Die Alpen Asiens

Kaum ist Sotchi Vergangenheit, da blickt die Wintersportwelt voller Fragen auf den nächsten Olympischen Problemfall. 2018 geht es nach Pyeongchang in Südkorea. Wir haben uns die Destination bereits einmal angesehen. Fazit vorab: Ein Besuch in Koreas olympischem Skigebiet ist irgendwie anders und doch lohnenswert

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© TVB

Die erste schmerzhafte Lektion lerne ich gleich in der ersten Nacht: „Niemals ein Zimmer zur Skipiste nehmen“, hatte mich ein Kollege vor dem „Dragon Valley Hotel“ im YongPyong Resort gewarnt. Kann ja auch keiner wissen, dass die Koreaner das Nachtskifahren wörtlich nehmen. Da, wo in europäischen Skiorten schon längst der Après-Rausch ausgeschlafen wird, steht der Koreaner noch stundenlang auf der Piste. Begleitet von lauter Musik Marke Gangnam Style, laufen die Lifte in Koreas größtem Skigebiet nämlich tatsächlich bis 2:30 Uhr nachts. Auf taghell erleuchteten Pisten rasen Menschen, die um 18 Uhr noch im 215 Kilometer entfernten Seoul im Büro gesessen haben, hinunter zur Talstation.

Gut möglich, dass hier 2018 die angehenden Olympiasieger vor ihren Rennen mitten in der Nacht unter Flutlicht trainieren werden. YongPyong ist der Austragungsort für Slalom und Riesenslalom. Hat man dann gegen halb drei in der Nacht mühsam in den Schlaf gefunden, folgt der nächste Schock schon morgens vor acht.

Dort, wo vor ein paar Stunden noch gepflügt und gecarvt wurde, turnen dutzende Skilehrer mit rudernden Armen im Kreis. Mit Aufwärmübungen, die an die Fernsehskigymnastik von Christian und Rosi aus den 70er Jahren erinnern, bereitet sich die Skischule auf ihre Kurse vor. Jede Übung wird von lautem Rufen und Klatschen begleitet.

Mit ernster Miene folgen alle den Übungen des Vorturners. Auf den Pisten herrscht vor allem an den Wochenenden schon früh morgens Riesengedränge. Koreas ältestes und wichtigstes Skigebiet ist über eine neue Autobahn in weniger als drei Stunden von der Hauptstadt Seoul zu erreichen. Bereits 1975 wurde hier der erste Skilift Koreas eröffnet. Auf 700 Metern Höhe, die laut koreanischer Ansicht besonders glücklich machen soll, wurde eine moderne Skistation im Lodge-Stil errichtet. Alle Appartments und Hotels liegen in unmittelbarer Pistennähe. Vom Bett an den Lift dauert es kaum länger als zehn Minuten.

Der erste Anlaufpunkt für alle Skifahrer ist das Skihouse. Ein gewaltiges Gebäude, das mit geschwungenen Pagodendächern eine gewagte Mischung von mächtiger Rocky- Mountain- Architektur und asiatischer Feinheit bietet. Im Inneren geht es zu wie im Ameisenbau. In langen Schlangen reihen sich die Koreaner beim Skiverleih auf. Von oben blickt man auf schier unendliche Reihen gelber Helme. Trotz des scheinbaren Chaos arbeiten die Mitarbeiter effizient und schnell. In längstens 15 Minuten hat jeder seine Ausrüstung. Größe und Gewicht werden geschätzt. Passt der Stiefel in die Bindung darf man gehen. Das Material ist bei den großen Shops nach europäischen Maßstäben allerdings eher eine Katastrophe. Wachs und Kantenschleifgerät gehören wohl nicht zur Grundausstattung eines koreanischen Skiverleihs.

Ansonsten sind die koreanischen Liftbetreiber extrem serviceorientiert. Jeder Gast wird mit asiatischer Höflichkeit per Verbeugung stilecht begrüßt. Trotz der Menschenmengen ist von europäischer Liftschlangenaggressivität nichts zu spüren. Bei Gondelfahrten werden einem die Ski abgenommen und von den Gondel-mitarbeitern eingestellt.

