Biergarten oder Piste?

Ist es fanatisch schon im Herbst winterliche Regionen aufzusuchen? Ist es sinnvoll verregnete Sommermonate noch mehr zu verkürzen? Ist es Trainingswille seine Skimuskulatur frühzeitig zu aktivieren? Oder ist es elitär, ins Hochgebirge zu fahren während andere sich im Stadtpark lediglich die Beine vertreten? Wie auch immer: Es macht verdammt viel Spaß!

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Text und Bild Franz Faltermaier

Bleiern liegt dichter Nebel über den Häusern. An diesem düsteren Novembersamstag lockt es nicht einmal Hundegassigeher aus ihren vier Wänden. Das wabernde Nass taucht die Landschaft in monotones Grau. Nachbarhäuser sind nur schemenhafte Umrisse im Scherenschnitt der Natur. Lediglich ein knallgelber Transporter ist als Farbe wahrzunehmen. Das Motorengeräusch dringt gedämpft durch meine Wohnzimmerscheibe. Doch für all das habe ich momentan kein Auge. Es ist kurz nach sieben und ich starre angespannt auf meinen Fernseher. Ein Potpourri von Alpenpanoramen huscht im Stakkato über den Bildschirm. Gestern versprach der Nachrichtensprecher: „Nach Auflösung von morgendlichen Nebelfeldern ein sonniger Tag.“ Deshalb rasselte bereits um sechs Uhr mein Wecker. Angesichts dieses depressiven Szenarios fiel es mir dann aber schwer, mich aufzuraffen. Wird denn der „Nebel des Grauens“ verschwinden? Wird er der Sonne zum Opfer fallen und soll es tatsächlich die ungewöhnlich warmen fünfzehn Grad erreichen?

Voraussehenderweise plante ich mit Kumpel Thomas den ersten Skiausflug dieser Saison. Sonne, Vitamin D, dunkle Brillen, Cremes mit Lichtschutzfaktor war die Devise. Rauf in Höhen, welche vom Nebel verschont bleiben. Eine Biketour wäre die Alternative. Als Höhepunkt ein Besuch in einem gemütlichen Biergarten. Wohl für dieses Jahr die letzte Möglichkeit. Auch nicht schlecht! Doch die Fernsehbilder bekräftigen unseren Entschluss. Unter 1.500 Metern Meereshöhe: Grigio, darüber: Azzuro!

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Überraschung: Wir sind nicht allein!

Wer weiß, ob es im Flachland überhaupt aufreißen wird. Kein Risiko eingehen. Die Skiklamotten wurden schon am Vortag gepackt und ab geht es ins Stubaital. Vergangene Niederschläge, über 2.000 Meter als Schnee, beglückte laut Internet diese Region am großzügigsten.

Auf der Autobahn freuen wir uns: zur Hochsaison müssten wir uns hinter tausenden von Skitouristen einreihen. Heute verraten nur vereinzelt montierte Autodachboxen Gleichgesinnte. Und für den gewöhnlichen Ausflügler ist es doch noch zu früh am Tag. Schon flimmert stroboskopartig der Gletscherparkplatz durch die Tunnelfenster hindurch. Wir hören noch die verständnislosen Argumente unserer Freunde: „Jetzt schon Schnee? Ach, steck mal weg. Ich genieße noch einen goldenen Herbst!“ Oder: „Winter ist es noch lang genug, den brauch ich jetzt noch nicht!“ Daher fühlten wir uns sicher, dass wir wohl zu den wenigen Verrückten gehören, die sich jetzt schon in schwere Schnallenschuhe pressen. Weit gefehlt! Die

ersten zwei Parkplätze sind schon dicht und wir haben es erst acht Uhr dreißig. Wir sind noch nicht richtig ausgestiegen, da ist auch unserer fast voll. Zu Fuß zu weit zur Talstation. Der Pendelbus soll uns shutteln. Bei der Auffahrt wieder die typische Hierarchie, welche an Parkplätzen von Gletschergebieten herrscht: Zuerst unzählige Touristen-Pkws. Dann die verschiedenen Busse von Skischulen und Reiseunternehmen aus aller Welt. Schließlich der „Skiadel.“ Bestehend aus Abfahrtsläufern, Funktionären, Teamfahrern und Profis, erkennbar an den zahlreichen Skisport-Aufklebern an den Karossen. Klar! Die Gletscher sind momentan die einzige Möglichkeit für den weißen Sport. Somit konzentriert sich alles auf diese. Immerhin geht es zügig durch die Engpässe der Liftanlagen, und in der knallroten Gondel findet sich sogar ein Sitzplatz. Schon unten erfreuten uns einige schüchterne Sonnenstrahlen. Doch jetzt, nach wenigen hundert Höhenmetern Auffahrt, lässt uns das gleißende Licht nach unseren Sonnenbrillen kramen.

Unten grau, oben weiß

Endlich im Freien, überraschen uns angenehme Temperaturen in gefühlten Plusgraden. Freilich beim erreichen der 3.000-Meter-Marke mithilfe des Sesselliftes bläst uns ein unangenehm kühler Ostwind um die Ohren. Am liebsten würde ich die Glaskuppel schließen, will aber kein Weichei sein. Reißverschluss bis zum Hals zu muss auch genügen. Am Grat erwartet uns eine herrliche Aussicht bis nach Italien. Die Dolomiten sind jedoch nicht sichtbar. Auch die südlichen Regionen liegen unter einer dichten Nebeldecke, und im Norden sieht es so aus, als wäre der Föhn mittlerweile zusammengebrochen. Mit anderen Worten: Wir befinden uns quasi in einer Wetterschere. Uns soll es recht sein. Was in vergangenen Tagen im Flachland als Regen fiel, beschenkte die Höhenregionen mit dem ersehnten Weiß. In den Sommermonaten liefert einem der Anblick eines Gletschers mittlerweile ein eher beängstigendes Bild. Zu weit ist das ewige Eis zurückgewichen. Wie viele Jahre wird dieses noch bestehen? Gute dreißig Zentimeter Neuschnee überdecken diese Beweise zumindest kosmetisch.

Pulvern, so lange es noch geht

Doch endlich zur Praxis. Nach einer kurzen Flachpassage geht es vorbei an der neuen Jochdohlenhütte hinab Richtung Schaufelnieder. Das Zuckerhüttl im Augenwinkel probieren wir die ersten Schwünge. Es funktioniert. Nach anfänglich zaghaften Carvern werden wir mutiger. Von selbst geht es schneller und schneller. Im Nu sind wir angekommen an der kleinen Talstation des Schleppliftes. „Gleich noch mal!“, ermuntert mich Thomas. „Klar, bevor die anderen Skifahrer mitbekommen, dass es hier auch noch ein Skigebiet gibt, sind wir schon ein paar Mal gefahren“, kontere ich. Gerade Stubaineulinge wissen nicht, dass südlich vom Gletschergebiet noch ein Ski-areal inklusive Funpark existiert. Wir finden sogar noch unberührten Pulverschnee rechterhand der Pis-te. Schnell werden wir von anderen Skifahrern entdeckt und nach einer Stunde ist der Hang verspurt. Macht nichts. Durch die intensive Sonneneinstrahlung auf dieser Seite wird der Schnee schon langsam weich und zäh. Somit fahren wir wieder zurück zur Jochdohlenhütte. Weiter nach einer Liftschaukel zu dem nördlich gelegenen Daunenhang. Hier teilen wir uns mit „Stangerlfahrern“ eine wunderschöne, nicht enden wollende Carvingpiste. Wäre nicht linkerhand ein Tiefschneegelände, würde es glatt zu Drängeleien kommen. Fast ebenso viele Skifahrer biegen dorthin ab, um sich mehr oder weniger erfolgreich im Tiefschnee zu versuchen. Durch den Bau des Daunschartenliftes ist dieser Hang mittlerweile weitgehend erschlossen, aber es gibt immer noch ein paar Möglichkeiten, neben der Piste Variantenfahrer zu bedienen. Mir persönlich gefiel es vorher besser. Ich stapfe gerne hie und da ein paar Minuten, um mich dann im ursprünglichen Gelände zu bewegen. Dies gibt mir ein „Tourenski-Feeling“. Der Trend geht auch dahin, und ich finde, die Liftbetreiber sollten dies bedenken und nicht jeden Meter bewalzen und erschließen.

Nur nicht übertreiben

Vom höchsten Punkt der Daunscharte bis hinab zum Gamsgarten ohne Pause zu fahren ist eine Herausforderung. Noch besser wäre, weiter zur Dresdner Hütte, welche sich unweit der Mittelstation auf 2.300 Metern befindet. Heute wollen wir es bei ersterem belassen. Ist schließlich Saisonbeginn, und wir spüren es schon gewaltig in den Oberschenkeln. Immerhin ein gutes Training, welches uns helfen wird, wenn der Winter kommt. Reges Treiben herrscht rund um die Bergstation der Gondel. Fast städtische Gefühle kommen auf. Restaurants, Sportgeschäfte, Erfrischungsräume sorgen für ein hektisches Durcheinander. Über mehrere Etagen verteilen sich die Versorgungsanstalten für müde und hungrige Wintersportler. Wir finden noch einen schönen Tisch auf der Sonnenterrasse. Immerhin: Biergarten haben wir hier auch. Nur mit einer besseren Aussicht und Sonnenbräune garantiert. Vielleicht sollten wir uns noch eine Nacht in einer gemütlichen Pension einbuchen? Zimmer bekommt man zu dieser Jahreszeit immerhin auch leichter. <<<

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