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Skiurlaub in Frankreichs Radsport Mekka

Skifahren statt Radfahren - oberhalb von Alpe d´Huez, der legendären Zielankunft der Radsporthelden, ragt ein Skiberg in den Himmel: der 3.330 Meter hohe Pic Blanc. Er ist Ausgangspunkt für fünf Abfahrten mit jeweils um die 2.000 Höhenmetern – damit steht er in der weltweiten Skigeografie einsam an der Spitze.
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Lionel Royet Alpe d'Huez Tourisme

Grund genug, sich die dortigen Skigebiete genauer anzusehen.

Das ist er also. Dank des kleinen schwarzen Kubus der Seilbahnstation auf seiner Spitze istder Pic Blanc eindeutig zu identifizieren, auchvon hier unten, aus dem tief eingeschnittenen Tal derRomanche. Das Flüsschen hat irgendwie seinen Wegzwischen diesen bedrohlich senkrecht aufragendenFelswänden gefunden. Die lassen nicht viel Licht inden Talgrund und erlauben nur selten Blicke bis zuden Gipfeln der Grandes Rousses. 

Umso schöner, wenn die in der Abendsonne orange rot leuchtende Bergkette dann doch einmal auftaucht und gleich die Erklärung dafür liefert, warum sie die „Großen Rotköpfe“ heißt, nicht jedoch die dafür, was ihnen diese unglaublich intensive Farbe verleiht.

© Laurent Salino Piste Sarenne

Anfahrt ins Skigebiet 

Vielleicht gibt es die Antwort darauf am Ziel meiner Reise. Dazu muss ich aber zunächst mal die 21 Kehren hinauffahren, die die als Mauer von Huez berüchtigte Bergflanke oberhalb von Bourg d’Oisans durchziehen. Zum Glück bin ich motorisiert.  

Die 14 Kilometer lange Bergstrecke mit ihren mehr als 1.100 Höhenmetern nötigt mir gehörigen Respekt vor den Leistungen der Tour-de-France-Fahrer ab und löst Erinnerungen an Nachmittage vor dem Fernseher aus, mit Bildern von Tausenden Zuschauern, die erst im letzten Moment vor den mit unglaublichem Tempo aufwärts fahrenden Heroen vom Schlage eines Bernard Hinault, eines Greg LeMond oder eines Marco Pantani zurückweichen. 

Schnee schon vor dem Skigebiet 

Der Ort ist prädestiniert dafür: Verwöhnt von vielen Sonnenstunden, gelegen auf einer weiten, sanften, schneesicheren Hochebene und ausgestattet mit einer Gastronomie, die dem exzellenten Ruf der französischen Küche alle Ehre macht, lassen es sich hier im Winter nicht nur Skifahrer gut gehen. Anders als in den meisten französischen Skigebieten kommen Gäste auch zum Winterwandern, Langlaufen oder einfach nur zum Ausspannen zwischen Saunagängen und Sonnenbädern nach Alpe d´Huez.  

© Laurent Salino

Luxus in den Skihotels 

Vielleicht ist diese Art Urlauber, die mehr als einen schlichten Platz zum Schlafen zwischen langen Skitagen sucht, auch ein Grund dafür, dass ich meine Vorurteile gegen die Hotellerie in den Bergen Frankreichs gleich nach der Ankunft revidieren muss. Das Hôtel Grandes Rousses ist das älteste Haus am Platze und hat seine Vorreiterrolle konsequent beibehalten.  

Das Design des Interieurs aktiviert im Gehirn sofort die Wohlfühlabteilung, der Duft der Crêpes, die hier nachmittags in der Lobby zubereitet werden, leistet dazu sicher auch einen Beitrag. Der Blick vom Balkon auf die glutrot glimmenden Gipfel erinnert mich dann wieder daran, warum ich eigentlich hier bin: um der skifahrerisch asketischen Null-Saison 2020/21 mal gleich zum Auftakt des Folgewinters eine ausgemachte Schneesport-Völlerei entgegenzusetzen. 

