Skifahren in Kanada: Oh What A Panorama!!!

Skifahren in Nordamerika heißt meist Whistler, Vail, Aspen oder Lake Louise. Doch ­abseits der bekannten Skiorte gibt es auch Geheimtipps. Der kanadische Skiort Panorama hat sich vor allem bei denjenigen einen Namen gemacht, die kein Fünf-Sterne-Hotel zu ihrem Glück brauchen. Und er hält schon rein optisch, was sein Name verspricht

neuer_name
Rund viereinhalb ­Autostunden von ­Calgary entfernt lockt Panorama mit breiten, unverspurten Hängen und feinstem Powder
© Karl Medig, Kyle Hamilton

Text: Taufig Khalil

Wahrscheinlich gibt es auf der ganzen Welt keinen besseren Ort, um seinen Skitag zu beginnen, als „Lusti’s Mountain ­Outfitters“ in Panorama mitten im ­Nirgendwo der Purcell Mountains in Kanada. Schon beim Betreten des ­Skiverleihs zieht einen der ­un­ge­wöhnliche Duft in seinen Bann: eine Mischung aus Skiwachs, ­Koffein, frischen Backwaren und Schnaps. Während Peter „Lusti“ Lustenberger in kariertem Hemd mit umgehängter Wachsschürze Ski präpariert, schäumt seine Frau Jane Milch auf. Aus einer Kaffee­maschine, wie man sie in Kalabrien oder Sizilien, niemals aber in Nordamerika erwarten würde, läuft starker ­Espresso in eine Tasse. Der Cappuccino, den Jane ­daraus mischt, ist ein einziger Genuss. Lusti lacht und zeigt auf ein Schild über der Kasse: „Best Smelling Ski Shop in Canada“ steht dort – ein Titel, der dem Skishop mit „Cappucino Bar“ von Kanadas größtem Skimagazin „Ski Canada“ verliehen wurde. Dessen Redaktion konnte sich dem verführerischen Duft von Janes Kaffee genauso wenig entziehen wie Lustis Kunden.

Die meisten kommen jeden Morgen, auch wenn sie gar keine Ski oder Snowboards brauchen. Gruppen aus der ganzen Welt sitzen dann an den großen Holztischen und genießen Kaffee und Janes selbst gebackene Muffins. Für die müssen sie aber früh aufstehen: Jane backt nie mehr als zwölf pro Tag, die ab acht Uhr ­ofenwarm und täglich in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen angeboten werden – mal mit Kirschen, mal mit Blaubeeren, mal mit Himbeeren.

Seit 1980 ist Lustenberger in ­Panorama und sorgt für scharfe Kanten, glatte Beläge und perfekten Kaffee. Der Schweizer war 1974 nach Kanada ausgewandert, um als Maurer zu arbeiten. Doch dann begann er als Skiguide und fand die Liebe seines Lebens. Mittlerweile ist Lusti längst eine Legende im Ort – und jede freie Minute auf dem Berg unterwegs.

Retorte mit Herz

Rein optisch gibt es definitiv schönere Skiorte als das viereinhalb Auto­stunden vom Flughafen Calgary ­entfernt gelegene Panorama in den an die Rocky Mountains grenzenden Purcell Mountains im südwestlichen British Columbia.

Die Gebäude sehen mehr oder weniger gleich aus. Drei- bis fünfstöckige Apartmenthäuser im für Nordamerika typischen Lodgestil. Viel Holz, dicke Steine und massive Mauern. 500 Apartments gibt es in Panorama, jedes hat seinen eigenen Kamin, der per Knopfdruck entflammt wird. Jedes Gebäude verfügt zudem über einen eigenen Fitnessraum und einen heißen Pool. Ideal, um nach einem langen Skitag die müden Beine aufzulockern. Manche dieser Pools sind so groß wie Schwimmbäder und reichen direkt bis an den Pistenrand. Die Nutzung ist überall kostenlos. Wer keine Lust hat, auswärts zu essen, macht sich sein Frühstück oder Abendessen in der zu jeder Wohnung gehörenden Küche einfach selbst. Für alle anderen gibt es reichlich Alter­nativen. Ein Anlaufpunkt für das Frühstück ist neben „Lusti’s“ vor allem das „Picnic Café“. Der Kaffee kann mit dem bei Lusti zwar nicht mithalten, ­dafür kann man hier so richtig Kraft für einen langen Skitag tanken. Auf der Karte steht alles von Müsli mit kanadischen Blaubeeren bis zu einem Hangover-Beef-Burger.

