Südtirol: Holz-Hotel und Hexen-Magie

Rund um den Schlern tanzen die Hexen – und wenn sie auch nur in Holz geschnitzt auf der „Hexentour“ herumgeistern. Holz ist auch der Stoff, aus dem das gesündeste Hotel der Alpen ist. Und Holz haben sie alle vor der Hütte: 365 Almhütten übersprenkeln die Seiser Alm, und einige von ihnen gehören zu den urigsten Einkehren im Alpenraum

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Was für ein Ausblick: sanft geschwungene Almwiesen, gewaltige Gipfel

Text und Bild Nicola Förg

Als Großvater Josef Urthaler 1910 die Pension Enzian baute, gab es auf der Seiser Alm drei Beherbergungsbetriebe und trotz der abseitigen Lage viele hochfliegende Pläne voller Hoffnung und Zuversicht. Die Seiser Alm war schon Sommerfrische, der Schlern damals schon magischer Berg mit hypnotischer Wirkung. 1938 erreichten die Kriegswirren ihren Höhepunkt, die Südtiroler mussten entweder für Hitler oder Mussolini optieren, Familien waren entzweit. Josef ging nach Salzburg, der Sohn – auch mit dem Namen Josef – blieb, heiratete Antonia Unterhauser, und im gleichen Jahr wurde ihr Sohn Walter geboren. Die Urthalers kauften die Pension Sabine, der Mann musste in den Krieg. Antonia führte die Pension, die von der deutschen Wehrmacht beschlagnahmt war und ein Ferienheim für Offiziere geworden war. 1945 war alles vorbei und am Boden, 1946 kam das Autonomiestatut für Südtirol und es herrschte Ratlosigkeit.

Lange, abenteuerliche Wege

Ein Auto war nach dem Krieg eine Sensation auf der Alm, die Gäste kamen fast alle zu Fuß – ein Grund weswegen Walter heute noch eine Grundkondition hat, die ihresgleichen sucht. Die Buben wurden nämlich immer ins Tal geschickt, um Brot zu holen für die raren Gäste. Das war ja fast eine Tagesreise! Aber die Alm-Kinder waren alle gut zu Fuß, lag die Schule doch in Pufels oberhalb von St. UIrich im Grödner Tal. Es gab einen Klassenraum und den Pfarrer als Lehrer – und im Winter einen Schulweg durch Schneeverwehungen, der die Bezeichnung Weg nicht verdient hatte. „Heute würde man keinen Hund rausjagen, da käme der Tierschutzverein,“ lacht Walter Urthaler, das Seiser Urgestein.

Die Wege waren immer lang und abenteuerlich. Nach dem Krieg fuhren Gäste dann auch wieder mit der Grödnerbahn, man gelangte nach Pufels, stieg in eine windige Seilbahn um und wurde dann oben mit Hörnerschlitten abgeholt. Darum sind die alten Hotelbauten auch alle an der Peripherie der Alm, denn irgendwo an den schwindelnden Kanten kamen die erschöpften Gäste an. Auf der Seiser Alm selbst lagen die Almhütten, bis heute sind es weit über 300 Stück. Ein Süd-tiroler verkauft nichts, er vererbt an den ältesten Sohn, heute wie vor 100 Jahren. Dass es die heutige Dorfmitte gibt mit einer eher bescheidenen Ladenzeile, der Kirche und ein paar Hotels „ist qualitative Erweiterung. Wir sind in einem Naturpark und Ausbauvorhaben werden sehr genau geprüft“, erklärt Walter Urthaler.