Abfahrten für einen ganzen Winterurlaub 

Als ich am nächsten Morgen aus der Bergstation hinaustrete, sehe ich sofort, was den Pic Blanc aus der Masse heraushebt: das fünf Kilometer lange, sonnendurchflutete Kar des Glacier de Sarenne! Ein gigantischer weißer Orbit – und mit genügend Varianten für einen ganzen Winter gesegnet. Trotzdem bleibe ich zunächst mal auf der Piste. Nicht auf irgendeiner freilich, sondern auf der Piste de Sarenne, der angeblich längsten schwarzen Piste Europas. 

© Laurent Salino

Eine nicht ganz schwarze Piste 

Die Neuschneebuckel am Starthang sind tatsächlich anspruchsvoll, ab der Talstation der Sesselbahn Glacier ist die schwarze Markierung aber eher dem klangvollen Claim geschuldet. Eine gute Nachricht für all jene, die es mit schwarzen Pisten nicht so haben, denn vom 3.060 Meter hohen Col de l’Herpie, der wie der Pic Blanc von Alpe d’Huez mit drei Seilbahnsektionen erreichbar ist, führt eine leichte Piste hinab zum Fuß des Steilhangs.  

Der Rest der Sarenne ist pures Genussskifahren abseits aller Liftanlagen auf bestens präpariertem Geläuf. Ich nehme auch noch den Skiweg durch die Gorges de Sarenne bis zur Sesselbahn Alpauris mit und habe so nach der ersten Abfahrt 10,5 Kilometer und 1.822 Höhenmeter auf der Uhr. 

Skigebiet ohne Schnee 

Das Problem: Der Gletscher, der früher unterhalb des westlichen Tunnelfensters lag, ist abgeschmolzen. Statt eines breiten Firnhangs gähnt dort jetzt eine Felswand, und es braucht sehr, sehr viel Schnee, bis die zum Skifahren taugt, Schnee, den es bis jetzt noch nicht hat. 

© Laurent Salino

Skifahren im August 

Auch dem Glacier de Sarenne haben die immer heißeren Sommer zugesetzt. Skilehrer Christophe Riu, der in Huez groß geworden ist, erinnert sich: „Als Kind bin ich dort regelmäßig im Juli und August Ski gefahren.“ Das war in den Achtzigern, heute ist das Eis komplett verschwunden. Jetzt passiert es nur alle paar Jahre, dass die Saison zumindest bis Juni verlängert werden kann. 

Skifahren mit Nachwuchssorgen

Noch etwas anderes hat sich nach Christophes Einschätzung verändert: die motorischen Fähigkeiten der Kinder in seinen Skikursen. Sie hätten sich ebenso verringert wie die Resilienz gegenüber Anstrengungen. „Die Kinder sind heute viel schneller frustriert als früher, ich muss viel mehr helfen und motivieren.“ Kein gutes Zeichen für eine Branche, die darauf angewiesen ist, dass der skiaffinen Generation der zunehmend alternden Babyboomer bald etwas nachfolgt.

Bei der École de Ski ist der Nachwuchsmangel bereits greifbar. Die Skischule tut sich schwer damit, genügend Skilehrer zu finden, die während der gesamten Saison zur Verfügung stehen. Der Job wird zunehmend unattraktiv. „Wir sind nicht fest angestellt, sondern selbstständig, bei Krankheit gibt es kein Geld, für Ausrüstung und Versicherung müssen wir selbst aufkommen, seit einigen Jahren auch für den Saisonpass, und zehn Prozent vom Umsatz müssen wir an die ESF abgeben“, erläutert Christoph. 

© Lionel Royet Alpe d'Huez Tourisme

Mit den Skiern zur Arbeit 

Nimmt man Beherbergung, Gastronomie und Seilbahn hinzu, sind allein in Alpe d’Huez 3.000 Saisonkräfte nötig. Nur die wenigsten kommen wie Christophe aus Huez – er wohnt im elterlichen Haus an Kehre 5 – und haben das Privileg, auf Ski zur Arbeit fahren zu können: 600 Autos mit pendelnden Arbeitskräften fahren jeden Morgen die Mauer von Huez hoch und abends wieder runter. 

