Obereggen: DEUTSCHE – willkommen wie nie!

Italien macht schwere Finanz-Zeiten durch. Auch Ski-Stationen sind betroffen! Fein heraus hingegen: Jene Südtiroler Orte, die einen hohen Anteil an deutschen Winter-Urlaubern besitzen. Bestes Beispiel: Obereggen mit dem Ski Center Latemar

neuer_name

TEXT JUPP SUTTNER Bild TVB

Reinhold Messner sagt: „Wir haben in Südtirol nicht die höchsten Berge der Welt und nicht die steilsten. Aber die schönsten!“ Und Yeti hin oder her – wo er recht hat, der Messner, da hat er recht. Die Dolomiten sind die Dolomiten sind die Dolomiten. Und Skifahren in Südtirol ist nicht nur Skifahren des Skifahrens willen – sondern stets cruist da das Auge mit. Und ist den Tränen nah, vor unfassbarem Aussichtsblick. Natürlich auch hier, wo wir jetzt gerade zu Tal schwingen: im Ski Center Latemar, etwa 20 Minuten von Bozen entfernt. Dieses 46-km-Pistengebiet weist eine wahre Besonderheit auf: Der eine Teil – Obereggen – liegt im deutschsprachigen Südtirol. Und der andere – Predazzo/Val di Fiemme – im italienischsprachigen Trentino. Die beiden sind durch eine Skischaukel miteinander verbunden – und ist sie nicht geradezu herzerwärmend, diese sprachgrenzüberschreitende Ski-Gemeinsamkeit? Welch’ schöne Idee!

Doch welch’ unschöne Worte. Sie krachen wie eine Gesteins-Lawine ins Gemüt des unbedarften Gastes: „Geschäftlich ist die Zusammenarbeit in Ordnung. Aber privat wollen wir mit den Welschen nichts zu tun haben!“ Die Welschen – das sind die Trentiner. Die „Italiener“. Die von Predazzo.

Die bösen Sätze fielen vor fünf Jahren. Und ausgesprochen hat sie gegenüber dem SkiMAGAZIN ein Einheimischer, der durchaus was zu sagen hat in der Gemeinde. Ein Hiesiger wie aus dem Holz geschnitzt. Und wir hatten uns damals gedacht: Wird sich das denn niemals ändern, dass den Südtirolern die Zornesader schwillt, wenn sie an „die Italiener“ denken?

„Doch“, so eine Südtiroler Touristik-Expertin, die aber ihren Namen in diesem Zusammenhang nicht in den Medien stehen haben will, „da ist schon eine Änderung im Gange!“ Denn: „Die junge Generation ist aufgeschlossener und weiß es zu schätzen, dass wir in einem Wohlstandsland leben.“ Trotz der momentanen Italo-Krise. „95 Prozent aller unserer Steuern, die nach Rom gehen – fließen wieder nach Südtirol zurück. Schauen Sie sich um: jedes kleine Dorf hat heute eine Super-Straße und ein Feuerwehr-Haus mit dem Neuestem vom Neuen, überall gibt es klasse Tunnels. Und 70 Prozent aller Südtiroler haben eine Eigentumswohnung! Das alles zeugt von Wohlstand …“

Da schlackern die Ohren

Aber wenn’s den alten Stieren zu wohl ist, gehen sie – rhetorisch – immer noch gern aufs Eis. Wobei es diese Eisgänger nicht nur auf Südtiroler Seite gibt. Sondern natürlich auch bei den Trentinern drüben. Man muss nur italienisch verstehen, dann schlackern einem leicht die Ohren über das, was die „Welschen“ wiederum über die „Deutschen“ (Südtiroler) ausstoßen. Man schenkt sich nichts – obwohl man doch im gleichen Boot sitzt, dem Boot namens „Autonomie“. Fünf italienische Regionen besitzen diesen Status: Sizilien, Sardinien, Aosta, Friaul-Julisch Venetien – und eben Trentino-Alto Adige/Südtirol (bestehend aus den wiederum autonomen Provinzen Trient und Bozen). Dieser Autonomie-Status gewährt nicht nur saftige finanzielle Steuer-Vorteile – sondern sogar die Möglichkeit, in gewissen Teilbereichen eigene Gesetze zu beschließen.

Wobei in einigen italienischsprachigen Ski-Orten Nordtaliens im letzten Winter geradezu Panik herrschte. Denn statt BungaBunga hieß es am Stiefel seit dem 16. November 2011 ja MontiMonti – und unter Mario, dem neuen Finanzklempner, ging es anfangs ziemlich rigide zu. Da tauchten plötzlich in den Wintersport-Orten Kleinbusse auf, denen teuerkontrolleure entsprangen und überfallartig die Buchhaltungen von Skihotels und Bergbahnen auf den Kopf stellten. Des Weiteren wurden von italienischen Urlaubern aus Mailand, Bologna, Florenz usw. stichartig die Personalien aufgenommen – um in deren Heimatstädten anhand der Steuererklärung nachzuprüfen, ob diese Herrschaften vielleicht ein Geringst-Einkommen angegeben haben. Was bei den Behörden sofort die Frage aufwarf: Wie bitteschön können die sich dann einen teuren Ski-Urlaub leisten? Allerdings vermochten aufgrund der Finanzkrise ohnehin immer weniger Mailänder, Bolognesi, Florentiner etc. sich einen Skiurlaub zu genehmigen. Destinationen, die einen hohen Italiener-Anteil aufweisen, erlebten deshalb letzten Winter ein Desaster – Madonna di Campiglio etwa soll einen Ski-Touristen-Rückgang von 40 bis 50 Prozent aufzuweisen gehabt haben!

Her mit den Teutonen!

