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Italien: Sellaronda revisited

Die Sellaronda ist der Klassiker aller Skirunden und kann dennoch überraschen. Unser Autor hat sie gemeinsam mit einem Bergführer befahren und einige versteckte Schätze ausgegraben

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Das Val die Fassa bietet spektakuläre Panoramen.

Text und Bild Derk Hoberg

Wir sind schon auf dem Brenner …“. Dieses Lied begleitete die deutsche Fußballnationalmannschaft auf dem Weg zu ihrem WM-Titel 1990 in Italien. Über den Song lässt sich streiten, nicht jedoch darüber, dass auf der anderen Seite des Brenners eine der faszinierendsten Berglandschaften wartet. Schon Meisterarchitekt Le Corbusier schwärmte: „Die Dolomiten sind die schönste natürliche Architektur der Welt.“ Und tatsächlich, landschaftlich sind die Dolomiten mit ihren bizarren, steil aufragenden Kalksteinwänden einzigartig. Doch auch die 1.200 Pistenkilometer des gesamten Skigebietes Dolomiti Superski halten für ambitionierte aber auch für gemütliche Hobby-Skiläufer alles parat, was das Skifahren so einzigartig macht. Gut, wenn man im weitläufigen Gebiet einen kundigen Ratgeber an seiner Seite hat, der aufgrund seines Berufes die besten Tipps auf Lager hat.

Mein Ratgeber für die „Expedition“ rund um die Sellagruppe und hinein in einige der Seitentäler ist der österreichische Bergführer und Extrembergsteiger Stephan Keck. Immer wieder zieht es ihn auf die Achttausender des Himalaja und andere reizvolle Gipfel weltweit. Aber auch in den heimischen Alpen kennt sich der Tiroler bestens aus. In der Wintersaison führt er prominente Kunden wie Robert Kennedy jr. oder Youtube-Chef Salar Kamangar in Südtirol an die Stellen, die nur die wenigsten der Touristen kennen. Mit ihm im UNESCO-Weltnaturerbe Dolomiten unterwegs zu sein, verspricht also mehr als die üblichen überfüllten Pisten und Einkehrschwünge in die bekannten Skihütten.

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Fantastische Aussicht am Sellajoch: die Salei-Hütte.

Eines der Highlights in den Dolomiten ist die in den 1970ern erschlossene, 26 Kilometer lange Sellaronda. Längst ein Klassiker, absolviert ein geübter Skifahrer das Skikarussell in etwa vier Stunden. Mit einem so sportlichen Skifahrer wie Stephan Keck an der Seite wäre es also durchaus möglich, sie zweimal am Tag zu fahren. Allerdings empfiehlt es sich, Zeit mitzubringen und einige Panoramastopps auf der Runde einzulegen. Einfach nur, um den Blick auf die berühmten Bergspitzen der Langkofel-Gruppe, Rosengarten, Civetta und der Sellagruppe zu genießen. Man kann die Runde im (orange Beschilderung) oder gegen (grüne Beschilderung) den Uhrzeigersinn fahren. Anhand ihrer Beschilderung kann man ihr ohne Pistenplan folgen.

Die Region rund um den Sellastock ist von München aus etwa 300 Kilometer entfernt. „Ein entscheidender Vorteil, um dort Urlaub zu machen“, meint Stephan Keck. „Durch die Entfernung zu Deutschland sind hier in Südtirol weit weniger Tagestouristen als bei uns in Tirol unterwegs, auch wenn es während der Hauptsaison durchaus voller werden kann.“

Runde mit Varianten

Der Einstieg in die Sellaronda kann von mehreren Orten erfolgen. Wir entscheiden uns für jenen aus dem Grödnertal, starten vom kleinen Örtchen

Wolkenstein, auf gut 1.500 Metern gelegen. Von dort folgen wir den orangenen Hinweisschildern, bewegen uns also im Uhrzeigersinn. Von der Sellaronda selbst lassen sich übrigens jederzeit Abstecher in die angrenzenden 12 Skigebiete einlegen, die allesamt zum Großraumskipass Dolomiti Superski gehören. Dadurch kommen die gigantischen 1.200 Pistenkilometer zu Stande, die dem Skipass-Besitzer hier zur Verfügung stehen. Auch abseits der Pisten wartet jede Menge Spaß auf Freerider. Das Mittagstal ist nur eine Möglichkeit von vielen, allerdings die wohl imponierendste. Das Val de Mesdi, wie es in der nur noch in dieser Region gesprochenen Ladinischen Sprache heißt, ist über den 2.950 Meter hohen Sass Pordoi zu erreichen. Bis dorthin fährt eine Gondel, deren Bergstation Ausgangspunkt für gleich mehrere Varianten ist. „Bis zum Mittagstal muss man von der Gondel noch einen kurzen Aufstieg absolvieren, und man sollte es zur Mittagszeit befahren. So hat man bei schönem Wetter die Sonne im Rücken und dadurch einen herrlichen Blick ins Tal, bis hinunter in das winzige Örtchen Colfosco, den man ohne den üblichen Pistenrummel genießen kann. Aber Vorsicht“, warnt Stephan Keck, „einige Passagen sind wirklich nur für sehr geübte Skifahrer geeignet.“ Die Bergkulisse des Mittagstales ist so beeindruckend, dass Sylvester Stallone hier sogar einige Szenen für seinen Blockbuster „Cliffhanger“ drehte, und so manches Steilstück hat es dann auch genauso in sich wie der Actionfilm.

Vom Sass Pordoi aus können geübte Skifahrer auch ohne den Aufstieg zum Mittagstal direkt in die Pordoi Scharte einfahren. Diese führt steil zwischen zwei Felstürmen wieder hinunter zum Ausgangspunkt der Seilbahn. Wählt man diese Variante anstelle des Mittagstales, kann man direkt wieder hinauffahren, um die nächste Tiefschneeabfahrt anzugehen. Das Val Lasties führt beispielsweise von dort oben zunächst durch schroffe Bergwelt, im Anschluss durch den Wald, der in den niedrigeren Lagen hier charakteristisch ist. Selbst mit Liftnutzung hat man entlang der Sella-ronda immer wieder die Möglichkeit, Skihochtouren und nicht präparierte Skirouten zu befahren. „Das ganze Gebiet ist davon durchzogen, es gibt mehr Varianten als in vielen anderen Regionen“, weiß Stephan Keck. „Am besten man besorgt sich dafür eine passende Karte, auf der sämtliche Skihochtouren und Variantenabfahrten eingezeichnet sind.“ (siehe Infobox).

Auch der 2011 eröffnete Freeride-Park am Col Margherita und die zahlreichen Off-Piste-Möglichkeiten am Marmolada, mit 3.343 Metern der höchste Berg der Dolomiten, bieten vielfältigen Abenteuerspaß für Fortgeschrittene. Gerade die dortigen Varianten, wie der extrem schmale „Canyon“, sind weit weniger bekannt als Mittagstal und Pordoi Scharte. Einen Ab-stecher von der Sellaronda auf den Gipfel des Marmoladas empfiehlt Stephan Keck auch aus einem weiteren Grund: „Das Panorama vom Marmolada lohnt sich auch für all jene, die die Pisten nicht verlassen wollen. Immerhin hat man von hier aus den wohl besten Blick über das gesamte Gebiet. Und die ansonsten so majestätisch anmutenden Felsformationen wie Langkofel & Co wirken von hier oben sogar eher bescheiden.“

Die Gebirgsjägertour

Die Sellaronda ist nicht die einzige außergewöhnliche Rundtour hier in den Dolomiten. An zwei Stellen, genauer gesagt in Corvara und im Örtchen Arabba, in dem wir auf der Runde inzwischen angelangt sind, überschneiden sich Sellaronda und die historische, 100 Kilometer lange Gebirgsjägertour. Ansinnen der eher unbekannten Tour ist es, vor den Grausamkeiten des Krieges zu mahnen. So stößt man auf der Rundtour immer wieder auf Stellungen aus dem Ersten Weltkrieg. Österreichische Kaiserjäger und deutsche Alpenkorps lieferten den italienischen Alpini hier von 1915 bis 1917 erbitterte Gefechte. Die Gebirgsjägertour selbst führt weitläufig rund um den Col di Lana, zum Teil auch vorbei an den bereits bekannten Gipfeln. „Besonders lohnenswert sind hier die Abfahrt vom Lagazuoi nach Armentarola und die längste Piste der Dolomiten, La Bellunese, von der Punta Rocca über den Gletscher der Marmolada 12 Kilometer hinunter nach Malga Ciapela“, nennt Stephan Keck die Höhepunkte der Gebirgsjägertour.

