Geheimakte Sölden: For your Skis only

Wo sich James Bond tummelt, können auch Freerider eiskalten Spaß haben. ­Einige ­Szenen des neuen Bond-Streifens „Spectre“ wurden Anfang 2015 im Ski­gebiet in ­Sölden gedreht. Während der Ort selbst eine Hochburg holländischer ­Après-Ski-­Touristen ist, sind die Möglichkeiten im freien Gelände schier endlos – die „Geheimakte Sölden“ muss ­allerdings sachkundig geöffnet werden

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© Alex Kijak
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© Alex Kijak

Text: Sven Hahn

Was Sölden von den meisten Skigebieten unterscheidet, ist die schiere Größe des Areals. Das Gletschergebiet, die Runs, die radikalen Höhenunterschiede müssen sich in den Alpen vor kaum einer Region verstecken. Daher lässt sich das volle Potenzial ohne die Hilfe eines echten Locals nur schwer auskosten. Und kaum einer kennt sich besser aus als der mehrfache  Tiefschnee-Weltmeister und Hotelier Sigi Grüner. „Du musst wissen, wo du hier ins Gelände abbiegst. Bei kaum einem Run kannst du von oben sehen, wo du unten rauskommst“, sagt Sigi zu Beginn der Tour und zieht kurz unterhalb des Gaislachkogels scharf links von der Piste weg.

Vor uns liegt eine mehr als 40 Grad steile Rinne, an der schmalsten Stelle nur wenige Meter breit und an beiden Seiten von schroffen Zacken gesäumt. Der Felsschlund ist mit lockerem, tiefem Pulverschnee gefüllt und  macht in der Mitte einen scharfen Knick. „Das ist die Krumme Rinne. Ein echter Klassiker hier“, sagt Sigi und haut sich in kurzen, eleganten Schwüngen ins Tal.

Bogner statt Bretter

Auch wenn das Thema Freeride in Sölden inzwischen offensiv vermarktet wird, an den Liftstationen stehen selbst an Neuschneetagen mehr Typen in Bogner-Jacken, mit Visier-Helmen und Pelzkragen als mit breiten Brettern. Nach drei Runs vom Gaislachkogel Richtung Rettenbach-Tal sind unsere Spuren die einzigen, die auf der massiven Bergflanke zu sehen sind. Zeit für einen Espresso und ein paar Insider-Infos.

Sölden versucht, sich von seinem Image als Partyhochburg zu lösen. Der Ort soll etwas ruhiger und ­luxuriöser daherkommen – ohne trinkfreudige Niederländer abzuschrecken, natürlich. Einer, der diesen Trend offensiv vorantreibt, ist der ehemalige Tiefschnee-Champ. Vor einigen Jahren hat er sein Hotel, das Bergland, im Frühjahr dem Erdboden gleichgemacht. Bis zum Wintereinbruch stand das neue Bergland an derselben Stelle – die Zahl der Zimmer war gleich geblieben, nur war jedes mindestens doppelt so groß wie zuvor. „15 Millionen Euro hat der Umbau gekostet“, verrät Sigi. „Das Haus ist deutlich hochwertiger geworden“, sagt er. Eine Entwicklung, die sinnbildlich für den ganzen Ort steht.

007 bei Sigi

Das Hotel Bergland war auch die Heimat der Bond-Crew während der Drehtage in Sölden. Daniel Craig alias James Bond hatte zwar selbst Skiverbot, wie der Hotelier berichtet. „Dafür ist seine Frau Ski gefahren, während ihr Mann vor der Kamera stand“, erinnert er sich. Ein anderer Schauspieler hat die Mannschaft des Hotels jedoch vor die schwersten Probleme gestellt. Dave Bautista hatte sich als Wrestler und Muskelprotz einen Namen gemacht, bevor er zum Bösewicht im neuen Bondstreifen gemacht wurde. Als das Bergland-Personal dem Kraftmeier nach dem Einchecken dann stolz den Wellnessbereich samt haus-eigener Hantelbank präsentierte, lächelte dieser nur müde. „Wir mussten extra Gewichte ranschaffen, damit der Kerl trainieren konnte“, berichtet Sigi.