Wohl dem also, der in diesen schweren Zeiten einen Groß-Anteil von deutschen Ski-Gästen besitzt. Womit wir ins südtirolerische Obereggen zurückkehren, denn: Dort liegt der Teutonen-Anteil bei 80 Prozent! Die Obereggener mit ihrem kleinen, aber feinen Latemar-Skigebiet waren und sind also fein heraus. Und das nötige Weiß dazu? Kleine Schnee-Kunde vorab: Der Brenner ist eine absolute Wetterscheide. Weshalb Südtirol seine feinen Flocken vom berühmten „Genua-Tief“ erhält. Der Schnee aus „Atlantik-Tiefs“ hingegen fällt in Bayern und Österreich. Nun ließ sich das Genua-Tief letzten Winter nur in winzigster Dosierung blicken. Und alles, was Südtirol abbekam, waren sozusagen „Rest-Zentimeterchen“, die es bei unseren legendären Januar 2012-Schneefällen gerade noch über den Brenner geschafft hatten. Südtirol war deshalb vergangene Saison bereits ab Februar so grün wie Irland. Allerdings besitzt diese Region die besten Kunstschnee-Macher der Welt! (Wie Insider behaupten.) Weshalb vergangene Saison in Obereggen selbst Ende März noch ausgesprochen fabelhafte Verhältnisse herrschten: 6 Grad minus in der Nacht, etwa 0 Grad um 10 Uhr vormittags – man fuhr dort auf den Nordhängen so klasse wie bei bestem Winterschnee! (Dies nur als Information, falls auch im bevorstehenden Winter 2012/13 das Genua-Tief ausbleiben sollte – die Anreise lohnt trotzdem …)

Die Schweden Italiens

„Fließend Deutsch & Warmwasser“ warb Südtirol vor einigen Jahrzehnten. Inzwischen wirbt man mit fließendem Englisch: „magic dolomites“ beispielsweise prangt auf dem Unterkunftsverzeichnis von Obereggen. Wobei diese Überschrift ja durchaus zutrifft – magisch sind die Dolomiten allemal. Und das Skigebiet Latemar von Obereggen/Predazzo – gleichfalls voller Magie? Nun, sagen wir es mit Franz Beckenbauer: „Die Schweden sind keine Brasilianer“. Und Obereggen ist eben kein St. Anton, St. Moritz oder Val d’Isère. Es fehlen die wirklich heißen Thrills für schwarze Pisten-Fahrer – nur ein Siebtel aller Strecken ist schwer. Und der typische markige hochsportive St.AntonMoritzFrankreich-Skiurlauber wird in Obereggen entschieden zu wenige Herausforderungen und überhaupt zu wenig Pisten und Kilometer finden. Er wird also gar nicht erst anreisen.

Aber dafür ist Obereggen-Predazzo geradezu ein Paradies für Genuss-Skifahrer, die perfekt präparierte Pisten zu genießen wünschen, die sich komfortabel und angstfrei bewältigen lassen. 67 Prozent aller Passagen locken mit einem „Rot“ (mittelschwer), 19 Prozent sind babyleicht blau – und rund 65 Prozent aller Gäste über 45 Jahre.

Skifahren und Schlemmen

Was freilich alle hundert Prozent garantiert tausendprozentig schätzen, sind die fabelhaften kulinarischen Genüsse, die dieses schneesichere Skigebiet in feinen Hütten, schönen Restaurants und gemütlichen (Land-)Gasthäusern bietet: Skifahren und Schlemmen bilden hier eine hedonistische Symbiose wie man sie sonst selten findet. Unser Geheimtipp: Bereits am Freitag anreisen – so dass man noch rechtzeitig zum Sushi-Hummer-Hammer-Buffet des Hotels Cristal an kommt: zum Augenverdrehen gut!

Eine interessante Zahl zum fast Schluss: 80 Prozent aller Skiurlauber sind Stammgäste. Viele kamen bereits als Kind – und tauchen dann als Erwachsene mit ihren eigenen Kindern erneut auf: weil sie sich so positiv an das Einst erinnern. Manche Senioren von Südtirol hingegen können das Einst nur negativ sehen. Als die Zeit, da sie sich sprachlich und auch sonstwie von Rom unterdrückt fühlten. Gerade hat wieder einer bei der Hütten-Einkehr am Nebentisch gebrummt, wie unmöglich es doch sei, dass die Obereggener Skischule nun von Fiat gesponsert werde. Von Fiiii-at! „Wo die Skilehrer doch alles Deutsche sind!“ (Also deutschsprachige Südtiroler, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen.)

Am Unmut der „deutschen“ Südtiroler, die sich inzwischen fast allesamt bereits im Renten- und Pensionisten-Alter befinden, wird sich so schnell nichts ändern. Oder besser gesagt: wird sich nie mehr was ändern. Aber es gibt ja auch noch junge Südtiroler und Trentiner. Und damit eine Zukunft ohne Zank. Skilehrer Jürgen (heißt tatsächlich so!) aus dem nahen Skigebiet Karersee etwa sagt: „Für uns junge Generation ist das Geschichte und Vergangenheit. Wir haben das nicht mehr erlebt, sondern nur gelernt.“ Und sie haben offensichtlich ihre Lehren daraus gezogen.

Ach ja: Sollten Sie diese Saison Ihren Urlaub in Südtirol oder Trentino verbringen und ein Finanzer inmitten des Skispaßes zur Kontrolle kommen, zücken Sie einfach Ihren Pass und sagen: „Germania!“ Man wird garantiert nicht nachprüfen, ob Sie sich einen Skiurlaub überhaupt leisten können. Denn Sie kommen nicht aus MontiMonti-, sondern aus AngiAngi-Land. <<<

neuer_name

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat