Carabinieri, der Weißwein trinkt und mit Baffo, der uns fast hinaus zerrt und dramatisch die Nase in die Luft reckt. Er schnüffelt. „Riecht ihr das?“ Was sollen wir riechen? „Das Salz, das Salz des Meeres, des großen Meeres!“ Baffo erklärt, dass die Meerluft von der Küste herauf kommt, hier läge ja schließlich das erste markante Hindernis. Der Schnee kommt ebenfalls von Süden, viel Schnee bei den Genua-Tiefs. „Schnee von Süden, die Kälte kommt von Norden. Der Norden ist so kalt“, sagt Baffo und schaut uns prüfend an. Deutschland, ein kaltes Land, uns fehlt offensichtlich einfach die emozione.

Eine Anmutung wie Skandinavien

Doch diese stellen sich dann doch schnell ein, als uns ein erster Lift auf Sommo Alto bringt und sich der Blick auftut, auf das, was Folgaria den Skifahrern zu Füßen legt: schier unendliche bewaldete Weiten. Eine Anmutung wie Skandinavien hat das, keine schroffen Berge. Die stehen im Norden in Form der Dolomiten und erzählen von der Kälte.

Baffo grinst unter seinem gewaltigen Schnauzbart heraus und carvt davon, zurück zur Talstation, um gleich mal mit der „Martinella“ zu punkten, einer feinen Schwarzen, die perfekt präpariert ist. Über der Kuppe liegt Serrada, wo es eine Bar gibt für den Cappuccino. Den magischen Glühwein – das müssen wir hier feststellen – den kann nur Baffo.

Ein ganz großer Vorteil des großzügigen Gebiets ist mit Sicherheit, dass es hier diverse Einstiege gibt, nicht bloß eine Gondel oder eine neuralgische Talabfahrt. Hier führen viele Wege zum Ziel und es geht hügelauf, hügelab bis Costa d’Agra, dem mit 1.850 Metern höchsten Punkt des Gebiets. Irgendwo dazwischen leistet ein Ratrak als Transporter gute Dienste. Er ist heiß geliebt, und wahrscheinlich gibt es niemanden, der wirklich den ersprochenen neuen Anschlusslift wollte. Der Pistenbully mit Glasaufbau ist doch so viel fotogener. In Fiorentini, im Nirgendwo dieser skandinavischen Landschaft ist Ende im Skigelände. Im Jurassik Snowpark übt eine Schulklasse aus Rovereto hohe Sprünge, und an der Bar gibt es den ersten Weißwein. Die Inhaberin gestikuliert und berichtet über die Hochzeit von irgendwem, den Baffo kennt und für einen „idiota“ hält. Was dann folgt, heißt in etwa, dass man sich wundern muss, dass so einer überhaupt eine Frau gefunden hat … Einmal mehr: Pure emozione!

Nun aber alles wieder retour durch diese herrlichen Waldschneisen. Dass eine wunderbare blaue Genusspiste den Namen „Strafexpedition“ trägt, irritiert. Das Gefühl, hier zu carven, ist doch alles andere als eine Strafexpedition. Aber an diesem Ort verlief ein Teil der Frontlinie des 1. Weltkriegs, jenes Irrsinns, in extremen Gebirgslagen unter unwürdigsten Bedingungen Soldaten in den Tod zu schicken. Entweder in den Tod durch feindliche Waffen oder durch Erfrieren. Diese Piste erinnert an die Offensive Österreich-Ungarns am 15. Mai 1916. Sie begann in Folgaria, und setzte sich mit großen Verlusten auf beiden Seiten auf dem Dosso Pioverna und der Spitze der Costa d’Agra fort. Diese Offensive wurde später als „Strafexpedition“ bekannt.

