Kölsche Jung in Kanada

Kanadas „Oberskilehrer“ kommt aus Köln. Wir haben Norman Kreutz besucht und mit ihm seine drei Geheimtipps Silverstar, Big White und Sun Peaks erkundet

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Text Bernhard Krieger

Das also ist Norman Kreutz! Der Mann, auf den sie in Silverstar so stolz sind. Und offensichtlich zu Recht. Grazil und doch kraftvoll wedelt er den Steilhang zwischen tief verschneiten Bäumen auf uns zu. Sein Bremsschwung wirbelt den legendären „Champagne Powder“ auf. Sanft wie in einer Schneekugel rieselt das weiße Gold British Columbias auf uns nieder. „Hi, I am Norman. Wie isset?“ fragt der kanadische Ski-Gott in breitem Kölner Dialekt mit leicht englischem Einschlag.

„Jot“, antworte ich als echter Kölner reflexartig, frage mich dann aber verwirrt: War das wirklich Kölsch? Hier mitten in den Rocky Mountains, auf halber Strecke zwischen den Olympiastädten Vancouver und Calgary? Und das aus dem Mund eines in ganz Nordamerika bekannten Skilehrers? 14 Jahre lang war Norman Chefausbilder des kanadischen Skilehrerverbands, seit 21 Jahren fährt er im kanadischen Demoteam. Aber tatsächlich: Einer der besten Ski-Fahrer Kanadas ist ein deutscher Flachländer aus Köln!

„In der kanadischen Wildnis muss man halt mit allem rechnen“, schmunzelt Norman, der sich riesig über den Besuch aus der alten Heimat freut. Sein Vater sei im Schatten des Doms geboren, er selbst in Köln groß geworden. Erst als seine Familie 1957 nach Kanada auswanderte, entdeckte er seine große Liebe zum Skisport. Zum Entsetzen seiner Eltern schmiss er dafür sogar die Uni. Aber Norman wollte raus aus sti-ckigen Hörsälen. In den Bergen lernte er schnell und machte als Skilehrer Karriere. „Mein Ski-Nomadenleben aber war auf Dauer schlecht für die Familie“, räumt der 51-Jährige ein. Deshalb suchte der Mann, der praktisch jedes Skigebiet Nordamerikas kennt, nach einem würdigen Platz, um sesshaft zu werden – und landete in Silverstar.

Dorf-Idylle

Ausgerechnet in diesem kleinen Kaff mit bunten Holzhäusern. Die Hauptstraße von Silverstar mit ihren viktorianischen Häusern ist gerade mal ein paar hundert Meter lang. Das Beste an ihr ist, dass man sie mit Ski befahren kann, spotten selbst die Einheimischen. Silverstar hat keinen Glamour wie Banff, kein schrilles Nachtleben à la Whistler und auch kein Riesen-Skigebiet wie Lake Louise. Das Ski-Örtchen am Okanagon-See ist eher verschlafen, dafür aber charmant und viel günstiger als die berühmten Konkurrenten.

Die Vorderseite des Skigebiets mit seinen direkt im Ort endenden Pisten wirkt eher zahm: Familien mit Kindern tummeln sich auf sanft geschwungenen Anfänger-Hängen, Genuss-Skifahrer cruisen auf breiten Pisten quer durch die Wälder. „Aber Silverstar hat zwei Gesichter“, warnt Norman und zeigt uns vom „Summit“-Lift aus seine Spielwiese auf der Rückseite des Berges: „Wir nennen es die Dark Side of the Star“, erzählt der Ski-Direktor des Ressorts. Rund um den Powder Gulch-Lift sind die Pisten schwarz oder gar doppelt schwarz. „Double Black Diamonds“ sind die ultimative Herausforderung in Nordamerika. Normans Lieblingspisten tragen nicht zu Unrecht Namen wie „Free Fall“, „Nirvana“ oder „Paradise“.