Neuer Skilift in Alpe d´Huez 

Wohl auch deshalb trifft die Idee einer Zubringerbahn von Bourg d’Oisans nach Alpe d’Huez vor Ort auf mehr Sympathie als jene einer Verbindungsbahn hinüber nach Les 2 Alpes, der zweiten großen Skistation im Oisans. „Viele fragen sich, ob der Nutzen einer so teuren Verbindungsbahn darüber hinausgeht, statt 250 künftig 450 Pistenkilometer kommunizieren zu können“, fasst Christophe die Stimmung unter den Locals zusammen.  

Vielleicht schwingt dabei noch mit, dass die beiden Gebiete traditionell nur in ihrer gegenseitigen herzlichen Abneigung verbunden waren. Es heißt in Alpe d’Huez, dass die Kinder in Les 2 Alpes so lange Ohren hätten, weil die Eltern sie daran hochzögen, um ihnen einen Blick auf das schöne Alpe d’Huez zu ermöglichen – während man in Les 2 Alpes davon spricht, dass Schönste an Alpe d’Huez sei der Blick nach Les 2 Alpes.  

© Lionel Royet Alpe d'Huez Tourisme

Ein Unternehmen – zwei Skigebiete 

Denkbar geworden ist solch eine Verbindung überhaupt nur, weil die Betreibergesellschaft des Skigebiets von Alpe d’Huez anno 2020 auch den Betrieb der Station Les 2 Alpes übernahm. Zuvor hatte dort ein großes, börsennotiertes Unternehmen das Sagen, dem Dividenden offenbar wichtiger waren als wettbewerbsfähige Liftanlagen. 
Die bereits 1959 gegründete „Société d’Aménagement Touristique de l’Alpe d’Huez et des Grandes Rousses“, kurz SATA, gehört hingegen zu mehr als 50 Prozent der Gemeinde Huez. Mit 85 Millionen Euro Umsatz und 800 Mitarbeitern ist sie das wichtigste Unternehmen der Region, und der Fokus liegt darauf, die regionale Wertschöpfung zu steigern. 

Modernisierung im Skigebiet Alpe d'Huez

Das geht vor allem über Qualität, und deswegen stehen für Les 2 Alpes eine Reihe von Modernisierungsmaßnahmen an. In Alpe d’Huez hat die SATA bereits in den letzten Jahren ordentlich investiert. Die vier neuen Kombibahnen Marmottes 1, Rifnel, Jeux und Signal ersetzten Heerscharen von Tellerliften, was auch dem Landschaftsbild ziemlich guttat.  

Das Gegenteil würde indes in den Augen der Kritiker die Bahn über die Schlucht der Romanche nach Les 2 Alpes bewirken. Darüber hinaus steht dem Projekt neben der Sinnfrage noch auch ein simples wirtschaftliches Problem entgegen, und das hat mit einer Besonderheit der französischen Wintersport-Industrie zu tun. 

© Cyrille-Quintard

Skilifte mit Charme

Anders als im deutschsprachigen Raum erhalten die Betreibergesellschaften von den Gemeinden nur befristete Verträge für den Betrieb der auf ihrem Gemeindegebiet stehenden Liftanlagen. Wer als Betreiber eine neue Liftanlage aufstellt, muss schauen, dass sich diese Investition bis zum Ende der Vertragslaufzeit amortisiert, denn den Anschlussvertrag könnte die Gemeinde mit einem anderen Betreiber abschließen. So geschehen in Les 2 Alpes – weshalb die ehemals dort tätige Betreibergesellschaft Compagnie des Alpes, die größte in Frankreich, wohl gut beraten war, in den letzten Jahren kein Geld mehr für neue Liftanlagen in die Hand zu nehmen. Sie hätte die Früchte nicht mehr ernten können. 

Wer das weiß, versteht, warum französische Skigebiete beim Liftkomfort nicht an den Standard in Österreichs Top-Gebieten herankommen, die ihre Investitionen über lange Zeiträume abschreiben können und keine Börsenerwartungen erfüllen müssen. Wetterschutzhauben, Sitzheizung und Hubeinstiege? Teurer Firlefanz, den man in Frankreich im Zweifel nicht schnell genug refinanziert bekommt. Auch die Liftflotte von Alpe d’Huez umfasst immer noch eine ganze Reihe ziemlich alter Schätzchen. Bei den Gondelbahnen gibt es gefühlt keine zwei Anlagen gleicher Bauart. Eine Modellvielfalt, die durchaus ihren Charme hat. 