Kulinarische und andere Höhepunkte

Inzwischen haben wir den Marmolada und Arabba aber hinter uns gelassen und die Mittagszeit ist fast schon vorüber. Da trifft es sich gut, dass wir eine ganz besondere Verabredung zum Mittagessen haben. In unmittelbarer Nähe des Langkofels betreibt Ex-Skirennläufer Peter Runggaldier ein Skileistungszentrum für Kinder und Jugendliche. In einem dreistündigen Kurs können hier auch Erwachsene auf einer abgesteckten Piste mit Zeitmessung ihre Renn-härte testen und per Video-analyse verbessern. Auf dem Weg zur Comici-Hütte, wo wir Runggaldier treffen wollen, berichtet Stephan Keck beinahe beiläufig von einem Kletterunfall hier an der Fünffingerspitze, dem bizarren Mittelgipfel der Langkofel-Gruppe. Vor Jahren stürzte er hier 60 Meter in die Tiefe – zum Glück in ein steil abfallendes Tiefschneefeld, so dass er überlebte. So ist das, wenn man mit Bergsteigern unterwegs ist, da kann so manches Gesprächsthema in der Gondel schon etwas ausgefallener sein.

Neben der Holzschnitztradition und dem Ladinischen Brauchtum ist die Südtiroler Region insbesondere auch für ihre Küche berühmt, die man nicht nur in den Restaurants, sondern längst auch auf den Skihütten genießen kann. Deshalb ist auch Stephan Keck immer wieder mit seinen Kunden in besagter Comici-Hütte zu Gast. Das traditionsreiche Refugium bietet nicht nur kulinarische Leckerbissen, der optische wird frei Haus mitgeliefert: Die Hütte liegt unmittelbar am Fuße des Langkofels, mit herrlichem Blick auf die Sellagruppe. Kulinarisch gesehen kommen vor allem hervorragende Fischgerichte auf den Tisch. Das klingt exotisch für die Bergwelt, allerdings lebt der Bruder des Comici-Wirtes am Meer und organisiert stets frischen Fisch und Meeresfrüchte für die gehobene Küche seines Bruders.

Die Comici-Hütte ist aber nur ein Beispiel von vielen: „Eigentlich kann man in dieser Hinsicht wenig falsch machen hier“, schwärmt Stephan Keck von der Gastfreundschaft und der guten Küche: „Der Wirt einer jeden Hütte wird eine andere in der Umgebung für den nächsten Tag empfehlen. So etwas findet man nur selten im hart konkurrierenden Alpenraum. Diese Kollegialität schafft natürlich Vertrauen beim Gast und sorgt dafür, dass er sich wohlfühlt.“ So wohl, wie wir uns hier mit dem Ex-Rennläufer Runggaldier fühlen, mit dem wir noch ein wenig über den Ski-Weltcupzirkus plaudern, der regelmäßig hier in Gröden zu Gast ist, bevor wir wieder aufbrechen.

Natürlich hat die Region hier noch weitaus mehr zu bieten. Wandern, Eisklettern, Snow Tubing, Langlauf und Rodeln, um nur einige der weiteren Möglichkeiten zu nennen. Jedoch sind wir ausschließlich hier, um die bei unserer Tour bestens präparierten und schneesicheren Pisten so lange wie möglich zu genießen. Bis in den Abend hinein verlieren wir uns noch in den unzähligen Panoramaabfahrten, und die Abendsonne wird dabei zu unserem Begleiter. Und während sie die vormals bleichen Berge langsam entzündet und in einem Naturschauspiel der besonderen Art, der „Enrosadira“, tiefrot aufglühen lässt, wächst in uns die endgültige Gewissheit, in einem der schönsten Skigebiete der Welt unterwegs zu sein. <<<

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Bergführer Stephan Keck begleitete uns auf der Erkundung der Skirunde.

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