Von den Kaiserjägern zum Trüffel

Es ist ein ungewöhnlicher Umgang mit Geschichte, so mancher bemerkt das Schild gar nicht, aber es sollte doch daran gemahnen, dass hier in diesem hellen, weiten Wintermärchen vor noch gar nicht so langer Zeit junge Männer gnadenlos verheizt wurden. Auch die Piste „Rainer“ wurde nach der Rainer-Truppe, Kaiserjägern aus Salzburg, benannt, die in diesem Gebiet kämpfte. Krieg ist immer Irrsinn, aber hier im undurchdringlichen Gebirge wirkt das ganz noch monströser und bizarrer. Baffo lässt mal die leisen emozione zu. „Gut, dass wir heute anders denken!“ Und weil Essen sowieso verbindet, kehren wir im Stella d’Italia ein, einem alten Schutzhaus aus Stein, wo Unmengen von Pasta und Gnocchi den Pfannen entsteigen.

Es ist natürlich Ehrensache, dass Baffo uns nach Folgaria Centro begleitet. Ein kleines, kompaktes Centro, die Auslagen der Geschäfte sind ein Augenschmaus: Bunte Nudeln, getrocknete Pilze, Trüffel … Wenn die Türen sich öffnen, strömen köstliche Düfte auf den Gehsteig. Die Lokale heißen nicht Seppls Saufbude oder Onkel Karlis Kuhstall. Sie heißen einfach Bar oder Trattoria. Draußen hupen die Autos und verkeilen sich zwischen Schneehaufen. Das ist Italien con emozione! Wie sehr hier die klassischen Italienbilder aufsteigen, zeigt sich am nächsten Tag. Wir wollen den Gardasee erobern, aber durchs winterliche Hintertürchen, von Rovereto aus hinauf auf die Bretonico Hochebene. Hier verlassen im Sommer die Bade-, Bike- und Surfwütigen die rasche Autobahn und quälen sich Richtung Torbole im Kolonnenverkehr. Rovereto kennt jeder nur als Autobahnausfahrt, und die Bretonico Hochebene lassen sie locker links liegen – sommers und winters erst recht. Dabei skischaukelt man hier auf der Hochebene zwischen Polsa und S. Valentino auf 1.250 Metern Ausgangslage ganz trefflich hin und her. Das sind keine Mammutpisten, aber es sind durchaus einige recht knackige schwarze Buckelhänge darunter.

Eine Abfahrt als Zugabe

Und dann kommt’s: Expeditionen ins Gardaseereich. Ein Skibus wartet für „sciare vista lago“. Er überbrückt eine kurze Distanz zu jenem Lift, der „Pra Alpesina“ heißt und hinaufschwebt auf eine steile Klippe. Von der anderen Seite surrt die Gondel auf den Monte Baldo herauf. Sie startet in Malcesine am Ufer. In der zweiten Sektion dreht sich die Gondel um sich selbst, ein 360-Grad-Blick und viele quiekende Menschen. Es hat schon was von einem Kulturschock, wenn die Gondel oben dann italienische Großfamilien ausspuckt und einige Japaner, deren Schuhwerk wohl eher für die Seepromenade gedacht war. Und platsch, da liegen auch schon zweie, deren Ballerinas einfach auf dem Eis nicht halten wollten. Die Damen werden aufgestellt und ins Cafe geführt, die knallbunte Bar Caffè Cime del Baldo tröstet mit Espresso. Der ganze Bau aus Glas und Aluminium ist ganz schön spacig, und wer sich am Blau des Sees satt gesehen hat, kriegt mit der Piste Pra Alpesina auch gleich noch eine knackige Abfahrt als Zugabe.

Der Busfahrer will dann wissen, wie es war. Er murmelt was von Disneyland und wir stimmen mal artig zu. Er ist nämlich stolzer Trentiner und auf der anderen Seite ist ja schon Veneto. Und dann sei der Monte Baldo ja auch gar kein richtiger Berg, sondern bloß ein 30 Kilometer langer Bergrücken ohne so einen richtigen Gipfel. Man plaudert eine Weile, Baffo kennt er auch und richtet Grüße aus – con emozione!<<<

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Hier gibt’s Skifahren mit Seeblick
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Nicht nur das Skifahren ist hier charmant – sondern auch die typisch italienische Umgebung.

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