Eine Terrasse bietet einen Blick auf die Lifte und die Pisten, die sich vom 2.365 Meter hohen Panorama Mountain hinunter zur Basis ziehen. Im Halbkreis stehen mehrere Gebäude um den Pistenauslauf. Hier schlägt das Herz von Panorama. In den größeren Häusern befinden sich neben Apartments und Lustis Skiverleih ein Restaurant, eine Bar, ein Sport­geschäft und sogar ein Spa. Wer Lust auf gehobene Küche hat, findet im „Monticola“ eine breite Auswahl an Fisch, Steak und ­Pastagerichten auf höchstem Niveau. Auf der Weinkarte stehen fast ausschließlich die Top-Weine aus British Columbia.

Absoluter Hotspot von Panorama ist aber die „T-Bar“. In dem riesigen rustikalen Lokal stehen hohe Holztische für bis zu zehn Personen. Die Bierkarte umfasst alles, was in der Region gebraut wird. Dazu isst man Burger, Chili oder Spareribs. An den meisten Abenden gibt’s Livemusik bis tief in die Nacht. Wer hier keinen Kontakt findet, ist selbst schuld. An den großen Tischen trifft sich die ­ganze Welt. Neuseeländer sitzen neben Schweizern und Deutschen und erzählen von ihrem Skitag. Material für Geschichten gibt es genug, denn der kleine Ort hat reichlich Spektakuläres zu bieten.

neuer_name
Breite ­Schneisen durch den Wald laden in ­Panorama zum Genuss­skifahren ein
© Karl Medig, Kyle Hamilton

Für Anfänger und Profis

Skifahrer, die lieber auf Pisten unterwegs sind, kommen auf der Vorderseite des Panorama Mountains voll auf ihre Kosten. Dutzende Abfahrten durchschneiden den kanadischen Bergwald und bieten ­Skivergnügen für jeden Anspruch. Anfänger können über endlose Abfahrten den kompletten Berg genauso genießen wie absolute Experten. Pistennamen wie „Get me down“ oder „Heaven Can Wait“ signalisieren den schwächeren Skifahrern, dass sie hier richtig sind. Breite Schneisen lassen keinen Zweifel daran, dass hier eigentlich jeder heil runterkommt. Und sollte der Schnee mal ausbleiben, sorgen Schneekanonen für ausreichend Unterlage. Mehr Vorsicht ist geboten, wenn man sich auf „Last Chance“ verirrt und nicht weiß, wie man sicher wieder unten ankommt, denn auch die ambitionierten Pistenfahrer haben ihre Hänge. Extremes Gefälle und teils haushohe Buckel fordern weit mehr als nur Stemmbogen und Schneepflug.

Blick auf 1.000 Gipfel

Mit nur drei Liften lässt sich der ganze Berg erkunden – 1.200 Höhenmeter gilt es am Panorama Mountain zu überwinden. Ganz oben sieht man, wofür der Name steht: das ­Panorama. Der Einstieg zur „View of 1.000 Peaks“-­Piste bietet ein Fest fürs Auge. Gipfel über Gipfel ziehen sich in alle Richtungen bis an den Horizont. Vor allem nach Westen wird das Panorama immer gewaltiger. Am Ende der Straße, die man von Calgary heraufkommt, beginnt Heliski-Country, erklärt Lusti, der hier täglich unterwegs ist. Dabei deutet er auf gewaltige Gletscherlandschaften und unzählige ­Dreitausender. Die Harmonie stört lediglich das dumpfe Knattern der Hubschrauberrotoren, das von morgens bis abends anhält. Ab sieben Uhr herrscht hier Pendelverkehr. Panorama gilt als einer der wichtigsten Ausgangspunkte für Heliskiing.