Ein Traum aus Holz

Und weil das so ist, weil man doch nicht einerseits die intakte Natur rühmen kann und andererseits Raubbau an ihr treiben, hat Walter Urthaler sein Hotel rein biologisch gebaut. Ohne chemische Stoffe, mit zu Mondphasen geschlagenem Holz. Die einzigartige Bauweise garantiert eine Verarbeitung ohne Schad- und Giftstoffe. Der Einsatz von Lehm-wand-Heizungen sorgt für eine gleichbleibende Luftfeuchtigkeit im Gebäude. Die Luft bleibt frisch, behält ihren natürlichen Feuchtigkeitsgehalt und ist frei von den bei normalen Heizkörpern auftretenden Staubpartikeln. Die sanfte Wärmestrahlung ist besonders angenehm und verträglich für den menschlichen Organismus. Besonders Allergiker atmen da auf. Selbst die Verbindungselemente sind staubtrockene Holzdübel, keine Nägel.

Die Leitungen für Wasser, Strom, Heizung und Telefon sind außerhalb der Zimmer angebracht und die Magnetkarten, die man sowieso immer verlegt und verliert, sind passé. Der Schlüssel erfährt eine Renaissance. Dazu kommt klare, moderne Architektur, fröhliche Farben. Zurückhaltung ohne kalt zu sein. Wie sollte es auch – bei so einem Material?

Seit 2002 gibt es das neue Urthaler, Kernstück und Drehscheibe der Alm, die wieder zurück in die Zukunft denkt. Fast wie zu Zeiten des Großpapas. Autos werden kontingentiert, es gibt dafür eine Seilbahn von Seis herauf. Und so ist das hier kein Skizirkus, sondern ein sanftes Dahingleiten zwischen gewaltigen Bergen. Die Alm ist sanftmütig und weit, die Pisten sind plattgebügelte Cruising- und Carving-Hänge. Steilwandfahrer, die es gerne rabenschwarz haben, sind hier falsch. 60 Pistenkilometer sind auch nicht die Welt – aber dafür eine ganz eigene Welt. Der ganz große und einzigartige Charme liegt einfach darin, dass der Skifahrer mal eine Langlaufloipe kreuzt, dann wieder aufpassen muss auf rasante Rodler oder Pferdeschlitten. Auch winterwandernde Familienmitglieder kann man mittags auf der Hütte treffen. Über allem wachen Langkofel, Plattkofel und natürlich der Schlern!

Laurins Königssitz

Der markante Berg war einst Laurins Königssitz, aber er verlor nach und nach seine alte romantische Poesie und wurde mehr und mehr zum Blocksberg. Zahlreiche Hexensagen ranken sich um die Seiser Alm. Da liegt es doch auf der Hand, dass es hier auch eine Hexentour gibt, die man sich auf Ski erfahren kann. An den schönsten Plätzen stehen an sieben Stationen Skulpturen und Tafeln, die Sagen erzählen. Wie die vom Bauern, der am heiligen Sonntag Heu einführte. Und da fuhr ein gewaltiges Wetter über die Felder, der Bauer rettet sich in einen Heuschober, und als sich das Gewitter gelegt hatte, waren da keine Heumanderl mehr – nur noch ein Meer aus Steinen. Der Teufel selbst, in der Gestalt eines wilden, struppigen Gauls, sprengte hindurch.

Auch Hexen findet man auf der gleichnamigen Tour. Zumindest ihre Bänke: Steinformationen in Form von Sesseln mit steinernen Arm- und Rückenlehnen etwas oberhalb von Puflatsch. Unweit des Liftes Hexe und der Arnikahütte gibt es einen Winterwanderweg, an dem einst die Oberhexe saß und mit scharfem Blick die gesamte Gegend im Auge behielt. Nüchterne Wissenschaftler bezeichnen diese Steine als eine eigenartige Anordnung des Augitporphyr, andere – und das klingt irgendwie schon besser – sehen darin einen neolitischen Kultort (8.000 – 1.000 v.Chr.). Sei’s drum, das hier ist eine magische Gegend, und wer ab und zu den wilden Gaul noch galoppieren sieht, hat vielleicht sogar recht: Auf der Seiser Alm galoppieren tatsächlich Reitergruppen – neben den Pisten. <<<

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