St. Moritz: Einsichten und Aussichten

St. Moritz im Schweizer Engadin ist nicht nur ein High Society-Dorado, sondern auch ein Abenteuerspielplatz: In unserer letzten Ausgabe schilderten wir Ihnen das Erlebnis einer Mondschein-Abfahrt die Diavolezza hinab. Und in der jetzigen Ausgabe nun: Sonnen-Skifahren auf dem fabelhaften Morteratschgletscher – eine Sightseeing-Tour, die ihresgleichen sucht

neuer_name

TEXT JUPP SUTTNER Bild Jupp Suttner, Arne Olsen

Unser Bergführer ist 63 und heißt Werner – doch wir nennen ihn nur Luis. Weil er dem großen Südtiroler Vorbild, dem Urahn aller Bergführer, so sehr ähnelt.

Trenkerischer als der Werner kann man nicht aussehen. Nun gut, vielleicht liegt’s ja auch einfach am Hut. Vielleicht sieht mit einem Trenker-Hut jeder aus wie der einstige Luis. Der Werner jedenfalls ganz gewiss.

„Überall“, sagt Werner und starrt in sein Rotweinglas, „schmelzen die Gletscher. Von Grönland bis hier.“ Hier – das ist das Engadin. St. Moritz und Umgebung. Die Wiege des Winter-Tourismus, seit im September 1864 der Hotelier Johannes Badrutt mit vier britischen Sommer-Urlaubern wettete, dass es ihnen auch zur kalten Jahreszeit in dieser Gegend

gefallen würde, sie sollten es doch nur einmal probieren. Bei Nichtgefallen übernehme er die Reisekosten ab London und zurück. (Sie blieben dann von Weihnachten bis Ostern und begründeten damit den Winter-Ruf von „Moritz“, wie es in Deutschland ohne das „Sankt“ immer genannt wird, was die Schweizer übrigens zur Weißglut treibt, aber das ist ein völlig anderes Kapitel, für welches wir heute keine Zeit haben, denn heute geht es um wirklich Wichtigeres: um eben die Gletscher.)

„Ach ja“, sagt der Werner, „Die Gletscher! Da kommen die Leute aus der ganzen Welt zu uns und schauen sie an und stöhnen ‚Der arme, arme Gletscher!’. Da sage ich dann immer nur: ‚Gib mir Deinen Autoschlüssel und ich werf’ ihn in die nächste Spalte – vielleicht hilft’s!’. Dann schauen sie immer ganz komisch …“

Natürlich würde der Werner den Schlüssel niemals in eine Gletscherspalte feuern, denn das wäre ja eine tatsächliche Naturschädigung. Und in den Morteratschgletscher, zu dessen Füßen wir jetzt gerade in einem Wirtshaus sitzen, würde er als Allerletztes was werfen, denn: Der Morteratsch ist sein ganz großer Liebling. Auf dem Morteratsch ist der Werner bereits seit 37 Jahren unterwegs. Er kennt ihn wahrscheinlich besser als seine Anoraktasche.

Werner ist nicht nur Bergführer, sondern auch Künstler. Er malt Landschaften und jedes Jahr werden im In- und Ausland seine Bilder ausgestellt. Heute wäre übrigens ein guter Mal-Tag: Halbdramatische Wolken, aus denen zwischendurch immer wieder die Sonne hervorbricht. Momentan den Morteratsch zu interpretieren, wäre ein prima Vorhaben. Vor allem weil er gerade genügend Weiß aufweist. Das war und ist nicht immer so. Denn natürlich schmilzt auch der Morteratsch. Und irgendwann wird es vielleicht selbst diesen Riesen nicht mehr geben. Deshalb: Besuchen Sie ihn, so lange er noch lebt! Egal, ob zum Malen oder Begehen oder Befahren. Auf Ski.

neuer_name
Das umliegende Berg-Panorama zeigt sich eisig und wild.

Einfahren auf der Diavolezza

Wir also haben ihn heute befahren. Mit dem Werner und seiner Pfeife vorne dran. Der Werner fährt immer mit Pfeife. „Im Himalaya habe ich sie bis auf Siebentausend Meter hinauf geraucht“. Die australische Expeditions-Team-Ärztin hatte ihm zwar das gute Stück und den Tabak weg genommen. „Aber sie wusste nicht, dass ich eine zweite Garnitur dabei habe.“

Jedenfalls sind wir hinter Werner in die Diavolezza-Seilbahn gestiegen. Sind vormittags die Pisten dort hinabgezischt – großzügig breite Hänge, rote Mittelschwer-Genüsse, die zum Carven geradezu einladen. (Zumal auf der Diavolezza meist ziemlich wenig Menschen unterwegs sind). Zum Einfahren gewissermaßen. Doch später dann, als die Morgen-Härte des Untergrunds gewichen und es wunderbar weich geworden war, hatten wir via Persgletscher den Morteratsch in Angriff genommen.