„Dabei könnte man auf den Hubschrauber sogar ganz gut verzichten“, sagt Lusti und zeigt auf ein großes Holztor mit einem blauen Schild. Dadurch gelangt man in den Taynton Bowl. So etwas sucht man in Europa vergeblich: freies Gelände – und trotzdem absolut sicher. „Ist das Tor offen, dann besteht keine Gefahr“, erklärt der Schweizer und fährt hinein. Über einen schmalen Grat erreicht man die Rückseite des gewaltigen Bergs. Die Hänge fallen fast vertikal in die Tiefe. Wer sich da hinuntertraut, muss seine Ski beherrschen. Tiefer Pulverschnee gibt einem das Gefühl zu schweben. Problematisch sind nur die irgendwie immer an der falschen Stelle stehenden Bäume. Angst vor Lawinen muss hier keiner haben. Das ganze Gelände ist kontrolliert und ständig überwacht. Manche der Geländeabfahrten überwinden bis zu 800 Höhenmeter.

Zwischen den kraftraubenden Abfahrten sollte man unbedingt in der „Summit Hut“ einkehren. Für Lusti ist die kleine Hütte ganz oben auf dem Panorama Mountain der beste Ort in Panorama. Auf der Karte stehen Büffel-, Lachs- und Gemüseburger – und eine deutsche Bratwurst, die ihresgleichen sucht. Garniert mit reichlich gebratenen Zwiebeln ist sie ein echter Energielieferant für die nächste ­Abfahrt im Taynton Bowl.

Der schnellste Lift der Welt

Wem das alles nicht reicht, der landet am Ende dann doch beim Heliski. Im Minutentakt starten und landen Hubschrauber vom Typ Bell 212 auf der Basis von „rk heliski“. Im benachbarten Banff National Parc ist Heliskiing verboten. Deswegen werden jeden Morgen zahlreiche Urlauber von Banff und Lake Louise nach Panorama geshuttelt.

Bei einem Frühstück in der Heli-Basis beginnt ein Tag, den die meisten nie vergessen werden. Im Shop bekommt jeder die passenden Ski – überbreite Bretter, vorne und hinten aufgebogen. Nach einem Sicherheitsbriefing zum Helikopterflug und einer Einführung in die Lawinenkunde geht es los. ­Innerhalb von 20 Flugminuten erreicht man eine andere Welt: Gipfel mit unberührten Hängen und ­Gletscher, die man vom Panorama Mountain aus nur erahnen konnte.

Die Eindrücke sind atemberaubend. Eine endlose schneeweiße Weite, kein Lift und keine Straße weit und breit. Durch unverspurten Pulverschnee gleitet man über den ­Gletscher. Jeder hat genug Platz für seine eigene Spur. Die breiten Ski halten einen an der Oberfläche. „Für durchschnittliche Skifahrer ist das kein ­Problem“, ­erklärt Guide Rod ­Gibbons. ­„Problematisch ist allerdings fehlende Kondition“, ergänzt der Kanadier, denn dabei können die Guides nicht helfen, bei der Technik schon.

Die Pakete von „rk Heliski“ beinhalten drei oder fünf Flüge am Tag. Dazu gibt es ein Gletscherpicknick. Die Bedingungen variieren je nach Temperatur zwischen Bruchharsch und hüfthohem Powder. Die Umgebung ist einzigartig. Jede Abfahrt überwindet bis zu 1.000 Höhenmeter in meist baumfreiem Gelände. Der Nervenkitzel ist gewaltig. Links und rechts öffnen sich riesige Gletscher­spalten. Den Körper durchströmt eine Mischung aus Glückshormonen und Adrenalin, die auch Stunden nach der Rückkehr auf die Hubschrauber-Basis noch anhält.

Ein Gefühl, das sich nur noch in „Lusti’s Cappuccino Bar“ steigern lässt. Denn für diejenigen, die Peter Lustenberger mag, mischt er im ­wahrscheinlich einzigen Skishop in Kanada mit Alkohollizenz aus Kaffee, Wasser und Grappa einen „Kaffee fertig“. Wahrscheinlich gibt es auch keinen besseren Ort, um einen Skitag abzuschließen.

Panorama

SKI & SPASS

- PISTEN

120 ausgewiesene Pisten. Davon 20 % für Anfänger, 55 % für Fortgeschrittene und 25 % für echte Könner. Höchster Gipfel: Panorama Mountain, 2.365 Meter; längste Abfahrt: 5,5 Kilometer; maximaler Höhenunterschied: 1.225 Meter.