Perfektes Areal für ein Skigebiet

Was eigentlich zählt, liegt natürlich hinter dem Ausstieg. Da fangen die Pisten an – und deren Qualität ist in Alpe d’Huez über jeden Zweifel erhaben. Es gibt wohl wenige Plätze in den Alpen, die perfekter für die Anlage eines Skigebiets geeignet wären als die Alm von Huez 

Nach Nordosten steigt die Neigung des Geländes stufenweise an. Das ermöglicht grün markierte (sehr leichte) Abfahrten auf fast zwei Kilometer Breite zwischen dem Ortsrand und der ersten Mittelstation Les Jeux auf 2.100 Meter Höhe. Leichte (blau markierte) Abfahrten führen von der Station Marmottes (2.300 Meter) talwärts. An den zweiten Mittelstationen der beiden parallelen Bahnstafetten zum Glacier de Sarenne und am Dôme des Rousses starten jeweils mittelschwere Pisten, schwarz dominiert in der obersten Etage. 

© AlpeHuez

Tour durchs Skigebiet 

Jenseits der kontrollierten Abfahrten ist die Zuordnung zum Anspruchsniveau geografisch nicht so klar gegliedert. Wobei die schwersten Varianten schon am Pic Blanc warten. Eine davon zeigt mir Arnaud Brunat. Der ist eigentlich gelernter Architekt, aber die Leidenschaft für die Berge war dann doch größer. 

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Arnaud als Berg- und Skiführer, unterbrochen von einer zehnjährigen Familienpause. „Pläne konnte ich auch zu Hause zeichnen, Gäste führen nicht“, erklärt er mit einem Augenzwinkern. Vor allem nicht in Norwegen, Island oder auf Spitzbergen, wo er im Frühjahr regelmäßig unterwegs ist.  

Offpisttraum statt Pistenspaß 

Im Winter ist Alpe d’Huez sein Revier und dessen Aushängeschild in der Kategorie Extrem, das Pickaxes-Couloir. Der Blick in dessen Schlund lässt mir vermutlich nur deshalb nicht das Herz in die Hose rutschen, weil Arnaud schon angekündigt hatte, dass der Schnee nicht reicht. „Es ist noch zu eng und deshalb zu gefährlich.“  

Im Gegensatz dazu ist die Combe du Loup, das Wolfskar, eine weit gebreitete Tiefschneewonne. Die Combe verläuft parallel zum Kar des Glacier de Sarenne, nur ohne Pisten und wegen der langen Querung, auf der es auch mal ein Stück aufwärts geht, sind Arnaud und ich hier ganz allein. Es ist erst die dritte Abfahrt unsres heutigen Offpiste-Tages. 

© Lionel Royet Alpe d'Huez Tourisme

Zurück nach Alpe d´Huez 

Während Arnaud noch mit tänzerischer Leichtigkeit hinabstaubt und dabei wie schon den ganzen Morgen ein Liedchen auf den Lippen hat, merke ich den Rückstand, den mir sechs Monate Sportverbot nach einem Bänderriss eingebrockt haben. Beim Mittagessen im ganz und gar unprätentiösen La Combe Haut unten in der Gorges de Sarenne fällt daher die Entscheidung, es für heute gut sein zu lassen mit dem Fahren im freien Gelände. 

Und die Entscheidung, noch mal im Vollbesitz der Kräfte nach Alpe d’Huez zurückzukehren – um all die anderen Varianten zu fahren, von denen Arnaud in seinem nicht enden wollenden Redefluss berichtet. Aber nur, wenn dann die Piste du Tunnel geöffnet ist. Schließlich steht der Haken hinter den Big Five noch aus. 

Im Artikel "Skigebiets-Check: Alpe d’Huez Oisans, Frankreich" gibt es noch mehr Infos auf einen Blick!

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