Freeride-Träume

Was das Skigebiet wirklich zu bieten hat, erschließt sich Freeridern erst nach einigen Tagen – und am besten mit verschiedenen Guides. Mike Matohe ist ein ehemaliger Rennläufer und heute Skiführer in Sölden. Auch er kennt die Gegend aus dem Effeff. Seine Lieblingsruns beginnen auf den Gletschern auf mehr als 3.000 Metern Höhe. Vom Tiefenbachkogl führt der Weg über den Mittelbergferner ins Venter Tal. Von den hochalpinen Gletscherregionen zieht sich die Abfahrt immer wieder über kleine Kuppen zwischen scharfen Felsen hindurch und ­schließlich in eine enge Waldabfahrt hinein – rund 2.000 Höhenmeter Freeride-Traum. Am Ende des Runs ist das Taxi die einzige Chance, aus dem ruhigen Tal ins umtriebige Riesen­skigebiet zurückzukommen.

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Schwere Aufstiege ­werden mit spektakulären ­Powder-Rides belohnt.
© Alex Kijak

Hollands Hochburg

Das Publikum in Sölden ist inter-natio­nal. Eine typische Altersklasse lässt sich jedoch kaum ausmachen. Von der Partytruppe mit Eishockeyshirts über der Jacke und bunten Hörnchen auf dem Helm bis hin zu den Best-Agern in engen Jethosen ist alles vertreten. Dabei dominieren jedoch immer die Holländer. „Von 120 Kindern in der Skischule kommen derzeit 100 aus Holland“, berichtet Mike. Seit der Krise in der Ukraine sind auch die ehemals zahlreichen russischen Gäste spürbar weniger geworden. „Dafür sind jetzt mehr Schweizer da“, sagt Mike. Der starke Franken macht es selbst für die Eidgenossen offenbar zu teuer, in der Schweiz Ski zu fahren.

Krasse Rinne

Waren unsere ersten Tage in Sölden noch echte Downdays – viel Schnee, wenig Sicht –, reißt der Himmel schließlich auf. Hektik à la Arlberg oder Kampf um Firstlines kommen Mike trotzdem nicht in den Sinn. „Da, wo ich heute fahren will, folgt uns keiner hin“, sagt er und lacht. Wenige Höhenmeter unterhalb des Gaislachkogels schnallt er seine Ski auf den Rücken und steigt einen schmalen Grat hinauf. Dem Aufstieg folgt eine schier endlose Querfahrt mit Blick auf das Rettenbachtal – immer wieder von unangenehm engen und steindurchsetzten Passagen unterbrochen. Der Lohn für das Gegurke ist eine Rinne, die Mike stolz als „meine“ bezeichnet. Nochmals deutlich schmaler, steiler und tiefer mit Powder gefüllt als die Krumme Rinne, zieht sich die Schlucht ins Tal.

Als krönenden Abschluss verspricht Mike an diesem Tag mit Sonnenschein und Neuschnee mitten in der Hauptsaison nochmals Firsttracks – und zwar am Nachmittag. „Diesmal ohne Aufstieg“, feixt er. Mit dem Lift geht es zum Schwarzkogel auf 3.018 Meter hinauf. Gleich am Ausstieg führt der Weg ins Pollestal. Endlose, breite Hänge ohne eine einzige Spur. Auf jede Abfahrt folgt jedoch eine nicht enden wollende Schiebepartie durch einen Talboden, bevor es wieder im Pulverrausch bergab geht. „Diese Abfahrt ist nix für Boarder“, sagt Mike und schiebt mit den Stöcken an.

Nur wenige Hundert Meter Luft­linie vom lauten Treiben an den Schirmbars entfernt, finden sich unzählige unberührte Hänge, die in völliger Ruhe auf „Geheimagenten“ auf breiten Brettern warten. Wie unberührt der Weg durch das Pollestal tatsächlich ist, zeigt sich gegen Ende der Abfahrt. Im Wald, ein paar Höhenmeter über dem Örtchen Huben, liegt eine Gams – oder vielmehr die Überreste. Unser Fazit: Um Einblick in diese ganz andere, ruhige Seite von Sölden zu bekommen, braucht es zwar keinen Agenten mit Doppelnull-Status. Aber ortskundige Guides wie Sigi oder Mike sind schon eine ­große Hilfe, um die „Geheimakte ­Sölden“ zu ­öffnen.

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Dieser Artikel ist aus der Ausgabe: SkiMAGAZIN Nr. 01 / 2016

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