- PARK & FUN

Im Skigebiet gibt es einen riesigen Funpark mit Rails und Pipes. An vielen Stellen befinden sich Buckelpisten mit riesigen Buckeln.

- VARIANTEN

Taynton Bowl: Die Rückseite vom Panorama Mountain ist kontrolliertes, aber natur­belassenes Gelände. Powderfun – und doch sicher.

ESSEN & FEIERN

- HÜTTEN UND RESTAURANTS

• Im Monticola wird eine interessante ­Mischung aus Rocky-Mountains- und mediterraner Küche serviert. Super Steaks, aber auch außergewöhnliche Pasta-Variationen. Klasse Weine. Tel. 001-250-341-3054

• Im Picnic Café beginnt der Tag. Riesige Frühstücksauswahl. Mittags werden hier schmackhafte Sandwiches gemacht.

Tel. 001-250-342-6941

• Die Great Hall ist der Ort für alle, die

es eilig haben. Selfservice-Restaurant. Nicht gemütlich, aber gute Portionen.

www.panoramaresort.com/the-great-hall

• Lusti’s Cappuccino Bar ist das absolute Muss. Bester Cappuccino Nordamerikas. Morgens gibt es frische Muffins. Über allem liegt ein einzigartiger Duft aus Skiwachs und Kaffee. Tel. 001-250-341-3084

• Die Summit Hut liegt nicht nur ganz oben auf dem Panorama Mountain, sondern ist auch Gipfel des Genusses. Frische Büffel-Burger und deutsche Bratwurst sorgen für viel Kraft vor der nächsten Abfahrt. Tel. 001-250-341-1399, www.summithutpanorama.com

- APRÈS-SKI

• Die T-Bar & Grill ist die Partyzone von Panorama. Hier stehen bereits mittags riesige Pitcher mit heimischem Bier auf den Tischen. Große Auswahl an Burgern und Spareribs. Oft Livemusik. Hier wird es erst gegen Mitternacht richtig voll. Tel. 001-250-341-3055

SCHLAFEN & WOHLFÜHLEN

• Pine Inn Hotel – einziges und einfaches Hotel 373 CAN $/Woche. Tel. 001-800-663-2929

• Upper-Village-Studio-Apartment mit Küche und Feuerplatz 881 CAN $/Woche

• Townhouse mit 3 Schlafzimmern 1.775 CAN $/Woche.

GUT ZU WISSEN

n SAISON

11.12.2015 – 10.04.2016

- ANREISE

Mit dem Flugzeug: Air Canada fliegt täglich von Frankfurt nach Calgary. Preise ab circa 800 Euro. Skigepäck wird zwischen Anfang Dezember und Ende April kostenlos ­befördert. www.aircanada.com

Panorama bietet einen kostenpflichtigen Busshuttle vom Flughafen Calgary. Fahrtzeit etwa 4 Stunden. Alternativ empfiehlt sich ein Mietwagen.

- LIFTTICKET-PREISE

Regular Price Tickets: Erwachsene 1 Tag 88 CAN $, 7 Tage 560 CAN $; Jugendliche 1 Tag 75 CAN $, 7 Tage 469 CAN $; Kinder 1 Tag 41 CAN $, 7 Tage 231 CAN $; Kinder unter 6 Jahren und Senioren über 74 Jahren sind frei; es gibt günstige Discovery-Zone-Tickets für Anfänger; bucht man die Unterkunft in Panorama zusammen mit dem Lift­ticket, gibt es vergünstigte Lodging-Tickets.

- HELI-SKI

rk heliski gehört zu den renommiertesten Anbietern Nordamerikas. In weniger als 20 Flugminuten Entfernung bieten die Purcell Mountains mehr als 1.500 Quadratkilometer unberührtes Gelände. Preis: 3 Flüge/Abfahrten ab 863 CAN $, 5 Flüge/Abfahrten 1.017 CAN $. www.rkheliski.com

- INFO

Alle Infos zum Skigebiet, zu den Unterkünften und Lokalen befinden sich auf www.panoramaresort.com

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 01 / 2016

Aktuelle Beilagen und Specials

  • catalog flat
  • catalog flat

Events

21.11 – 28.11.2020
SkiMAGAZIN Skitestwoche in Sulden