Rein technisch betrachtet ist das eine etwa zehn Kilometer lange Ski-Route, die nicht präpariert, aber kontrolliert wird. Befahrbar offiziell nur möglich, wenn es gefahrlos erscheint (was das im Gebirge auch immer heißt). Der Run ist nur bei gutem Schnee und guter Sicht offen. Grundsätzlich jedoch: Auf eigene Gefahr. Schon wegen der tückischen Spalten, in die man (samt Autoschlüssel) fallen kann. Wobei es innerhalb des „Korridors“, also innerhalb der Absperrungs-Stangen, ziemlich sicher und auch ohne Guide eine Befahrung möglich ist. Doch was, wenn plötzlich Nebel aufzieht und die Grenzen des Korridors, die Stangen, nicht mehr erkennbar sind? „Manche gehen dann einfach einer Spur nach“, so Werner. „Und das ist Selbstmord.“

„Der Morteratschgletscher (rätoromanisch Glatscher dal Morteratsch oder Vadret da Morteratsch)“, heißt es bei Wikipedia, „ist ein Alpen-Gletscher in der Berninagruppe im Kanton Graubünden in der Schweiz. Zusammen mit dem Persgletscher ist er mit einem Volumen von rund 1,2 Kubik-kilometern der volumenstärkste Gletscher der Ostalpen. Seit Beginn der systema-tischen Beobachtungen im Jahr 1878 hat der Gletscher 2,2 Kilometer an Länge eingebüsst, er ist heute noch rund 6,4 Kilometer lang und damit der drittlängste Gletscher der Ostalpen, nach Pasterze und Gepatschferner in den österreichischen Alpen.“

Rein skifahrerisch betrachtet ist der Morteratsch keine wirkliche Offenbarung. Das heißt: Er wäre es natürlich, sogar eine grandiose. Bei Neuschnee und jungfräulichem Gelände. Doch kaum schneit es, herrscht absoluter Powder-Alarm in der Region und alle Tiefschnee-Freaks stürzen sich auf und in den Morteratsch. Was am berühmten Ende des Tages übrig bleibt, ist eine Buckelpiste: das Höchste für jene, die „Bumps“ lieben – die Hölle für jene, die sie hassen.

Legendäres Blau

Für alle gemeinsam jedoch ein Paradies – was die Kulisse betrifft. Wer einmal in seinem Leben in völliger Ruhe das legendäre Blau eines Gletschers live erleben will: Wir wüssten keine bessere Gelegen- und Gegebenheit im gesamten Alpenraum als eben den Morteratsch. Ausgesprochen wichtig dabei: „Zeit lassen!“ Denken uns nicht nur wir, sondern rät auch Werner: „Am Morteratsch ist der Weg das Ziel!“ Weshalb er auch heute zwischendrin immer wieder stehen bleibt und Skizzen in seinen Block wirft. Während wir wiederum unsere Chips digital mit Fotos füllen.

Irgendwann erzählt uns Werner die Sage von der reichen Bauerstochter Annetta, die sich in den armen Viehhüter Aratsch verliebt hatte – was jedoch den Eltern des Mädchens ein Dorn im Auge gewesen sei. Das Verbot der Beziehung würde erst aufgehoben, wenn der Aratsch zu Reichtum käme. Weshalb er ins Ausland zog, um Soldat zu werden, was aber wenig nützte, da Annetta vor Kummer starb. Der Zurückkehrende ließ nun voller Zorn und Gram sein Pferd in ein Gletscherloch springen, was wiederum den umherirrenden Geist des Mädchens für immer hierher führte und klagen ließ: „Mort Aratsch!“ – Aratsch ist tot. An so etwas Tragisches denkt der harmlose Tourist, wie unsereins, natürlich nicht, wenn er voller Glück schwärmend das Wort „Morteratsch“ ausspricht, nicht den blassesten Schimmer besitzend, was für eine fast schon halb griechisch, halb pilchersche Tragödie der Entstehung zu Grunde liegt. Der absolute Höhepunkt des Sightseeing-Skiings steigt ganz zum Schluss, am Ende der Abfahrt: das so genannte „Gletschertor“. Dies ist zwar keine Morteratsch-Spezialität, denn jeder Gletscher auf der Welt besitzt ein solches. Doch selten findet man ein derart spektakuläres wie eben hier. Es liegt auf 2.060 Metern Höhe und bildet gewissermaßen das Ende der Gletscherzunge, den „Ausgang“, durch den das Schmelzwasser abfließt. Experten nennen dies die „Gletschermilch“. Ihr Anblick: faszinierend. Das gesamte Tor: geheimnisvoll, betörend, bizarr, archaisch.

Hier, an dieser Stelle, treffen wir von oben herab Fahrenden auf eine stattliche Menge anderer Menschen. Jene, die auf ziemlich sanfte, unsteile Art in etwa 30 bis 50 Minuten von der Bahnstation unten zu Fuß nach oben gelangten: Schneeschuh-Stapfer, Winter-Wanderer, Skilangläufer – sowie natürlich reine Pistenskifahrer(innen), welche sich die Gletscherabfahrt mit ihren Buckeln nicht zutrauen, das ewige Morteratsch-Eis jedoch dennoch einmal gesehen haben wollen.

Schampus oder Gletschermilch?

Ein tatsächlich fabelhaftes Erlebnis, dieser heutige Tag. Den wir nun mit Werner gemächlich ausklingen lassen. Und in dessen Verlauf wir nach der zweiten Flasche Roten schwören: Beim nächsten Mal machen wir es wie die Engländer von 1864: Bleiben wir doch drei Monate lang hier! Um dann garantiert dabei zu sein – wenn für den Morteratsch Powder-Alarm gegeben wird.

Und natürlich phantasieren wir auch darüber, wie wir am Abend jenes Morteratsch-Powder-Tages dann feiern werden: In irgendeinem der St. Moritzer Nobelschuppen selbst-verständlich. Mit Champagner logischerweise. Dem unzweifelhaft teuersten von allen. Und wie wir dann erkennen werden, dass die Edel-Brause im Grunde doch ein wahres Nichts ist – gegen Gletschermilch. <<

neuer_name
Der Gletscher verfügt über ein Höhlensystem mit diversen Ein- und Ausgängen. Betreten werden sollte es heute jedoch nicht mehr – 2009 war es noch möglich und erlaubt.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat

Events

21.11 – 28.11.2020
SkiMAGAZIN Skitestwoche in Sulden