Koreanische Farbenlehre

Vor der Tür des Skihouse treffe ich Katharina Collishaw. Schwäbin mit kanadischem Ehemann. Sie ist eine von wenigen nicht-koreanischen Skilehrern in der Skischule von YongPyong. Der erste Kontakt mit dem koreanischen Schnee ist erstaunlich positiv. Bei Temperaturen um -3 Grad rutscht es sich nicht schlechter als am Arlberg. Auch die Liftanlagen sind recht modern und schaufeln die Skifahrer bei einem Skipass-Preis von rund 50 Euro zügig auf die Berge.

Die 31 Skipisten von YongPyong können sich durchaus mit europäischen Familienskigebieten vergleichen. Auch hier gibt es drei Schwierigkeitsstufen. Grün markiert die leichten, blau die mittleren und schwarz die schweren Abfahrten. Die meisten der 18 Pisten in YongPyong sind nach alpinen Maßstäben jedoch eher einfach. Vor besonders steilen Abfahrten warnen zwei schwarze Diamanten. Um die Orientierung zu erleichtern, sind die Pisten und die dazu gehörenden Berge nach Farben geordnet. Rund um den 1.127 Meter hohen Gold Peak heißen die Pisten Gold, New Gold, Gold Valley und Gold Fantastic. Echt goldig! Und weil es so einfach ist, wiederholt sich das ganze am Red (960 Meter) und Silver Peak (1.049 Meter).

Die Pisten sind bestens präparierte autobahnbreite Schneisen, die man mit der Motorsäge in die bis oben bewaldeten Berge geschlagen hat. Obwohl es in YongPyong bei einer durchschnittlichen Jahrestemperatur von sieben Grad im Winter ordentlich schneit, verfügt jede Piste über gewaltige Beschneiungsanlagen. Dicke Kunstschneeauflagen lassen keine Steine durchkommen. Das Weiß ist gut und griffig. Hat man trotzdem Probleme, dann liegt es vor allem an den ungewachsten und kantenlosen Leihskiern.

Der Ritt auf dem Drachen

Höhepunkt eines Besuchs in YongPyong ist die Fahrt auf den 1.438 Meter hohen Dragon Peak. Vom Gipfel aus hat man einen großartigen Blick auf das komplette Taebaek Gebirge, zu dem auch der Dragon Peak gehört. Die bis oben bewaldeten Berge erinnern mit ihren sanften Hügeln und Kuppen eher an den Schwarzwald als an die Alpen. Schaut man vom Dragon Peak steil nach unten, dann sieht man auf Alpensia, das Zentrum der Olympischen Spiele. Weniger als 7 Kilometer entfernt thront dort die gewaltige Olympiaschanze auf einem Hügel.

An der Spitze des Dragon Peak beginnen die olympischen Pisten. Auf Rainbow I-IV werden 2018 die Slalom- und Riesenslalommedaillen vergeben. Vor allem die 1.630 Meter lange Rainbow I und die kürzere aber steilere Rainbow II versprechen anspruchsvolle Wettbewerbe. Für Skilehrerin Katharina ist das der Rückzugsort, wenn sie eine skifahrerische Herausforderung sucht. Da viele Koreaner von den steilen Hängen offenbar überfordert sind, herrscht hier auch deutlich weniger Gedränge. Will man ins Tal abfahren, dann muss man wieder zurück auf den Dragon Peak. Dort startet Koreas längste Abfahrt „Rainbow Paradise“. Vorher lohnt sich aber eine Einkehr in die Bergstation der Rainbow Gondel.

Kimchi statt Kaiserschmarrn

Statt Kaiserschmarrn, Spaghetti und Pommes gibt’s hier feinste koreanische Küche. Katharina rät zum koreanischen Nationalgericht Bibimbap. Dabei wird eine Mischung aus verschiedenen Gemüsen, Rindfleisch, Ei und Chillipaste in einem glühenden Steinpott auf Reis angerichtet.

Vermischt erinnert Bibimbap an die koreanische Version von Tiroler Gröstl. Dazu gibt es Kimchi, ein vergorener Kohl mit viel Chilli und Knoblauch, der in Korea zu jeder Mahlzeit gegessen wird. Nach dem Essen wagen wir uns auf die „Streif Südkoreas“, wie Katharina die 5,6 Kilometer lange Rainbow Paradise nennt. Das habe aber „nichts mit dem Gefälle zu tun, sondern mit der Tatsache, dass jeder Koreaner, der in die Skischule kommt, davon träumt, einmal dort hinunter zu fahren“, verrät die Skilehrerin. Die blauen Schilder weisen die Abfahrt als mittel-schwere Piste aus, was bei einem Gefälle von 700 Höhenmetern auf fast 6 Kilometer Länge leicht übertrieben wirkt. Trotzdem hat die Piste Schwierigkeiten der besonderen Art. Wie sich bewegende Kippstangen kreuzen tausende Skifahrer die Piste auf ihrer ganzen Breite. Unkontrolliert werden Spuren gewechselt. Wer müde ist, steht in größeren Gruppen mitten in der Abfahrt. „Augen zu und durch“, erklärt mir Katharina die beste Taktik, heil unten anzukommen. Um mich herum finden sich sämtliche Varianten des gesamten Farbspektrums. Vor allem koreanische Männer mögen es bei den Skianzügen grell und bunt. „Ein rosa Skianzug an einem Mann sagt nichts über dessen sexuelle Orientierung aus“, lacht Katharina, während Sie unentwegt versucht, Kollisionen zu vermeiden.

Auf zum Olympia-Zentrum

Am zweiten Tag meiner kleinen koreanischen Skisafari steht Alpensia auf dem Programm. Die Orte sind untereinander durch ein Busshuttle-netz innerhalb von zehn Minuten zu erreichen. Alpensia wird 2018 das sportliche Zentrum der Spiele sein. Hier werden die Medaillen im Eiskanal, Biathlon, Langlauf und Skispringen vergeben. Alpensia schaut so aus, als ob die Olympischen Spiele schon morgen beginnen könnten. Mit Milliardenaufwand hat man in wenigen Jahren einen künstlichen Ort gebaut, der künftig das Zentrum des koreanischen Wintersports sein soll. Selbst der Name ist ein Kunstprojekt. Alpensia ist eine Kombination aus dem deutschen Wort Alpen, Asia und Fantasia – wirbt die Homepage des Retortenortes. Am Reißbrett entworfene amerikanische Skiresorts standen bei der Errichtung von Alpensia offenbar Pate. Zentrum des Ortes ist eine kleine Fußgängerzone, um die sich riesige Apartmentbauten, ein Kongresszentrum und mehrere Hotels gruppieren. Es wirkt aufgeräumt und trotz der Größe sehr gemütlich, die Gebäude sind durchweg modern und mit viel Holz gebaut. Das dortige Skihouse wirkt deutlich moderner als in YongPyong. Auch die Ski sehen neu und gut gepflegt aus.

In Alpensia werden 2018 Athleten, Journalisten und vor allem die Funktionäre wohnen. Bestes Haus am Platz: Das Intercontinental Hotel, in dem selbstredend das IOC während seiner bisherigen Besuche abgestiegen ist. Weniger attraktiv als das Dorf ist das 2009 aus dem Boden gestampfte Skigebiet, das mitten im Ort beginnt. Vier moderne Lifte erschließen sechs Pisten auf Anfängerniveau. Damit sich niemand verfährt, sind die Runs nach dem Funkalphabet benannt. Das ist allerdings egal, denn für einen geübten Skifahrer macht es keinen Unterschied ob er auf Alpha, Bravo, Charlie oder Delta cruist. Die Abfahrten überwinden bei einer maximalen Länge von 1,2 Kilometern rund 190 Höhenmeter. Vorteil von Alpensia gegenüber YongPyong: Das Mini-Skigebiet ist leer und bietet unendlich viel Platz für weite Kurven auf glatt gebügelten Pisten mit dicker Kunstschneeauflage.

Licht an!

Wer in Alpensia wohnt, darf auf gar keinen Fall das Nachtskifahren verpassen. Auf für den Abend frisch gewalzten Hängen lässt es sich bis 22 Uhr entspannt carven. Zwischendrin bieten sich die verschiedenen Restaurants in Alpensia für einen Einkehrschwung an. In unmittelbarer Pistennähe befindet sich mit der „Hite Max Bar“ auch ein Lokal mit echtem Après-Ski-Flair. Riesige Pitcher mit frisch gezapftem Bier, gebackenes Hühnchen, frittierte Shrimps, ge-bratener Reis und ganz viel Kimchi machen Lust auf eine Pause zwischen den kurzen Abfahrten.

Skifahren in Südkorea ist sicherlich mal einen Versuch wert, wenn man ohnehin im Land unterwegs ist. Verbunden mit einer kulturellen Rundreise kann man da seinen Pistenhorizont um einige interessante Erfahrungen erweitern – und wo sonst kann „Mann“ so ungeniert einen rosa Skianzug tragen … Taufig Khalil

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 03 / 2014

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