Bär im Bett

Alle Versuche, in Normans Windschatten zu bleiben, sind vergeblich. Spätes-tens jetzt ist uns klar, wieso seine „Ski Academy“ Cracks aus ganz Nordamerika anzieht. Nach ein paar Abfahrten brauchen wir dringend neue Energie. Vom nur 1.915 Meter hoch gelegenen Gipfel des Skigebiets geht’s in Kraft sparenden weiten Schwüngen hinunter ins Village, vorbei an der Snowboarder-Halfpipe und den Schanzen der Freestyler. Im „Bugaboos Bakery Café“ warten heiße Suppen, süße Leckereien und Christine.

Vor mehr als 20 Jahren ist die Deutsche mit ihrem Mann nach Kanada ausgewandert und in Silverstar hängen geblieben. „Weil es kein Retortenort ist, sondern ein über 50 Jahre gewachsenes Örtchen“, sagt sie. Auch die Gelassenheit der Kanadier auf den Pisten gefällt ihr: Am Lift wird nicht gedrängelt, auf den Pisten nicht gerast und auf den Hütten weder gesoffen noch gegrölt. Ihren Umzug nach Silverstar hat sie nie bereut, nicht einmal nach dem Schreck mit dem Bären: „Durchs offene Fenster ist der Bär reingeklettert, und als ich ins Schlafzimmer kam, lag er in meinem Bett“, erzählt Christine.

Aber keine Sorge. Während der Ski-Saison halten die Bären Winterschlaf. Gefährlich sind für Skifahrer in den Wäldern dann allenfalls Kollisionen mit Bäumen. Anders als in Europa darf man in Kanada die Pisten verlassen und innerhalb der Skigebietsgrenzen überall fahren. Und das lockt viele ins Gelände, zumal es sich im trockenen Pulverschnee viel leichter fahren lässt. Durchschnittlich sieben Meter Schnee fallen in Silverstar pro Jahr. Und die tro-ckene Kälte hält ihn lange frisch. „So findet man auch Tage nach dem letzten Schneefall noch wunderschöne Tiefschneehänge, vor allem in den Wäldern“, verrät Norman.

Schwesterresort Big White

Wem die von 12 Liften erschlossenen 112 Pisten oder das wahrlich überschaubare Nightlife in Silverstar nicht reichen, macht einen Abstecher ins Schwesterresort Big White zu den berühmten „Snow Ghosts“, den von Schnee verkrusteten Bäumen rund um den „Falcon-Lift“. Big White ist gerade mal zwei Stunden Busfahrt entfernt – für kanadische Verhältnisse also praktisch um die Ecke. Und der Ausflug lohnt, zumal der Skipass für beide Re-sorts gültig ist.

Wie Silverstar ist auch Big White einer dieser unprätentiösen „Ski in – Ski out“-Orte, in denen die Lifte im Ort starten und die Pisten vor der Haustüre enden. Auch Sun Peaks ist so gebaut. Das rund vier Autostunden von Silverstar entfernte Ski-Resort ist die neue Heimat von Nancy Green. „Kanadas Rosie Mittermaier“ schwärmt von den „unzähligen Varianten-Abfahrten und dem charmanten Dorf, in dem man auf Skiern durch die Fußgängerzone zum Lift gleitet“.

In Silverstar peilen wir nun auch so langsam die Main Street an. Nach mehr als einem Dutzend tiefschwarzer Abfahrten hat selbst Norman für heute genug: „Jot jemaat!“, lobt er seine völlig entkräfteten Mitfahrer in seinem englisch gefärbten Kölsch und lädt alle in den Long John Pub ein. „Da brennt der Kamin und es gibt ein ordentliches Bier, wenn auch leider kein Kölsch!“, sagt Norman – und grinst. <<<

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Typisch Nordamerika: Wenige Lifte erschließen viele Abfahrtsmöglichkeiten.
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